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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 171
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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8ter Jenner. Erhardusblatt

Fortsetzung der Bibliographie von Hukelum

Seit gestern, da man das Isidorusblatt ausgegeben, ist der gebildete Teil der Stadt besonders auf das Erhardsblatt gespannt, woraus er ein Mehreres zu schöpfen denkt.

In der Tat ist vielleicht in diesem Säkul nichts so wichtig als Bücher und deren Katastra. Denn es werden – gegen sonst – zu wenig Werke gemacht. Sonst lasen nur Leute wie ein magister legens, der überhaupt lieset, oder andere, die ihn lesen hörten; jetzt alle Welt und alle Weltteile, auch Nordamerika; aber mit den Lesern wuchsen nicht verhältnismäßig so die Autoren. Zweitens: sonst hatten sich die rezensierenden Fichtenraupen noch nicht in den Forst des Parnassus eingefressen, den nun jeder Windstoß umwirft. Drittens. Jetzt klagt man zwar über die Bücherflut; allein sonst war die Flut und Klage auch, aber nur die Klage ist geblieben und die Flut vertrocknet. In jedem Jahre schießen neue Eisnadeln am literarischen Eis- und Musenberg oben an; aber wir sollten auch das nachmessen, was ihm unten jährlich geschmolzen abläuft. Viertens: an unserm Spalier-Jahrhundert wird alles kürzer und kleiner gezogen, Spazierstöcke – Menschen – Sessel – Schüsseln – Lebensalter – Stiefel – Zöpfe – Buchstaben, besonders aber Bücher; man weiß nicht, wo es mit unserer Armut an Büchern noch hinauswill, wenn man einen alten Folianten-Behemot, den kaum zwei Aufwärter der Bibliothek schleppen können, über die eine Schale einer Kontorwaage schlichtet und ihn durch die andere gar nicht in die Höhe treiben kann, in welche man eine ganze Bibliothek von jetzigen Vigesimos, Trigesimo-Sekundos, Quadragesimos, Quinquagesimo-Sextos und Nonagesimo-Sextos aufbauet. Und welches zähere Leben saß nicht in jenen topographischen Hummern gegen das jetzige infusorische Chaos in Sedez! – –

Mein erster bibliothekarischer Gang war zum Schulmeister und zur Schulbibliothek; beide waren nicht zu Hause. Im Zimmer lehnten neben einer Vogelflinte acht frischgeschälte Haselstöcke, wahrscheinlich die pädagogische Klaviatur, um die Harmonika-Glocken seiner Schule nicht mit bloßen Händen anzustreichen. Ich spielte nur einige Düten voll Kaffeebohnen, die aus musikalischer Makulatur gestülpet waren, an einem alten Spinett vom Blatte und drehte die Düten beschwerlich immer um: als der Schulmeister, Herr Halß, ein starker Mann mit breiten schwarzen, immer auf- und absteigenden Augenbraunen, hereinschritt mit einer Holzaxt in der Rechten und mit dem prismatisch zugehauenen Scheit Holz in der Linken, das er in den Lehrstunden den Kinder-Knien als eine still schneidende Sägemaschine unterziehen wollte. Ich wurd' ihm sogleich durch meinen Antrag einer Präliminar-Feuerschau verhaßt: »Das heiß' ich« (sagt' er) »wunderlich angefangen; dann weiß es ja jeder Feuerfrevler voraus, und man kriegt keinen einzigen Kujon beim Fell.«

Die wie ein Regiment stückweise im Dorfe einquartierte Schulbibliothek konnt' ich da freilich nicht durchgehen. Wie nämlich in manchen Lesegesellschaften jedes Mitglied ein Buch beisteuert: so kaufte von jeher jedes Mitglied der hukelumschen Abc-, Buchstabier- und Lesegesellschaft ein kleines Werk, das insofern zur Schule gehört, als der kurze greinende Käufer selber dazugehört; wenn aber abends die Schule aus ist, so trägt jeder Schulgenoß und Interessent der Bibliothek sein Exemplar wieder heim nebst dem darangeketteten Griffel und sorgt nicht für den andern Morgen, was werden wir essen und lesen. Ich untersuchte indes die Katalogen dieser Universitätsbibliotliek genauer – denn die Schule des Bauers ist eine hohe, erstlich weil er sie zuletzt bezieht, zweitens weil seine Sitten akademisch sind – und fand zwei Hauptklassen von Werken reich, 1) die von theologischen Werken – namentlich manche (in Hukelum) seltene Bibelausgaben, entweder der ganzen Bibel, nämlich der Cansteinischen, oder der halben, nämlich der Evangelien, des Psalters, des Dekalogus – 2) die von seltenen Erziehungsschriften, nämlich Fibeln, nach denen ich mich sowohl in der ambrosischen Bibliothek in Mailand als in der göttingischen mit so wenigem Erfolg umgesehen. Bibliotheken und Leindotter-Lager schätzet man nach dem Alter ihrer Schätze; die hukelumsche besaß die ältesten, wie überhaupt Schulschriften wie Schullehrer leicht ein hohes Alter erleben. – Was Woide am alexandrinischen Kodex vom berühmten dictum probans 1. Timoth.III. 16. bemerkte, daß es vom häufigen Betasten ganz weggescheuert sei: das muß ich den Gelehrten auch vom Seilerschen Katechismus berichten; das dictum darin ist so abgefegt und beschmutzt und abgerieben, daß Herr Kirchenrat es mit Ehren nicht mehr als Zeugen stellen kann. –

