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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 151
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor, und die schwarze Dohle sprach sogleich: »Die Sünde straft die Sünde und den Feind der Feind; zaumlos ist die Liebe; zaumlos auch die Rache – Seht, nun kommt der Mensch, den sie nicht mehr lieben, und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn.« – Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf niederzog – unendlich weinend und trinkend – sanfte Abend-Töne der Musik verschmolzen mit dem aufgelösten Leben: – »Ach so ists!« (rief er aus tiefer, schmerzender Brust) »Wirf sie nur endlich weg, die zwei letzten Rosen des LebensLiebe und Freundschaft. – zu viele Bienen und Stacheln stecken in ihnen – sie ziehen dein Blut und geben dir Gift – O wie ich liebte! Allmächtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht dich! – Und nun so steh' ich leer und arm und kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein einziges Herz, nicht mein eignes – das ist schon hinunter ins Grab – Der Docht ist aus meinem Leben gezogen, und es rinnt dunkel hin – O ihr Menschen, ihr dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, daß es noch Liebe gebe hienieden? Schauet mich an, ich habe keine – Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe, ein Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende Wolken, als binde und trag' er sie – Spaßhaft! er ist auch Wolke und lauter Fall – anfangs glänzen bunte Freudentropfen, dann schlagen schwarze!« –

Er schwieg – ging langsam auf und ab – sah ernst einem Waffen- und Larventanz innerer Gespenster zu – stand still – die Schatten schwarzer Taten spielten durcheinander um ihn – plötzlich fuhr er auf, ein Wetterstrahl eines Gedankens hatte in sein Herz geschlagen – er lief auf und ab, schrie: »Töne her, gräßliche Töne her!« – und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens – »Göttlich!« sagte er, und nur einzelne Worte, nur Tigerflecken erschienen verschwindend am vorübergehenden Untier – »teuflisch! – das Rosen-Sein, das Blüten-Sein – nun ja! – – ich wickle mich selber in die Lauwine und roll hinunter – und dann sterb' ich schön auf meiner Schlummerinsel«, beschloß er sanft und matt.

»O Lilia! gewähre mir eine Bitte!« rief er der kommenden Schwester entgegen. »Jede, die mich nicht am Sterben hindert«, sagte sie. Er legte ihr die Bitte vor: sie sollte ihre Freundin Athenais in die »Nachtlaube« der Insel jetzt nachts unter dem Vorwand bereden, daß ihr Bräutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse über Lilia noch heute zeigen wolle – »Ich habe« (setzt' er dazu) »Carlos' Stimme, mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz, und dann, wenn sie mich liebt, nenn' ich mich Hiort.« – »Ist deine Bitte Wahrheit?« fragte die Schwester. »So wahr ich morgen noch leben will«, sagt' er. »So ist sie bald erfüllt, denn Athenais erwartet mich eben in der Nachtlaube – komme mir nur nach sieben Minuten nach.« Sie ging; er sah ihr nach und sprach mit sich: »Eile, bestelle den Himmel! Schöne Schlummerinsel, zugleich die Schlafstätte für das Brautgemach und für den ewigen Schlaf – O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem Herzen!« – –

»Du bist doch da?« sagt' er und sah nach seiner Pistole. – »Jetzt« (rief er feierlich im Abgehen) »ists Zeit zur helldunkeln Tat, dann wird das Leichentuch darübergeworfen« und ging schnell ins Laub hinein.

Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser, und die schwarze Dohle sprach leise: »Still ist das Glück, still ist der Tod.«

»Der Mensch« (sagte Gaspard) »hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst, ich stehe nicht dafür, daß er sich nicht wirklich vor uns allen totschießet.« – »Unmöglich,« (sagte Albano erschreckend) »zu einer solchen Wirklichkeit hat er keine Kraft«; indes vermocht' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen Möglichkeit loszubringen.

