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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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9. Zykel

Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten Insel; und sie wurden durch den Anblick, wie das erhobene Bildwerk des Tages farbig-gleißend aus den erlöschenden Kreidenzeichnungen des Mondlichts heraustrat, lebendig und wach. Augusti kam auch und schlug ihnen die halbstündige Fahrt nach Isola madre vor. Albano flehte beide herzlich an, allein hinzufahren, ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergängen zu lassen. Der Lektor faßte jetzt die Spuren der nächtlichen Angriffe schärfer ins Auge – wie schön hatte der Traum, der Mönch, die Schlaflosigkeit, die Verblutung die tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht, und die Kraft war jetzt nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht. Augusti nahm es für Eigensinn und fuhr allein mit Schoppe; aber die wenigsten Menschen begreifen, daß man nur mit den wenigsten Menschen (mit keiner Visiten-Armee), eigentlich nur mit zweien, mit dem innigsten und ähnlichsten Freunde und mit der Geliebten, spazieren gehen könne. Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am Geburtstage der Fürstin zu einer Liebeserklärung öffentlich niederknien als – denn man zeige mir doch den Unterschied – zwischen einem langen Vor- und Nachtrabe das trunkne Auge auf dich, Natur, meine Geliebte, heften. –

Wie glücklich wurde durch die Einsamkeit Albano, dessen Herz und Augen voll Tränen standen, die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen Urteile so rechtfertigten und erhoben! – Er trug sich nämlich mit dem sonderbaren Irrtume feuriger und starker Jünglinge, er habe kein weiches Herz, zu wenig Gefühl und sei schwer zu rühren. Aber jetzt gab ihm die Entkräftung einen dichterischen weichen Vormittag, wie er noch keinen gehabt, wo er alles weinend umarmen wollte, was er je geliebt – seine guten fernen Pflegeeltern in Blumenbühl – seinen kranken Vater, ders gerade im Frühling war, wo immer der Tod sein blumiggeschmücktes Opfertor aufbauet – und seine in die Vergangenheit gehüllte Schwester, deren Bild er bekommen, deren After-Stimme er diese Nacht gehört und deren letzte Stunde ihm der nächtliche Lügner näher gemalt. – Sogar das nächtliche, noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn durch die Unerklärlichkeit – da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben wußte – und durch die Weissagung beklommen, daß er an seiner Geburtsstunde – und diese stand so nahe, am Himmelfahrtstage – den Namen seiner Braut vernehmen würde. Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe, gab aber der Krone und der Wassergöttin frischen Glanz.

Er durchschwankte alle heilige Stätten in diesem gelobten Lande – Er ging in die dunkle Arkade, wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gefunden hatte, und nahm mit einem bangen Gefühle die auf den Boden entfallne zerquetschte Larve zu sich. Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im weiten Blau, wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war. – Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde, die sich in 20 Absätze wie er in 20 Jahre zerteilte, und er fühlte auf den heißen Wangen ihren dünnen Regen nicht.

Er stieg nun auf die hohe Terrasse zurück, um seinen Freunden entgegenzusehen. Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der äußern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern! – Die Natur, die gestern ein flammender Sonnenball gewesen, war heute ein Abendstern voll Dämmerlicht – die Welt und die Zukunft lagen so groß um ihn und doch so nahe und berührend, wie vor dem Regen Eisberge näher scheinen im tiefern Blau – er stellte sich auf das Geländer und hielt sich an die kolossalische Statue, und sein Auge schweifte hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab, und unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und alle Blätter auf – weiße Türme blinkten aus dem Ufer-Grün, und Glocken und Vögel klangen im Winde durcheinander. – Ein schmerzliches Sehnen faßte ihn, da er nach der Bahn seines Vaters sah; ach nach dem wärmern Spanien voll schwelgerischer Frühlinge, voll lauer Orange-Nächte, voll umhergeworfener Glieder zerstückter Riesengebürge, da wäre er gern durch den schönen Himmel hingeflogen! – Endlich löste sich das Freuen und das Träumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut auf, worein das Übermaß der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet, weil ja unsere Brust leichter zu überfüllen als zu füllen ist. – –

Auf einmal wurde Albano gerührt und ergriffen, als wenn die Gottheit der Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte, um ihn für ihre künftige Erscheinung einzuweihen, da er an einem indischen Bäumchen neben sich den Zettel mit dessen Namen Liane las. Er sah es zärtlich an und sagte immer: »Liebe Liane!« Er wollte sich einen Zweig abbrechen; da er aber daran dachte, daß dann Wasser aus ihm rinne, so sagte er: »Nein, Liane, durch mich sollst du nicht weinen« und unterließ es, weil in seiner Erinnerung das Gewächs auf irgendeine Art mit einem unbekannten teuern Wesen in Verwandtschaft stand. Sich unaussprechlich-hinübersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren Deutschlands, nach den Alpen – in einem Frühlingswölkchen schien sich der schneeweiße Engel seines Traums tief einzuhüllen und nur stumm darin dahinzuschweben – und es war ihm, als hör' er von fernen Harmonikatöne. – Er zog, um nur etwas Deutsches zu haben, eine Brieftasche heraus, worauf seine Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt: Gedenke unserer; – er fühlte sich allein und war nun erfreuet über die Freunde, welche heiter von Isola madre zurückruderten.

Ach Albano welch ein Morgen wäre dieser für einen Geist wie deinen zehn Jahre später gewesen, wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter und weicher und loser auseinander geblättert hätte! Vor einer Seele wie deiner wären dann, da die Gegenwart in ihr blaß wurde, zwei Welten zugleich – die zwei Ringe um den Saturn der Zeit – die der Vergangenheit und die der Zukunft miteinander aufgegangen; du hättest nicht bloß über die kurze rückständige Laufbahn an das helle weiße Ziel geblickt, sondern dich umgewandt und die krumme lange durchlaufene überschauet. Du hättest die tausend Fehlgriffe des Willens, die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung des Herzens und des Gehirns. Würdest du auf den Boden haben sehen können, ohne dich zu fragen: Ach haben die 1004 ErschütterungenIn Kalabrien waren im Zeitraume von ¾ Jahren (1785) tausendundvier Erschütterungen. Münters Reise etc., die durch mich wie durch das Land hinter mir gegangen sind, mich ebenso befruchtet wie dieses? – O da alle Erfahrungen so teuer sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder unsere Kräfte oder unsere – Irrtümer: o warum muß der Mensch an jedem Morgen vor der Natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert, so verarmet über die tausend vergeblich vertrockneten Tränen erröten, die er schon vergossen und gekostet hat? – Aus Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf, aus Wintern Frühlinge, aus Vulkanen Wälder und Berge, aus der Hölle einen Himmel, aus diesem einen größern – – und wir törichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten, die uns stillt – wir hacken wie die Steindohle nach jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstück beiseite und zünden damit Häuser an – ach mehr als eine große schöne Welt geht unter in der Brust und läßt nichts zurück, und gerade der Strom der höhern Menschen verspringt, und befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserfälle zersplittern und schon weit über der Erde verflattern. – –

Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit; aber dem Jünglinge wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem, der seine Stube im Gasthofe ausgeleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat, bis die Pferde kommen. Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse in jeder neuen Sekunde schneller und stärker; er bat mit äußerster Milde, aber innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzureisen. – Und so ging er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die Falltüre zu kommen, die sich in den unterirdischen Gang so vieler Rätsel öffnet. –

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