Ich tat dem Bibliothekar Halß die Frage nach der Lesestube dieser Leseanstalt; er sagte, ich sei darin und hier sei die Lesebank, ja noch die Buchstabier- und Abc-Bank dazu. Ich setzte mich auf eine und zählt' ihm hinaufguckend sogleich – denn ich merkte, daß er mich mit der Zahl seiner »Lesebengel« ausstechen wollte – meine unzähligen vor, deren lange Bank in neun Kreisen die Bankbeine ausspreizt; und dehnte dadurch sein Gesicht, das mit der Levretschen Geburtszange muß in die Weit gezogen worden sein, weils zu lang war, weiter aus.

Er beteuerte mir, für das Schulhalten bedank' er sich; er mache Prozeßschriften für die Bauern, während die Kinder aus den Büchern herläsen, weil er in keine zu sehen brauche und alle schon auswendig könne. Selten kann ein Bibliothekar seine Bibliothek auswendig. Wie edle Staatsbediente alle Goldadern des Staates durch ihre Hände laufen lassen, und doch diese nicht damit füllen, sondern tugendhaft verarmen: so werfen und beuteln gute Rats- und Universitätsbibliothekare die literarischen Schätze treu durch ihre Hände, ohne etwas davon in ihrem Kopf beiseite zu bringen; sie sind Schießpulver, durch dessen Drahtleitung das elektrische Licht, ohne anzuzünden, schießet. –

Den Gelehrten zeig' ichs an, daß auf Halßens Rekommendation jährlich für 21 Groschen Schulbücher in Hukelum angekauft werden. Freilich schlug ich den Großtuer mit der Geldkatze eines beträchtlichern Schulfonds nieder. »Das macht« (sagt' ich) »1 Gulden fränkisch und etwas darüber und ist genug für den Ort. Aber er soll sich darum doch nicht mit manchem andern messen, z. B. mit Hof im Voigtland, das einen jährlichen Schulfond von drittehalben Gulden zur Erhaltung und Vermehrung seiner Schulbibliothek ausgeworfenHirschings Beschreibung der Bibliotheken 2. B. – Indes ist jetzt die Kasse und Bibliothek durch den Eifer des dasigen Rektors so verstärkt, daß das Obige nicht mehr passet.. Derlei Geldprästationen überlass' Er, Freund, den Handelsstädten; diesen werden solche Karitativsubsidien der Wissenschaften nicht schwer.« –

Ich bat Halßen nun, mir die zweite öffentliche Bibliothek aufzumachen, die Kirchenbibliothek; und er tats.


9ter Jenner. Julianusblatt

Fortsetzung der Bibliographie u. s. w.

Indes er die Kirchtüre aufstieß, versicherte er, »mit dem Pfarrer sei er gespannt, weil dieser die Bauern anders kuranzen sollte; und warum« (fügt' er dazu) »setzt er sich dagegen, wenn ich beim Ausgang der Kirche die Prager Schlacht auf der Orgel spiele, wo ich Kanonenschüsse mit der Rechten unten im Basse mache und das kleine Gewehrfeuer oben im Diskant?« – »Sein eigner Haß« (sagt' ich) »ist ganz juristisch und kanonisch von Ihm, Herr Halß, denn nach dem geistlichen RechtC. 14.X. de testibus. Daher gegen den Clerus keine weltlichen Zeugen zugelassen werden. wird einer von Laien gegen Priester präsumiert.« – Ich kam nun in den Zug, lauter Sachen zu entdecken, die er wußte. In der Kirche gestand ich ihm, kröchen nicht Sonnen- und Mondsstrahlen durch ein paar Glastüren, die er Kirchenfenster nennen müßte, so könnte keiner des andern ansichtig werden, wiewohl wir beide durch eine andere Öffnung hereingekommen wären, die wir nur geradezu eine Kirchentüre nennen wollten. Es war mir lieb, daß eine Kanzel darin war; und ich verbarg dem Dorfpriszian meine Freude darüber so wenig, daß ich sagte, das wäre der einzige Platz zum Predigen im Haus. Ich bestieg – aber zu schnell – die heilige Stätte und sah mich im gesprenkelten orbis pictus der Kirche ein wenig um und sprach lauter zum Schulmeister hinunter, um zu hören, ob es resoniere. Droben war die letzte Sonntagsepistel offen und die summarische Erklärung, die zugleich zum Lesen und Erbauen taugte. Ich drehte das Lademaß oder den Schrittzähler des heiligen Redens um, die Kanzeluhr, die nun wohl ausgelaufen ist. Da es mir so wohl bekam, wenn ich ein Paar Kommata oder Duo Punkta oder Fragezeichen zum Bibliothekar hinuntersprach: so fing ich zuletzt eine ordentliche Vakanz- und Kasualpredigt an, die ich in kein Predigtbuch aufzunehmen, sondern auf folgender Stelle zu lassen bitte.

