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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 175
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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21ster Jenner. Agnesblatt

Erzählungsspiel

Als die flachsenfingische Fürstin in andern Umständen war als das Land, nämlich in gesegneten, und letzteres ihre glückliche Niederkunft schon in alle Kirchengebete einschloß: hielt es der Hof für politisch – da man nicht wissen konnte, ob etwas daraus würde –, bei einem gewissen andern Hof (ich kann ihn jetzt nennen, der scheerauische wars) über einen Gemahl und eine Gemahlin für das ungeborne Fürstenkind (denn das Geschlecht mußte man erst erwarten) vorläufig zu traktieren, bloß um mit diesem politischen Weltkörper mehr in Konjunktion oder doch Gedritterschein als in Opposition zu stehen. Sie wissen alle, wie sehr es hier flachsenfingischerseits haperte und zugleich wieder pressierte. Ich (glaubte man ohne Grund) sei der schlaue Gast, ders durchtreibe; zumal da ich oft im Scherze geäußert, die venia aetatis könne einen Prinzen ebensogut mit 18 Jahren als 1 Jahre beschenken und mithin einen ungebornen wenigstens mit der Pubertät; ja da ein König nicht sterbe (rex non moritur), so brauch' er auch nicht erst geboren zu werden, sondern sei schon vorher da; die nach den englischen Reichsgesetzen mitgegebene angeborne Mündigkeit rechn' ich in der Eile nicht einmal.

Was war nun jetzt wohl die Hauptsache, lieber Herr Stück-Junker?

»Das Maul zu halten« (versetzt' er). Recht gut; aber da es doch beiden Ländern schwer zu bergen stand, daß ich anspannen ließ, so mußte ein Vorwand meiner Entfernung gefunden werden. Ich fand ihn selber; jedermann weiß, daß man leichter 47000 Tlr.So viel war nach Gorani schon 1790 dazu niedergelegt; 100 000 Tlr. aber werden gefordert. zur Apotheose des Bettler Labre zusammenbringt als so viele Groschen zu der eines deutschen Autors, z. B. eines Lessings – man hat mehr öffentliche Ehre (auf Denkmälern) davon, wenn man ein englischer Hahn oder Renngaul ist und siegt, als wenn man ein Autor ist und es tut. Will aber doch der Schriftsteller der Nation ein Mausoleum, eine Statue oder so etwas abpressen: so lauf' er bei Lebzeiten darnach aus und reise selber in Deutschland herum und trage sich gleichsam im Bettelsacke die Steine zu seinem Mausoleum zusammen. »Ins Gesicht« (dacht' ich) »können sie dir die paar Pfund Sandstein, die jeder zu deiner Statue zuzuschießen hat, nicht verweigern.« –

Und so fuhr ich als eigner und fürstlicher Geschäftsträger zugleich zum Flachsenfinger Fuchstore hinaus. Aber denken Sie, Herr Legationssekretär, das erste, was ich einholte und sah, war –

»Rastadt«, sagte der Dieb.

Aber mehr nicht als eine Viertelselle; der Rest der Stadt war von Hütten überbauet und von Baumschlägen, Zauberflöten-Vieh, Donner- und Regen-Maschinen, und was reisende Schauspiele, so auf ihrem Wagen bei sich haben. Die Truppe, deren fahrender Habe ich nachkam und deren Regisseur eben unser hier sitzender Herr Kob war, wollte zum Friedensfest ein Stück, dessen Schauplatz in Rastadt lag, exekutieren und hatte schon diese Stadt, wovon die Viertelselle über die Wagenleiter herüberfiel, aufgeladen vom Dekorationsmaler. Ihr fahrt zu langsam, aber nur mir, dacht' ich; Karl der Große siegelte mit dem Degenknopf; aber damit drückt man nur das Gegensiegel des Friedens, und erst mit der Degenspitze das Hauptsiegel auf.

Mehrere Freude machte mirs, als mein Kutscher im Walde angehalten wurde, Mademoiselle (die Jüdin), von –

»einem Juden.«

Und der gab – Mademoiselle (die erste Hore)?

