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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 173
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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12ter Jenner oder Reinholdsblatt

Beschluß der Bibliographie

Bibliotheken von Wert glänzen gern durch Autographa oder eigne Handschriften großer Männer, z. B. von Luther, Leibniz etc. – ich wollte, die eignen Handschriften würden schon so gesucht, wenn man noch am Leben wäre –; der Schultheiß Ischariot Gogel setzet den Wert seiner Bibliothek in einer äußerst schätzbaren Kollektion von eignen Handschriften (autographis) berühmter nicht sowohl als bekannter Edelleute und Bauern, allgemein unter dem Namen Konsense und Schuldverschreibungen gesucht. Große Sprachkenner wie Michaelis, Ernesti u. s. w. ziehen die Gogelschen Autographa vielen andern vor.

Man kann einen solchen Faszikel die Bibliothek der Reichen, wie den Plinius die der Armen, nennen. Es haben mir Amtleute eidlich versichert, der Schultheiß hab' oft 1000 Tlr. und mehr für eine einzige Handschrift eines in seinen Augen großen Mannes hingezahlet, ja mit einem ganzen Viertelshofe hab' er einem Hintersassen einen Bogen abgehandelt; mir wirds ganz glaublich, wenn ich mich dabei an den ähnlichen Antonin Pikatel erinnere, der Anno 1455 seinen Meierhof subhastierte, um einen Livius zu kaufen. Der Kollekteur der Handschriften lässet sie, so wie herkulaneische Inschriften, von niemand abschreiben, ja er hält diese Urkunden ordentlich für heilig, wie nach Eichhorn alle alte Völker die ihrigen.

Schon mehrere Bibliographen haben öffentlich darüber geweint, daß niemand ihnen die alten Bücher geben will, die sie haben wollen. Auch ich muß hier zur Schande Gogel und seiner Familie laut sagen, daß, als ich bloß höflicher- und bibliographischerweise bei ihm um einige Autographa anhielt, um sie bei meinem AldorisiusAldorisii Idengraphia oder die Kunst, aus Handschriften den Menschen zu erraten. zu nutzen, und als ich ihm beteuerte, ich würde sie der halben gelehrten Welt mitteilen und alles auf sie aufmerksam machen, was nur eine diplomatische Ader hätte –: so machte der Dorfscheik und seine Familie Miene, mich aus dem Hause zu werfen und mit denselben Fingernägeln, worauf oft Hogarth Gesichter zeichnete, umgekehrt mir eines anzuzeichnen. Was sagen die Gelehrten dazu? –

Beiläufig! Da einmal alle Bibliothekare so unbändig auf eigne Handschriften ersessen sind: so trag' ich hier in meinem und im Namen von 9 der größten deutschen Köpfe unsere Handschriften den Kammerbeuteln bogenweise an für halbes Geld, und wir wollen sie nicht einmal wieder haben, wie doch viele tun.

Die Hälfte der Feuerschau schien mit dem reichen Gogel unter einer Decke zu stecken, denn ich bemerkte, daß Halß – sein Haus-Advokat – das Ofentürchen schnell zumachte und etwas ignorieren wollte; aber die andere Hälfte, nämlich ich, zog es sogleich wieder auf und griff hinein und brachte glücklicherweise vier bis fünf kohlenschwarz getrocknete Scheite zum Vorschein. Halß mußte den Frevel niederschreiben.

