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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 127
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Dian, der schon lange die schöne Fremde angesehen, fand endlich in seinem Gedächtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen, halb verlegenen Miene der Künstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. »Der Grieche Dian,« (sagte Albano) »edle Gräfin!« – Verwundert über des Grafen Erkennung sagte sie zu diesem: »Ich kenne Sie nicht.« – »Meinen Vater kennen Sie,« (sagte Albano) »den Ritter von Cesara.« – »O dio!« rief die Spanierin erschrocken, wurde eine Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: »Wie sonderbar! Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier.«

Das Gespräch floß jetzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und drückte als Mündel ihre Dankbarkeit aus: »Es ist eine mächtige Natur, die sich vor allem Gemeinen bewahrt«, sagte sie, sogleich gegen die vornehme Sitte schon teilnehmend von Personen sprechend. Den Sohn beglückte das Lob auf einen Vater, er erhöhte es und fragte in froher Erwartung, wie sie seine Kälte nehme.

»Kälte?« – (sagte sie lebhaft) »das Wort hass' ich recht; wenn einmal ein seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt: so heißet er kalt. Ist die Sonne in der Nähe nicht auch kalt?« – »Der Tod ist kalt,« (rief Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte) »aber eine erhabene Kälte, eine erhabene Qual kann es wohl geben, die mit Adlersklaue das Herz in die Höhe entführt, aber es zerreißet mitten im Himmel und vor der Sonne.«

Sie sah ihn groß an: »Ihr sprecht ja wie ein Weib,« (sagte sie) »das allein hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun; aber es war artig.« – Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tüchtig, unterbrach sie mit Fragen über einzelne Kunstwerke in Neapel; sie teilte sehr offen ihre eigentümliche Ansicht mit, obwohl ziemlich entscheidend. Albano dachte zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm; »bei meiner Abreise« (sagte sie) »war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was ein so ungemeines Wesen da will – es ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund.« – »Was macht« (fragte Dian halb scherzend) »mein alter Gönner, der Lektor Augusti?« – Sie antwortete kurz und fast über dessen vertrauliches Fragen empfindlich: »Es geht ihm gut am Hofe. – Wenigen Naturen« (wandte sie sich, über Augusti fortfahrend, an Albano) »geschieht so viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, kühlen, konsequenten wie der seinigen.« Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer Achtung für die fremdeste Eigentümlichkeit froh die Schülerin seines Vaters, der ein Gewächs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der Blüte schätzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die feingebildeten Weibern so oft abgeht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle, ergriff den Jüngling am stärkesten, und er glaubte zu sündigen, wenn er nicht seine große natürliche gegen sie verdoppelte.

Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort: »Diese sind mir nötiger,« (sagte sie zu Albano) »als sie es scheinen.« Sie habe nämlich, erzählte sie, etwas von der AugenkrankheitTaggesicht (Hemeralopie) ist gewöhnlich in heißen Ländern; der stärkste Grad ist, nachts sogar gegen Licht blind zu sein und erst am Morgen wieder sehend. vieler Spanierinnen, nachts unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu dürfen, und es geschah; er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.

Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schönen Flamme des Vesuvs zu blicken. »Er steht« (sagte Albano) »in diesem Hirtengedicht der Natur als eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit.« – »Glauben Sie das vom Krieg?« sagte sie. – »Entweder große Menschen« (versetzte er) »oder große Zwecke muß ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ecken gekehrt gelegen.« – »Wie wahr!« (sagte sie) – »Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?« – Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran. Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als offenherzig. »Selig seid ihr Männer,« (sagte sie) »ihr grabt euch durch den Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grüne Saat darunter an. Das kann keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar Häupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau, ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann.«

Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden Gespielinnen ihrer frühern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schöner wurde, zugleich Blume, Blüte und Frucht, statt daß sonst umgekehrt der Kopf durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sie aus Zartheit über das bisherige Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie über das Wunder des heutigen Begegnens schwieg. – Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Auf einmal blieb sie auf einer Höhe stehen, um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in Bergen aufgehäufet war. Sie blickten im Glanze umher, der Schwan des Himmels, der Mond, wogte fern vom Vesuve im hohen Äther – die Riesenschlange der Erde, das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette – die Küsten und Vorgebürge dämmerten nur wie Mitternachtsträume – Klüfte voll Baumblüten flossen über von ätherischem Tau aus Licht, und unten in Tälern standen finstere Rauchsäulen auf heißen Quellen und verwallten oben in Glanz – hoch lagen überall erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Städte – die Winde standen still, die Rosendüfte und die Myrtendüfte zogen allein – weich und lau umfloß die blaue Nacht die entzückte Erde, um den warmen Mond wich der Äther aus, und er sank liebestrunken mitten aus dem Himmel immer größer auf den süßen Erdenfrühling herein – der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, weiß von Sand oder Schnee, in Morgen – im dunklern Blau waren die Goldkörner der feurigen Sterne weit auseinandergesäet. – –

Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine überirdische Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke löseten sich wieder sanft auseinander; sie schaueten in die Welt und in das Herz und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter.

Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwätzigen Mädchen aus: »Es kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fühl' es recht, gute Nacht!« – Es war Agata. »Gott geb' eines«, sagte Albano. »O warum?« sagte Linda eifrig, aber leise. – »Alles, was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir heute kindlich-lieb, sogar der Tod – gehören wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit?« sagt' er. – »Ja, das darf in der Freude der Mensch fühlen und glauben, nur im Schmerze sprech' er nicht von Unsterblichkeit, in solcher Seelenohnmacht ist er ihrer nicht würdig.«

Albanos Geist stand hier von der Fürstenbank auf, um die hohe Verwandte zu grüßen, und sagte: »Unsterbliche! und wär' es sonst niemand!« Sie lächelte still und ging fort. Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt, ins Feuer geworfen, brennend, nicht verbrennend, das ganze vorige Leben losch weg, das Blatt glänzte feurig und rein für Lindas Hand.

Als sie die letzte Anhöhe erreichten, worunter Lindas und Juliennens Wohnung lag, und sie nebeneinander zur Trennung standen, da rief plötzlich unten das Mädchen: »Ein Erdbeben!« – Aus der Hölle heran rollte ein Donnerwagen in den unterirdischen Wegen – ein breiter Blitz schlug die Flügel am reinen Himmel unter den Sternen auf und zu – die Erde und die Sterne zitterten, und aufgeschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht. – Albano hatte die Hände der wankenden Linda ergriffen. Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen Götter-Statue aus Marmor verblüht. Es war schon vorbei; nur einige Sterne der Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer, und wunderbare Wolken zogen unten ringsherum auf. »Bin ich nicht recht furchtsam?« sagte sie weich. Albano schauete ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgenrot ins Angesicht und drückte ihre Hände. Sie wollte sie heftig wegziehen. »Gib sie mir ewig!« sagte er heftig. – »Kühner Mensch,« (sagte sie verwirrt) »wer bist du? – Kennst du mich? – Wenn du bist wie ich, so schwöre und sage, ob du immer wahr gewesen!« – Albano sah gen Himmel, sein Leben wurde gewogen, Gott war nahe bei ihm, er antwortete sanft und fest: »Linda, immer!« – »Ich auch!« sagte sie und neigte schamhaft das schöne Haupt an seine Brust, hob es aber sogleich wieder auf mit den großen feuchten Augen und sagte schnell: »Gehen Sie jetzt! Früh morgens kommen Sie, Albano! Addio, addio!« –

Die Mädchen kamen herauf, Albano ging hinab, die Brust gefüllt mit Lebenswärme, mit Lebensglanz – die Natur wehte mit frischem Düften aus den Gärten her – das Meer rauschte unten wieder, und auf dem Vesuv brannte eine Amors-Fackel, ein Freudenfeuer – durch den Nacht-Himmel zogen noch einige Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne – und an das Himmels-Gewölbe war die Himmelsleiter aus goldnen Sprossen von Sternen gelehnt.

Da Albano so einsam in der Seligkeit ging, aufgelöset in die Wonne der Liebe, in den Duft der Täler, in den Glanz der Höhen, träumend, schwebend: so sah er Zugvögel über das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen, wo Liane gelebt. »Heilige droben,« (rief sein Herz) »du wolltest dies Glück, erscheine und segne es!« Unerwartet stand er vor einer Kapellen-Nische, worin die heilige Jungfrau stand. Der Mond verklärte die blasse Statue – die Jungfrau belebte sich unter dem Glanze und wurde Lianen ähnlicher – er kniete hin, und heiß gab er Gott die Dankgebete und Lianen die Tränen. Als er aufstand, girrten in Träumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall, die heißen Quellen dampften schimmernd, und er hörte das frohe Singen der fernen Menschen herauf.

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