Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 140
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

122. Zykel

Er las folgenden Brief von Schoppe:
 

»Dein Schreiben, mein lieber Jüngling, kam mir richtig zu. Ich preise deine Tränen und Flammen, die einander wechselnd unterhalten und nicht löschen. Werde nur etwas, auch viel, nur nicht alles, damit du es in einer so äußerst leeren Sache, wie das Leben ist – ich möchte wissen, wers erfunden hat –, ausdauern kannst vor Wüstenei. Ein Homer, ein Alexander, die nun die ganze Welt erobert und unter sich haben, müssen sich oft mit den verdrüßlichsten Stunden plagen, weil nun ihr Leben aus einer Braut eine Frau geworden. So sehr ich mich dagegen verpalisadierte und mich festmachte, um nicht über jedermann zu steigen und als das Faktotum der Welt oben zu sitzen: so kam ich doch am Ende unvermerkt und stehend in die Höhe, bloß weil unter meinem langen Besehen der ganze Erdkreis voll Schaumberge und Nebel-Riesen immer tiefer auftauete und zusammenkroch; und schaue nun allein und trocken von meinem Berghorn herunter, ganz besetzt mit Blutigeln des Welt-Ekels.

Bruder, es wird aber in diesem Jahre anders und ich flott. Deswegen wird dir hier im Februar ein langer, mir ganz verdrüßlicher Brief geschrieben, der dir über meine nahe Einspinnung und Verpuppung sagt, wo und wie; denn bin ich einmal eine glänzende Chrysalide, so kann ich mich nur schwach mehr regen und zeigen.

Ich will mich deutlicher erklären, setzen die Deutschen hinzu, wenn sie sich deutlich erklärt haben. Es schickt und trifft sich besonders glücklich – was ich schätze wie einer –, daß gerade Ende des Jahrs Ende meines bisherigen väterlichen Vermögens ist und folglich, wenn Amsterdam aufhört zu zahlen, ich auch falle und nichts mehr in Händen habe als schwache chiromantische Wahrsagungen und nichts im Leibe habe außer dem Magen. Ich wollte, ich könnte noch von meinem Nabel leben wie in meinen frühern Zeiten und mich so weich betten.

Was soll ich dann machen? Mich von den Herren Menschen jahraus, jahrein beschenken zu lassen, dazu acht' ich sie nicht genug; und die wenigen, die man etwa bei Gelegenheit achtet, sollen wieder mich zu hoch achten, es anzubieten. Was, ein Floh soll ich sein am dünnsten goldnen Kettlein, und ein Herr, der mich darangelegt, damit ich ihm springe, aber nicht davon, zieht mich öfters auf den Arm und sagt: saug nur zu, mein Tierchen!? – Teufel! Frei will ich bleiben auf einer so verächtlichen Erde – keinen Lohn, keinen Befehl in diesem großen Bedientenzimmer erhaltend – kerngesund, um kein Mitleiden und keinen Hausarzt zu erwecken – ja wollte man mir das Herz der Gräfin Romeiro unter der Bedingung zuschlagen, es zu erknien, so würd' ich das Herz zwar annehmen und es küssen, aber gleich darauf aufstehen und davonlaufen (entweder in die zweite oder in die neue Welt), ehe sie Zeit hätte, sich die Sache zu rekapitulieren und mir vorzurücken.

Werden freilich etwas – und dadurch ebensoviel verdienen –, das könnt' ich (schlägt man mir vor) doch versuchen, ohne sonderliche Einbuße von Freiheit und Ungleichheit. In der Tat seh' ich hier aus meinem Zentrum an 360 Weg-Radien laufen und weiß kaum zu wählen, so daß man lieber das Zentrum zum Umkreis auszuplätten oder diesen zu jenem einzuziehen versuchen möchte, um nur fortzustehen. Dienen, wie die Regimentsstäbe sagen, wäre freilich das nächste am Herrschen. Du willst selber, wie du schreibst, ins Feld. (Deinen Brief hab' ich richtig erhalten und darin deine Scheu und Sucht recht und gut gefunden und dich ganz.) Und in Wahrheit, errichtete der Erzengel Michael eine heilige Legion, eine legio fulminatrix von einigen schwachen Septuagintas gegen das gemeine Wesen der Welt, kündigte er den Riesenkrieg dem Pöbelsaufgebote an, um vier oder fünf Weltteile durch ein sechstes Weltteilchen (auf einer Insel hätt' es vielen Platz) aus der Welt zu treiben oder in die Kerker und um alle geistige Knechte zu leiblichen zu machen: sei versichert, in diesem glücklichen Fall stellte ich mich am ersten hinter die Spitze und führte die Kanonen mit der kurzen flüchtigen Bemerkung: wie Händel zuerst Kanonen in die Musik, so brächte man hier umgewandt zuerst Musik in die Kanonen. Kämen wir nun sämtlich zurück, wehte der heilige Landsturm wieder herwärts: so stände Gottes Thron auf der Erde, und heilige Männer gingen mit hohen Feuern in Händen hinauf, viel weniger um droben den Weltkörper zu regieren als dem Weltgeiste zu opfern.