– »Ihnen sehr viel Safran.« (Wie platt!) Aber warum? Der Jude war ungleich den Deutschen außerordentlich belesen gerade in den dicken Werken von Geschmack, also in meinen, wenig in dünnen – und das bloß, weil er bei dem Bücherverleiher für seinen Groschen lieber 36 Bogen als 13, lieber ein vollpfündiges als ein vollötiges Buch ausklaubte. Darum vertrauet' er mir als einem Bekannten sein schlafmachendes Gewürz; er wollte gewiß nicht anspielen, sondern er konnte nur meinem Nachtquartier, zu dessen morgendlichen Kirmes das Gewürz verschrieben war, es nicht abliefern, ehe man die Schabbes-Leuchter aufsetzte. Ich steckte gern dieses Färbekraut des ländlichen Gebäcks in die Seitentasche des Wagens. Ich lehnte aber den Kopf an die Tasche – vergaß mich und den Safran – und an diesem Küchen-Opium entschlief ich.

Wie erschrak- ich bei dem Aufwachen, Herr Magister, über –

»über eine totale Sonnenfinsternis!« (Der Leipziger hatte im ganzen mehr von einem Hasen als Pedanten und spielte doch durch jenen diesen, wie etwan die Vogelsteller einen Hasenbalg recht artig zu einem Eulenkopf formieren und damit vieles fangen.)

Ja, anfangs! – Nun hören Sie! Die Nachtigallen warfen ihre Singstücke gaukelnd in die Luft, wie bei großen Sonnenfinsternissen geschieht – die Blumen des Tages hatten sich zugeriegelt, die der Nacht auf – es tauete kalt – in meinem Nachtquartier waren Schabbes-Lichter angesteckt – als auf einmal der Mond herausschien und ich gar merkte, daß wohl ich und der Herr Magister, aber nicht die Sonne verfinstert gewesen, wenigstens diese nicht von dem Monde, sondern von der Erde. Kurz es war bloß Nacht, Herr Magister. – Da rief ich auf einmal – was, Herr Ritter?

»Halt, Rasmus!« (womit er zeigen wollte, er habe Lehr- und Stationsgeld in Dänemark gegeben, wo man statt Schwager Rasmus sagt.)

»Rasmus, halt, und fahre fort, ich stapfe nach«, sagt' ich; aber was für eine Geborne war daran schuld, Natalie?

»Eine Geborne von – – ach eine Blindgeborne«, besann sie sich hastig.

Jawohl! Die blinde Agnes saß am lichten Bach. Lieber Gott, ich vergesse den Abend nicht. Der Bach schimmerte weit in ein gebognes Tal hinein, die Sterne und die Nebenmonde wimmelten in den perlenden Wellen zu den Füßen der Blinden, und an beiden Ufern liefen die Gebüsche als bekränzte Wirtschaftsgebäude der Nachtigallen hin. Als ich nähertrat, – – Hermine? –

»so hörtest du, daß ihr eine Freundin im Mondschein aus Thomsons Jahrszeiten vorlas« –

Und recht niedlich las sie, aber etwas leise. An meiner Stimme, der Physiognomie für Blinde, erkannte mich die Verhüllte leicht wieder und stellte mich ihrer Freundin vor, die sogleich ihren langen Schleier herüberzog. Ich hatte letztere schon einmal gesehen, Sie müssen wissen, wo, Herr Hospitalprediger?

»In einem Kloster« –

- das der Kaiser später aufhob. Die Vorsprache eines infulierten Abtes, dem ich einen Pater zugewiesen, der die Messe unter allen jetzt lebenden Patribus am schnellsten lesen konnteDie höhere katholische Geistlichkeit schätzet hierin das Prestissimo, die Behendigkeit, die zu allenVerwandlungen gehört, von den theatralischen an bis zu dem Hokuspokus und zum hoc est corpus meum, wovon jenes Wort soll abgeleitet sein., bahnte mir den Weg ins Refektorium, wo mir unter Nonnen, die sämtlich zu fett waren, nur die gefiel, die beides noch nicht war, weil sie erst Novize war, eben die Freundin der Blinden. Ich werde es nie vergessen, daß das zarte blasse stille Gesicht allein einen hölzernen Teller voll Linsen vor sich hatte, um mortifiziert zu werden; und habe seitdem keine angerührt, so wenig wie vorher.

So sonderbar sind wir Männer: ich wollte eher zwei Tage lang eine schöne Gestalt an fruchtloser Liebe für meine eigne freudig leiden, ächzen und aus roten Augen weinen sehen, als das aushalten, daß sie meinetwegen einen elenden Aschenkuchen, oder ein Demutskleid, einen Marterkittel, oder einen sauern Gang von drei Meilen zu verwinden hätte.

