Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

Zweite Jobelperiode

Die beiden biographischen Höfe – die Sennenhütte – das Fliegen – der Haar-Verschleiß – die gefährliche Vogelstange – das in eine Kutsche gesperrte Gewitter – leise Bergmusik – das Kind voll Liebe – Herr von Falterle aus Wien – Tortursouper – das zersplitterte Herz – Werther ohne Bart – mit einem Schusse – die Versöhnung

10. Zykel

Mit jugendlichen Kräften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern durch das helle volle Mailand zurück, wo die Ähre und die Traube und die Olive oft auf einer Erdscholle zusammen grünen. Schon der Name Mailand schloß ihm einen Frühling auf, weil er, wie ich, an allen Mai-Wesen, an Maiblumen, Maikäfern, sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an der Kindheit selber. Dazu kam, daß er ritt; der Sattel war für ihn ein Rittersitz der Seligen, wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank, und jeder Gaul sein Pegasus. Auf der Insel war ihm in jener geistigen und körperlichen Ermattung, worin die Seele sich lieber in helldunkle Schäferwelten als in heiße staubige Kriegs- und Fechtschulen begeben will, die Aussicht in die nahen Rätsel und Kämpfe seines Lebens zuwider gewesen; aber jetzt mit dem Herzen voll Reise- und Frühlingsblut streckte er die jungen Arme ebensosehr nach einem Gegner als nach einer Freundin aus, gleichsam nach einem Doppelsiege.

Je weiter die Insel zurücktrat, desto mehr fiel der Zauberrauch um die nächtliche Erscheinung zu Boden und hinterließ ihm bloß einen unerklärlichen Gaukler aufgedeckt. Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen Gefährten. Schoppe und Augusti schüttelten die Köpfe voll Gedanken, aber jeder über etwas anders; der Bibliothekar suchte eine physikalische Auflösung des akustischen und optischen Betrugs; der Lektor suchte eine politische, er konnte gar nicht fassen, was der Schauspieldirektor dieser Totengräberszene eigentlich mit allem haben wollen.

Den einzigen Trost behielt der Bibliothekar, daß Alban an seinem Geburtstage dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe, die er nur – bleiben lassen dürfe, um aus dem Seher einen Myopen und Lügner zu fertigen: »Wollte Gott,« (sagt' er) »mir verkündigte einmal ein Ezechiel, daß ich ihn an den Galgen bringen würde – ich tät' es um keinen Preis, sondern brächte ihn ohne Gnade statt um den Hals um Kredit und Kopf.« – Auch seinem ungläubigen Vater schrieb Albano noch unterwegs mit einigem Erröten die unglaubliche Historie; denn er hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz, um Zurückhaltung an sich oder andern zu lieben. Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempen sich vor jedem Finger in sich zusammen; unter dem offnen Kopf hängt gern ein offnes Herz.

Endlich kamen sie, da helle Berge und schattige Wälder genug, wie durchlebte Tage und Nächte, hinter sie zurückgegangen waren, nahe vor das Ziel ihrer mit Ländern gefüllten Reitbahn, und das Fürstentum Hohenfließ lag nur noch ein Fürstentum weit von ihnen. Dieses zweite, das ein Tür- und Wandnachbar des erstern war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebäude ausgebrochen werden konnte, hieß, wie geographische Leser wissen, Haarhaar. Der Lektor erzählte dem Bibliothekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen, daß beide Höfe sich fast als Blutfeinde ansähen, nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte wären – da unter Fürsten Vetter, Oheim, Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter – als weil sie wirkliche wären und einander beerbten. Es würde mir zu viel Platz wegnehmen, wenn ich die Sippschaftsbäume beider Höfe – die ihre Gift- und Drachenbäume wurden – mit allen ihren heraldischen Blättern, Wasserschößlingen und Flechtmoosen für den Leser hereinsetzen wollte; das Resultat kann ihn beruhigen, daß dem haarhaarschen Fürstentume hohenfließische Land und Leute zustürben, falls der Erbprinz Luigi, der letzte hohlröhrige Schuß und Fechser des Hohenfließer Mannsstammes, verdorrte. Welche Herden von venezianischen Löwenköpfen Haarhaar ins künftige Erbland treibt, die da nichts verschlingen sollen als gelehrte Anzeigen und Wundzettel – und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern es da wie in eine Botany-Bay aussetzt, ist gar nicht zu sagen aus Mangel an Zeit. Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav, daß es nichts so herzlich wünscht als den höchsten Flor des Hohenfließer Finanz-Etats, Handel, Acker- und Seidenbaues und Gestütes und daß es im höchsten Grade jede öffentliche Verschwendung – diese Entnervung des großen Interkostal-Nervens (des Geldes) – als das stärkste kanonische Impediment aller Bevölkerung hasset und verflucht: »Der Regent« (sagt der echt menschenfreundliche Fürst von Haarhaar) »ist der Ober-Hirt, nicht der Schächter des Staats, sogar die Wollenschere nehm' er nicht so oft als die Hirtenflöte in die Hand; nicht über fremde Kräfte und Ehen ist unser Vetter (Luigi) Herr, sondern über seine, diese soll er ruinieren!« – –

Als sie ins Hohenfließische einritten, hätten sie einen Abstecher nach BlumenbühlIch habe schon gesagt, daß er da erzogen wurde bei dem Landschaftsdirektor von Wehrfritz., das seitwärts von Pestitz liegt, gleichsam in die Kinderstube Albanos (Isola bella ist die Wiege) machen können, wenn dieser nicht fortgeritten wäre aus Heißhunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem zweiten Abschiede, der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt. Die Reise, die Reden des Vaters, die Bilder des Gauklers, die Nähe der Akademie hatten an unserm Vogel Rok die Flügelfedern – die in seinem Alter zu lang sind, wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz – so aufgespreizet, daß sie im enggehäusigen Blumenbühl sich nur verstauchen konnten; beim Himmel, er wollte ja etwas werden im Staate oder auf der Erde, weil ihn so tödlich jene narkotische Wüste des vornehmen Lebens anekelte, durch dessen Lilienopium der Lust man schläfrig und betrunken wankt, bis man an doppelseitigen Lähmungen umfällt.

Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben – weils in einer Note stand –, daß Alban niemals nach Pestitz durfte, und zwar aus sehr guten Gründen, die dem Ritter allein bekannt sind, aber nicht mir. Dieser lange Torschluß der Stadt schärfte nur seine Sehnsucht darnach noch mehr. – Sie standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhöhe, wo sie die Pestitzer Kirchtürme in Westen vor sich sahen und – wenn sie sich umkehrten – unten den Blumenbühler Turm in Morgen; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes Mittagsgeläute her; Albano hörte seine Zukunft und seine Vergangenheit zusammentönen. Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Häuschen auf einem nahen Berge, das ihm wie eine hell bemalte Urne längst ausgewischter Tage nachglänzte; er seufzete; er blickte über die weite Baustelle seines künftigen Lebens und sprengte nun mit verhängtem Zügel nach den Lindenstädter Türmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu. – –

Aber das nette Häuschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus. Ach hatt' er denn nicht in dieser Sennenhütte einmal einen träumenden Tag voll Zufälle verlebt, und noch dazu in jener kindlichen Zeit, wo die Seele auf der Regenbogenbrücke der Phantasie trocknes Fußes über die Lachen und Mauern der untern Erde wegschreitet? – Wir wollen in diesen lieben Tag, in dieses kindliche Vorfest des Lebens, jetzt mit ihm zurückgehen und die frühern Stunden kennen lernen, die ihm so schön mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhütte nachklingen. –

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.