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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 158
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Vierunddreißigste Jobelperiode

Schoppes Entdeckungen – Liane – die Kreuzkapelle – Schoppe und der Ich und der Oheim

137. Zykel

Da Schoppe seinen großen Degenstock mitgenommen: so vermutete Albano, daß er als Würgengel zum Spanier gegangen. Er eilte in den Gasthof des Oheims. Ein Bedienter sagte ihm, ein Rotmantel mit einem dicken Stocke sei dagewesen und habe vor den Herrn gewollt, aber man habe ihn auf des letztern Befehl ins Schloß geschickt, unterdessen sei der Herr nach dem Prinzengarten abgereiset, um dem starken Bruder entgegenzusehen. Albano fragte: »Wer ist der starke Bruder?« – »Dero Herr Vater«, versetzte der Bediente. Albano eilte auf das Schloß. Hier war laufende Verwirrung um das Krankenbette des Fürsten, der es bald mit dem Paradebette zu vertauschen drohte. Eilige Diener begegneten ihm. Einer konnt' ihm sagen, er habe einen Rotmantel ins große Spiegelzimmer gehen sehen. Albano trat hinein, es war leer, aber voll seltsamer Spuren. Ein großer Spiegel lag auf der Erde, eine Tapetentür darhinter stand offen, ein offnes Souvenir, Räder und weibliche Kleidungsstücke waren um einen wächsernen alten Kopf verstreuet. Ihm war, als seh' er etwas, was er schon gesehen, und konnte sichs doch nicht nennen. Plötzlich erblickte er in einem Eckspiegel tief hinter seinem jungen Gesicht sich noch einmal, aber mit Alter bedeckt und dem wächsernen Kopfe ähnlich. Er blickte sich um, ein erhobner Spiegel-Zylinder schloß ihm gleichsam die Zeit auf, und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter.

Schaudernd verließ er das sonderbare Gemach. Eine Kammerfrau Juliennens stieß ihm auf, sie konnte ihm sagen, daß sie den »Schatten-Schneider« im roten Mantel mit einem Perspektive in der Hand über den Schloßhof habe hinausgehen sehen. Er eilte nach, da kam ihm Augusti unter dem Tore entgegen mit der Bitte des Fürsten, ihn noch einmal zu besuchen; »jetzt unmöglich, ich muß erst den wahnsinnigen Schoppe wieder haben«, versetzt' er. In seiner Brust lebte nur der Feind; auch nahm er den Fürsten nur für die Maske seiner sprechsüchtigen Schwester. »Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumenbühl«, sagte der Lektor. Er flog davon. Am Tore wurde Augustis Nachricht von der Wache bestätigt.

Auf der Blumenbühler Straße begegnete ihm der Wagen des Hofpredigers Spener, der zum Fürsten fuhr. Albano fragte nach Schoppe. Spener berichtete, er habe mit ihm, da er vor einem einzelnen Hause, einer kranken alten Beichttochter wegen, eine Stunde lang gehalten, viel gesprochen, ihn gesund, ungemein vernünftig, nur älter und zurückhaltender als gewöhnlich gefunden. Auf die Frage nach seinem Wege versetzte der Hofprediger: er sei nach der Stadt. Das schien ihm unmöglich, aber Speners Leute bestätigten es vom Grünrock. Albano sprach von einem roten Mantel, alle und Spener blieben bei dem grünen Rock.

Er kehrte wieder um in sein eignes Haus, wo vielleicht ihn selber, dacht' er, Schoppe suche und erwarte. Der Leibeigne des Doktors, der hagere Malz, sprang ihm mit der Nachricht entgegen, Herr v. Augusti hab' ihn eben gesucht, und der kranke Herr sei zum alten Tor hinaus spazieren gegangen in einem neuen grünen Rock. Es war die Straße nach dem Prinzengarten, die er nach Albanos Vermutung gewiß genommen, sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden. Draußen wurde sie durch Falterle bestätigt, welcher erzählte, er habe bei dem Austritt ihn eingeholt und sogleich befragt: »Wohin so eilig, Herr Bibliothekar?«; darauf sei er still gestanden, hab' ihn ernsthaft angesehen und die Antwort gegeben: »Wer sind Sie? Sie irren sich« und sei fortgegangen. Albano fragte nach der Kleidung; »in grüner«, versetzte Falterle. Jetzt war sein Weg entschieden. Der müßige Reiter konnte sogar bekräftigen, daß der Oheim früher denselben genommen.

