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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zurück-. Am obgedachten ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir – seiner Nebenarbeiten unbeschadet – von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem hohenfließischen Helden zu, als er durch sieben Legations-Zeichendeuter oder Clairvoyants erwischen kann – die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug für eine Depesche. Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer Gesandten, die nur für Ereignisse, die nachher in die Universalhistorie einrücken, Platz in ihren Berichten machen! – Hafenreffer hat in jeder Sackgasse, Bedientenstube und Mansarde, in jedem Schornstein und Wirtschaftsgebäude seinen Operngucker von Spion, der oft, um eine Tugend meines Helden auszumitteln, sich zehn Sünden unterziehet. Freilich bei solchen Hand- und Spanndiensten des Glücks muß es keinen von uns wundernehmen, ich meine nämlich bei einem solchen Schöpfrade, das mir Fortuna selber umdreht – bei solchen Diebsdaumen, die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet – bei solchen Silhouetteurs eines Helden, die alles machen außer der Farbe – kurz bei einer so außerordentlichen Vereinigung von Umständen oder Montgolfieren kann es freilich nichts, als was man erwartet, sein, wenn der Mann, den sie heben, droben auf seiner Berghöhe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt, das man (denn es verdients) nach dem jüngsten Tage auf der Sonne, auf dem Uranus und Sirius frei übersetzt, und auf welches sogar der glückliche Posenschraper, der die Kiele dazu abzog, und der Setzer, der die Errata druckt, sich mehr einbilden wollen als der Autor selber, und in welches weder die schnelle Sense noch der träge Zahn der Zeit – besonders da man dieses Gebiß nach Erfordern mit der Zahnsäge der kritischen Feile entzweibringen kann – einzuschneiden vermögend sind. – Fügt der Verfasser solchen Vorzügen noch gar den der Demut bei: so ist ihm niemand weiter zu vergleichen; aber leider hält jede Natur sich, wie Doktor Crusius die Welt, zwar nicht für die beste, aber doch für sehr gut.

Der gegenwärtige Titan benutzt noch den andern Vorteil, daß ich gerade den väterlichen Hof bewohne und schmücke und mithin als Zeichner gewisse Sünden recht glücklicherweise näher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe, wovon mir wenigstens der Egoismus, die Libertinage und das Müßiggehen gewiß bleiben und sitzen; denn diese Schwämme und Moose säete das Schicksal so weit, als es konnte, in die höhern Stände hinauf, weil sie in den niedern und breitern zu sehr ausgegriffen und sie ausgezogen hätten – welches das Muster derselben Vorsicht gewesen zu sein scheint, aus der die Schiffe den Teufelsdreck, den sie aus Persien holen, stets oben an den Mastbaum hängen, damit sein Gestank nicht die Fracht des Schiffraums besudle. – – Ferner hab' ich hier oben am Hofe jede neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich, eh' sie drunten nur gelästert, geschweige gepriesen worden. Z. B. die schöne Pariser Mode, daß die Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen – welches sie in Paris tun, um sehen zu lassen, daß sie nicht unter die Herren gehören, die bekanntlich auf Steckenbeinen gehen –, diese wird (denn auf eine einzige Dame kommt es an) morgen oder übermorgen gewißlich eingeführt. Doch ahmen die Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach – denn uns Herren fehlet nichts –, weil sie zu beweisen wünschen, daß sie Menschen und keine Affen (geschweige weniger) sind, da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden anhat. – Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend, nur mit höhern Gründen geführt. Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt als durch den Besitz eines Steißes: so suchten damals die weiblichen Kronbeamten, die Putzjungfern, an ihren Gebieterinnen diesen Geschlechtscharakter, der sie unterscheidet, durch Kunst – durch den sogenannten cul de Paris – so sehr als möglich zu vergrößern, und bei einer solchen Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spaß und ein Spiel, eine Weltdame von ihrer Äffin abzutrennen, welches jetzt viele, die ihren Buffon auswendig können, in keiner größern Nähe sich getrauen wollen als in einer zu großen. –

Ähnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt' ich in mehrern deutschen Städten – mein Herr Vater bezahlts –, in den meisten einen, aber in Leipzig zwei, in Dresden drei, in Berlin sechse, in Wien ebensoviel in jedem Stadtviertel. Maschinen solcher Art, die den Perspektiven so sehr gleichen, womit man aus seinem Bette alles beschauen kann, was unten auf der Gasse vorfällt, machen es freilich einem Autor leicht, hinter seinem Dintenfasse in dunkle verbauete Haushaltungen – in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse geführt – hell hinunterzusehen. Daher kann mir jede Woche der närrische Fall begegnen, daß ein gesetzter stiller Mann, den niemand kennt als sein Barbier und dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist – dem aber heimlich einer meiner Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht, welcher des Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreißig Meilen abliegende Studierstube hineinspiegelt –, es kann mir der Fall aufstoßen, sag' ich, daß ein solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in meinem Werke, das rauchend aus dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren, Knöpfen, Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371. Seite abgebildet findet, als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft. Es tut aber nichts.

