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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 174
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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14ter Jenner. Felixblatt

Preisaufgabe; und Ankündigung

Die Pestitzer Akademie setzet auf die beste Beantwortung der Preisfrage: welches sind die nützlichsten Preisfragen, die die Akademie für das künftige Jahr aufzuwerfen hat? – die gewöhnliche Belohnung, nämlich das Akzessit zum Akzessit, falls man eine von den eignen Fragen beantwortet.

Ankündigung eines klassischen Werkes

Längst sagt' ich zu mir: »Das Publikum hat schon Werke mit Pränumeration unterstützt, die ihm kaum die ersten Bogen voll Namen lieferten; sollte nicht ein Werk willkommen und Bedürfnis sein, das ex professo für Pränumeranten geschrieben wäre und nichts enthielte als die Namen derselben, da doch ein Leser so gut wie ein Schreiber sich mit seinem Tauf- und Zunamen in den Druck und auf die Nachwelt sehnt?« – Ein solches Werk erbiet' ich mich nun zu liefern und schlage deshalb hiezu den Weg der Pränumeration ein. Die Stärke desselben hängt von der der Pränumeranten ab; und es kann immer fortgesetzt werden. Der Titel heißet: vollständiges Verzeichnis der Pränumeranten auf das vollständige Verzeichnis derselben. Klassisch dürft' ichs nennen, weil nicht bloß Stil, Orthographie und alles darin richtig wäre, sondern auch weil es wohl jeder läse; wenigstens führt man lieber die Bücher, die jeder durchläuft, unter den klassischen auf als solche, die das Genie eingibt oft nur für eines; so wie nach Semler kanonische Bücher nicht inspirierte Bücher bedeuten, sondern solche, die man in der ersten Kirche öffentlich vorlas.

S-s.


15ter Jenner. Maurusblatt

Ankündigung von neuen Städten, so zu verkaufen sind

Ein recht guter bürgerlicher Baukünstler namens Lausus verschimmelt jetzt völlig in Nürnberg; – das gewöhnliche deutsche Schicksal deutscher Mechaniker. Der Mann hatte ein Jahr lang an Potemkin die Lieferungen von den hölzernen Mobiliar-Häusern, die man in Moskau auf dem Markte verkauft, und hospitierte lange in London bei einem Zimmermeister von Hospitälern, die man wie Reiseklaviere zusammenlegt und nach Amerika verfährt. Seit 17 Jahren hauset er nun in Nürnberg und verfertigt ganze Städte, lebt aber unbekannter da als mancher Drechsler kleiner Spiel-Städte für Kinder. Er schlägt sie aus Holz zusammen, das er mit einer bekannten Stein-Kruste angeworfen; und kann sie so eng aufschlichten wie gedachte Hospitäler. Noch aber hat der Figurist wenige Städte abgesetzt – ein paar Residenzstädte ausgenommen, die sich einige fränkische Edelleute nach dem Zerschlagen ihrer Güter anschafften, um hineinzuziehen –; und es fehlt ihm in Nürnberg an Gefach und Remisen für sein breites Warenlager von Reichs- und andern Städten. Der gute Lausus kann dabei so gut verhungern wie der Possessor eines unverkäuflichen Diamants, so groß wie ein Straußenei. Jetzt will der nürnbergische Rat sogar seine Hütten-HütteWie man sagt Arsenik-, Farben- etc. Hütte., das Schiffswerft seiner Bauten, subhastieren unter dem Strohwisch und seine Ortschaften versteigern.

Aber so weit soll es, hoff' ich, mit einem Lausus nicht kommen, solang' es noch einen Fürsten gibt, der Städte brauchen und bezahlen kann. Nur ist den wenigsten noch sein Sortiment bekannt. Fertig hat er unter andern – ich will nur mit einigen den Appetit reizen – in seiner Städte-Fabrik: 2 Fabrikstädte – eine Hansestadt – 15 Reichsstädte mit und ohne Judengassen und Fuggereien – eine Residenzstadt, die er auch ohne die Festung absteht – und ein kleines Legstädtchen. An einer lateinischen Stadt, die Maupertuis angeraten, hobelt er gegenwärtig. Er hat hübsche Ansatz-Städte (wie Flöten-Ansätze); diese kann ein Fürst an ein Dorf, dem er den Wappen- und Adelsbrief einer Stadt verliehen, stoßen, so daß das landtagsfähige Dorf der Vorsprung und die Vorstadt wird. – Für mineralische Quellen, die man erst entdeckt, will der Artist Badeörter liefern.

An Zahlungs Statt nimmt Lausus alte Städte an, da man sie zu Ruinen und gotischen Gebäuden in den englischen Gärten immer noch sucht.

Ich rede Laususen nicht unbedingt das Wort; aber nur eines zu seiner Zeit: wenn uns der gallische Friede so viel Städte kostete als der gallische Krieg: wäre da nicht ein Mechanikus unser Mann, bei dem ein Neu-Mainz, ein Neu-Köln, Neu-Straßburg zu haben wäre? – Das Reich überlege das! –

S-s.


16ter Jenner. Marzellusblatt

Xenie auf Männer und Weiber

Wir verehren das weibliche Geschlecht und tyrannisieren einzelne; so hat das gesamte gallische Volk das Majestätsrecht, die einzelnen sind Untertanen und weiße Neger. – Aber die geheime Ursache ist: die Weiber lassen sich wie die letzten römischen Kaiser zu Göttern machen und glauben selber keine; es sind vergötterte Atheistinnen!

S-s.


