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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 169
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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1ster Jenner. Neujahrsblatt

Nachricht

Da wegen des heiligen Festes die Pressen nicht gehen: so wird kein Realblatt ausgegeben. Die Abschaffung der Feiertage hat das Gute, daß mehr gedruckt wird, aber weniger geschrieben, weil die Feder die Welt mit der Kanzelei vertauscht und nur für diese abschreibt. – Mich macht indes die Betrachtung verdrüßlich, daß Toaldo den ersten Jenner in seinen Wetter-Tabellen immer mit trübem Wetter aufführt – daß ferner der Mensch alle Tage seines Lebens leichter überlebt als (den letzten ausgenommen) den ersten – und daß ebenso unser Realblatt zu kahl und fahl aufzieht – – – ein echtes frostiges Fest der Beschneidung!

J-n P-l.


2ter Jenner. Abel- und Sethsblatt

Die Doppeltgänger

Mißgeburten wie die, von denen ich herkomme, sind andern Gelehrten schon früher aufgestoßen. Die beiden hinten aneinandergewachsenen Mädchen in der hungarischen Grafschaft Comorrn stehen in allen Büchern; daß sie einander bald küßten, bald prügelten, bald davontrugen auf dem Rücken, weiß wohl jeder. Schätzbarer ist dem Arzte die schottische Mißgeburt zweier aufeinander ablaktierter Brüder, die nur den Oberleib bis zum Magen ein Paar mal hatten, den Rest aber einmännisch, welches freilich in größern Familien leichter metaphorisch umgekehrt ist. Indes dürften dieses und das obige Naturspiel die kohärierenden Gebrüder Mensch (so schreiben sie sich), die in Kleinpestitz, eine Stunde von hier, wohnhaft sind, leicht an Gehalt für Denker überwiegen.

Unser größter Zergliederer, Doktor Sphex, hat diese anatomische Goldgrube und Ader in den Koppelzwillingen schon so befahren und ausgeleeret, daß einer, der nach ihm hinreiset, nichts weiter zu holen findet als die psychologische. Nach Zeichnungen, die er mir geschickt, verwachsen und anastomosieren beide Mensche mit den Rückenwirbeln von den Lendennerven an (n. lumbares) bis zu den heiligen Nerven (n. sacrales) und zum Schwanzbein herab und kehren einander die Hinterköpfe und verknüpften Rücken zu. Ich machte mich mit folgenden guten Vorkenntnissen von ihnen auf den Weg.

Beide sind Literaten, der eine, Peter genannt, hat Jurisprudenz, der andere, Seraph mit Namen, vielerlei studiert. Peter ist von Natur ein fester und vigilanter Mensch, lässet nie nach und treibts am Ende doch durch; auf diese Weise schwang er sich zu einem Amtskeller in Kleinpestitz hinauf, wo er gegenwärtig amtiert – ein Händelchen darneben kann immer mit angeführt werden, nämlich ein Volksladen, wo er, wie in Volksbüchern, alle populäre, wiewohl diverse Sortimente feil hat. Hingegen der ihm aufgebundene Seraph hinter ihm, von Natur ein schlimmer Vogel, ist ein Tragikus, Lyrikus, Fagottist, Epigrammatist und Genie wie nur wenige. Nur lernte er nie eine Sache da, wo man sie lehrte, sondern eine Treppe höher, wo man auf sie fortbauete; – in Sekunda wurd' er ein braver Tertianer, in Prima tat ers manchem Sekundaner zuvor, und auf der Akademie holt' er die Gymnasiasten ein. Indes sooft ein Examen den fortschreitenden Peter höher hinausschob, so rückte Seraph auch mit nach, weil er sein Accessorium und Suffixum war; niemand konnt' ihn absägen und auf seine eigne Bank hinabtreiben.