Mit der Franzmannschaft demnach stehst du für deine Person, wie du schreibst, künftig für einen Mann. Freilich fällt mirs schwer, sonderlich von 25 Millionen zu denken, wovon zwar die Kubikwurzel frei lief und wuchs, aber Stamm und Gezweig doch jahrhundertelang am Sklaven-Gitter trocknete und dorrte. Wer nicht vor der Revolution ein stiller Revolutionär war – wie etwan Chamfort, mit dessen feuerfesten Brust ich einmal in Paris an meiner schönes Feuer schlug, oder wie Montesquieu und J. J. Rousseau –, der spreize sich mit seiner Tropfenhaftigkeit nicht breit unter seine Haustür aus. Freiheit wird wie alles Göttliche nicht gelernt und erworben, sondern angeboren. Freilich sitzen im Frank- und Deutschreich überall junge Autoren und Musensöhne, die sich über ihren schnellen Selbst-Gehalt verwundern und erklären, nur verflucht erstaunt, daß sie nicht früher ihr Freiheitsgefühl gefühlt, weiche Schelme, die sich als ganze blasende Walfische ansehen, weil sie einiges Fischbein davon um die Rippen zu schnüren fanden – Immer würd' ich in einem Kriege, wie ihn die tote Zeit geben kann, glauben, zwar gegen Toren zu kämpfen, aber auch für Toren.

Die jetzigen zynischen, naiven, freien Naturmenschen – Franzen und Deutsche – gleichen fast den nackten Honoratioren, die ich in der Pleiße, Spree und Saale sich baden sah: sie waren, wie gesagt, sehr nackt, weiß und natürlich und Wilde, aber der schwarze Haarzopf der Kultur lag doch auffallend auf den weißen Rücken. Einige große lange Menschen und Väter der Zeit, wie Rousseau, Diderot, Sidney, Ferguson, Plato, haben ihre abgetragnen Hosen abgelegt, und diese tragen ihre Jungen nach und nennen sich, weil sie ihnen so weit, lang und offen sitzen, deswegen Ohne-Hosen.

Zwar statt des Degens könnte ich auch sehr gut das Federmesser ergreifen und als schreibender Cäsar aufstehen, um die Welt zu bessern und ihr und sie zu nutzen. Es wird mir denkwürdig bleiben, das Gespräch, das ich darüber mit einem berlinischen allgemeinen deutschen Bibliothekar aushielt, als wir still im Tiergarten auf- und abgingen. 'Jeder wuchere doch seinem Vaterland mit seinen Kenntnissen, die sonst vergraben liegen', sagte der deutsche Bibliothekar. 'Zu einem Vaterland gehört zuvörderst einiges Land,' sagt' ich, 'der Malteser Bibliothekar aber, der hier spricht, erblickte das Licht der Welt zur See unter einem pechfinstern Sturm. Kenntnisse besitz' ich freilich genug und weiß, daß man sie wie ein Glas voll Kuhpocken, vernünftig genommen, nur dazu hat, um sie einzuimpfen – der Schüler seinerseits schlingt sie wieder nur ein, um sie von sich zu geben, und so gibt sich das Weitere. So fährt das Licht, wie im Spiel »stirbt der Fuchs, so gilts den Balg« der glimmende Span, von Hand zu Hand, bis aber doch der Span in einer – meiner – verlöscht und verbleibt.'