17ter Jenner. Antonsblatt

Xenie auf die Weiber allein

Ihre dichterischen und artistischen Strahlen behalten sie meistens so lange wie das Johanniswürmchen seine kleinen; es zieht sie ein, wenn es Eier legt. Die Wasserpflanze senkt sich wieder zu Boden, wenn sie Früchte angesetzt.

S-s.


18ter Jenner. Priskasblatt

Xenie auf die Männer allein

In Italien bietet man etwas Schönes dem an, ders gelobt; diesen Gebrauch setzen die Männer bei den Weibern voraus. Bei der Übergabe wird juristisch verfahren; lasse dich (den Teufel, sagt das Sprichwort, aber ich sage) den Mann bei einem Haare fassen, so bist du sein auf ewig. Denn wie gesagt, die Übergabe ist traditio symbolica: eine gegebene Kleinigkeit bedeutet den Rest, mit dem ausgeschnittnen Span erhält man das Haus – festucatio wirds genannt –; mit einer Scholle das Grundstück – scotatio heißen wirs –; ja ein bloßes Winken und Zeigen ist traditio longae manus.

S-s.


19ter Jenner. Blandinensblatt

Xenie gegen die Menschen

Sie machen es mit der Tugend wie die Briten mit dem Gelde: kleine Ausgaben tun beide in der Tat mit beiden ab, große aber in Papier, das sie repräsentiert. – Unsern schreib- und druckpapiernen Adel der Seele in Romanen, Schauspielen und Moralen fechte niemand an, wenn er nicht verraten will, daß er ihn mit dem angebornen Erb-Adel des Innern verwechsele!

S-s.


20ster Jenner. Fabian-Sebastians-Blatt

Erzählungsspiel

Der Abend, wovon ich sprechen will, war vielleicht einer unserer vergnügtesten in Nürnberg. Die Gesellschaft war so bunt gemischt wie Herbst-Laub und ebenso rauschend. Wir schnappten wie Schwalben unsere Abendkost nur im Durcheinanderkreuzen weg; wir verachteten Sessel und Karten. Dreizehn Kinder tobten im Nebenzimmer so arg als die Eltern. Nun wurde vollends das Baptisterium auf den Tisch gestellt, das mit Feuer tauft, die Punsch-Zisterne. Da mußte durchaus von Inspirierten mit feurigen Zungen etwas unternommen werden; wenigstens weiß ich keinen größern Jammer, als so von Flammen in allen Nerven durchkrochen und mit einem Ideen-Eierstock, der ausgeschlüpft im Gehirne wimmelt, stangensteif aufzusitzen, an den Feuerpfahl einer Hoftafel geschnürt, und wie eine verpuppte Raupe nichts regen zu können als unter dem Tisch die untere Hälfte. Und doch halt' ichs fast für noch schlimmer, zu Bette zu gehen und den Kopf mit dieser Sonnenwende im Krebs ins Kopfküssen zu graben.

Ich schlug daher der Pfingstversammlung ein beliebtes Spiel vor, das Erzählungsspiel. Es ist bekannt, daß darin einer eine Geschichte zu erzählen anfängt (die Zuhörer umkreisen ihn sitzend) und daß er sie immer abbricht, um sich von einem nach dem andern einen fremden ungefügigen viereckigen Stein geben zu lassen, den er in die Erzählung mit vermauern muß und der sie oft ganz quer hinausbauet. Das Spiel will traktiert sein.

Man tat Schreibern dieses die Ehre an, ihn einmütig zum Nouvellisten zu erlesen. »Sehr wohl« (sagt' ich) –»ich war schon öfters und vor einem schlimmern Publikum mein eigner Cäsar, Sallust, Rapin, Gibbon, Voltaire, Bossuet, Meusel, Schirach und Schmidt.« – Ich steckte mir innerlich ein geräumiges Feld zur Historie ab und präparierte einige Kunstgriffe, um damit den fremden, die mich aus der Historie herauslenken sollten, es zu bieten.

Die Zuhörer waren außer mir und meiner Frau Siebenkäs und die seinige – Herr v. Kökeritz – der Hospitalprediger Stiefel – eine berlinische Jüdin, deren feines, geistiges, brennendes, sentimentalisches Herz wie Vitriolnaphtha, wenn es weit herabfallen mußte im Freien, völlig verflog, so daß man nichts hatte als das Glas und den Löffel – ein Hamburger Kaufmann, der wenig sprach, aber viel aß und spekulierte – ein verdrüßlicher pockengrübiger Finanzregistrator – ein Maler aus Dresden – eine redselige Schauspielerin, die ihm unlängst gesessen – ihr harthöriger Mann, der siebente Liebhaber – ein Stückjunker von Bildung – drei hübsche, kurze, aber etwas platte Mädchen, die unter dem Namen der drei Horen mitlaufen können – eine zerstreute Dame – ein dünn- und weißhaariges, blauäugiges, vom Schneider blaugesottenes Ordensritterchen, das unendlich an Langweile ausstand und das sich diesen Abend durch die drei Horen und die Frau des siebenten Liebhabers und die zerstreute Dame durchgeliebt hatte und nun bei der Jüdin hielt – ein Leipziger dünner Magister, der nie einen Hut aufgehabt – ein Rastädter Chiffreur – und die Kinder.

Nachdem ich den Konvent gebeten, sich mehr in ein Rektangulum als in einem Zirkel zu setzen, so wirkte ich mir die Erlaubnis aus, am Rektangulum auf- und abzugehen, weil ich sonst, wenn ich nach dem Kostüme des Spiels bei einem Zuhörer feststehen müßte, auf nichts verfallen könnte und ganz konfus würde. Ich hob denn endlich an.

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