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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 162
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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141. Zykel

Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zurück. Er mußte nun in der plattgedrückten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben. Nur Pestitz wiederzusehen, wo alle Turniergenossen seiner glänzenden Tage verschwunden waren, den einzigen Dian ausgenommen, verabscheuete er; »hat dieser sein Grab auf der Brust, so zieh' ich und scheide von niemand«, sagte er.

Da langte der verhaßte Oheim mit den Wagen voll Zauberstäbe an und sagte weinerlich, er geh' ins Kartäuser-Kloster, büße für viele Sünden, und er wolle vorher dem Neffen gern alles erklären, sowohl mit Worten als mit den Wagen, was er begehre. »Ich glaub' Euch nichts«, sagte Albano. »Jetzt darf ich alle Wahrheit sagen, denn der Finstere tut mir nichts, ich denke, Cousin« (versetzte der Spanier) – »ist der da« (setzt' er leise mit einem scheuen Blick auf Siebenkäs dazu) »nicht der Finstere, Cousin?« Albano wollte nichts wissen und hören. Siebenkäs fragt' ihn, wer der Finstere sei. »Es sei der unendliche Mann,« (begann er) »sehr schwarz und finster, und sei zum erstenmal vor ihn geschritten über das Meer her, als er an der Küste stand vor einem Nebel – nachts hab' er ihn oft rufen hören, und zuweilen hab' er seine Bauchreden wiederholt – er sei ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen, sobald er nach Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt, daher hab' er sich in der Kreuzkapelle vor dem gegenwärtigen Herrn sehr gefürchtet – aber jetzt, seitdem er sich ohne allen Schaden in der Kapelle bekehret habe, sag' er den ganzen Tag Wahrheiten, und im Kartäuser-Kloster gedenk' ers noch mehr.«

»In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaub' ich, eben das Gelübde des Schweigens gefodert, das immer der Wahrheit zuträglicher ist als dessen Bruch«, versetzte Siebenkäs. »O Ketzer, Ketzer!« rief der Spanier so unerwartet zornig, daß Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen jetziger Wahrhaftigkeit Pfänder bekam, so wie von dessen engerm Geistes-Umfang. Nun erst fragt' er ihn über die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht, um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben.

Er ließ auf diese Frage einen Kasten herauftragen. »Fangt!« sagt' er. »Wie stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt?« sagte Albano. Der Oheim schloß auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: »Es war nur ihre Mutter.« Albano schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der Vermutung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe eingeflößet: »Bin ich ihr verwandt?« fragt' er schnell. Der Oheim versetzte bestürzt: »Es wird wohl anders sein.« Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mönch in Mola; »er oben mit Gas gefüllt, ich unten an der Mauer stand«, sagte der Oheim. Albano wollte nichts weiter wissen; im Kasten waren noch Hör- und Sprachröhre, eine Gesichtshaut, blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene Blumen mit Pulver von einem endormeur u. s. w.; Albano wollte nichts mehr sehen.

»Böses Wesen! wer stiftete dich dazu an?« fragte Albano. »Der starke Bruder,« (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewöhnlich) »er gab mir zu leben, und er wollte mich totschießen; denn er lacht sehr, wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden.« – »O keinen Laut darüber!« (rief Albano peinlich, dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Tränen-Feuer und Gift aussprützte) – »Unglücklicher! wie wurdest du der?« – »So? Bin ich unglücklich?« fragt' er eiskalt. Er berichtete – aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder Sprache in seiner eignen Rolle begegnete, indes er in fremdem Namen, z. B. des Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte –: er habe ein schwarzgraues und ein blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes Gedächtnis und habe daher Schauspieler werden wollen; weil er nichts zu tun gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber solang' er nicht improvisiert, sei es nicht gegangen. – Den Joseph Clark, der alle Verwachsene nachmachen können, und den Betrüger Price, der in dreifacher Person herumgegangen, hab' er immer im Sinne gehabt – Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des Ufers über dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt: »Peppo, Peppo!Josephchen. schluck das wahre Wort zurück, ich will das andere schon aussprechen« – Und von dieser Stunde an hab' er die Bauchsprache gekonnt – Er habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und fremde Leute ins Theater gut reden lassen, aber niemand in der Kirche, und das hab' ihn wohl ergötzt – Ein unaufhörliches Echo hab' er oft auf Felsen gegeben, so daß die Menschen gar nicht wußten, wenn sie fortgehen sollten. Er habe auch einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen, in allen Sprachen, zum Erstaunen des alten Generals.

»Wo war das?« fragte Siebenkäs. – Der Spanier kam zu sich und versetzte: »Ich weiß es nicht; ist es denn wahr? Omnes homines sunt mendaces, sagt die Heilige Schrift.« – »So wenig wahr« (sagte Albano) »als Euer finsterer Geist!« – »O Maria, nein« (sagt' er entschieden) – »wenn ich etwas weissagte, so macht' er ja, daß es doch eintraf; dann erschien er mir und sagte: siehst du, Peppo, aber sage nur keine Wahrheit! – Und in der Nacht, da ich neben Euch nach Lilar ging, ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin.« – »Das sah ich auch,« (sagte Albano) »er schwebte weiter, ohne sich zu regen.« – »Der war bloß einer,« (sagte Siebenkäs lächelnd) »der in einem fortschwimmenden Kahne mit versteckten Beinen stand, und nichts weiter.« – Da blickte der Spanier dieses Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an, womit er es bisher heimlich für den finstern Geist selber gehalten, murmelte Albano ins Ohr: »Sieh, dieses Wesen weiß es« und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten: »Die Sonne ist noch nicht untergegangen« und eilte, ohne auf Menschen-Bitten zu hören, deren Kraft ihm nie bekannt geworden, ohne Leid und Freud' davon, um noch vor Sonnenuntergang ins nahe Kartäuser-Kloster einzutreten. Alles Trug-Geräte hatt' er stehen lassen.

»Ein fürchterlicher Mensch!« (sagte Siebenkäs) »Als er vorhin einmal sich über etwas freuen wollte, sah er aus, als greif' ihm ein Schmerz über das Gesicht – Und daß er so dünn und hager dasteht und seitab blickt und die Silben verschluckt! – Ich weiß gewiß, er könnte töten, ohne die Miene zu ändern, nicht einmal zum Zorn.« – »O, er ist der finstere Geist, den er sieht – zitieren Sie ihn nicht!« sagte Albano, in eine ganz neue Welt wegeilend, die jetzt plötzlich vor seinen Geist gezogen war.

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