'Launig genug!' (sagte der allgemeine Bibliothekar) 'Mit einer solchen Laune verbinden Sie nur noch Studium schlechter Menschen und guter Muster, so bilden Sie uns einen zweiten Rabener, der die Narren geißelt.' – 'Herr!' (versetzt' ich ergrimmt) 'ich würde die Weisen vorziehen und Euch den ersten Schlag versetzen. Weise lassen sich berichten und waschen, haben überall ihr Einsehen und sind gute Narren und meine Leute; ein Mann wie ein allgemeiner deutscher Kurschmied, der dem Musenpferd an den Puls greift, halte mir seinen vor, und ich befühl' ihn gern. Aber der Welt-Rest, Sir? Wer kann das Weltmeer abschäumen, wenn er ihm nicht die Ufer wegbricht? Ists nicht ein Jammer und Schade, daß alle genialische Menschen, von Plato bis zu Herder, laut und gedruckt worden und häufig gelesen und studiert vom gelehrten Pack und Packhof, ohne daß dieser sich im geringsten ändern können? Bibliothekar, ruft und pfeift doch alles, was in den kritischen Hundshütten neben jenen Tempeln Wache liegt, heraus und fragt sämtliche Windspiele, Doggen und Packer, ob in ihren Seelen sich etwas anders bewege als ein potenzierter Magen, statt eines poetischen und heiligen Herzens! Im Bergkessel sehen sie den Wurst- und Braukessel, im Laub die Schelle der Karte, und der Donner hat für sie – als ein größerer elektrischer Funke – einen sehr säuerlichen Geschmack, den er nachher dem März-Biere einflößet.'

'Spielen Sie an?' fragt' er. 'Sicher!' (sagt' ich) – 'Aber weiter, Biliothekar, gesetzt wir beide wären so glücklich, uns auf dem Absatze herumzudrehen und mit einem Umherhauchen alle Toren wie mit einem Hüttenrauche ganz verpestet umzuwehen und maustot hinzuwerfen: so kann ich doch nicht absehen, wo der Segen herauskommen will, weil ich, außerdem daß wir noch selber nebeneinander stehen und auch uns anzuhauchen haben, in allen Ecken umher Weiber sitzen sehe, welche die erlegte Welt von neuem hecken. –

Bester PüsterichOder Püster, die bekannte altdeutsche Götzenstatue voll Löcher, Flammen und Wasser. voll Feuer,' (fuhr ich fort) 'kann aber das sehr zum satirischen Handwerke rufen und prägen? – O nein! Echte Laune ist bei mir da, vielleicht fremde Tollheit gleichfalls, vielleicht – aber ach wird nicht der seltsame Scherzmacher, sogar in ihrer ungemeinen Bibliothek, dem Stachelschweinmanne in London (dem Sohne) gleichen, der bei dem Tierhändler Brook den Dienst hatte, den Fremden im wilden Viehstand und ausländischen Tiergarten herumzuführen, und der auf der Schwelle dabei anfing, daß er sich selber zeigte als Mensch betrachtet? – Bedenken Sie es kalt und vorher! Noch schwing' ich meinen Satyr-Schweif ungebunden und lustig und etwan gegen eine gelegentliche Bremse; wird mir aber ein Buch darangebunden, wie in Polen an den Kuh-Schwanz eine Wiege, so rüttelt das Tier die Wiege der Leser und gibt Lust, der Schwanz aber wird ein Knecht.(

'Zu solchen Bildern' (sagte der Bibliothekar) 'wäre allerdings die gebildete Welt durch keinen Rabener oder Voltaire gewöhnt, und ich erkenne nun selber die Satire nicht für Ihr Fach.' – 'O so wahr!' versetzt' ich, und wir schieden gütlich.

– Aber ernsthaft genommen, Bruder, was hat nun ein Mensch übrig (sowohl an Aussichten als an Wünschen), dem das Säkulum so versalzen ist wie mir und das Leben durch die Lebendigen – den die allgemeine matte Heuchelei und die glänzende Politur des giftigsten Holzes verdrießet – und die entsetzliche Gemeinheit des deutschen Lebenstheaters – und die noch größere des deutschen Theater-Lebens – und die pontinischen Sümpfe Kotzebuischer ehr- und zuchtloser Weichlichkeit, die kein heiliger Vater austrocknen und festmachen kann – und der ermordete Stolz neben der lebendigen Eitelkeit umher, so daß ich mich, um nur Luft zu schöpfen, stundenlang zu den Spielen der Kinder und des Viehs hinstellen kann, weil ich doch dabei versichert bin, daß beide nicht mit mir kokettieren, sondern nichts im Sinne und liebhaben als ihr Werk – was hat, fragt' ich auf der letzten Zeile des vorigen Blattes, einer nun übrig, den, wie gesagt, so vielerlei anstinkt und vorzüglich noch der Punkt, daß Besserung schwer ist, aber Verschlimmerung ganz und gar nicht, weil sogar die Besten den Schlimmsten etwas weismachen und dadurch sich auch und weil sie bei ihrer verborgnen Verwünschung und Sänften- und Achselträgerei der Gegenwart wenigstens um Geld und Ehre tanzen und sich dafür gern vom festern Pöbel brauchen lassen, als Weinfässer zu Fleischfässern – was hat ein Mann, sag' ich, Freund, in Zeiten, wo man, wie jetzt im Druck, aus Schwarz zwar nicht Weiß macht, aber doch Grau und wo man, wie Katecheten sollen, gerade die Fragen auf Nein und Ja vermeidet, noch übrig außer seinem Hasse der Tyrannen und Sklaven zugleich und außer dem Zorne über die Mißhandlung sowohl als über die Gemißhandelten? Und wozu soll sich ein Mann, dem der Panzer des Lebens an solchen Stellen dünn gearbeitet oder dünn gerieben ist, ernsthaft entschließen?

