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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 172
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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10ter Jenner oder Paul-Einsiedels-Blatt

Fortsetzung der Bibliographie

Und wenn wir auch hinaufsteigen: so ists vielmehr eine neue Digression; denn ich soll den Lesern ja aus der ganzen Kirche nichts geben als die Bibliothek. Bibliothekarisches war aber auf dem Chore wenig, weil die kleinen, mit Bleistift aufs Orgel-Schnarrwerk gekratzten Inskriptionen nur dann von Bedeutung und herkulaneische Entdeckungen werden, wenn, wie nicht zu hoffen, Hukelum von einem Erdbeben untergescharret und von Antiquaren wieder ausgescharret würde. Halß sagte mir, er bediene den ältesten Tempel und Turm in ganz Flachsenfingen (noch vor der Reformation erbauet), und wies mich, außer dem ältern Choralbuch, das Lettern statt der Noten hatte, auf die Orgeltasten, denen, wie den Glocken unter dem Glockenhammer, tiefe Furchen eingehämmert waren, so wie erhabene Beete auf dem Pedale lagen, das so viele Jahre der Dekrotteur und Schuhputzer musikalischer Stiefel gewesen, die es flink gespielt. Auf dem Fußboden lagen gelbe Rosenblätter und Blumensträußer-Gerippe von mehr Faden und Holz wie Blumen; – mir war, als säh' ich den abgedorrten Sommer liegen, woran sie gewachsen waren – und die Vesper-Freuden, die der Sonntag unter die Dörfer austeilt – und manche jugendlich-aufatmende Brust, wovon sie (vielleicht mit höhern Blüten in ihr) falb abgeflattert waren – und ich hätte herzlich gern den Sommer und die dürren Freuden wieder mit ihren vertrockneten Saftröhren in frisches Wasser gesteckt zum neuen Blühen – und ich sah den langen Herrn Organisten an, der nichts von der Sache hatte als die Ärgernis, daß er bald den Besen nehmen und sich an dem welken »Dreck«halb krumm würde fegen müssen.

Als wir wieder herunterkamen und ich manchem steinernen schwer-gepanzerten Ritter so wie seiner sanftbetenden Edelfrau wie ein Tod auf die Brust trat: so sann ich über die alte weggetriebene katholische Zeit, deren Sprachgewölbe und Spielplatz dieser Boden gewesen war, tief, aber ganz munter nach. Eine katholische Kirche, die es noch ist, drückt mir mit dem nahen Bilde des düstern schweren Mittelalters zu schwer aufs Herz; ist sie es hingegen schon gewesen, so erfreuet mich das dunkle Bild, und ich schilder' es mir duldend vor, wie mancher heiß-atmende Busen hier frische Luft geholet, wie mancher lüftende Seufzer, wie manches bessernde Gebet hier aufgestiegen sei und wie die armen, im tiefen Schacht des Mönchtums gesenkten Menschen zwar nicht eine erfreuende Sonne unseres Lebens-Tages, aber doch wie andere Bergleute einige Sterne des zweiten gesehen. Das ist doch etwas; und ich wollte lieber in der dumpfen Schwadenluft des Aberglaubens stehen als in der bis zum Nichts von der Luftpumpe verdünnten Luft des Unglaubens, wo die lechzende Brust im Haschen eines nichtigen Atems an Zuckungen stirbt. – Überhaupt hat unser Jahrhundert mehr die Irrtümer als die moralischen Quellen der Irrtümer weggeschafft; unser grauer Star wurde nicht mit der Starzange operiert, die ihn aus dem Auge zieht, sondern nur mit der Lanzette, die ihn auf den Boden des Auges hinabdrückt: – bei der kleinsten heftigen Bewegung kann ihn ja der Teufel wieder oben haben.

Es war Zeit, endlich in das Bibliothekzimmer der Kirche mich zu begeben, zur Expektantenbank der Menschheit, zum untersten Schiffraum der segelnden Erde, in den Gottesacker nämlich. Diese öffentliche Bibliothek steht jeden Sonntag offen, und sooft die Schulmeisterin graset. Weder der Oberbibliothekar Halß noch der Unterbibliothekar, der Totengräber, haben, wie ich doch erwartete, Hantirages Maske mit Glasaugen und blechernen LuftröhrenFür Bibliothekare gegen das Einziehen des Bücherstaubs gemacht. auf, wenn sie darin arbeiten, sondern schlucken den Staub ein. Die seltene Bibliothek nimmt nichts Gedrucktes oder Papiernes auf, sondern sie ist, wie die der ältesten Völker, in beinharte Dinge geschrieben. Der Literator wird es zu brauchen wissen, daß die grüne blumige Bibliothek so viele gute und wahre Biographien – indem auf jedem Grabe eine liegt und unter ihr wie im Herbario vivo das beschriebene Exemplar – als Beiträge zur Dorf- und Landesgeschichte liefert. Im ganzen muß sie mehr als eine Bibliothek der schönen Wissenschaften und Künste betrachtet werden, sowohl wegen der vielen Elegien und Reime, deren die meisten, wie die meisten altdeutschen, an den Sargbrettern verwittern, als wegen der eisernen Blumengewinde an Kreuzen und wegen der über den Toten liegenden Deckenstücke an Brettern und wegen der steinernen Engel, denen, wie den menschlichen, nichts fehlet als das Leben. Ich fragte Halßen, da er einige Totenköpfe beiseitestieß, warum er diese Büsten von Autoren, die echter und ähnlicher wären als die gipsernen in andern Bibliotheken, nicht in schöne Reihen ordnete. Er sagte mit seinem gewöhnlichen Schnauben, der Kirchhof sei zu klein für so viele Eingepfarrte, er hab' es oft der Gemeinde nachmittags in der Kirche bei dem Lesen der Postille und abends in der Schenke bei dem Lesen der Zeitung vorstellig gemacht, »aber« (fuhr er fort) »die Schlingel wollen nicht blechen, und so müssen sie's haben, daß wir sie hier wie Heringe aufeinanderpacken.«

