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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 154
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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133. Zykel

Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag, niemand erschien, kein Mensch wußte von ihm. Am zweiten Morgen lief das Gerücht, die Gräfin sei in der Nacht und Gaspard am Morgen abgereiset. »Hat Schoppe beide durch Wahrheit fortgetrieben?« fragt' er sich verlassen und allein. Vergeblich spürte er Schoppe mehrere Tage nach; nicht einmal gesehen war er worden. »Auch du, lieber Schoppe!« sagt' er und schauderte über die Grausamkeit des Schicksals gegen sich. Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah: so war ihm auf einmal, als würde sein Leben plötzlich erleuchtet und ein Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit; es sprach in ihm: »Was ist denn da gewesen? Menschen – Träume – blaue Tage – schwarze Nächte – ohne mich hergeflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann. Was ist dageblieben? Ein weites Weh über das ganze Herz – aber das Herz auch – Es ist freilich leer, aber fest – unzerrüttet – heiß – Die Geliebten sind verloren, nicht die Liebe, die Blüten sind herunter, nicht die Zweige – Ich will ja noch, wünsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen – Noch hab' ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und das Auge zum Schauen der Welt – – Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird, – du allein. – Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im Kerker – – Nein, ich will sein, nicht haben. Wie, kann der heilige Sturm der Töne nur ein Stäubchen rücken, indes die roh' bewegte Luft Aschenberge versetzt? Nur wo gleiche Töne und Saiten und Herzen wohnen, da bewegen sie sanft und ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle nichts ändern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehört und gehorcht, nicht den Tönen.«

Hier fand ihn der Lektor Augusti, der mündlich von der Prinzessin Julienne inständige Bitten brachte, mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen, wo sie ihm die wichtigsten Worte über Schoppen zu sagen habe. Er ging leicht mit; über das bedeckte Schicksal seines Schoppe erwartete er am ersten bei ihr Aufschluß; auch sah er aus der kühnen Wahl des Boten, wie wichtig der armen Schwester seine Erscheinung sei.

In Gaspards Zimmer verließ ihn Augusti schnell, um ihn anzukündigen und – allein zu lassen. In seinem Leben ging jetzt ein langer Donner; kam er vom Himmel, von einem Strome, oder nur von einer Mühle, das wußt' er noch nicht. Julienne stürzte weinend herein, konnte nicht sprechen vor heftigem Herzen: »Du gehst fort?« fragte sie. »Ja!« sagt' er und bat sie sehr, weniger heftig zu sein; denn er wußte, wie leicht ihn fremder Ungestüm ansteckte, da er ohne Zorn nicht einmal lange Schach spielen oder fechten konnte. Sie flehte ihn noch heftiger, nur zu bleiben, bis Gaspard wiederkomme. – »Kommt er wieder?« fragte Albano. »Wie anders? Aber die Unwürdige nicht«, sagte sie. – »Julienne,« (versetzt' er ernst) »o sei nicht so hart gegen sie wie das Schicksal – und lasse mich schweigen!« – »Ich hasse jetzt alle Männer und dich auch« (sagte sie) – »Das kommt aus poetischen Gemütern heraus. – O welche rechtschaffene Braut hätte sich so leicht von einem solchen Selbstmörder verblenden lassen, welche? – Aber ich sehe, du weißt nicht alles.« – »Dients aber zu was?« fragte er. –

Sie fing, verwundert über diese Frage, ohne Antwort die Erzählung an.

Am Tage, wo Albano Schoppen gefunden, wollte Julienne ihre Freundin Linda, die sie seit dem Abende des Trauerspiels nicht gesehen, wieder besuchen. Alle Zimmer in Lilar waren dicht verhangen gegen den Tag. Julienne fand sie in der Finsternis sitzend, mit niedergesenkten, halboffnen Augen, äußerlich sehr ruhig. Nur in langen Zwischenräumen fiel eine kleine Träne aus den Augen heraus. Der reißende Strom ging hoch über die Räder ihres Lebens, und sie standen tief unter ihm still. »Bist du es, Julienne?« (sagte sie sanft) »Verzeih die Finsternis; Nacht ist für meine Augen jetzt Grün. Es tut mir weh, etwas zu sehen.« Die Brautfackel ihres Daseins war ausgelöscht, nun wollte sie Nacht zur Nacht.