Spät abends kam Albano im Prinzengarten an. Er sah einige Wagen an dem Hofe des kleinen Gartenschlosses. Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters, die ihm sagen konnten, Schoppe sei ruhig, froh und lange in dem Garten mit einem Herrn von Hafenreffer aus Haarhaar umhergegangen und mit ihm nach der Stadt gefahren. »An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Wärter«, dachte Albano, und der kalte Regen, der ihn bisher quälte, war weggezogen, obgleich der Himmel noch trübe blieb. Er wich mit seinem angegriffnen Herzen, das in dieser Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war, jeder Gesellschaft und dem Lustschloß aus. Fern vorübergehend, wagt' er es, einen traurigen Blick auf die Schlummerinsel zu werfen, wo Roquairols Grabhügel, wie ein ausgebrannter Vulkan, neben der weißen Sphinx zu sehen war. »Still liegt endlich das unbändige Schwungrad um, aus dem Strom der Zeit gehoben, nur mit dem Grabe schloß sich der Janustempel deines Lebens zu, du gequälter und quälender Geist«, dachte Albano voll Mitleiden, denn er hatte den Toten sonst so sehr geliebt. Droben auf dem Gartenberg mit einem Lindenbaum ruhte seine sanfte Schwester, der freundliche, liebliche Friedensengel mitten im Kriegsgetümmel des Lebens, sie der ewige Friede, wie er der ewige Krieg. Er beschloß, hinaufzugehen und allein oben bei der Himmelsbraut zu sein und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet aufzusuchen, unter welchem ihre Blumen-Asche sich vor den Stürmen zugedeckt. Da er den Vorsatz nur dachte, so drangen Tränenströme wie Schmerzen aus seinen Augen; denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn träumerisch-aufgelöset und so manches Unglück in so kurzer Zeit dazu, das ihm das schöne feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgraben hatte.

Als er in der noch mondlosen, aber sternenreichen Dämmerung, worin nur der Abendstern der Mond war, gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne, den Hügel hinaufging: sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig winken, als wollten sie ihm den Gang verbieten. Er ging unbekümmert weiter, ja er wußte nicht einmal, ob nicht sein vom Wachen glühendes und von Lebens-Stößen erschüttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern lasse.

Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen Kloster-Garten der stillen Nonne, worin der Lindenbaum laut sprach und die stillen Blumen wie Kinder über der Ruhenden spielten und sich neigten und wiegten. Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen über die kleine Erdenstelle her, über den geheiligten Ort, wo sich Lianens Hülle, das kleine Licht- und Rosenwölkchen, niedergesenkt, als es den Engel nicht mehr zu tragen hatte, der in den Äther gegangen war und aller Wolken nicht mehr bedurfte. Plötzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weiße Gestalt an die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendröte gewandt; lange schauete er an der seitwärts gekehrten Gestalt die himmlisch-herabsteigende Antlitz-Linie an, womit Liane so oft als eine Heilige unbewußt neben ihm gestanden – noch glaubt' er, ein Traum, der Proteus der menschlichen Vergangenheit, ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel' es vor, und er erwartete das Vergehen. Es blieb, aber ruhig und stumm. Hinkniend, wie vor der offnen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklärung und Gottheit, und aufgerissen aus den Erden-Tälern, rief er aus: »Erscheinung, kommst du von Gott, bist du Liane?«, und ihm war, als sterb' er.

Schnell blickte die weiße Gestalt sich um und sah den Jüngling, sie stand langsam auf und sagte: »Ich heiße Idoine, ich bin unschuldig an der harten Täuschung, sehr unglücklicher Jüngling.« – Da bedeckte er seine Augen, aus schnellem Schmerz über die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit. Darauf sah er die schöne Jungfrau wieder an, und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer verklärten Ähnlichkeit mit der Toten; so lächelte sonst Lianens zarter Mund im Lieben und Trauern, so öffnete sich ihr mildes Auge, so ging ihr feines Haar um das blendend-weiße, gefällige Angesicht, so war ihr ganzes schönes Gemüt und Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemalt – Nur stand Idoine größer da, wie eine Auferstandene, stolzer und länger ihre Gestalt, blasser ihre Farbe, denkender die jungfräuliche Stirn. Sie konnte, da er sie so schweigend und vergleichend anblickte, sich der Rührung über den getäuschten Unglücklichen nicht erwehren, und sie weinte, und er auch.

»Betrüb' ich Sie auch?« sagte er in höchster Bewegung. Mit dem Sprachtone der Jungfrau, die unter den Blumen lag, sagte unschuldig Idoine: »Ich weine nur, daß ich nicht Liane bin.« Schnell setzte sie hinzu: »Ach diese Stelle ist so heilig, und doch ists der Mensch nicht genug.« – Er verstand ihre Selbst-Rüge nicht. Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemächtigten sich seiner, das Leben stand glänzend aus der engen, bangen Wirklichkeit auf, wie aus einem Sarg, der Himmel sank näher herzu mit hohen Sternen, und beide standen mitten unter ihnen. »Edle Fürstin,« (sagt' er) »hier entschuldigen wir uns beide nicht – Die heilige Stelle nimmt, wie eine zweite Welt, das Fremdsein weg – Idoine, ich weiß es, daß Sie mir einst den Frieden gegeben; und vor der verborgnen Hülle des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen, dank' ich Ihnen hier.«

