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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 164
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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143. Zykel

Albano stand lange sprachlos, schauete gen Himmel, ließ das Blatt fallen und faltete die Hände und sagte: »Du schickst den Frieden – ich soll nicht in den Krieg – wohlan, ich habe mein Los!« Lebenslust, neue Kräfte und Plane, Freude am Throne, wo nur die geistige Anstrengung gilt, wie auf dem Schlachtfelde mehr die körperliche, die Bilder neuer Eltern und Verhältnisse und Unwille gegen die Vergangenheit stürmten durcheinander in seinem Geist. Er riß sich von seinem ganzen vorigen Leben los, die Seile des bisherigen Totengeläutes waren entzwei, er mußte, um die Eurydice aus dem Orkus zu gewinnen, wie Orpheus das Zurückschauen auf den vergangnen Weg vermeiden. Er enthüllte dem neuen Freunde alles, denn er kämpfte, sagt' er, nunmehr öffentlich auf freier offner Bahn um sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt. Unter dem Erzählen erzürnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhältnissen und Rechten noch mehr und das Mißtrauen in seine Kräfte und Waffen gegen die Feinde, denen Luigi unterlag, und dieser Bruder selber, der ihn bisher in einer so harten unbrüderlichen Maske umarmen konnte. »Wie anders war die treue Schwester!« sagt' er. »Warum« (fuhr er fort) »ließ man mich so manchem stolzen harten Geiste so vielen Dank schuldig werden für mein bloßes – Geburtsrecht? – Warum traute man nicht meinem Schweigen ebensogut? – O so mußt' ich die arme Tote drobenEr meint Liane, welche Spener durch die feierliche Enthüllung von Albanos Geburt und Bestimmung einer unter lauter giftigen Blumen aufgewachsenen Liebe zu entsagen nötigte. verkennen, weil sie meinem geoffenbarten Stande in jener feindlichen Nacht am Altare ihr schönes Herz aufopferte! So mußt' ich durch Vermutungen und Vorsätze so manche rechte Seele verletzen! Wie unschuldig könnt' ich sein ohne dies alles!« – »Beruhigen Sie sich,« (sagte Siebenkäs mit feiner Rüge) »die Stärke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der Niederlage abgezogen; und was wäre ein Sieg auf leerem Schlachtfelde gewesen?«

Siebenkäs war vor dem glänzenden Stande und vor dem Feuer der Leidenschaftlichkeit, die er nur in gemeiner, nicht in edler Erscheinung kannte, um einige Schritte zurückgetreten, die Albano nicht bemerkte, weil er sie nicht voraussetzte. So gut es ging, suchte Siebenkäs – indem dessen innerer Mensch seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmählich wieder aufwickelte – den sanften Scherz wiederzugewinnen und in diese Blumenketten den heftigen Jüngling einzuschließen: »Ich freue mich,« (sagt' er) »daß ich der erste bin, der zu Ihrem Geburts- und Krönungstage Wünsche bringt, die aber alle in den einzigen gehen, daß Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mögen – denn Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landleute. – Außer dem haarhaarschen Prinzen, den der Ritter recht mit der Devise seines Ordensstifters Philipp trifft: ante ferit quam flamma micet, ist wohl niemand dabei zu bedauern als der Finanzstempelschneider, der jetzt nichts Neues zu schneiden erhält, da die Linie weiterregiert.« Er setzte noch leicht hinzu, weil er den schweren Wälder- und Wolken-tragenden Fels Gaspard nie gesehen: »Welches sonderbare Namenspiel, das noch wenige Cavalleros del Tuzone gespielt, ist es, daß er sich gerade la Cesara nennt, da, wie Sie wissen, die Spanier sich wie die alten Römer oft die Namen von ihren Taten und Begegnissen zuteilen. So ists aus den Pièces intéressantes T. I. überall bekannt, daß z. B. Orendayn sich den Namen la Pas zuerkannte, weil er 1725 den Frieden zwischen Österreich und Spanien unterschrieben – mit einem dritten Namen, Transport Réal, tauft' er sich ein, um es zu behalten und zu bemerken, daß er den Infanten nach Italien abgeführt. Cesara ist wohl freilich mehr Zufall.«

Albano wurde durch solche geistige Ähnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst recht seinem Herzen zugezogen. Er nahm Abschied von ihm und sagte: »Freund unsers Freundes, wollen wir beisammen bleiben!« – »Wahrlich, der Zweifel an der Entscheidung Ihres Schicksals, Prinz,« (versetzte Siebenkäs) »wäre allein dafür entscheidend, wenn nur mein Herz allein entschiede; aber –« Albano zuckte die Achseln wie entrüstet, schwieg aber. »So lange bleib' ich indes hier,« (fuhr jener sanfter fort) »bis der Hügel auf dem Seligen liegt; dann steck' ich das hölzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran.« – »Wohl! So werd' es!« (sagte Albano) »Aber seinen Hund nehm' ich, weil er mich länger kennt. Ich bin ein junger Mensch, noch jung an verlornen Jahren, aber schon sehr alt an verlornen Zeiten, und verstehe so gut wie mancher, den die Zeit bückt, was Menschen-Verlieren ist. Sonderbar ists, daß ich immer auf Gräbern Spiegel finde, worin die Toten wieder lebendig gehen und blicken. So fand ich auf Lianens Grabe ihr lebendiges Bild und Echo; meinen alten liegenden Schoppe fand ich, wie Sie wissen, auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege, durch das meine Hand ebensowenig durchkam. Ich versichere Sie, sogar meine Eltern werden mir vorgespiegelt, meinen Vater kann ich in einem Zylinderspiegel, und meine Mutter durch ein Objektivglas sehen. – Hier ist nun nichts zu tun, wenn man in einer Nacht steht, wo alle Sterne des Lebens hinunterziehen, als sehr fest darin zu stehen. – Aber zu meinem alten Humoristen muß ich noch Addio sagen.«

Er ging ins Leichenzimmer. Schweigend folgt' ihm Siebenkäs, betroffen über die ungewöhnliche Laune der – Schmerzen. Mit trocknen Augen zog Albano das weiße Tuch von dem ernsten Gesicht, dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze mehr zogen und das eisern hinschlief ohne Zeit. Der Hund schien den kalten Menschen zu scheuen. Albano suchte durch scharfe, heftige, trockne Blicke das Totengesicht bis auf jede Falte tief abzudrücken in sein Gehirn wie in Gips, zumal da ihm der lebendigste Abdruck, der Freund, entging. Dann hob er sich die schwere Hand auf die Stirn, die den Fürstenhut tragen sollte, gleichsam um sie damit zu segnen und einzuweihen. Endlich bückt' er sich auf das Gesicht nieder und lag lange auf dem kalten Mund; aber als er sich spät aufrichtete, weinten seine Augen und sein ganzes Herz, und er reichte dem Zuschauer bebend die Hand und sagte: »Nun, so lebe du auch wohl!« – »Nein,« (rief Siebenkäs) »ich kann das nicht, wenn ich gehe – Schoppe! ich bleibe bei deinem Albano!« –

Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte.

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