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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 142
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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123. Zykel

Wie ein schnell mit hundert Flügeln aufrauschendes Konzert, so schlug die schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude über den verlassenen, um den Freund bekümmerten Jüngling in schönen Fluten zusammen; und von der Entzückung getroffen, sah er Linda wieder wie auf Ischia; aber diese sah ihn wieder wie in einem andern Elysium, sie war weicher, zärter, heißer, eingedenk seiner Vergangenheit in diesem Garten. Sie wollte gar nichts von ihrer eignen Reise-Geschichte erzählen oder hören. Albano bedeckte sein Geheimnis von Schoppe mit mächtiger, aber zitternder Brust; nur seinem Vater brannt' er sie aufzutun. Unaufhörlich hielt er sich die Unmöglichkeit einer Verwandtschaft vor und die Leichtigkeit, daß Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren, mit Juliennen, verwechsle; noch diesen Abend wollt' er den Vater fragen.

Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit großer Freude, aber nicht mit der größten, weil Schoppes Brief nachtönte. Julienne nahm es wahr, daß nur eine Kaskatella statt der Kaskade heute aus ihm komme, und sucht' ihn lustig-listig auszuholen, indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und ihrer Bekanntschaft durchantworten ließ. Sie hatte einige Neigung, am Theatervorhang zu weben und zu malen oder auch ein Souffleurloch in ihn zu stechen. Sie fing die Fragen von Idoine an – welche kurz nach seiner Ankunft ihren Rückweg aus der Stadt genommen – und hörte mit ihnen bei Schoppen auf – nach dessen Reise-Ziele sie forschte –; aber Albano hatte jene nicht gesehen, dieser, sagt' er, hab' es ihm allein vertraut. Eine schöne, unbiegsam Marmorader der Festigkeit lief durch sein Wesen. Lindas schwarzes Auge war ein offnes treues deutsches und sah ihn nur an, um ihn zu lieben.

Aus dem Flötental kam der Rest der Gesellschaft, der Lektor u. a.; Julienne nötigte die Liebenden zur Scheidung und sagte: »Hier ist kein Ischia; ohne mich könnt ihr euch hier im Schloß gar nicht sehen; ich werde dirs durch deinen Vater allzeit sagen lassen, wenn ich da bin.«

Als er allein stand in Lilar, mit dem schweren Gedanken an Schoppe und Linda, und er die anmutigen Gegenden und Stellen schöner Stunden übersah: so kam ihm auf einmal vor, als verziehe sich in der Dämmerung das Elysium wie ein reizendes Gesicht zu einem Hohn über ihn und über das Leben – kleine boshafte Feen sitzen an den kleinen Kinder-Tischchen, als wären sie sanfte Kinder und sähen sehr gern Menschen und Menschenlust – sie fahren auf als wilde Jägerinnen und rennen durch die Blüten – tausend Hände wenden den Garten mit Blütenbäumen um und richten sein schwarzes finsteres Wurzeln-Dickicht wie Gipfel im Himmel auf – aus den Zweigen blicken Gorgonenhäupter, und oben im Donnerhäuschen weint und lacht es unaufhörlich – nichts ist schön und sanft als der tapfere große Tartarus.

Indes ging Albano, da es der kürzere Weg zu seinem Vater war, hart und zornig durch den Garten, über die Schwanenbrücke, vor dem Traum-Tempel, vor Charitons Häuschen, vor den Rosenlauben vorbei und über die Wald-Brücke; und kam bald im Fürstenschlosse bei seinem Vater an, der eben vom kranken Luigi zurückgekommen. Mit ironischer Miene erzählte ihm dieser, wie der Patient von neuem schwelle, bloß weil er fürchte, der tote Vater, der ihm zum zweitenmal als Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen, gebe das Zeichen und hole ihn darauf. Nun erzählte Albano, ohne allen Eingang und ohne Erwähnung von Schoppen und von dessen Verhältnissen, die Hypothese der seltsamsten Verwandtschaft, ohne etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle: »Ist Linda meine Schwester?« zu tun aus Achtung für den Vater. Dieser hörte ihn ruhig aus: »Jeder Mensch« (sagt' er erzürnt) »hat eine Regen-Ecke seines Lebens, aus der ihm das schlimme Wetter nachzieht; die meinige ist die Geheimnisträgerei. Von wem hast du die neueste?« – »Darüber muß ich schweigen aus Pflicht«, versetzt' er. »In diesem Falle« (sagte Gaspard) »hättest du besser ganz geschwiegen; wer den kleinsten Teil eines Geheimnisses hingibt, hat den andern nicht mehr in der Gewalt. Wie viel glaubst du, daß ich von der Sache weiß?« – »Ach was kann ich glauben?« sagte Albano. »Dachtest du an meine Erlaubnis deiner Verbindung mit der Gräfin?« sagte zorniger Gaspard. »Sollt' ich denn schweigen, und entwickelte sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne?« – Hier sah ihn Gaspard scharf an und fragte: »Kannst du auf das ernste Wort eines Mannes vertrauen, ohne zu wanken, zu irren, wie auch der Schein dagegen rede?« – »Ich kanns«, sagte Albano. »Die Gräfin ist deine Schwester nicht; vertraue mir!« sagte Gaspard. – »Vater, ich tu' es!« (sagte Albano ganz freudig) »und nun kein Wort weiter darüber.«

Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte, dieser neue Irrtum veranlasse ihn, jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen, weil der Vater derselben, vielleicht der geheime bisherige Wundertäter, seine Erscheinung durchaus an einen Hochzeittag gebunden. Noch einmal ließ er den Sohn seinen Wunsch nach dem Wege merken, auf welchem er zu jener Hypothese gekommen; aber umsonst, die heilige Freundschaft konnte nicht entheiligt oder verlassen werden, und seine Brust schloß, wie der dunkle Fels um den hellen Kristall, sich mächtig um sein offnes Herz.

So schied er warm und glücklich vom schweigenden Vater. – In der harten Stunde des Briefs hatt' er nur eine künstliche Felsenpartie des Lebens überstiegen, und die bunten Gärten lagen wieder da bis an den Horizont; – doch der vergebliche mühvolle Irrtum seines Schoppe und dessen von Hassen und Lieben verheerter Geist, der sich sogar im Ton des Briefes niederzubeugen schien, und die Zukunft eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Leichengeläute in seiner schönen Gegend klagend, und das glückliche Herz wurde voll und still.

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