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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 129
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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»Jetzt will ich dich, wie ichs bisher machte, zur Gräfin bringen, aber über einen kürzeren Weg!« sagte sie, nahm seine Hand, führte ihn hinaus, öffnete das Zimmer gegenüber, wo Linda wohnte, und sagte: »Ich stelle dir meinen Bruder vor.« Hoch errötend ging ihnen die edle Gestalt entgegen und umarmte ohne ein Wort die liebe Freundin. Als ihr Auge Albano wiederfand, wurde sie so betroffen, daß sie die Hand zurückzuziehen suchte, die er küßte; denn sie hatte gestern kaum nur dämmernd sein schönes Auge und seine edle Stirn und den Mund der Liebe gesehen; und dieser blühende Mensch stand, von doppelter Rührung beseelt, so hell und still und ernst vor ihr, voll edler, rechter Liebe. Ihr Herz wäre gern an seines gefallen; wenigstens ihre Hand gab sie ihm in seine wieder und wünschte ihm Glück zu diesem Morgen. Die nahe Antwort: »Und zum gestrigen Abend« konnt' er nicht über die Lippe bringen, aus eigner verschämter Scheu, Lob zu geben wie zu nehmen. »Endlich ist der dritte Mann zum Reise-Kollegium gefunden« (sagte Julienne) – »Denn du mußt in einigen Tagen gleich fort, nach Pestitz mußt du mit, Albano.« – »Ich mit, Schwester?« (sagt' er) »ich wollte einen Monat bleiben, in einige Tage aber ist der Besuch des Vesuvs, Herkulanums und Neapels zusammengedrängt.« – Er wunderte sich nachher selber über den süßen Gehorsam unter die schönen Befehle der Liebe, da er sonst zu sagen pflegte: »Befiehl mir, zu befehlen: so gehorch' ich nicht.« – »Ich begleite meine Freundin,« (sagte Linda) »so gern ich nach Griechenland gegangen wäre, dem ich schon zweimal so nahe bin.« –

»Noch in dieser Nacht flieg' ich fort,« (sagt' er) »ich will nur wachen, sehen, leben, lieben.« Julienne fing schon mit Schwester-Sorgen für seine Gesundheit und seine Zwecke an – geteilt zwischen zwei Brüder, hätte sie sich gern, wär' es nur möglich, beiden zugleich geopfert. – »Ischia hat der gute Mensch auch noch nicht genossen,« (sagte sie) »das muß er heute haben.«

Albano fühlte bei dieser neuen weiblichen Liebe, das Weib sei das Herz in der schönsten Gestalt. In ihm klang ein Freudenlied: welch ein Tag liegt vor dir, und welche Jahre! – Vom Überhang der doppelten Liebes-Blüten süß umschlungen und eingesponnen, sah er das Leben und die Erde voll Duft und Licht – über den Morgentau der Jugend war nun eine Sonne heraufgeführt, und die dunkeln Tropfen strahlten durch alle Gärten hinauf und hinab.

Er warf endlich einen Blick auf den Ort, der ihn umgab; Niobes Gruppe, der Genius von Turin, Amor und Psyche standen abgegossen da, aus dem Kabinette eines Künstlers in Neapel entlehnt – die Wände waren mit seltenen Gemälden geschmückt, worunter der – niesende Schoppe war. Dieser allein drang mit der nordischen Vergangenheit heftig in sein erweichtes Herz, und er sagte der Geliebten sein Gefühl! »Sie ziehen« (sagte sie) »der Kunst die Freundschaft vor, denn das Porträt ist das Schlechteste in meiner Sammlung; aber das Original verdient wohl alle Achtung.«

Sie ging ins Kabinett und holte ein Miniaturbild von sich selber, das sie nach türkischer Sitte darstellt, eingeschleiert und nur ein Auge aufgedeckt. Wie neben der Schleier-Dämmerung das offne Seelen-Auge lebendig blickte und traf! Wie die Flamme ihrer Macht die Hülle der Milde durchbrannte! – Linda nannte den Meister des herrlichen Bildes, eben diesen Schoppe, und setzte dazu: er habe gesagt, hier müsse der Meister aus Gegengefälligkeit selber ein Werk loben, das ihn so parteiisch und kräftig lobe wie noch kein anderes Werk von ihm. Sie erklärte diese Verschiedenheit seines Pinsels aus einer Ursache, die er ihr selber fast wörtlich gesagt: er habe nämlich in seiner frühesten Jugend ihre Mutter so lange geliebt, als er sie gesehen, und hernach niemand weiter, und darum hab' er, da sie ihr ähnlich sei, sie con amore gemalt und wirklich etwas zu leisten gesucht.

»O redlicher alter Mensch!« sagte Albano und konnte sich kaum der Tränen aus Augen, die so oft glücklich waren, erwehren; aber nur aus heiligem Freundschafts-Schmerz. Denn es fuhr nun durch ihn – wie ein Wetterstrahl durch den hellsten Himmel – die durch alles, durch Schoppens Tagebuch und Lindas Worte und Rabettens Brief gewisse Vermutung, daß Linda die Seele sei, die der sonderbare Mensch verborgen geliebt. Ein scharfer Schmerz schnitt eilig, aber tief durch seine Stirn; und er überwand sich bloß durch seine jetzige jüngere Frische des Geistes, durch neu gesammelte Kraft und Gewalt und durch den freien Gedanken, daß ein Freund dem Freunde wohl und leicht die Geliebte, aber nicht die Liebende geben und opfern könne und dürfe.