Erzähle du den Rest, Hermine, du hast ihn von mir! –

»Du hast mir nichts weiter erzählt, als daß die gute Agnes noch heiterer war als die Nonne und gern auf ihr Unglück kam, das du nicht erwähnen mochtest.« – Denn die Weiber, Liebe, reden, und wir Männer schweigen gern über Leiden; wir blättern im Romane unsers Lebens immer nur zuerst nach den Kupferstichen der Freude und nach dem letzten Kapitel; aber fahre fort!

»Die Gute hing einen schwarzen Flor bloß über die toten Augen, aus Schonung für andere. Sie sah dich immer an, wenn du sprachst, aber sie suchte nur die Stimme. Du fragtest sie, was für sie der britische Gewändermaler der Natur – dein eigner Ausdruck – oder überhaupt ein schöner Abend sei. Sie sagte, sie genieße einen heitern Tag so gut wie eine andere, die Lüfte wehen reiner und frischer, die Vögel rufen heller, und der Bach und die Blätter rauschen besser darein – und wenn das alles in ihre lauschende Seele komme, so erfreue sich ihr Innerstes, ohne zu wissen worüber.«

Wer mußte nicht dann wie ich von einem zufriedenen Gemüte, das schon durch nächtliche Tage selig wird, recht reuig und schamrot über das Gemurmel fortgehen, womit man so oft ein paar bewölkte hinbringt! Ich rede physisch und moralisch. – Aber die Blindheit – obwohl ein Polar-Winter ohne Tag – gleicht auch darin der Nacht, daß sie besänftigt und stillt; der Blinde ist ein von der Mutter Natur zur tiefern Ruhe finster eingebauetes Kind. Wie ein Mensch in der Montgolfiere hoch über den Wolken, höret der einsiedlerische Blinde nur Stimmen herauf, aber die verwirrende bunte Gegenwart, die niedrigen, die verhaßten und die hassenden Gestalten und die voll Narben und Wunden stehen drunten unter seinem dichten Gewölk. –


22ster Jenner. Vinzent-Blatt

Erzählungsspiel

Es ist ein bloßer Zufall, aber er freuet mich doch, als wär' er prophetisch, daß das vorige Blatt gerade von der Agnes den Namen trug, die vor meiner Seele hinter dem Klostergitter ihres Auges so fromm und jungfräulich stand; und ich merkt' es erst spät.

Ich stand jetzt mit meinen Fragen vor dem Schauspieler Kob und mit meiner Erzählung vor dem Nachtquartier Zehnacker. Nun war er wirklich an jenem Abend mit seinem Rastadt auf dem Wagen nachgekommen. Da er harthörig war – weswegen er meistens nur mit schreienden Tyrannen oder als siebenter Liebhaber nur mit Soubretten zusammenspielte, die nicht viel Worte machten, sondern wenig Umstände –; und da ihm vom ganzen Spiele nicht viel zu Ohren gekommen war; so dämpft' ich bei der folgenden Frage, um das Spiel nicht aufzuhalten, die Stimme und verstärkte sie nur bei dem letzten Worte recht.

Und wie, sagt' ich, erging es mir abends in Zehnacker?

»Zehnacker?« – (sagt' er nickend) »Daran werd' ich wohl denken, solang' ich Kob heiße. Totgeschlagen wurd' ich da bei meiner Seele bei einem Haare!« – Und hier fing er an, uns gegen alle Spiel-ars poetica zu berichten, wie er im Mondschein an den Eckbäumen des nahen Wäldchens in romantischen Rücksichten hin- und hergehen wollen – wie er ein Pfeifchen aufgehoben – wie er aus Gewohnheit (weil sowohl er als das Parterre immer damit der Truppe Zeichen gaben) mehrmals darein geblasen – und wie darauf (es war ein Spitzbubenpfeifchen) immer mehrere lange, verwilderte, grimmig umherstarrende Gestalten aus dem innern Walde hergezogen (weil sie ihn zu einer andern Bande rechneten als zu seiner) und wie er kühn, denn sie konnten nachschießen, davongelaufen wäre. – –

Ich kehrte mich schnell an den Finanzregistrator und fragte: was fand ich in der Küche?