Verstört, ungestüm, mit losem Haar kam Hiort zurück und sagte leise: »Es ist geschehen. – Ich war selig – niemand wirds nach mir.« – »Bei der Gelben und jetzt in der Nacht steh' ich für nichts«, sagte Gaspard. Albano errötete, über die freche Vermutung verschämt und noch mehr über Roquairols Frevel erzürnt, im Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entführen. »Töne her, aber weiche, gute!« rief er und ließ sich vom Zephyr der Harmonie umwehen und trank unaufhörlich »Leichentrunk« oder Wein; beides zum Verdrusse des Ritters, der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied, weil diese oder beide weich machten.

Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd: »So lieg' ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens – und meine kalte kommt dazu« – (Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und blickte funkelnd hinüber zu Linda) »Ich habe sie am Herzen gehabt, die göttliche Schönheit, meine ewige Liebe; meine Tulpe, die sich nun am Abend über der Biene schließet, damit sie im Blumenkelche sterbe – auf den Rosen meines Abends ruh' ich und sterb' ich – Ich schaue die Holde noch selig an – Ich kann nicht bereuen – Vergib nur, armer Carlos, ich streiche die Schuld mit Blut durch, aber mit Buß-Tränen kann ich nicht – Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das, was die Zeit an diesem Ufer abspült, wieder anlegen: so hab' ichs dort schlimm, ich kann mich dort so wenig ändern als hier.« –

Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuß, um einen Deserteur anzukündigen. Er nahm seine Pistole in die Hand: »Ja, ja, ein Schuß bedeutet einen Flüchtling – auch aus der Welt – O wenn hebt sich die scharfe SichelDer Mond. am Morgen und zerschneidet das Leben! Ich bin so müde.« Er sah nach dem Morgenhimmel, aber ein Gewitter, das schon leise donnerte, überzog die Pforte des Monds. Er lächelte bitter:

»Auch diese kleine letzte Freude mißgönnt mir das Geschick! ich soll den Mond nicht mehr sehen – Nun, ich werde wohl höher kommen als er und sein Gewitter – Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhörer des Todes durch den Regen vertrieben – Ja! Bist du aus, so bin ich aus!« Er zeigte auf die Flasche.

»Wilde, gräßliche Töne aus der Tiefe herauf. – Mein blutiges Brautkleid her! Es ist Zeit, die abgehende Freude wirft einen langen, wachsenden Schatten hinter sich.« Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke, den man ihm brachte, den mit Blut bespritzten, den er auf der Redoute getragen, wo er als Knabe sich vor Linda ermorden wollen. »Sie sollen es auf meine kalte Brust legen«, sagt' er, da ers von Falterle empfing. Der Donner zog näher, die Blitze wurden glühender, und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern. Er trank die Gläser schnell. »Schaden kanns mir jetzt nichts,« (sagte er) »auch der Blitz nicht sonderlich, ob ich gleich unter Bäumen liege – in dieser Röhre steckt ein Blitz gegen alle Blitze, ein rechter Gewitterableiter.« – Das eilende Wetter drängte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel, und er wurde zornig empört vom Spotte des Zufalls über seine theatralischen Zurüstungen.

»Nichts ist lustiger und passender als dies Gewitter,« (sagte Gaspard) »indes scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergötzen.« Die andern Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt, und doch riß sich keiner los. Den Mitspielern war befohlen, den Schuß als das Merkwort zu nehmen und nicht früher zu kommen. Er sagte: »Die Todesschlange klappert in der Nähe – dort auf der Zukunft schwimmt die Leiche heran« – Man hörte, daß er durcheinander sprach und aus dem Stegreif, vom Gewitter gequält. Er sah die Pistole an: »Dein Aufblick! so ist der Blick des Lebens getan und wieder unter dem Augenlid – Ein Funke, ein einziger Funke, so ist der Theatervorhang hinaufgelodert, und ich sehe die Zuschauer stehen, die Geister – oder auch nichts, und den weiten Äther der Welt füllt die ewige schwere Wolke – So steh' ich denn am toten Meer der Ewigkeit, so schwarz, still, weit, tief liegts unter mir, ein Schritt, und ich bin drinnen und sinke ewig – Meinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen. – Nu nu« (sagt' er, indem es tröpfelte, und er nahm das letzte Glas) – »Der Regen will den armen Erkaltenden erkälten – Spielt jetzt etwas Sanftes, Schönes, ihr guten Leute!« –

Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: »Lebe wohl, schönes und hartes Leben! – Ihr paar schönen Gestirne, die ihr oben noch niederblickt, mög' ich euch näher kommen – Du heilige Erde, du wirst noch oft beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schläft – Und ihr guten fernen Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, es geh' euch besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber, und Gott richtet mich sogleich – Lebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr harter Albano, und du, du bis in den Tod heiß geliebte Linda, verzeihet mir und beweinet mich!« –

»Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und bitte bei Gott für mich.« Hier drückte er schnell das Gewehr an der Stirne ab und stürzte hin, einiges Blut floß aus dem zerspaltenen Kopfe, und er atmete noch einmal und dann nicht mehr.

Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: »Eben, mein lieber Hiort, besinnt sich mein Carlos«; aber er fuhr zurück vor der Leiche, stammelte: »Mais! Mon dieu! il s'est tué re vera – diable, il est mort – Oh qui me payera?«Aber! – Gott, er hat sich re vera umgebracht – Teufel, er ist tot! – O wer wird mich bezahlen? – Linda sank ohnmächtig an Juliennens Busen, und diese stammelte: »O der Sünder und Selbstmörder!« – Die Fürstin rief erzürnt: »Oh le traitre!« – Albano schrie: »Ach Karl! Karl!« und stürzte in den See und schwamm hinüber – warf sich über die zertrümmerte Gestalt – und jammerte weinend: »O hätt' ich das gewußt! – Bruder und Schwester tot – und ich bin schuld – o! wäre ich unglücklich geblieben – ach mein Karl, Karl, vergib – ich war nicht dein Feind – wie er jammervoll zerworfen daliegt, der große Tempel!« – »Sei doch ruhiger,« (sagte Gaspard – der endlich im Kahne herübergekommen war und der mit einer anatomischen Kälte und Neugier jede Verstümmelung ertrug –) »er hatte auch seine Regimentsschulden und fürchtete die Untersuchung bei einer neuen Regierung – Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich durchgeführt.«

Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual: »Wer sprach das? Ihr, jammervoller Bouverot, Ihr kennt nur Schulden!« – »Monsieur le Comte!« sagte dieser trotzig. »Ich sagt' es«, sagte Gaspard zum Sohn. – »O mein Dian,« (rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus, der seine weinende Chariton selber weinend hielt) »komme du her, laß uns ihn verbinden, es kann ja helfen.«

Zur bestürzten Fürstin, welche an ihrem Ufer blieb, trat der Kunstrat Fraischdörfer mit den Worten, die ableiten sollten: »Von der bloßen Seite der Kunst genommen, wäre die Frage, ob man diese Situation nicht mit Effekt entlehnte. Man müßte wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen; freilich wär' es dann nur Schein des Scheins, spielende Realität in reellem Spiel und tausendfacher, wunderbarer Reflex! – Aber wie es jetzt regnet!« – Der Fürstin wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagt – sie fuhr auf, mit Armen und Tönen: »Oh monstre! homicide! – Mein armer, unschuldiger Gibbon! – Du Untier!« – Den Affen-Mord hatte sie gehört und schied untröstlich.

Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblößte Mond, und jeder merkte ihn, aber das Regnen vorher hatte niemand außer Fraischdörfer wahrgenommen. Albano sah nun die toten Augen und weißen, starren Lippen recht deutlich. »Nein, sie regen sich nicht«, sagt' er. Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem Mund: »Seid still, ich werde gerichtet!« Und sogleich fing die Dohle als Schluß-Chor des letzten Aktes an: »Der Arme ruht nun fest, und ihr könnt ihn zudecken!«

Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an. »Bei Gott!« (erwiderte dieser) »so steht in seinem Stück.«

Der ganze Sternenhimmel klärte sich auf. Die Gesellschaft fuhr nach Hause. Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche.

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