Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 155
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

134. Zykel

Albano wollte seinen Freund früher befreien als rächen; daher wollte er erst zu Schoppe eilen und dann zum Oheim. Aber als er an des letztern erleuchteten Zimmern vorüberging, erfaßte ihn ein plötzlicher Zorn, und er mußte hinauf. Der lange, hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jüngling mit der Dohle auf der Hand langsam entgegen. Albano warf ihm ohne Umstände seine Doppel-Rolle, sein himmelschreiendes Zerstören Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit Flammenaugen vor und forderte Antwort und Rache. »Ja, ja,« (sagte der Spanier, seine Diablesse streichelnd) »ich habe die Pistolen – ich habe keine Zeit, keine Zeit zum Reden.« – »Sie müssen sie haben«, sagte Albano. – »Ich habe keine deo patre et filio et spiritu sancto testibus; es ist bald zwischen 11 und 12, und der Finstere steht hier.« – »Himmel! wozu diese einfältige tragische Szenerie? O Gott, ist es denn nicht möglich, daß Ihr einmal Mensch seid,« (sagte Albano, mit Grausen in seine Gesichtshaut blickend, die durchaus nicht freudig und nicht liebend aussehen konnte) »daß Ihr erschrecken, erröten, bereuen, Euch erfreuen könnt? – Was wußten Sie von meinem Schoppe, da Sie sich einst im Keller bei Ratto als Kahlkopf anstellten, als wüßten Sie eine fürchterliche Tat von ihm?« – »Niemand braucht etwas zu wissen,« (versetzt' er) »man sagt zum Menschen: ich kenne deine verruchte Tat, der Mensch denkt zurück, er findet so eine.« – »Aber was hatt' er Ihnen getan?« fragte Albano erschüttert. Er versetzte trocken: »Er hat zu mir gesagt: du Hund! – Es schlägt 11 Uhr, ich sage nichts mehr, als was ich will.«

Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack, wies ihm, daß sie nicht geladen wären, bat eine zu laden (er gab ihm Pulver und Blei), aber die andere nicht. »In den Sack, jede in den Sack,« (sagt' er) »wir losen!« Je kühner, je besser, dachte Albano. Der Spanier rüttelte beide um und ersuchte Albano, mit dem Fuße auf eine zu treten zum Wahlzeichen. Es geschah. »Wir schießen zugleich,« (sagte der Oheim) »sobald es die zwei Viertel ausschlägt.« – »Nein,« (sagte Albano) »schießet bei dem ersten Schlag, ich bei dem zweiten.« – »Warum nicht?« versetzte jener.

Sie stellten sich in den entgegengesetzten Zimmer-Winkeln einander gegenüber – mit den Pistolen in den Händen den Schlag halb zwölf Uhr erwartend. Der Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu. Als Albano in dieses geschlossene Büsten-Gesicht sah, kam ihm vor, als könne an einem solchen Wesen gar keine Sünde begangen werden, geschweige ein Totschlag. Plötzlich murmelten im leisen Zimmer fünf Stimmen durcheinander, als kämen sie von den alten Philosophen-Büsten an den Wänden; der Vater des Todes, der Kahlkopf, die Dohle schienen zu reden und eine unbekannte Stimme, als sei es der sogenannte Finstere. Sie sagten untereinander: »Finsterer, nicht wahr, ich habe keine Wahrheit gesagt? – Ich bringe fünf Tränen, aber kalte – Ich trage die Räder des Leichenwagens auf dem Kopf – Ich führe das Panthertier am Strick – Ich schneid' es los – Ich zeige mit dem weißen Finger auf Ihn – Ich bringe den Nebel – Ich bringe den kältesten Frost – Ich bringe das Schreckliche.« –

Hier tat es den ersten Glockenschlag, und der Spanier schoß ab, – bei dem zweiten feuerte Albano – beide standen unverwundet da; Pulverdampf zog umher, aber eine Zersplitterung erschien nirgends, als sei die Kugel nur eine mit Quecksilber gefüllte gläserne gewesen. Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano wegen der vorigen Stimmen an; »ich mußte«, sagte der Oheim.

Plötzlich brach der Lektor atemlos herein, den Julienne abgeschickt, um einen wahrscheinlichen Zweikampf zu hindern. »Graf!« (stammelte er) »ist etwas geschehen?« – »Es muß« (versetzte der Oheim) »in der Nähe etwas geben, der Dampf zog herein; wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen.« Er klingelte und befahl dem Bedienten, den Wirt zu befragen, wer so spät noch abfeuere. Albano staunte und konnte scheidend nur sagen: »Es sei! Aber fürchtet den Wahnsinnigen, den ich loskette!« – »Ach tuts nicht!« sagte der Spanier und schien zu fürchten.

Augusti begleitete ihn auf die Gasse und ließ ihn nur nach dem Ehrenworte los, nicht wieder hinaufzugehen. Albano aber flog noch in der späten Nacht dem Hause des Jammers und dem gekränkten Herzen zu.

 << Kapitel 154  Kapitel 156 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.