»Andächtiger Herr Schulmeister!

Er müßte von Kiesel sein, wenn Er mit nichts zu rühren wäre; aber ich muß erst wissen womit. Ich könnte der witzigen Alliteration wegen hier oben über das Predigen predigen – im Exordium könnt' ich die Exordien unserer Konfessionsverwandten berühren – in der Proposition stellt' ich die landesüblichen Propositionen vor – im ersten Teile hätten wir beide die ersten Teile zu betrachten – im zweiten die zweiten – im dritten die dritten – und jede Sub-Sub-Subdivision setzte und dividierte sich selber, so wie das neuere Ich sein eigner Dividend, Divisor und Quotient ist – – in der Nutzanwendung könnte, wenn Er nicht lachte, eine auf jede gemacht werden; aber Er lacht wohl....

Ich werde immer redelustiger, und ich wollt' Ihn bis übermorgen anpredigen, wenn Er festbleiben wollte. Wir wollen aber, andächtiger Zuhörer, miteinander heute betrachten die ungemeine Bosheit der Schulmeistere. Ich bin nämlich – wie Er aus meinen Kniestücken in Lebensgröße sehen könnte – für hundert Kanzeln zu kurz, und ich hätte nie bei diesem körperlichen Bathos es zu einem homiletischen Pathos treiben können – da ich weder Hände noch Augen aus dem Kanzel-Krater heben konnte –, wenn mir nicht der Schulmeister allzeit eine heilige Stätte in die heilige Stätte, ein Kanzelchen auf die Kanzel nachgetragen und untergestellet hätte.

Auf dem konnt' ich mich verlängern und mit Affekt das Nötigste verkehren gegen Affekten der Gemeinde.

Aber gerade als ich meine Probepredigt vor einer Gemeinde, deren Wahlherren und Konklavisten mich hätten zu ihrem heiligen Vater wählen können, ablegte: so trug mir der Orts-Schulmeister, der meinem Rival den olympischen Kranz, nämlich die Perücke zuschanzen wollte, aus Bosheit statt eines Untersatzes nichts hinauf als ein verdammt schmales, von einem Zimmerholz abgesägtes Blöckchen. Der giftige kanonische Satellit, mein lieber Herr Halß, sah ganz wohl voraus, daß ich auf dieses enge Stockwerk niemals mehr würde betten können als ein Bein. Das andere mußte so lange in die dünne Luft gehalten werden, bis der zeitige Träger und Atlas steif wurde – dann wurde dieser ausgestreckt, und ich begab mich auf das Ferien-Bein – und so mußte der ganze Körper jede Viertelstunde umgepacket und hin- und hergeladen werden.

Ich hätt' es doch verschmerzt, aber die Gemeinde wollte mich der närrischen Stellung wegen nachher nicht vozieren. Denn freilich da ich mich auf einen frischen Kernspruch und Fuß oft zugleich steifte – den Vordersatz zwar in der Höhe, aber den Nachsatz unsichtbar in der Kanzel rezitierte – und da ich auf so kleinen Rostris heftigen Affekt doch nicht mied und mehrmals im Elenchus vom Sinai abglitt und eintrocknete, wiewohl ich in kurzem wieder emporschwamm: so wars eine platte Unmöglichkeit, daß in der erheiterten Kirche jemand anders einschlief als ein Bein ums andere an mir, und daß ich die Zuhörer in die Empfindung versetzte, die meine Füße verloren. Ich kehrte mich daher ganz wild gegen das Chor und sagte: andächtiger heilloser Herr Schulmeister..... Aber andächtiger gegenwärtiger Herr Schulmeister, so versprengen wir uns von einer Predigt in die andere, und wir wollen lieber, ohne Digressionen, miteinander ein paar Minuten aufs Chor steigen. Amen!« –

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