Auf dem Rückwege stieß mir mein Patchen auf, das den halben Schwanz eines papiernen Drachen flugfertig machte, der aus der »Auswahl aus des Teufels Papieren« zusammengeleimt war.... Hier steht die Gelehrtenrepublik auf dem Spiel; lasset mich ein goldnes Wort sagen. Wie, ihr Ortsobrigkeiten, Landesgubernien und Polizeileutnants, hat der Rat in Spießens Münzbelustigungen – der aber schon in Morhofs Polyhistorie steht – bei euch so wenig verfangen, oder vielmehr habt ihrs gar in beiden – noch nicht gelesen, daß ihr jeden Höker und Pfennig-Mauschel zwingen sollt, euch vorher jedes Schnitzchen Makulatur auf die Stube zu tragen, eh' ers zusammenpappet und ausgibt? Könntet ihr nicht eine öffentliche Makulatur-Bibliothek anlegen? Könnten nicht alle deutsche Werke, die gerade so untergehen wie die alten römischen, von einem Poggius aus der Krambude errettet werden, wie Quintilian, oder aus dem Keller, wie Livius? Zu Fensterscheiben werden oft Autoren eingesetzt und eingeölet, die ein viel höheres Licht geben könnten, und die Bücher, worein der Buchbinder einbindet, sind oft besser als die eingebundenen. – Mußte mir nicht im vorigen August mein Schneider ein Paar Hosen machen und maß er mich nicht mit einigen ins Lange geschnittenen Blättern aus dem Schlegelschen Athenäum und verkehrte diese Stirnmesser zu Hüftenmessern (Steinschen Cliseometris)? – Dann bleibt freilich der Nachwelt nichts. – Eine ähnliche Kälte herrschet in unserem Zeitalter gegen die neu- oder altgotischen Charaktere auf der Wäsche und auf Kartoffelsäcken in und außer Hukelum, und kein Sprachforscher sticht dergleichen in Kupfer, was man doch mit ägyptischen auf Mumien-Wickelbändern täglich tut; und noch keine namhafte Komitee forschte in einem Zwirnknäuel den erheblichen Manuskripten nach, zu welchen die Ariadnes-Faden von jenem etwan führen konnten; und Fixlein wickelte gewiß nicht selten die Beichtgroschen und Erntepredigt-Gefälle aus bedruckten Papierchen heraus, die mehr Geld wert waren, als darinsteckte.

Am meisten bejammer' ich, daß man gerade die gelehrten Zeitungen, wovon sowohl der Name der Autoren als der Magen der Zeitungsschreiber lebt, mehr verbraucht als gebraucht; denn wir Autores holen uns daraus unsere Unvergänglichkeit, und mit einer gelehrten Zeitung zerdrückt man einen ganzen zappelnden Wurmstock von Autoren, und wir sind ausgemerzt. Sollte man nicht schon deswegen Bibliotheken aus bloßen Journalen aufrichten, damit es zur Nachwelt käme, wer von uns Skribenten sich unsterblich und zu ihr geschrieben, und wer gar nicht? –

Der Bibliograph und der Protokollist traten nun zum alten Erdmann Lerch ins Haus. Ich wollte mirs anfangs erklären, warum die Stube glatt und reinlich wie ein neu geplättetes Hemd geleget aussah, da es doch Sonnabend war, – hätte nicht das Stangengerüste des Ofens voll weißer Wäsche gehangen zum Zeichen, daß man morgen weiß und zum Abendmahl gehe. Der ruhige heitere Mann saß und stemmte vor seiner Handbibliothek auf dem Tisch die Arme auf. Es war ein guter alter lutherischer Kodex, eine deutsche kanonische Anthologie (das Gesangbuch, das Ehepfand von seiner Frau) und Arndts reines Christentum; aus dieser Handbibliothek preßte der Alte mehr Saft und Kraft zum Leiden und Tun als unsere Städter aus ihren Prunk-Büchereien und Lesebibliotheken. Der alte Vater mußte manche Stellen im Kodex und der Anthologie wohl so oft gelesen haben als Madame Dacier die Wolken des Aristophanes, nämlich 200mal – obwohl bloß, um seine eignen wegzujagen –, weil ich an einige zerrupfte Blätter weißes Papier angekleistert fand, worauf ein Enkel die Drucklettern der weggescheuerten Ecke mit Dinte sehr fein nachliniert hatte. Aber der Mann hatte Zeit dazu, weil er nach der Übergabe des Hauses an den Sohn nun in der ganzen Konfraternität von Enkeln nichts weiter zu machen hatte als Kienholz zu Winterlichtern und Strohbänder für die Ernte; und zuweilen mußt' er die Konfraternität nach Erfordernis ein wenig ausklopfen.

Er erschrak nicht über die Ankunft der Feuerschau. »Gebranntes Kind fürchtet Feuer« (sagt' er) – »wir sind schon einmal unglücklich gewesen – mein Sohn wird alles ordentlich haben, ihr Herren – aber wenn Gott es nicht will, so hilft alles nichts« und sah nach dem angepichten Feuersegen an der Tür, zu dem ich gern noch einen Luft-, Erd- und Wassersegen genagelt hätte. Dieses Vertrauen auf Gott erquickt einen Mann wie mich ungemein, der gerade aus der erfrornen Stadt voll Weltleute und Weltweiser herkommt, wo in kein Kabinett eine Bibel mehr eindringt als höchstens ins Münzkabinett die biblia in nummis.