Idoine antwortete: »Ich tat es, ohne Sie zu kennen, und darum konnt' ich mir den kurzen Gebrauch oder Mißbrauch einer entfliehenden Ähnlichkeit erlauben. Hätt' es von mir abgehangen, so hätt' ich Sie nie mit einer so unbedeutenden, wie eine äußere ist, doch so schmerzlich erinnert. Aber ihr Herz verdient Ihr Andenken und Ihre Trauer. Man schrieb mir, Sie wären nicht mehr in Lindenstadt.« – Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen. »In einigen Tagen« (antwortete er) »werd' ich auch reisen. Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes und der Wüste, der mein Leben stille macht.« – »Ernste Tätigkeit, glauben Sie mir, söhnet zuletzt immer mit dem Leben aus«, sagte Idoine, aber die ruhigen Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen, denn durch Hülfe ihrer Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge bekommen, und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen.

Er sah sie hier scharf an, ihre Nonnen-Augenlider, die immer unter dem Sprechen sich über die ganzen großen Augen niedersenkten, machten sie einer entschlummerten Heiligen so ähnlich; – er wurde von ihren letzten Worten an ihr fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert, wo der bunte Blütenstaub ihrer Ideen und Träume, ungleich dem schweren toten Goldstaub des bloßen Reichtums, leicht im heitern Leben flatternd, unbemerkt belebend, endlich feste Wälder und Gärten auf der Erde ausbreitete – alles in ihm liebte sie und rief: nur sie könnte deine letzte wie deine erste Liebe sein – und sein ganzes Herz, durch Wunden offen, war der stillen Seele aufgetan. Aber ein ernster, harter Geist schloß es wieder zu: »Unglücklicher, liebe keine mehr, denn ein dunkler Würgengel geht hinter deiner Liebe mit dem Schwert, und welche Rosenlippe du an dich drückst, diese berührt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze, und dann vergeht oder verblutet sie.« –

Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen; denn Idoine hatte das Gelübde getan, nie unter ihrem Fürstenstande die Hand zum Bunde der Liebe zu reichen. So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel, eine Sonne und ein Mond, durch eine Erde getrennt. Sie beschleunigte ihre Entfernung. Albano hielt es nicht für recht, sie zu begleiten, da er jetzt erriet, daß die graugekleideten Menschen, die ihn zurückgewinket, ihre Bedienten gewesen, ihr die Einsamkeit zusichern sollen. Sie reichte ihm an der Gartentüre die Hand und sagte: »Leben Sie glücklicher, lieber Graf; einst hoff' ich Sie so glücklich wiederzufinden, als Sie sich machen sollen.« Die Berührung der Hand wie einer himmlischen, die sich aus den Wolken gibt, durchströmte ihn mit einem verklärten Feuer jener Welt, wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben, und die hohe, Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz; – er konnte nicht sagen, was er in sich besiege und bedecke, aber auch kein anderes kaltes verkleidetes Wort; – er kniete nieder, drückte ihre Hand an die Brust, sah weinend an den Sternenhimmel und sagte bloß: »Frieden, Allgütiger!« – Idoine wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den kleinen Hügel in den Prinzengarten hinunter.

Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht fliegen, in der sie gern zu reisen wagte. Um den Hügel war es dunkel, die Abendröte und der Abendstern waren untergegangen, die Erde wurde ein Rauch und Schutt der Nacht, am Horizont bauete ein Trauergerüst von Wolken sich auf. Aber in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges, ein lichter Punkt in der Finsternis des Herzens. Und als er den Leucht-Atom anschauete, breitete er sich aus, wurde ein Glanz, eine Welt, eine unendliche Sonne. Jetzt erkannt' er es, es war die rechte unendliche und göttliche Liebe, welche schweigen kann und leiden, weil sie nur ein Glück kennt, aber nicht das eigne.

Er war erfreuet über das Überhüllen seiner Brust und über seinen Entschluß, sie nicht wiederzusehen in der Stadt. »So still« (sagt' er halb betend, halb sprechend) »will ich sie ewig lieben – ihre Ruhe, ihr Glück, ihr schönes Streben bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer Himmels-Schwester – Aber wenn die Schlacht für das Recht anfängt und die Töne neben den Fahnen in die Höhe wehen und das Herz eifriger schlägt, um stärker zu bluten, dann ziehe dein Bild, o Idoine, mir im Himmel voran, und ich streite für dich; und wenn im Getümmel ein unbekannter Würgengel die giftige Schneide über die Brust zieht: so will ich im ermattenden Herzen dich festhalten, bis mir die Erde vergeht.«

Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des jungfräulichen Herzens, er fühlte, Liane allein dürf' es wissen, und sie werd' ihn segnen.

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