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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 168
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Komischer Anhang zum Titan

Erstes Bändchen

Ankündigung des nachstehenden
Pestitzer Realblattes

Den Verfassern des Pestitzer Realblattes war es schon lange zuwider, daß Städte so schlimm daran sind wie Autoren; beide werden von Reiseschreibern und Rezensenten so unbestimmt und flach abgerissen als Voltaire von jenem Spaßvogel, der unten an seiner Haustüre in den Schnee pissete – der Gast schaltete damit das zackige Gesicht des alten Satirikers in einer leichten freien flüchtigen Zeichnung ab, aber viel zu inkorrekt –; ja oft fällt das Votivgemälde so aus wie der Gesichts-Abriß, den der Maler Huber durch einen Hund besorgte, welchen er an einem hinter dem Rücken vorgehaltenen Bogen Papiere so lange raufen und fressen ließ, bis eine Physiognomie in den Fetzen gefressen war, ohne daß sich Huber dabei umsah. – Ist das aber recht? –

Es haben sich daher einige dem Publikum schon rühmlich bekannte Männer, die sich alle in der NoteAuch Schoppe und Leibgeber sollen fleißig mitarbeiten; von jenem überkomm' ich durch Hafenreffer und von diesem durch den Inspektor Aufsätze genug, so daß wir damit unser Tagsblatt schmücken können. nennen, zusammengetan, um gemeinschaftlich bessere Ideen von Pestitz, als im Umlauf sind, und zwar im satirischen Gewande, zu verbreiten. Gleichwohl so eng und provinziell wir auch hier den Spielraum unserer Tagsschrift umreißen: so lassen wir doch wie jede gute Zeitschrift nachher alles hinein, was kommt; Sphragistik – Heuristik – Knochenlehre – Größenlehre – Münz- – Tanz- – Sprachwissenschaft – Regenten- und Ketzergeschichte, kurz alle Scibilia schlagen in unsern Plan ein; und sogar fremde, aber post- und ehrensold-freie Einsendungen (die an die Expedition des Pestitzer Realblattes zu adressieren sind) finden darin ihre Herberge.

Man observiert in Monatsschriften wie in kritischen Journalen gern ein Einerlei der Rechtschreibung, oft sogar der Gedanken, häufig sogar des – Verfassers. Am Realblatte arbeiten zwar vier Blattmacher, aber wir schreiben alle in einerlei Stil; und wir wollten anfangs das Namenszeichen unter den Aufsätzen weglassen, um die Literatoren in Schweiß zu setzen und ihnen den Schlüssel bei ihren Konjekturen zu nehmen, von wem jedes Blatt sei. Allein solche Scherze richten in der Folge in gelehrten Anzeigern und Deutschlanden nur Sprachverwirrungen und Gefechte an, so daß ein gelehrter Schlafrock erbittert und in einen Gärbottich umgesetzt gegen den andern anspringt. Jeder Mitarbeiter setzt daher gern seinen Anfangsbuchstaben unter das Blatt und gibt den Rest zu raten. Nur Leibgeber und Schoppe stilisieren ganz verschieden von der Blatt-Union, aber ganz gleich einander selber. Diese auffallende Gleichheit des Stils und einige andere Dinge bestärken mich immer mehr in einer Vermutung, die mich schon lange beschäftigt, daß nämlich Schoppe in der Tat niemand weiter ist als der leibhafte Leibgeber selber, der in den Blumenstücken auf und davon ging. Ich wünschte sehr, darüber die Gedanken gescheuterer Männer zu vernehmen.

Jeden Tag vom 1sten Jenner 1799 an erscheint regelmäßig ein Blatt, das, wie die Täuflinge zu Luthers Zeiten, den Kalendernamen des an dem Tage regierenden Heiligen annimmt, also das vom 2ten September das Absaloms-Blatt u. s. f. Mit jedem Bande des Titans wird ein Monat solcher Tage ausgegeben; und wir hoffen, wir sollen nicht, wie andere Monatsskribenten, sogleich nach den ersten Jahrgängen gezwungen sein, zu schließen. Da der kouleurte Umschlag Zeitschriften abteilt wie Schürzen die Handwerker – die gelbe den Gerber, die grüne den Glaser, die braune den Tuchmacher, die weiße mit einem roten Ochsen den Fleischer –: so soll jeder Monat des Realblattes den geschmackvollen Einband erhalten, den ein Band von Titan selber hat; welches wir also, da wir das nicht wissen, jedem Käufer gern zur Anordnung überlassen.

