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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 145
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Nun gab das Echo – das Mondlicht des Klangs – wieder Töne wie Totenlieder aus dem Toten-Chor; und es war, als sängen die vereinigten Schatten sie in ihrer stillen Woche unter der Erde nach, als regte sich der Leichenschleier auf der weißen Lippe und aus den letzten Höhlen tönte ein hohles Leben wieder. Das Singen hörte auf, Alphörner fingen auf den Bergen an. Da ging wieder das Nachspiel des Tonspiels feurig herüber, als spielten die Abgeschiednen noch hinter der Brustwehr des Grabhügels und kleideten sich ein in Nachklänge. Alle Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust; auch die drei Jungfrauen; Töne sind schimmernd zurückflatternde Gewänder der Vergangenheit und erregen damit das Herz zu sehr.

Sie weinten, und keine konnte sagen, ob trübe oder froh. Die bisher so gemäßigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und ließ sie wieder sinken. Sie kehrten schweigend und einig um. Idoine behielt Linda an der Hand. Die unterirdischen Wasser der Toten-Echos und Alphörner rauschten ihnen nach, obwohl ferner. Juliennen entging es nicht, wie sehr Idoine ihr Gesicht, bloß um es ihr mit den großen Tropfen in den großen Augen zu entziehen, immer der dicht verschleierten Linda zuwandte; und sie schloß daraus, daß Idoine vieles wisse und kenne und die Braut des Jünglings ehre, dem sie durch ihre schöne Ähnlichkeit das frohe Leben zurückgegeben.

»Was haben wir nun davon?« (sagte Idoine spät und nahe dem Dorfe) »Wir sehen voraus, daß wir zu weich würden, und geben uns doch hin. Darum nennen uns eben die Männer schwach. Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhärtungen vor, und nur wir uns durch lauter Erweichungen.« – »Was soll man denn machen,« (sagte Julienne) »in Flüsse springen, auf Berge, auf Pferde und so weiter?« – »Nein,« (sagte Idoine) »denn ich seh' es an meinen Bäuerinnen: sie leiden an Nerven bei aller Muskel-Arbeit so gut wie andere – Mit dem Geiste, glaub' ich, müßten wir alle mehr tun und suchen; aber wir lassen immer nur die Finger und Augen sich üben und regen, das Herz selber weiß nichts davon und tut dabei, was es will, es träumt, weint, blutet, hüpft – Ein wenig Philosophieren wär' uns dienlich; aber so geben wir uns allen Gefühlen gebunden dahin, und wenn wir denken, ists bloß, um ihnen noch gar zu helfen.« –

Sie kamen ins Dorf zurück, es war voll geschäftigen Abendlärms, Kinder tanzten Idoinen entgegen, von den Höhen klangen Alphörner herein und aus den Häusern Flöten und Lieder heraus. Idoine gab heiter Abendbefehle. »Wie doch« (sagte sie) »die äußere Ruhe so leicht die innere aufhebt! Ein beschäftigtes Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefäß mit Wasser: man halt' es still, so fließet es über.«

Julienne hatte schon einigemal, aber vergeblich, nach dem Steuerruder der Zeit und Rede gehascht, um ihren Plan zu vollführen; jetzt, da sie Lindas Schweigen, Rührung und Träumen bemerkte, glaubte sie die lang' erwartete günstige Stunde zu treffen, wo einige Worte, die Idoine über die Ehe ausstreuete, in Linda einen aufgeweichten Boden für ihre Wurzeln finden würden. Durch die leichte Wendung eines Lobs, daß sie Idoinen über ihren mutigen Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhaßten Fürsten-Ehe und über den Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab, brachte sie die Gräfin dazu, ihren ketzerischen Haß gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen, daß diese die Blume mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege – daß Liebe ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Haß – und daß das Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei, als wenn einer nach der Logik, die er vor sich hätte, denken oder dichten wollte, und daß die Energie, der Wille, das Herz der Liebe etwas Höheres sei als Moral und Logik.

Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin, worin sie ihre heutige Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte, den ihr Sohn diesen Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen. So viele stille Gedanken auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachließ: Idoine kam durch sie nicht aus der lebhaften Bewegung, worein die vorige Rede sie gesetzt, sondern mit einem edlen Zürnen, das aus der schönen Jungfrau einen schönen Jüngling machte und ihr Minervens Helm aufsetzte, erklärte sie der hohen Gegnerin, die weniger durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war, diesen Krieg: gewiß sei nur ihre Abneigung gegen die »Priester« an der zweiten Abneigung gegen die Ehe schuld – sei denn das Eheband etwas anders als ewige Liebe, und halte sich nicht jede rechte für eine ewige? – eine Liebe, die einmal zu sterben glaube, sei schon tot, und die ewig zu leben fürchte, fürchte umsonst – wenn sogar Freunde am Altare verbunden würden, wie irgendwo geschehen sollBei den Morlacken. S. Sitten der Morlacken. Aus d. Italien. 1775., sie würden höchstens sich nur noch heiliger binden und lieben – man zähle ebenso viele, wo nicht mehrere unglückliche Liebeshändel als unglückliche Ehen – man könne zwar eine Mutter, aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe, und dieser müsse jene und sich durch die Sitte ehren – »Ich bin eine Deutsche« (beschloß sie) »und achte die alten Ritterfrauen, meine Ahnen, hoch; selig ist eine Frau wie eine Elisabeth und ein Mann wie Götz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe.« – –

Auf einmal fand sie sich selber überrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome: »Ich bin ja« (setzte sie lächelnd hinzu) »eine pedantische Predigerswitwe geworden; das macht, ich bin die höchste Obrigkeit von dem Dörfchen und lasse, da fast in jeder Hütte eine glückliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt, ungern andere Meinungen hier aufkommen.«

»O, Mädchen« (sagte Julienne lustig, weil sie Linda ernst sah) »sprechen immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe; sie ziehen sich gern aus einem Brautkranz Blumen.« –

»Daraus, wissen Sie, könnt' ich mir wohl keine nehmen«, sagte Idoine, auf das eidliche Versprechen anspielend, welches sie ihren über ihre enthusiastische Kühnheit argwöhnischen Eltern geben müssen, nie unter ihrem Fürstenstande zu heiraten, was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hieß als Ehelosigkeit. – »Recht hatten Sie indes,« (verfolgte Julienne und wollte scherzhaft bleiben) »die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich auf einen Mastbaum setzt, der selber zieht; ich lobe mir einen hübschen grünen Wurzelbaum, der dableibt und ein Nest annimmt.« –

Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darüber nicht, sondern ging allein, ohne ein Wort zu sagen, in den Garten und Mondschein hinunter.

»Die Gräfin« (sagte Idoine zur Freundin, bekümmert über die Bedeutung des stummen Ernstes) »hat uns, hoff' ich, nicht mißverstanden.« – »Nein,« (sagte Julienne mit freudigen Mienen über den errungnen Eindruck, den die Rede auf Linda gemacht) »sie hat die seltenste Gabe, zu verstehen, und das häufigste Unglück, nicht verstanden zu werden.« – »Das ist immer beisammen«, sagte sie, sann nach, sah Juliennen an, endlich sagte sie: »Ich muß ganz wahr sein, ich wußte der Gräfin Verhältnis durch meine Schwester – Freundin, ist Er ihrer ganz wert?« Eine Frage, deren Quelle die Prinzessin nur in rachsüchtigen Einflößungen der Fürstin suchen konnte.

»Ganz!« antwortete sie stark. »Ihnen glaub' ich gern«, versetzte Idoine, mit den Lauten eilend, aber mit Blicken ruhend. Sie sah die Schwester Albanos immer länger an – die großen blauen Augen schimmerten stärker – Minervens Helm war vom jungfräulichen Haupte abgehoben – das sanfte Angesicht erschien lieblich, ruhig, klar, nicht stärker bewegt, als es ein Gebet vor Gott erlaubt, und so wenig begehrend wie eine Verklärte, und doch immer himmlischer glänzend. – Juliennens schönes Herz stürmte auf, sie sah Liane wieder, als sei sie vom Himmel gekommen, den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen; – sie sagte mit Tränen: »Du, du hast Ihm einst den Frieden gegeben.« – Idoine wurde überrascht – aus ihren hellen Augen drangen zwei Tränen – mit Nachdruck antwortete sie: »Gegeben« – erschocken und heftig drückte sie sich an die Freundin – sagte: »Ich liebte Sie schon lange«, und weiter sprachen sie nichts.