Leute hingegen, die mit mir an einem Orte wohnen, welches sonst die Höfer taten, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten.

Aber eben dieser Vorzug, daß ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife, sondern aus Depeschen, nötigt mich, mehr Mühe anzuwenden, sie zu verziffern, als andere hätten, sie aufzuschmücken oder auszusinnen. Kein kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem solchen Glücke, daß von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten, mit Mutmaßungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte. (Und recht zum Vorteil der Welt; denn sobald z. B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt, so stoß' ich das Dintenfaß um und gebe nichts mehr heraus.) –

Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen, weil ich die Paten zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. Bin ich z. B. nicht oft abends, während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzüge nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten, in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen, die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie fielen, aufgefangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen Leute auszuteilen? Und avancierte dabei nicht das Verdienst, und mancher Gemeine stieg zum tafel- und turnierfähigen Edelmann auf, Profosse zu Justizministern, und Rotmäntel zu patribus purpuratis? – Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichenden, auf zwei Füßen mobil gemachten Observationskorps? –

Für Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen, bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann. Ich habe länger als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können, studiert und imitiert und glaube zu wissen, wie man gute Regentengeschichten, Protokolle von Majestätsverbrechern, Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse; keine stärkere Züge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zurück. –

Voltaire verlangte mehr als einmal – wie bei allen Sachen; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte sich und alles unverdrossen –, daß der Historiker seine Geschichte nach den Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt. Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles und griechische Muster geben, daß der Schauspieldichter jeder historischen Begebenheit, die er behandelt, alles leihen müsse, was der poetischen Täuschung zuschlägt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und daß er Schönheit nie der Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser große Theaterdichter des Welttheaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiß sein konnte, er gelange eher zur Täuschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern andere – nämlich der Lehnpropst und die Legationssekretäre – können entscheiden, inwiefern ich eine wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglück ists, daß schwerlich je die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst dürfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, daß Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir. Allein auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen, skandalöse Chroniker nolens volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. –

Aber unter dem Komponieren der Geschichte muß ein Autor auch darauf auslaufen, daß sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z. B. für einen schlimmen Fürsten einen Namen wähle, seh' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und regierten Häupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer führt; so werden in Otaheiti sogar die Wörter, die dem Namen des Königs ähnlich klingen, nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet. Da ich sonst gar keine jetzt lebende Höfe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und Nachtstücken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage biographischer Höfe malte, es so zu treffen, daß Ähnlichkeiten mit wirklichen geschickt vermieden wurden; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens auf Länder zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluß gehabt, den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset; so wie Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse mißgestaltete Völker aus Paarungen mit Affen ableiten, die sehr gute Bemerkung macht, daß die meisten Ähnlichkeiten mit Affen, der zurückgehende Schädel der Kalmucken, die abstehenden Ohren der Pevas, die schmalen Hände in Karolina, gerade in Ländern erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unähnlichkeiten wollten mir nicht gelingen; jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine Legations-Flottille schifft, mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt, besonders jeder, den ich schildere, der flachsenfingische, der hohenfließische etc. Die Theatermaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des griechischen Komödianten, die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums gebosselt warReflexions critiques sur la Poesie etc. de Dubos. T. I. Sect. 42., sondern die Maske des Nero, die, wenn er eine Göttin auf dem Theater machte, seiner Geliebten ähnlich sahSueton. Nero., oder wenn er einen Gott spielte, ihm selber.

Genug! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang, aber die Jobelperiode wars auch; je länger der Johannistag eines Landes, desto länger seine Thomasnacht. – – Und nun lasset uns sämtlich ins Buch hineintanzen, in diesen Freiball der Welt – ich als Vortänzer voraus und dann die Leser als Nachhopstänzer –, so daß wir unter den läutenden Tauf- und Totenglöckchen am sinesischen Hause des Weltgebäudes – angesungen von der Singschule der Musen – angespielt von der Gitarre des Phöbus oben – munter tanzen von Tomus zu Tomus – von Zykel zu Zykel – von einer Digression zur andern – von einem Gedankenstrich zum andern – bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder! –

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