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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 165
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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144. Zykel

Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du, aber in landeskindlicher Entzückung drückte er sich den Pflegling seines Hauses innig ans Herz. Augusti übergab ihm mit ernster Höflichkeit und kurzem Glückwunsch folgendes Schreiben von Julienne:
 

»Liebster Bruder! Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen. Ich hab' in einem Auge Trauertränen und doch im andern frohe, da nun alle Wolken von deiner Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht. Der Lektor ist abgeschickt, dir alles zu erzählen, wo hätt' ich Zeit? Auch von Herrn von Bouverot soll er dir sagen, dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Gläubiger und dessen Grobheit und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermaßen hasse – Inzwischen wird er jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft. Freilich alles ist wie ich in Unordnung und Bestürzung. Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem Willen eröffnet, und er gab dir dein ganzes Recht. Ich will nicht über diesen Bruder mitten unter dem Weinen zürnen; er war eigentlich hart gegen seine zwei Geschwister, gegen mich sehr auch, denn er haßte alle Weiber, bis zu seiner Frau, die nur etwas taugt, wenns ihr gut geht, und die Kunstwerke selber härteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen. Aber er ruh' in seinem Frieden, ach den er wohl wenig gefunden! Diesen Abend muß er schon wegen seiner Krankheit und wegen des langen Wegs nach Blumenbühl voraus beerdigt werden. Da bin ich nun bei deinen Pflegeeltern in der Nähe unserer eingeschlossenen Eltern. Deswegen komm unabänderlich! Du bist allein mein Trost in der trüben Nacht, ich muß dich wieder am Herzen halten, das sehr an dir klopfen will und weinen und reden, wenn es nur darf. Nur komme! Nunmehr wird doch Gott, da alles im Tanzsaal zu den Reigen bereit steht, keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven hineindringen lassen! Ich bete. Ach nur deinetwegen bin ich so froh, und ich weine genug.

Julie.«
 

Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen, diesen Abend in seinem Hause zu sein, gegeben, als dieser ohne weiteres davoneilte, um die Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten.

Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten, mit welchen er, bedenklich über Siebenkäs, zu zögern schien, bis Albano bat, ihm und seinem neuen Freund frei alles mitzuteilen. Seine Erzählung war bis auf einige Einschaltungen, die Albano später zukamen, diese:

Bouverot – bei welchen er auf Fragen des neugierig gemachten Albano anfing – war bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbsüchtigen Prinzen gewesen und hatte in entschiedener Berechnung, durch diesen das längste Glück und sogar eine unerwartete Heirat zu machen, auf dessen Wort hin sein mit Ehelosigkeit und Einkünften zugleich verknüpftes Ordenskreuz eines Deutsch-Herrn abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen, an Idoine, durch diesen selber, der ihm für die Aufhebung ihres ähnlichen GelübdesNie unter ihrem Stand zu heiraten. stand, ein Miniaturbild von ihr, das er im Fluge gestohlen haben wollte, samt einem halben Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen Wahl-Namen Zefisio als eines römischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens übergehen lassen. »Oh la différence de cet homme au diable, comme est-elle petite!« sagte ganz ungewöhnlich-heftig Augusti. Albano mußte fragen warum; »ein ganz anderes Bild gab er für der Prinzessin ihres aus«, sagte der Lektor. Mithin wars Lianens ihres, schloß Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige Geschichte von der blinden, vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht. –

»O ich Unglücklicher!« rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz. Die Leiden taten ihm weh, womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen ihn bezahlen müssen – die zum erstenmal blind wurde, weil sie seinen Vater so liebteLiane wurde, wie bekannt, als ihr Bruder neben dem alten Fürsten auf die Brust ohne Herz die Rede hielt, krank und blind. S. 32. Zykel., und zum zweitenmal, weil sie der Sohn verkannte und liebte. Aber er bezwang sich und sprach nicht darüber, die Vergangenheit war ihm wie Bienen das Echo schädlich. Siebenkäs bezeugte seine Freude über Bouverots Bestrafung durch das Fehlschlagen aller Plane.