Schnell faßte sie sich – erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit – und bat sie geradezu, ihr als ihre Freundin nachzugehen, ob sie gleich selber gern ihr dieses Verdienst abstehlen würde, wenn sie dürfte. Julienne eilte in den Garten, fühlte es aber nach, daß Idoine ihr Du nicht erwidert hatte. Idoine mied das weibliche Du; ungleich den Orientalerinnen, welche vor Verwandten den Schleier weglassen, nahm sie, wie ihre Französinnen, sogar in die Herzlichkeit die zarten Gesetze der Politesse herüber.

Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still, mit tief gesenkten Augen, in Träume eingegraben. Linda fuhr auf: »Sie liebt ihn!« (sagte sie mit Schmerz und Feuer) »Hör es, Julienne, Sie liebt Ihn!« – Diese konnt' ihr über das Aussprechen einer Wahrheit, mit der sie gerade aus Idoinens Armen gekommen war, nichts als ihr Erschrecken zeigen; aber Linda nahm es für Erstaunen und fuhr fort: »Bei Gott! – Mein Blick hat sie aufgehascht. O sonst war sie weit nicht so lebhaft und ernst und rührbar und weich – Ihre innerste Bewegung bei meinem Erblicken – und ihr Weinen bei Roquairols Stimme, weil sie seiner gleicht – und ihre lange feurige Hochzeitpredigt – Und die Seelenblicke auf mich – o hat sie Ihn denn nicht im großen herrlichen Augenblick gesehen, da der Blühende weinend kniete und das göttliche Haupt gen Himmel hob und die Verklärte und den Frieden herunterrief? – O daß sie es nur wagte, ihm beides vorzuspielen! Und kann sie das vergessen?« –

Julienne kam endlich zum Worte: »So setz es denn; ist Idoine aber nicht edel und fromm?« – »Ich habe nichts wider sie und nichts für sie« (antwortete Linda) – »Wenn aber Er sie nun sieht, wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen ähnlich findet, wenn die ganze erste Liebe umkehrt und über die zweite triumphiert? ... Bei Gott! Nein,« (setzte sie stolz und stark dazu) »nein, das duld' ich nicht; bitten will ich nicht, weinen nicht, oder resignieren, um ihn aber kämpfen will ich. – Bin ich nicht auch schön? Ich bin schöner, und mein Geist ist kühner geschaffen für seinen. Was kann sie geben, was ich ihm nicht dreifach biete? Ich wills ihm geben, mein Glück, mein Dasein, auch meine Freiheit, ich kann ihn so gut heiraten wie sie, ich wills ... O sprich, Julienne! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher Gottesfurcht. O Gott, Julienne, bin ich denn schön? Beteuer' es mir doch! Bin ich der Verklärten gar nicht ähnlich? Säh' ich nur so aus, wie er es gerade wollte! Warum war ich nicht seine erste Liebe und seine Liane und wäre auch gestorben? – Gute Julienne, warum sprichst du nicht?« –