Alle Welt sagt, der Vater hab' ein christliches Werk gestiftet durch sein Testament, worin er eine Äquation und Mutschierung zwischen beiden Menschen herstellte. Denn da das Gebrüder-Paar wie London in verschiedenen Grafschaften und Jurisdiktionen liegt, und da besonders der Tragikus seinem Naturell nach Petern immer mit Fechten auf Stoß und Hieb und mit Manifesten und Inhibitivprozessen anpacken muß: so weiß man nicht, was gescheuter war, als daß der Vater jedem Mensch die gesetzgebende Gewalt einen Tag lang anweiset, und Petern den ersten; revolutioniert der andere, so ist ein Quatemberzins seiner Erbportion – und die Mensche sind bemittelt – dem regierenden verfallen. – –

Als ich ankam, saß gerade der Amtskeller am Ruder und auf dem Thron. Sie machten aus der Gasse ins Haus einen närrischen vierfüßigen Gang, worin Seraph als bloßer Kronerbe unter der alten Regierung rückwärts mußte. Nie waren Zopf und Schwedenkopf, dreieckiger und runder Hut, Tuch- und Zeugrock dichter aneinander. Ich und eine Fornikantin traten zusammen ihnen in die Gerichtsstube nach, wo mich Peter höflich anließ und Seraph wie ein grober Geselle. Als das Paar einen Leseesel mit zwei Pulten beschritten hatte – Seraph ritt das heilige Bein, der Jurist weiter vornen –, so wurde das Sündenkind verhört, das kein Beichtkind werden wollte. Ein adeliger Baumschänder von Hof, der den Waldfrevel an der klein-blättrigen Myrte verübte, bestach sie, daß sie nur auf einen durchpassierten Literatus, namens Anonymus, bekannte und wie ein englischer Buchdrucker die Pillory bestieg, indes sie den Autor verbarg. Unter dem Protokollieren faßte der Tragikus eine Idylle ab und trank sehr dabei – er sah, auf- und abtanzend auf dem weißgekochten weichsten Seil der Liebe, das er über ganz Arkadien weggespannt, im Spiegel häufig die Fornikantin an und passierte die Hitze der Linie, nämlich der Schönheitslinie, in einem fort. Ein schlimmer Umstand wars immer für den Protokollisten, daß er, sooft sich Seraph hinter ihm betrank, sich wider Willen von einem feinen Rausch benebelt fühlte; das vexierte den Amtskeller oft in den kaltblütigsten Verhandlungen: können wir das nicht von einer sonderbaren Mitleidenschaft ihres föderierten Rückenmarks ableiten, da eine Kommunikation ihrer Blutgefäße so wenig zu erweisen steht? –

Wie Peter durch den trassierten und derivativen Rausch zusehends in Grimm geriet und Farbe bekam: so zersetzte Seraphen der Stamm- und Urrausch immer weicher. »Du Engel!« sagte leise der bukolische Sänger zum Malefiz-Bild im Spiegel und setzte die Rührung fort; – der rote Amtskeller sagte erbittert zum Gerichtsfron: »Schmeiß die Kanaille ins Loch, bis sie beichtet.« Bei solchen Gelegenheiten wirft Seraph die Xenien auf den Bruder hin, wo er ihn als einen plumpen Wilsonschen Knopf aufstellt, auf welchen das elektrische Feuer der Liebe schwerer niederfährt als auf eine Franklinsche Spitze, wie er ist.

Der Termin und das Schäfergedicht gingen zu Ende. Peter nahm nun statt der Waage der Themis die merkantilische in die Hand – ein gutes mythologisches Simultaneum, da Merkur zugleich Diebe und Waren, Pluto Dekrete und Gold verteilt –; denn er visitiert täglich seinen Laden. Der Tragikus sitzt bei dieser Gelegenheit hinter ihm und studiert ihn als eine komische Akademie; und will sich ins Lustspiel hineinarbeiten, indem er die Ladenkunden protokolliert. »Diese Pasquille« (sagte der Amtskeller) »krepieren mich am meisten, da der Bruder doch sonst ein Mensch ist, der weich sein will.« Ich bewies jedoch, schriftlicher Zorn entkräfte eben den innerlichen, Autoren müsse man in Lumpenpapier, wie Gaukler Vipern in Lumpen, beißen lassen, damit der Gift wegkomme! Peter sagte mir nun seine Klagen über die Rute, die ihm Gott auf den Rücken gebunden; die Rute oder Seraph konnte nichts sagen, weil es nicht der Tag des eignen Regimentes war. »Seraph« (sagt' er) »sei kein Wirtschafter, er poche darauf, daß er an ihn festgewachsen sei und so gut müsse verpflegst werden als ein Bein oder ein Arm von Peter; ja er drohe oft, sich totzuschießen, damit Peter das Amputieren hätte – er ächze oft an einem Buche in der aufgewecktesten Gesellschaft – er sei seelengut gegen jedes Kind, puff' ihn aber rückwärts – er mache unter dem Abendsegen oft Schlemperlieder, Flüche und Stachelschriften, und doch auch Psalmen, wenns ihm gelegen sei – besonders schlecht würd' er, so heilig er tue, in puncto puncti beschlagen sein, falls man ihms akkordierte.« Über letzteres wie über alles Unmoralische nahm ich mich seiner an, weil alles vom poetischen Enthusiasmus herkommt, wo die Extreme sich berühren; denn man wende wie Pauson das Gemälde eines galoppierenden Musenpferdes um, so hat man das von einem vor sich, das sich im Kote wälzt, – und weil überhaupt aus unmoralischen Poeten mehr Geist und Feuer zu pressen ist, wie Korn einen stärkern Branntewein hergibt mit Unkraut untermengt.