Julienne tat bange Fragen der Verwunderung; sie gab keine Antwort darauf. »Ists ein Unglück zwischen dir und meinem Bruder?« fragte Julienne, in welcher die Verwandtschaft immer wärmer sorgte als die Freundschaft. »Erwarte nur den Ritter,« (antwortete sie) »ich hab' ihn herbitten lassen.«

Er trat eben herein. Sie bat ihn, sich in diese kurze Nacht zu fügen. Nach einigem Schweigen stand sie stolz vom Stuhle auf, die schwarzgekleidete lange Gestalt hob vor dem Ritter, den sie nicht sah, die großen Augen gen Himmel, ihr stolzes Leben, bis jetzt ins Leichentuch gewickelt, schlug das Tuch zurück und stand blühend von Toten auf, und sie redete den Ritter an: »Verehrter Gaspard, Sie versprachen es mir, so wie auch mein Vater, daß dieser an meinem Hochzeitstage mir erscheinen werde. Der Tag ist vorbei. – Ich bin eine Witwe. Nun erschein' er mir.«

Hier unterbrach sie der Ritter: »Vorbei? – O, ganz recht! Ist er denn etwas Gescheuteres und Sittlicheres als ein Mensch?« – und spottete wider seine Weise zornig-aufglühend, weil er glaubte, von Albano, dem er so lange vertrauet, sei die Rede.

»Sie verkennen mich,« (sagte Linda) »ich spreche von einem Verstorbenen.« Vor Julienne fuhr plötzlich Roquairols Schatte, ferne Anklänge der Fürstin hatten ihn eingeläutet: »Allmächtiger Gott,« (schrie sie auf) »des verfluchten Selbstmörders Spiel hat Wahrheit?« – »Er spielte, was geschah« (sagte Linda ruhig) – »Wir brechen ab. Ich reise. Ich verlange nichts als meinen Vater.« Hier hielt Gaspard den von Starrsucht versteinerten Arm, wie von einem gezückten Dolch bewaffnet, gegen die Gräfin – die Finsternis machte die Erscheinung schwärzer und wilder – aber er brach das Eis des Todes wieder mit kalten Händen entzwei und bewegte sich und antwortete mit gelähmter Zunge: »Teufel und Gott! Der Vater ist da! – Der wird alles so nehmen – wie es ist – Weiß Ers?« – »Wer?« fragte Linda. – »Und was beschloß Er? – Himmel! Albano nämlich.« – Gaspard hatte in der Leidenschaft zugleich Cromwells Blödsinn der Zunge und dessen Schlausinn der Taten; und blieb daher jeder Aufwallung, sogar der liebenden, so gram und fern wie »der Dummheit, die ihm« (wie er sagte) »noch viel verhaßter sei als das gerade Laster«. –

»Ich weiß nicht« (sagte Linda) – »Ich gehöre allein dem Toten an, der zweimal für mich gestorben ist. Sagt das meinem Vater. O ich wär' ihm längst nachgefolgt, dem Ungeheuren, ins tiefe Reich; ich stände nicht hier vor dem kalten bösen Tadel oder der christlichen Verwunderung, da es noch Dolche gegen das Leben gibt! – Aber ich bin Mutter, und darum leb' ich!« –

»Noch diesen Abend seh' ich Sie wieder«, sagte Gaspard gefasset und eilte hinweg. »Ich glaube, liebe Julienne,« (sagte Linda) »jetzt verstehen wir uns nicht mehr so recht, wenigstens nicht bis zum höchsten Punkte, so wie wir früher über Ihre belle-soeur differierten und Sie an ihr die Koketterie, ich aber gerade die Prüderie groß und unsittlich fand.« – »Das ist wohl wahr,« (sagte Julienne kalt) »Sie sind so wahrhaftig poetisch, ich bin so prosaisch und altfromm. Ein Ungeheuer darum zu lieben, weil es mich so grausam betrügt wie seine Regimentskasse, oder weil es sich genialisch so viele Freiheit lässet als seinem Regimente, oder weil es nach seinem Tode noch Rollen für die übrigen Schauspieler nachlässet oder Briefe an mich Betrogene« – – »Tat er das?« fragte Albano. – »Sie pries es sogar als genialisch an ihm« (versetzte Julienne) – »Einen solchen zu lieben, sagt' ich, oder solche Leute, die ihn lieben, dazu find' ich in mir kein Herz. Leben Sie denn so wohl, als es gehen mag.« Linda antwortete: »Ich hasse alle Wünsche«; gab ihr die Hand, drückte sie nicht, schwieg still und sah in ihre Nacht. Sie wußte wenig vom leichten und schlaffen Abschied der verlornen Freundin.