- – »Und das fehlte dir noch, unberühmter Kirchhof in Hukelum!« rief ich aus. Ich zielte damit auf das, worüber ich nachgesonnen hatte. Da ich nämlich so durch die vergessenen verschleierten Toten hindurchging, zuweilen ein schiefes oder umliegendes schwarzes Kreuz aufstellte, viele rostige knarrende Metalltürchen aufzog, die eine eingebeizte lange Anrede an die vergeßliche Welt verwahrten, und da ich so oft das »Hier liegt A, hier schläft B, hier ruht C« durchlas, zumal über armen Säuglingen, deren weiche Gestalt früher zerfloß, als sie kenntlich werden konnte, oder da ich auf tiefe, selber im Erdfall begriffene Steine trat: so trieb mir dieser parisische La Morgue-Platz, wo die Untergegangnen ausgestellet werden mit der Frage an die Vorüberlaufenden: »Kennt mich keiner von euch?«, das schwere Blut trübe durchs Herz, und ich fragte innerlich: kennt wohl einen dieser so genau beschriebenen und eintrocknenden Menschen jemand außer Hukelum? Weiß das übrige Deutschland und Europa nur eine Silbe von ihnen, oder irgendein Berliner, oder ein Weimeraner, oder Pitt, oder die Redakteurs gelehrter Zeitungen oder Leibgeber? Und wer watet wohl in Wintermonaten, wenn oft in drei Wochen nichts begraben wird, durch den tiefen Schnee hieher? Sollten mich die Hukelumer nicht dauern? – Aber dann bedacht' ich den Augenblick, daß wieder der Hukelumer seinerseits auch den Berliner, den Weimeraner, Pitt, die Redakteurs und Leibgebern wenig kenne, »und« (sagt' ich heiter und schlug die Augen umher) »hat er nicht so gut wie die gedachten berühmten Leute diesen blauen Himmel um sich – diese saftgrüne Erde unter sich – ein ganzes Menschen-Herz in der Brust und seinen Gott droben – und kann es im weiten stehenden, über die Welten gehenden Heere der Schöpfung eine Einsamkeit geben für irgendein Glied?« –

Ich nehme gern die Hand der Leser, zumal der jungen, und führe sie vor die mit Menschenasche gefüllten Grenzhügel dieses Lebens, die der Tod, der Gott Terminus, immer vor jungen Leuten erneuend erhebt; und ich sperre gern mir und andern – da unser Leben den in Kupfer gestochenen Bibliotheken gleicht, worin man immer einige Bücher als umgefallen zeichnet – die metallenen Pförtchen auf den letzten Anhöhen des Lebens auf, damit wir alle den Lebenslauf unserer umgefallenen Bücher oder Freunde fliehend wieder durchlaufen. – Und wenn ich das nicht am Paul-Einsiedels-Tage tun dürfte: wenn denn sonst? – Sprecht! –


11ter Jenner. Hyginiusblatt

Fortsetzung der Hukelumer Bibliographie

Dann ging man zum Halbspänner Faßmann. Seine unvollständige Kalendersammlung hing an einer Schnur von der Wand herab, wie rare Werke an Ketten; sie stellet aber schwerlich den Kenner zufrieden; und das ist betrübt. Wenn einmal die Zeit käme, daß Reichsfürsten und Reichspröpste und der Hoch- und Teutschmeister den Wissenschaften dadurch die Hand böten, daß sie die vollständigsten Kollektionen veranstalteten von manchem – von Korrekturbogen – von Mottos – von alten Post-Drucken der Städtenamen auf Briefen – von Steckbriefen – von unorthographischen Werken – von Choralbüchern – so könnten wir uns der Kollektionen erfreuen und sie Durchreisenden mit den Worten zeigen: »Das tun unsere Fürsten für Literatur.« – Von Feuerfreveln traf Halß nichts zu protokollieren an. –

In der Treiberischen Büchersammlung fand ich noch nichts als die Bücherschränke, die ad interim, wie bei Studenten nicht ungewöhnlich, als Zinn- und Schüsselschränke genutzet wurden. Auch hier invigilierte man vergeblich auf Frevel.