Ich meines Orts, falls von mir die Rede ist, entschloß mich im halben Scherze zu einer dünnen hellen Anfrage für den Reichsanzeiger, die du vielleicht schon in Rom gelesen, ohne mich eben zu erraten:

Allerhand

Wohl zuverlässig steht gesunder Verstand und Vernunft (mens sana in c. s.) unter den zu würdigenden Gütern des Lebens zunächst nach einem reinen Gewissen obenan. Ein Satz, den ich bei den Lesern dieses Blattes vorauszusetzen wage. Was sonst hierüber noch gesagt werden kann (sowohl von als gegen Kantner [so schreibt Campe statt Kantianer viel richtiger]), gehört gewiß nicht hieher in ein ganz populäres Volksblatt. Unterzeichneter dieses ist nun in dem betrübten Falle, daß er hier genötigt die Ärzte Aus- und Deutschlands befragt – Mitleiden mit Leiden gebe, schicke die Antworten ein –, wenn er (gerade heraus vor Deutschland!!) ganz toll werden werde, indem der Anfang davon schon einen genommen.

Das Wenn, aber nicht das Ob liegt edeln Menschenfreunden zu beantworten ob. Hier meine Gründe, Deutsche! Abgesehen, daß mancher schon aus der Anfrage folgern könnte – was doch wenig entscheidet –, so sind folgende Stücke bedenklich und gewiß: 1) des Verfassers bunter Stil selber, der weniger aus diesem Inserat (in den überlegtesten Intervallen gemacht) als aus der ähnlichen Schreibart eines sehr beliebten und geschmacklosen Schriftstellers zu erkennen ist, wie denn ein buntes Übermaß ganz wildfremder Bilder so gut am Kopfe wie buntes Farbenspiel am Glase nahe Auflösung bedeuten – 2) die Weissagung eines SpitzbubenDes Kahlkopfs, der ihm nach 14 Monaten Wahnsinn prophezeiete., an die er immerfort denkt, was schlimme Folgen haben muß – 3) seine Liebe und sein Treiben Swifts, dessen Tollheit Gelehrten nicht fremd ist – 4) seine gänzliche Vergeßlichkeit – 5) seine häufige schlimme Verwirrung geträumter Sachen mit erlebten und vice versa – 6) sein Unglück, daß er nicht weiß, was er schreibt, bis ers nachgelesen, weil er gegen seinen Zweck bald etwas auslässet oder bald etwas hinsetzt, wie das durchstrichne Manuskript leider am besten bezeugt – 7) sein ganzes bisheriges Leben, Denken, und Spaßen, was hier zu weitläuftig wäre, und 8) seine so unvernünftigen Träume. Nun ist die Frage, wenn in solchen Verhältnissen (schlagen nämlich keine Fieber, keine Liebschaften dazu) vollständige Verrückung (Idea fixa, mania, raptus) eintritt. Bei Swift fiels sehr spät, im Alter, wo er ohnehin schon an und für sich halb närrisch sein mochte und nachher alles nur mehr zeigte. Wenn man betrachtet, daß einmal der Professor Büsch ausrechnete, daß seine Augen-Schwäche sehr gut ohne seinen Schaden von Jahr zu Jahr wachsen könnte, weil die Periode seiner gänzlichen Erblindung über sein ganzes langes Leben hinausfiele bloß auf sein Grab, so sollt' ich annehmen, daß meine Schwäche so stufenweise aufschwellen könnte, daß ich keine petites maisons brauchte als den Sarg selber; so daß ich vorher dabei heiraten und amtieren möchte wie jeder andere rechtschaffene Mann.

Was ich hiermit bezwecke, ist bloß, mich hierüber mit irgendeinem Menschenfreunde (er sei aber philosophischer Arzt!!) in Korrespondenz zu setzen. Meine Adresse hat die Expedition des Reichsanzeigers. Näher bekannt mach' ich mich vielleicht körperlich und bürgerlich in eben diesem Blatte auf dem Blatte, wo ich eine Gattin suche. Pestitz, den Februar.

S-s, L-d, L-r, G-l, S-e.

 << Kapitel 139  Kapitel 141 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.