Noch in derselben Nacht reisete Linda, nachdem sie ganz allein lange mit dem Ritter gesprochen, in einem Wagen ohne Fackeln, in ihre Schleier gehüllt, ganz einsam ab, und niemand wußte, ob sie geweinet oder nicht.

Als Albano seine Schwester ausgehört hatte, sagte er mit sanfter, bewegter Stimme: »Schließe Frieden mit der Vergangenheit, sie kann der Mensch nicht stürmen. Der großen Unglücklichen lasse die Nacht, in die sie selber hineingezogen ist. – Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben? Besonders weißt du etwas von meinem Schoppe, so fleh' ich darum.«- »Ich antworte dir,« (sagte sie weinend und verwundert) »aber Bruder, beteuere, daß deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglücks ist – Ich kenn' euch Männer darin, man sollt' euch alle hassen, und ich tu' es auch.« »Ich habe nichts Trübes vor, vor Gott bezeug' ichs. Ihr Weiber, die ihr euere Hölle erst ausgießen wollt mit Tränen und ausblasen mit Seufzern, begreift nicht, daß oft eine einzige Stunde Denken dem Manne einen Stab oder Flügel geben kann, der ihn auf einmal aus der Hölle hebt, und dann mag sie fortbrennen.« – »So zeige mir« (sagte sie weinerlich-komisch) »deinen Flügel.« – »Daß ich« (versetzt' er) »nicht auf Menschen baue, sondern auf den Gott in mir und über mir. Der fremde Efeu geht um uns herum, an uns herauf, steht als ein zweiter Gipfel neben unserem, und der ist dadurch verdorrt. Die Geister sollen nebeneinander, nicht aufeinander wachsen. Wir sollten lieben wie Gott, als Unvergängliche die Vergänglichen.« –

»Recht gut,« (sagte sie) »wenns dir nur Ruhe schafft. Was deinen armen Schoppe betrifft, so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt, aber hör erst ordentlich. Er kramte ein Märchen von einer zweiten Schwester von dir bei deinem ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus. Man konnt' ihm diese neue Verstandes-Verwirrung hingehen lassen; aber dein Oheim wurde gerufen, der ihm ins Gesicht sagte, er habe den Kahlkopf ermordet; und ihm wurde stolz die Wahl zwischen Gefängnis und Irrhaus gelassen; so begab er sich in dieses. Bleibe, bleibe! Das Wichtigste kommt. Wie ich auch von ihm denke, ich sehe, er ist dein redlicher Freund; und frei heraus zu reden, sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbitte im letzten Blatte an mich für ihn ein. Nicht bloß die närrische Reise nach Spanien macht' er für dich, auch deine Kur; vielleicht bist du ihm das Leben schuldig. Mich wundert, daß ich oder irgend jemand es dir noch nicht gesagt.«

Sie fing an mit Idoinens mildtätigem festen Charakter, mit ihrem Arkadien und mit dem letzten Tage, da sie bei ihr gelebt und ihr in die helle Seele geblickt. Sie kam dann an sein Fieber- und Trauerbette neben Lianens Bahre und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schönen Sieg, da er die verklärte Liane endlich in Idoinens Gestalt vor sein Auge gebracht, damit sie das Heil-Wort sage: habe Frieden!

Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden: »Darum« (fuhr sie fort) »halt' ichs für Pflicht, mich deines Freundes ein wenig anzunehmen. Der arme Teufel ist unschuldig – durch Gewissensbisse und selber durch seinen jetzigen Ort kann er das, was er von Verstand noch hat, vollends verlieren – ganz unschuldig, sag' ich; denn dein Oheim, den ich längst hasse und der nur erst vor kurzem, aber vergeblich versuchte, meinem kranken Bruder geistermäßig und mordmäßig zu erscheinen – er hätt' es auch bei Lianen wohl getan, wenn sie es erlebt hätte –, dieser Mensch ist – warum darf ichs nicht ruchbar machen, da sich alles geändert und umgeworfen – eine und eben dieselbe Person mit dem Kahlkopf und ein Bauchredner – Bruder!?«

Aber Albano war ihr schon entflogen.

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