– Und das werden nun die Honigmonate, wovon ich im Antrittsprogramm mit so vielem Frohlocken sagte, daß ich darin vom Armesünderstuhl des historischen Lehrstuhls aufspringen, das Härenhemd ausziehen und wegwerfen und luftig und leicht in meiner schönen Insel Barataria 6, 8 Bogen lang tanzen und regieren würde. Innigst-geliebte englische Leserinnen, lasset mich allein mit den Männern bei der Flasche und geht fort; man soll mich in meinem Dintenfaß ersäufen, wenn ich in einem Honigmonat ein Wort vorbringe, das rein-historisch genannt zu werden verdient. Solche Dinge vermengen, ein Honigmonat für die Fortsetzung eines vorigen Bandes halten, verrät große Verwandtschaft mit jenem Bürgermeister, der, als er nach der Andromache des Racine unmittelbar dessen Plaideurs geben sah, das Trauer- und Lustspiel für ein einziges Stück nahm (wie etwan Wallensteins Lager und den Rest) und der klagte: »Die Andromache ist ein rührendes Stück, nur war ich ganz erstaunt, daß sie so lustig ausgeht; vorn herein wollt' ich fast weinen, aber zuletzt, da die Hündchen kamen, mußt' ich doch lachen.«Oeuvres de Racine. T. I.

Als Weltweiser würd' ich mich damit verteidigen, daß man nie einen halben Menschen malen oder ein halber sein soll, wie doch jeder tut; der entweder nichts ist als ein Kato oder als ein Scarron. Zum Scarron müßte man sagen: den übeln Geruch, in den du uns alle bringst, mußt du durch Weihrauch mildern, die Satire durch Achtung, wie in deiner Stadt die Garköche und Stärkmacher kein unreines Wasser ausschütten dürfen, ohne ebensoviel reines gegen den bösen Gestank zuzugießen. Zu einem andern aber, z. B. zu mir, würd' ich sagen: zeige vom Menschen nicht bloß das, womit der Schütz und Skorpion nur über unsere Halbkugel aufgeht, nämlich den Oberleib. –

Das Realblatt setzt sein Verdienst darin, die andere Hälfte aufzustellen, von welcher die Paterniani dartatenAugustin. de haere. I. 85., der Satan – überhaupt ein bekannter maitre des basses oeuvres – habe sie verfertigt, ich meine die untere.

Zur Einkleidung dieses dargestellten Unterteils, des menschlichen Erdstockwerks, erwählten wir einmütig und vorbedächtig eine – Zeitschrift. Der Redakteur des Blattes hat es schon einmal, glaub' ich, gesagt, daß wir jetzt wie der Teufel keine Zeit haben, sondern eben darum Zeit-Schriften. Wie schon Musikverständige bemerkt haben, daß wir jetzt ein Andante so hurtig vorspielen wie die Vorfahren ein Allegro: so schreiben wir dieses Alla breve auch über unser Leben – rollende Wecker sind wir, die sogleich ausgeschnarret haben – nicht Eintagsfliegen, sondern Einaugenblicksfliegen – jeder begeht seine Sünde, und dann ist er weg – vollends die Parnassus-Pflanzen, diese gleichen gänzlich den Alpen-Pflanzen, die in derselben Schnelle blühen und reifen – kurz die Aufklärung macht unsern Lebens-Umlauf um die Hälfte schneller, und wie Planeten rollen wir schneller, je näher wir der Sonne kommen. – –

Welcher fliegende Mensch ist nun in solchen Zeiten imstande, die Feder zu nehmen und ein Buch zu schreiben, das man kaum schleppen kann? Denn ein solches gar zu lesen, das ist ohnehin jedem unmöglich. Daher wie nach Romulus' Tod 150 Patrizier ein Jahr lang jeder täglich 12 Stunden wechselnd Könige warenPlutarch im Numa.: so setzt sich eine gelehrte Gesellschaft zusammen, und jeder schreibt einige Tage und Bogen am Werk; und eine Lesegesellschaft setzt sich auch zusammen, und jeder wählt sich sein Lese-Pensum, und in einer Viertelstunde (wenn nur ihrer genug sind) können sie einen Quartband durchhaben, schneller als Türken durch gemeinschaftliches Lesen den Koran.

Auf diese Weise geht keiner aus der Welt, ohne das Nötige geschrieben oder durchgelesen zu haben. – Und das hab' ich als Redakteur im Namen der Realblatt-Gesellschaft sagen sollen und wollen. Flachsenfingen am Silvestertage 1798.

J-n P-l, Redakteur.

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