»Einen Esel« –

den man zerspaltete, um unser Souper schneller gar zu kochen; er war von gut getrocknetem Holze und aus Scheerau hergeholt, wo ihn das Militär als Sündenbock und Voltigierpferd beschreiten mußte, um zu leiden. Es munterte mich wenig auf, daß Scheerau mir als Gesandten vom fünften Range diesen Esel gleichsam als Relais unterlegte.

Ich wollte mich – da die Diebsherberge alle politische Zeitungen wegen der Steckbriefe mithielt, wie Buchhändler die gelehrten – wieder durch die scheerauische heben, als ich darin unter den verlornen Sachen fand – was, Madame Kob? –

– »ein Herz.« –

Es gehörte der dritten Hofdame ujd war vln dem rainsten ungefärbtesten – Demant; dem redlichen Finder war ein Rekompens versprochen.

Ich kannte die Eignerin schon seit der Ostermesse und stand in Auerbachs Hofe darbei, als sie das Herz erhandelte. Sie hat nun ihre Jahre, und ihr ist wohl nicht mehr erinnerlich, wie oft sie in ihren mittlern Jahrhunderten das fleischerne verloren, das gerade nur die unredlichen Finder wiederbrachten; bloß ihrer noch viel frühern Unschuld entsinnt sie sich klar und pocht darauf; wie denn allen ältlichen Personen gerade die nächsten Ereignisse entfallen und nur die frühern kindischen bleiben.

Wäre das Herz der guten Dame, dacht' ich, an solche Ketten wie die Bierkrüge und der Stiefelknecht des Wirtshauses gelegt gewesen: sie trüg' es noch. Und da begegnete mir zu meiner Verwunderung mit – womit, Madame (zur Zerstreueten)? –

»mit ausgestreckten Armen, wer?«

Eine Aktrice, und doch agierte sie nicht! Nicht einmal mit mir. Sie ging in dieser Kreuzesausspannung im ganzen Hause umher, nicht weil eine Rolle, sondern weil zwei Beulen unter den Armen diese gehoben hielten.

Die ganze Nacht führte mich der Traum um mein Mausoleum, das den babylonischen Turm verbauete, herum, es stand schon fertig, aber wo – Herr Maler? –

»in Sina.« –

So heißet das schöne Lustschloß in Schweden, wo jede Fußtapete und Arabeske ein Abdruck von Sina ist, wie in Frankreich auf Schiefern der der indischen Pflanzen. Die Versetzung des Mausoleums und meiner Wenigkeit nach Schweden ist psychologisch bald erklärt; denn im Königreich Sina gibt es keine größere Schande, als wenn man nicht bei Lebzeiten seinen schön glasurten Sarg fertig stehen hat; ich suchte aber ein Epitaphium.

Noch vor Tages-Anbruch reist' ich ziemlich eilig, Mamsell (die zweite Hore) –

– »nach Baireuth und Anspach« –

Von da, Beste (die dritte) –

– »nach Brandenburg.« (Die Guten waren nicht eben in der Länderkunde fest, sondern hielten jene Städte oder Fürstentümer gleichsam für nahe Dienerhäuser, Vorwerke und Wirtschaftsgebäude von Brandenburg.) –

Nämlich von Schwedisch-Sina aus; aber als ich freilich aufwachte aus der Traum-Reise und noch auf der Diebsinsel rastete, fluchte ich über mein Verschlafen und über den Kutscher, und ich sagte in der ersten Hitze zu ihm – Herr Prast (der Hamburger Kaufmann) –

»Er Himpelhampel!« –

d. h. auf lateinisch, lieber Siebenkäs?

»Morrhua Gade tripterygie cirrate, cauda subaequali, radio primo anali spinoso!«Die naturhistorische Definition des Kabliau oder Stockfisches. –

Diese kurze, aber kräftige Anrede wirkte im Fuhrmann und Fuhrwerk dermaßen, daß ich, ohne zum zweiten Male zu sagen: morrhua Gade etc., schon nach fünf Tagen war – wo? Sie wissens, Herr v. Kökeritz; ich war – –

– »beim Teufel und seiner Großmutter.« –

So nennen einige das Scheerauische, wo ich anlangte, um Vermählung und Mausoleum zu negotiieren. – Aber, Teuere, nun sind Sie alle durchgefragt; und noch bin ich weder verewigt noch der Fürsten-Fötus vermählt. –

Die Spielgesellschaft bewilligte gern, daß ich, was dem diplomatischen Corps schon etwas Gewöhnliches ist, wieder von vornen anfing, nämlich umfragte.

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