Das Gericht machte nichts ausfindig; das verdroß den Protokollisten. Er schlug vor, auf den Boden unter das Dach zu steigen und nach abgeschneuzten Kohlen des Kienholzes herumzusuchen. Lerch lächelte wie einer, der ein gutes Gewissen hat und ein böses errät. Auf der Treppe sah ich, daß Halß, der vor mir stieg, die Finger braun in die rechte Tasche steckte und rußig aus ihr zog. Ich blieb auf dem Boden immer hinter ihm – wir fanden nichts – er steckte die Hand wieder ein – an einer finstern Ecke schlich er mit ihr heraus und wollte eine Kohle hineinschnellen – aber ich fing sie hinten weg und ließ ihn eine Viertelstunde vergeblich nach dem Feuerfrevel suchen, bis ich endlich losbrach: »Vafer, cur vexas nostrum Lerchium? Excepi carbones tuos et stomachor plus quam maxime, Carbonarie diaboli!« – Er konnte nichts sagen, Latinität war seine Sache nicht. –

Wir blieben noch ein wenig und hörten dem Alten zu, der die Genüsse der jungen Jahre erhob, ohne über die Entbehrungen der alten zu schreien; »es ist einmal nicht anders«; dann machten wir der sympathetischen Landpartie ein Ende. Ich habe wieder gesehen, daß unter Strohdächern Leid und Freude besser getragen werden, wie eben diese im physischen Sinn im Winter wärmer sind und im Sommer kühler als steinerne.

Da es finster wurde und Reinholdstag zu Ende ging: beschloß das Gericht, das Protokoll abzubrechen, und verfügte sich im elendesten Wetter nach Hause.

Aber tags darauf übertrug ich meinem Gevatter Fixlein den Katalog des bibliothekarischen Studentengutes zur Vollendung; und ich vertröste die Gelehrten auf ihn. Als ich durch das Wasser ritt, ließ ich Halßens schadenfrohes Kerbholz und schwarzes Brett hineinreiten, ich weiß nicht, ob zufällig oder absichtlich. – Auf dem ganzen Rückwege reflektierte ich darüber, daß höhern Wesen meine ernsthafte Beschreibung der Hukelumer Privatbibliotheken vielleicht so klein und lächerlich vorkommen werde wie einem ernsthaften Manne die einer kindischen oder Wutzischen; ebenso werden solche Wesen, glaub' ich, zwischen der Ofenbank des alten Lerchs, die im Hause ihm zu Ehren die Großvatersbank heißet, und zwischen den Gassen, die nach Rousseau und Shakespeare genannt werden, wohl wenig distinguieren.

J-n P-l.


13ter Jenner. Hilariusblatt

Hafteldorns Idylle auf das vornehme Leben
(von Herrn Matthieu von Schleunes mitgeteilt)

Musikalische Kinder und poetische Bauern existieren, aber nicht oft; es sind ungewöhnliche Fantaisie-Blumen der Natur. Eine solche Blume ist der Wunder-Bauer Hafteldorn in St. Lüne. Bei einer dürftigen Lektüre – die nicht über die poetischen Prosaisten Moser, Geßner und Ebert hinausreicht – und einer noch dürftigern leiblichen Kost arbeitet er oft abends nach dem Ackern auf einem Blatte, das er aus dem durchschossenen Kalender reißet, prosaische Idyllen aus, die Ramler versifizieren könnte, wenn er noch da wäre. Ich habe fünfundvierzig davon gelesen. Ich teile eine – weder die beste noch niedrigste – daraus mit, um die Augen und Hände des Hofs auf ihn zu lenken, weil er nichts hat als Schulden seit der Viehseuche. Die Renner auf den Musenpferden werden, wie es scheint, wie die englischen auf Wettpferden hungrig erhalten und dadurch leicht gemacht und mithin schnell. Schon bei den Alten waren die geflügelten Götter nach Voß lauter dienende.

Die ausgesuchte Idylle betrifft eben den Hof selber. Hafteldorn konnte nämlich die schwere Pflugschar, die Stallung, den Dreschflegel und den braunen Ernte-Rücken nie für die Ingredienzien des Arkadiens nehmen, das die Dichter so preisen; und wenn eine bleiche weiche Hofdame dem haferhauenden oder aufladenden Hafteldorn aus ihrem Schloßfenster zusah, sich erquickte an der malerischen Arbeit und ländlichen – Ruhe und froh bemerkte, wie nahe der braune Landmann dadurch den schönen Gemälden großer Dichter und Landschaftsmaler komme: so wünschte der braune Landmann lieber ein weißer Kammerherr zu sein. Daher trifft er in seiner Idylle das Schäferleben und goldne Zeitalter nur im Stadt- und Hofleben an; ein Irrtum, der dem Gehalte des Kunstwerks selber wenig benimmt.