Albano hörte, daß auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu unterstützen den Schein angenommen, bloß um ihn desto höher herabfallen zu sehen. »Mit welch einer bittern kalten langen Schadenfreude« (dachte Albano) »konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube, die sein Tod dem feindlichen Hofe und dessen Anhängern graben würde, allen ihren Erwartungen zusehen und alle ihre Maßregeln von der Ehe der Fürstin an bis auf die Glückwünsche dazu freundlich aufnehmen, indes er die Fürstin und alles haßte! Und wie konnt' er diese lebenslange schweigende Kälte gegen mich behaupten?« – Aber Albano bedachte zwei nahe Ursachen nicht, sein eignes stolzes Benehmen gegen den Fürsten und den gewöhnlichen Fürstengeiz, der sich vor Apanagen-Geldern scheue.

Gaspards Verhandlungen in Haarhaar, welche der Lektor nur mit einigen von Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab, waren diese:

Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der menschlichen Verhältnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflösung und Zerreißung hin. Hier ließ er alle fremde Träume immer lebendiger und wilder werden, bis er mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schläfer wegraffte. Der alte Zorn über die stolze Verweigerung der Fürstenbraut wurde befriedigt, da er ihnen unter dem schimmernden Triumphtore ihrer Wünsche und Arbeiten die Dokumente über Albanos Geburt, von der Hand des alten Fürsten an bis auf die des Bruders Luigi, als ebenso viele bewaffnete Wachen zeigen konnte, die sie aus dem Siegestore wieder rückwärts trieben. Man erstaunte mitleidig, ging auf nichts ein, Albano war weder dem Lande noch Reiche vorgestellt. Gaspard trug sehr ruhig eine frühe Anerkennung von Joseph II. nach. Auch dieses wurde außer der Regel und als ungültig gefunden. Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn, mit dessen Blitzfunken er so oft plötzlich Menschen und Verhältnisse durchbohrte, daß er ohne weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Luigis achtes Jahr und dessen Reise-Jahre allen Höfen entschleiern werde.

Hier brach man erschrocken die vormittägigen Unterhandlungen ab, um sich zu neuen nachmittägigen zu rüsten. In diesen – welche der Lektor Albano zu verheimlichen beordert war – wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden nähern Bandes zwischen beiden Häusern gezeigt. Unter dem Bande wurde Idoine verstanden, deren Ähnlichkeit mit Lianen und dadurch Albanos Liebe gegen letztere längst als Anekdote bekannt gewesen. Aber Gaspards ganzem Entwurfe seiner vollständigen Genugtuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel entgegen; er – der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das verworrene niedrige Gezweig des Weltlebens flog – stieß gegen die Schranke seiner Vollmacht an, sagte geradezu Nein, und man brach entrüstet ab, mit der höflichen Erinnerung, daß Herr v. Hafenreffer als Bevollmächtigter ihn begleiten und in Pestitz das übrige verhandeln solle.

So kamen beide an. Hafenreffer, ebenso fein und kalt als redlich, erforschte leicht die Verhältnisse der Wahrheit. Gaspard teilte Juliennen – noch im Wahne ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda – den Wunsch des fremden Hofes mit; aber er wurde bestürzt über ihre Eröffnungen, welche so sehr für Idoine sprachen als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen auf Albano. Dazu entrüstete sie ihn noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag, ihm seine väterlichen Auslagen für Albano einigermaßen zu erstatten. »Der Spanier lieset keine Haushaltungsrechnungen, er bezahlt sie bloß«, sagt' er und nahm empfindlich Abschied auf immer, um alle Inseln der Erde zu bereisen. Albano wollt' er nicht mehr sehen, aus Verdruß über den Zufall, daß ihm durch Schoppens Kirchen- und Gräberraub das Vergnügen entwendet war, Albano durch die Entdeckung, daß er nur Lindas Vater und nicht seiner sei, für kühne Zweifel an seinem Werte zu strafen und zu demütigen. Wohin Linda noch in jener Nacht seiner Entdeckung als Vater gegangen war, verbarg er allen kalt.

Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut, der fürstlichen Witwe. »Er halte es für Pflicht,« (sagte er ihr) »ihr die neueste Erbfolge zu hinterbringen, da er einigermaßen sich selber sehr in den Gang der Sache habe verflechten lassen.« Nie war ihr Blick stolzer und giftiger: »Sie scheinen« (sagte sie gefasset) »in mehr als einen Irrtum verleitet zu sein. Wenn es Sie so interessiert, wie Sie sich denn überhaupt für dieses Land zu interessieren scheinen, so mach' ich mir eine Freude daraus, Ihnen zu sagen, daß ich das Glück bekannt zu machen nicht mehr anstehen darf, dem ich nun gewiß entgegensehe, dem Lande vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen Fürsten jede Veränderung zu ersparen. Wenigstens darf man vor der Entscheidung der Zeit keine fremde Einmischung dulden.« Gaspard, über das Erwartete erzürnt, versetzte daran bloß ein unendlich-freches Wort – weil er leichter Geschlecht als Stand zu vergessen und zu verletzen vermochte – und nahm darauf vor ihr seinen höflichen Abschied mit der Versicherung, daß er gewiß sei, die Bestätigung dieser sonst so angenehmen Nachricht, wo er auch sein werde, zu erhalten und daß es ihm dann leid tun würde, ihr aus Liebe zur Wahrheit öffentlich einige seltsame – gerichtliche Papiere entgegensetzen zu müssen, die er ungern in Umlauf bringe. »Sie sind ein wahrer Teufel«, sagte die Fürstin außer sich. »Vis-à-vis d'un ange? Mais pourquoi non?« versetzt' er und schied mit den alten Zeremonien.

Albano, dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgründen die nackten verletzten Wurzeln und Fibern hatte, konnte nichts sagen. Aber sein Freund Siebenkäs äußerte ohne weiteres, »daß Gaspard bei jedem Schritte und mit dem ewigen feinen Wanken und Zögern, wie z. B. über die Heirat seiner Tochter und sonst, nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier, wie ihn Gundling im 1. Teil seiner Otia so gut schildere«. Augusti verwundene sich über diese Offenheit; indes erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens rauhe. »Was mich am meisten frappieren würde,« (setzte Siebenkäs dazu, der, wie es schien, die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen) »wäre das lange Verschwiegenbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Teilhabern des Geheimnisses, wenn ich nicht zu wohl aus Hume wüßte, daß die Pulver-Verschwörung unter Karl I. über ganze anderthalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern wäre verborgen gehalten worden.«

Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzählungen nachmittags ab ins zwieträchtige Reich, aber mit heiterer heiliger Kühnheit. Er war sich höherer Zwecke und Kräfte bewußt, als alle harten Seelen ihm streitig machen wollten; aus dem hellen, freien Ätherkreise des ewigen Guten ließ er sich nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins – ein höheres Reich, als was ein metallener Zepter regiert, eines, das der Mensch erst erschafft, um es zu beherrschen, tat sich ihm auf – im kleinen und in jedem Ländchen war etwas Großes, nicht die Volksmenge, sondern das Volksglück – höchste Gerechtigkeit war sein Entschluß und Beförderung alter Feinde, besonders des verständigen Froulay. – So sprang er nun zuversichtsvoll aus seinem bisherigen schmalen, nur von fremden Händen getriebnen Fahrzeug auf eine freie Erde hinaus, wo er allein, ohne fremde Ruder, sich bewegen kann und statt des leeren, kalten Wasser-Weges ein festes, blühendes Land und Ziel antrifft. Und mit diesem Trost schied er von dem toten Schoppe und dem lebendigen Freund.

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