Julienne sagte: »Ein Wunder ists nur, daß der Bruder zwischen zwei solchen Phantasten – wie dieser Schoppe und Roquairol – nicht selber einer geworden.« Ein flüchtiger Krieg brach aus. Linda sagte: »Schoppe ist nur eine südliche Natur im Kampfe mit dem nordischen Klima.« – »Eigentlich mit dem Leben selber«, sagte Albano. Julienne blieb dabei: »Ich liebe überall Regel im Leben; bei beiden ist man nie ruhig und à son aise, sondern nur à leur aise.« Sie fragte ihn geradezu über Roquairol. »Er war einmal mein Freund, und ich spreche nicht mehr von ihm«, sagt' Albano, dem des zernichteten Lieblings folternde Liebe gegen Linda und selber dessen Verwandtschaft mit Liane die Zunge band. Linda ging mit dem bloßen Urteile eines überspannten Schwächlings leicht und ohne besonderes Gedenken seiner Liebe gegen sie oder ihres Abscheues vor ihm darüber hin; sie vergaß in der Ferne ebenso kalt jeden, der ihrem Innern widrig war, als sie in der Nähe ihn heftig davonstieß.

Julienne entfernte sich, um die Anstalten zur kleinen Tag- und Inselreise zu treffen. Albano schickte ein Blatt an Dian als Marschroute nach Neapel; Linda sagte über Julienne: »Ein tief- und festgegründetes Gemüt!« – »Das Stamm und Zweige nur in lauter kleine duftende Blüten einhüllt«, setzt' er hinzu. – »Und gerade, was sie in Büchern und Gesprächen hasset, die Poesie, die treibt sie recht in Taten. Individualität ist überall zu schonen und zu ehren als Wurzel jedes Guten. – Sie sind auch sehr gut«, setzte sie mit sanfter Stimme dazu. »Wahrlich, jetzt bin ichs,« (sagt' er) »denn ich liebe recht; und nur ein vollendetes Wesen kann man recht lieben und ganz uneigennützig!« –

So muß das Sonnenbild vollendet und rund auffallen, um zu brennen. »Oder eines, das man dafür hält« (sagte sie) – »Ich bin, was ich bin, und werde schwerlich anders. Wenn nur der Mensch einmal einen Willen hat, der durch das Leben geht, nicht von Minute zu Minute, von Mensch zu Menschen wechselt – das ist die Hauptsache.« – »Linda,« (rief Albano) »ich höre meine Seele – es gibt Wörter, welche Taten sind; Ihre sinds.« Wenn sie so ihre Seele aussprach, verschwand vor seinem bezauberten Geiste die schöne Gestalt, wie die goldne Saite verschwindet, wenn sie zu tönen anfängt. Von der Vergangenheit verwundet und bestraft für seine oft harte Kraft, hauchte er – ob ihn gleich jetzt das Leben, die Welt und selber das Land kühner, heller, fester und heißer gemacht – die unisonen Äolssaiten dieser vieltönigen Seele nur mit leisem Atem an. Aber wie mußte sie ein Mann bezaubern, zugleich so mächtig und so zart – ein sanftes Sternbild aus nahen Sonnen – ein schöner Kriegsgott mit der Lyra – eine Sturmwolke voll Aurora – ein mutiger, heißer Jüngling, der so redlich dachte! – Aber sie sagte es nicht, sondern liebte bloß wie er.

Er warf einen zufälligen Blick auf ihre kleine Tisch-Bibliothek. »Lauter Franzosen!« sagte sie; er fand den Montaigne, das Leben der Guyon, den Contrat social und zuletzt Madame Staël: »Sur l'influence des passions«. Er hatte diese gelesen und sagte, wie ihm die Artikel über die Liebe, die Parteien und die Eitelkeit unendlich gefallen und überhaupt ihr deutsches oder spanisches Feuerherz, aber nicht ihre französische kahle Philosophie, am wenigsten ihre unmoralische Selbstmordsucht. – »Lieber Gott,« (rief Linda) »Ist nicht das Leben selber ein langer Selbstmord? – Albano, alle Männer sind doch irgendwo Pedanten, die guten in der sogenannten Moralität, und Sie besonders – Kantische Maximen, breite weite Fächer, Prinzipien müssen sie alle haben. – Ihr seid alle geborne Deutsche, recht deutsche Deutsche, Sie auch, Freund. Hab' ich recht?« setzte sie sanft dazu, als begehre sie ein Ja.

»Nein!« (sagte Albano) »Sobald einmal ein Mensch etwas recht ernstlich und ausschließend treibt und verlangt: so heißet er ein Phantast oder Pedant.« – »O die ewigen Leser und Leserinnen!« rief Julienne, hereintretend, über sein Buch in der Hand aus. »Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen,« (sagte Linda) »wie ich noch keine weggelassen.« – Weiber, die Vorreden und Noten lesen, sind bedeutende; bei Männern wäre höchstens das Gegenteil wahr. – »Wir können reisen, alles ist fertig«, sagte Julienne.

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