Peters Abschilderung der Genies kam Seraphen zupasse, und er schrieb alles nach, um die Genies so gut lächerlich zu machen wie einen Amtskeller – denn das genialische Volk fället gern seinesgleichen an, wie Jagdhunde, die unter allen Tieren (selber Hasen nicht ausgenommen) den Fuchs am liebsten jagen, ob er gleich ihr nächster Verwandter ist und vom schlimmsten Geruch.

So weit der Regimentstag des Juristen; jetzt kommt sein Leidenstag, wo er keine andere Hoffnung hat als auf die Auferstehung, die ihn von allen Gliedern erlöset, von Absonderungswerkzeugen, von Haaren, vom Magen und von seinem Bruder.

Am andern Tag war der Tragikus schon vor Sonnenaufgang mit dem Amtskeller in die schöne Natur hinausgewischt. Ich sah den Dualis auf einer Anhöhe stehen, wo Seraph den Kopf zwischen vier Beine untersteckte, um durch das pittoreske Stativ die herrliche Landschaft besser und ins Kleine gemalet zu beschauen; der Amtskeller aber schämte sich der kindischen Stellung und dachte verdrüßlich an Sachen von Belang. Er mußte dann mit Seraphen die Blumenstücke, die Tal- und Bergstücke und Baumschläge der Natur bereisen und die Gesänge anhören, die der Poet über die mündlichen der Viehhirten abfaßte; doch konnte Peter zuweilen – das war sein Konfortativ – einen singenden Hirten aufzeichnen, der sein Vieh auswärts grasen ließ; und als Seraph begeistert sich neue Bahnen brechen wollte durch – Wiesen, konnt' er sich dagegensetzen und drohen, ihn zu pfänden und den Hut zu nehmen. –

Als die verketteten Dioskuren nach Hause kamen, sagte mir freilich Seraph, was er wollte; aber ich glaube, Menschen von Verstand sind nicht begierig darauf, weil sie alles sich vorstellen können, wie betrübt es Seraphen überhaupt erging – wie in den heißen Quellen seines Herzens und seiner Poesie immer Hühner abgebrühet und Eier hart gesotten werden sollen – wie Peter nicht mehr Gesänge ausstellen könne, als sonst nach Anzahl der Kammerherrnknöpfe oder der Nägel im holsteinschen Wappen im Gesangbuch standen, nämlich dreiDiese drei Gesänge konnte jeder auswendig; darauf kam ein dünnes Gesangbuch und dann ein dickes. – wie Seraphs tragische und lyrische Erhitzung immer in den Amtskeller durch das Steißbein gemildert übergehe und diesen nur aufgeweckt und jovialisch mache – wie ihn Peter peinige und anliege, aus jeder dichterischen Frömmigkeit Ernst zu machen, nämlich wirkliche, da doch in Nürnberg die Rechenpfennig-Schläger schwüren, keine Münzer zu werden – wie er oft ein Trauerspiel unter Kaufkontrakten, Subhastationen mache oder wie Peter unter dem tragischen Mitleid und Schrecken von dessen Vorlesung sich Lachs verschreibe von einem Freund in Bremen – wie Peter und der Staat gleich Heliogabal die Nachtigallenzungen lieber käue als höre – wie er, an die poetisch-illuminierte Weltkarte gewöhnt, sich auf einmal finden solle, wenn die bloße schwarze der Wirklichkeit aufgeschlagen daliege – wie Peter ihn täglich auslache, nicht mit echter Satire, sondern leider so – wie es verflucht schlimm sei und noch schlimmer werden müsse, werde Peter vollends älter...