Der abgedankte Invalide Starch, bei Treibern wohnhaft, hatte seine Regimentsbibliothek an die Türe genagelt, die ich auf der Stelle durchlas und die in seinem – Abschied bestand. Ich schenkte dem armen Schelm einen Groschen zu Mord und TotschlagSo heißet in Kyritz ein Bier. woran es einem alten Soldaten niemals fehlen soll.

In den Kenzischen, Strobelischen und Hahrbauerischen Bibliotheken gerieten mir interessante Manuskripte in die Hände, und ich konnte sie nicht lesen, weil die Schriftzeichen altpersisch waren und die Zahlzeichen arabisch. Die Inhaber der Manuskripte, die Bauern, sagten zwar mit Halßen, ich müßte gar nicht lesen können, es wären die Schreibbücher ihrer Buben; allein hier soll die Gelehrten-Republik sich ins Mittel schlagen und aburteln, ob Hukelumer Bauern imstande sind, Handschriften mit altpersischen SchriftzügenDaß sie altpersisch sind, schloß ich am meisten daraus, weil sie von weitem deutschen glichen; nach Fulda aber, ja schon nach Morhof und Boxhorn, sind Deutsch und Persisch nahe verwandt (z. B. in demselben Komparativ, Genitiv etc.). Anlangend die Schriftzüge, so haben wir sie von den Römern, diese von den Griechen, diese von den Phöniziern, diese von den ersten Menschen, die nach Herder in Persien wohnten., die ich selber nicht herausbrachte, sowohl zu schätzen als zu lesen. Möcht' ich damit Philologen und Humanisten reizen, daß sie in ihren Ferien aufbrechen wollten, um die Handschriften mit altpersischen Schriftzeichen zu besichtigen und womöglich den Bauern aus den Händen zu winden. –

Es frappierte mich, daß ich in ganz Hukelum – da ich mich nach libris in Ana und nach Theophylakts Kommentar über die Evangelien erkundigte, den Erasmus bei seiner Übersetzung des Neuen Testaments so gut benutzte, und nach dem großen Leipziger Universallexikon in 62 Folianten und nach Bir Muhamed, Ben Bir Achmed Chali, de moribus hominum et principum praecipue instituentis, Mstum persicum auf 130 Blättern in 4to – kein Blatt davon vorfand; denn ich hätt' es sonst finden müssen in Ställen und Stuben.

Die Feuerschau war dasmal ganz glücklich: sie fand bei Strobel eine Feuerleiter ohne Sprossen, Kenz hatte einen Feuereimer ohne Handhaben-Riemen, und der junge Hahrbauer hatte gar nichts. Das Gericht brachte sämtliche Frevel zu Protokoll.

Der Landkrämer Seirich überraschte uns mit dem größten Bücherschatz, zumal an Novitäten, wovon schon ein Teil geleimt um den Ofen hing, Kaffeesäcke in Quart und Pfefferdüten in Oktav. Wie jetzt der Kalender der Taschenbücher in Staaten, wo ein fremder verboten ist, auf der Kapsel derselben steht: so füttert Seirich gute Volksblätter bloß mit Waren aus und versendet sie als Kapseln; – Liebhaber tragen dann dergleichen Blätter, wie Vossius seinen geliebten Lukan, stets in der Tasche und ziehen sie heraus, wenn sie Stühle haben und sich hinsetzen. Schon bei den Römern wurden Bücher in der Nachbarschaft des Tempels des Vertumnus und der Kaufleute feilgeboten; warum verknüpfet nicht jeder Verleger – wie der Gewürz- und Sortimentshändler Seirich – mit dem Buch- oder Formalhandel zugleich einen Materialhandel, damit einer in den andern greife?

Freilich traf ich beim Buchhändler Seirich zu meinem Mißvergnügen von manchen nach Kant und Fichte gearbeiteten Werken und selber von gelehrten Zeitungen, wornach ich bei ihm suchte, nichts an als defekte und manche gar nicht; ich setzte ihn zur Rede und sagte, ein Grossierer wie er müßte die Literaturzeitung, die in allen in seinen Kram einschlagenden Werken ganz vollständig sei, durchaus mithalten, um die Adressen und Warenzettel zu haben.

Sein Ofen war in gutem Stande. Die Feuerschau verfügte sich darauf zum Schneidermeister Richter und fand nichts zu bemerken als Halßens Beinkleider, worein der Protokollist durchaus eine Uhrtasche genähet haben will, um sie statt der Uhr zu tragen.

Da es finster wurde und Hyginiustag zu Ende ging: beschloß das Gericht, das Protokoll abzubrechen, und verfügte sich im elendesten Wetter nach Hause.

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