Damen von Hof, die ihn nun besuchen wollen, sag' ich doch voraus, daß der Sänger äußerlich (wie andere moralisch) etwas vom trojanischen Schwein auf den römischen Tafeln an sich habe, das zwar in sich ein Gericht nach dem andern verschloß und wovon das letzte eine gebratene – Nachtigall war, aber äußerlich, wie gesagt, ein Schwein blieb.

Matthieu v. S.

Schneide, o Muse, ins Haberrohr ein Loch und pfeife vom Stadtmann! – Dort wandern die Hofleute, zufriedene Arkadier, und sie lächeln. Keine Arbeit naht ihnen, kein Hunger und kein Krieg. Wenn in den Landmann mit dem Trunke, wie in den Judas mit dem Bissen, der Teufel fährt: so sitzen jene einträchtig an der langen Tafel und speisen nachgiebig; und die Degen, die sie führen, sind, wie der Hahn und die Pulverpfanne an der Windbüchse, nur blind. Keiner will über den andern ragen, sondern wie Pflastersteine nur gleich sein für den Fürsten, der darauftritt. – Gleichheit dieser ersten Menschen! Wie hilfreich treten sie jetzt zusammen und helfen einem gefallenen Fächer vom Boden auf! – Wie zanklos ertragen sie fremde Meinungen! Wie lieben sie den Menschen und haben das Bild desselben überall stehen, als Statue oder als Kniestück oder an der Brust als Brustbild!

Bloß ihr Gefolge, der Bedienten-Schweif, schon verwandter mit den aus dem Paradiese Vertriebenen, mag etwas grob sein, wie der Schwanz des Rettichs am schärfsten beißet und der Schwanz des Fisches die meisten Gräten zeigt.

Welche ewig lächelnde Ruhe! Unter dem seidnen Palmblatt des Sonnenschirms und neben dem schönbemalten Ofenschirm kennen sie keinen Wechsel der Jahrszeiten. Wie die ersten Eltern arbeiten diese ersten Kinder nie, und die breiten tiefen Arbeitskörbe sind weit entfernt von ihren Arbeitskörbchen. Keine Bedürfnisse, kein Hunger, kein Durst quälet sie, sondern immer genießend ruhen und sitzen sie wie die Wilden tagelang und nächtelang und wissen keine Zeit; wie die GoldammernDie Ortolanen werden immer mit Laternen umgeben, damit sie immer fressen. durchleben sie die erleuchtete Nacht und nehmen stets etwas zu sich. – Die Kanonen des Kriegs und die Stoßwinde des Lebens hören sie so wenig in der Lust als der Auerhahn einen Schuß, wenn er falzt.

Nicht in der rohen, windigen, staubigen, schneienden Natur verbringen diese Schäfer ihr dichtendes Leben, sondern in der schönen, die an den Tapeten blüht oder die aus dem schwarzen Spiegel guckt. Um sich zu entwöhnen von der rauhen wirklichen, schauen sie die sanfte auf den Schaugerichten und Gemälden an, wie Hühner, welche wahre Eier aussaugen, durch gipsene davon lassen. Eine kleine seidene Blume, ein wächserner oder gemalter Baum ersetzet ihnen alles, was draußen ist, wie dem eingesperrten Hänfling eine kurze Tanne. Und dann wenn ihnen wie Erdrosselten nach den bunten Farben des Tags die dunkle der Nacht vorkommt: so bleiben sie bis gegen Morgen auf, um entweder den Sternenhimmel zu genießen oder die aufgehende Sonne, und dann fallen sie ruhig in den Schlaf.

Kein Geld ist unter den schuld-losen Arkadiern; wie heilige Mönche tragen sie keines bei sich und spielen scherzend nur um gefärbtes Elfenbein.

Und an den Schäferinnen tun sich jeden Abend die roten und die weißen Nachtviolen der Scham und Unschuld auf, Lilien, auf die Brust gemalt, nicht auf den Rücken. Alsdann liebet das ganze Hirtenland, und an den Hirtinnen funkeln die Steine, und die Hirten folgen den hellen Steinen; wie die Insektenweibchen nächtlich schimmern, um die Männchen nachzulocken.

Nie fliehe diese Unschuld und Freude aus dem Hirtenlande der Hofmänner und Hofweiber, sondern sie wachse!

Hafteldorn allhier.

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