Und das ist wohl gewiß; aber für das Ende eines Abel- und Seths-Blattes, dessen Name viel ähnlichere Brüder verbindet als dessen Inhalt, darf man wohl die Frage aufheben: ist außer der Familie von Mensch noch ein so tolles Bündnis vorhanden, wenn man etwan das ausnimmt zwischen Leib und Seele – zwischen Mann und Frau – zwischen Rezensenten und Dichter – zwischen erster und zweiter Welt? Und wenn sie da wären, könnte man nicht den Reichsanzeiger bitten, sie vorzuzählen?

S – s.


3ter Jenner. Enochsblatt

Morgenbetrachtung über unbekannte Freudenhimmelchen

An einem Enochstag und auf einem Enochsblatt kann ein denkender Mensch die Himmel betrachten und sortieren, da Enoch in den über uns fuhr – wo er noch fahren muß, weil er, und glitt' er auch auf der Fähre des Lichtstrahls fort, doch noch nicht über die Fixsterne der 19ten Größe hinaussein kann, da ihr Strahl noch nicht zu uns herunter ist –; aber schau, o Mensch, nicht bloß in große weite Freudenhimmel hinauf, in Thronhimmel, Betthimmel, Kutschenhimmel, sondern auch in das kleine Parasol über dir, das von roter Seide ist. Dann wirst du leichter in kleinen holzersparenden Höllen, in einem tragbaren Taschen-Schwefelpfuhl und Tartarus sitzen und aushalten.

Auch ich lebe zuweilen in bösen Stufenminuten aus den Stufenjahren; so leid' ich z. B. die Pein, daß ich schon, seit ich Lateinisch kann, immer bei der Zahl IV und VI von neuem nachsinnen muß, um mich nicht zu verschreiben – daß ich immer Mahagony-Holz sage statt Magahony-Holz – daß mir, eh' ich im Englischen perfekt war, immer ein ch nach dem s entfuhr, statt des h. – Andere Menschen tragen andere schwarze Stecknadeln und Trauerschnallen an ihrem Leben; sie erhalten in Baireuth die Baireuther Zeitung ganz naß und grau aus der Presse – oder sie treffen, wenn sie aus dem Bette steigen, die Pantoffeln gegen das Bette zielend an und müssen verdrüßlich entweder sich oder die Pantoffeln umwenden, um nur hineinzukommen – bei den besten vom Buchbinder kommenden Streitschriften müssen sie erst den übeln Geruch verwinden, der ihnen vom tierischen Leime anklebt, und so fort.

Und so steht vor dem niedrigsten Opernhäuschen und Lustschlößlein ein Billeteur, den man die Sorge, die Mühe und Not nennen sollte. So z. B. wie überhaupt Gold den Fortschritt in den Studien hindert, so hält noch mehr das verpichende an den Dedikationsexemplaren, die Große Blatt für Blatt aufzuzerren haben, das Weiterlesen so auf, daß wenig Segen dabei ist. – Oder ich, wenn ich heimgehe, muß schon auf der Gasse daran denken, den Stubenschlüssel in die Hand zu nehmen, und ihn die ganze Treppe darin hinauftragen; und wollt' ich mirs abgewöhnen, so bezahlte sich das noch weniger, da ich den Schlüssel zehnmal in die Tasche zurückstecken würde und nur einmal ins Loch.

Wer nun in solchen seichten Neben-Armen der Höllenflüsse seine Ferse naß machen muß – was er vielleicht tut, wenn er nur eine zu lange Beschreibung davon lieset –: der denke daran, daß ebenso die Paradiesesflüsse kleine warme Quellen einige Schritte vom Ufer auftreiben; worunter die mit gehöret, daß man eine Morgenbetrachtung, wenn sie nicht aufhören will, wider eignes und fremdes Vermuten abreißet und sie erst im nächsten Lothsblatte glücklich zu Ende spinnt.

F – k.

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