»Lasse mich nur sprechen«, sagte diese, wiewohl nicht ganz wahr. Sie war ergriffen und gestraft von Lindas treffender Wahrheit und vom eignen Bewußtsein, daß sie einen Plan, Lindas Vorurteile gegen die Ehe aufzulösen, angelegt, dessen Hülfsmittel ihr von Linda gerade als Rechtfertigung der Eifersucht vorgezählt worden; und daß sie einen Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht, den sie nun nicht mehr regieren konnte. Auch war sie betäubt, ja erzürnt von einem ihr fremden Ungestüm der Liebe, vor welchem sie den verhaßten Trost gar nicht aussprechen durfte, daß Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln würde. – Schön war sie überrascht von der geglückten Bekehrung zum Trauungs-Ja. Mit einiger Ungewißheit des Erfolgs bei Linda, die durch das Mondlicht und die ferne milde Bergmusik nur stürmischer geworden, fuhr sie fort: »Ich wollte dich nicht gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe – Unrecht hast du sonst in allen Stücken. Freilich ist Sie jetzt ernster; aber Sie stand am Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen – das mäßigt sehr. Ihn anlangend: so, hätt' Er dich früher gesehen ...«

»Sah er nicht früh das Bild auf dem Lago maggiore, aber unähnlich, wie er sagt?« –

»So will ich dirs denn gestehen, Wilde,« (versetzte Julienne) »weil man dich nicht überraschen soll, daß ich ihn gestern gebeten, mit zur Prinzessin zu reisen, und daß er eben aus Rücksicht und Kälte gegen alle Ähnlichkeiten mir es derb abgeschlagen; aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten.«

Verändert – weich – mit verklärten Augen sagte Linda mit gesunkner Stimme: »Mein Freund liebt mich so sehr? – Ich lieb' ihn aber auch sehr, den Reinen. Morgen will ich zu ihm sagen: nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir. Vom Altare ziehen wir davon, meine Julienne, du und er und ich, nach Valencia, nach Isola bella, oder wohin er will, und bleiben beisammen. Du guter Mond und Musik! Wie die Töne und die Strahlen so kindlich miteinander spielen! – Umarme mich, meine Geliebte, vergib, daß Linda unartig gewesen!« – Hier war der Sturm des Herzens in süßes Weinen zergangen. So wird in den Ländern unter der scheitel-rechten Sonne täglich der blaue Himmel Donner, Sturm und schwarzer Regen, und täglich geht die Sonne wieder blau und golden unter.

Julienne versetzte bloß: »Schön! nun wollen wir hinauf!«, weniger als sie zu schnellen Übergängen fähig. Als sie oben die stille, helle, nicht begehrende Idoine wiedersah – die fest und heiter Handelnde – klagenlos und hoffnungslos – nur den Ährenkranz der Taten, nie den blumigen Brautkranz tragend – so viele weiße Blüten zu ihren Füßen, die zu keinem Kranz und Gewinde zusammengehen – ihre helle reine Seele einem hellen reinen Tone gleich, der seinen Reiz durch nasse wolkige Luft ungetrübt und ungebrochen trägt: so fühlte sie, Idoine sei ihr schwesterlicher verwandt als Linda, jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in ihrem Himmel über ihr, diese ein fremdes, das fern und unsichtbar in einer zweiten Halbkugel des Himmels glänzt; aber in ihr wirkte die weibliche Kraft, fortzulieben fast bis in den Haß hinein, stärker als in irgendeiner Frau, und sie blieb der alten Freundin getreu. Idoine gehörte unter die weiblichen Seelen, die dem Monde ähnlich sind: blaß und matt muß er am prächtigen Abendhimmel, den Glanz und brennende Wolken schmücken, stehen und kann auf der Erde keinen einzigen Schatten verdrängen und steigt mit unsichtbaren Strahlen, aber das fremde Licht verbleicht, und seines wächset aus dem Schatten auf, bis zuletzt sein überirdischer Glanz die Erden-Nacht umzieht und in eine zweite Welt umkleidet, und alle Herzen lieben ihn weinend, und die Nachtigallen singen in seinen Strahlen.

Alles war nun bestimmt und geendigt. Linda hielt sich in ihrer Ferne und bloß aus Gesetz der geselligen Artigkeit, das sie niemals übertrat. Idoine zog sich, eine Veränderung erratend, aus der vorigen Nähe sanft zurück. Früh am dunkeln Morgen schieden sie, aber Julienne sagte es ihrer Freundin nicht, daß sie Idoinen, als sie voneinander gingen, sich mit nassen Augen hatte wenden sehen.

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