Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 123
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigste Jobelperiode

Brief aus Pestitz – Mola – die Himmelfahrt eines Mönchs – Neapel – Ischia – die neue Göttergabe

108. Zykel

Ein kleines Licht in unserm Zimmer kann uns gegen das Blenden des ganzen himmelbreiten Blitzes schirmen; so braucht es in uns eine einzige fortleuchtende Idee und Tendenz, damit uns der schnelle Flammen- und Licht-Wechsel von außen nicht betäube. Hätte Albano nicht ein weit zu sehendes Ziel, einen Obeliskus in seiner Lebensbahn vor seinem Auge behalten: wie lange würde ihn die letzte Szene mit ihren durcheinandergreifenden Schmerzen verwirret haben! – Jetzt glich er den angezündeten Öl- und Lorbeerblättern um ihn, deren Flammen so gut grünen wie sie selber.

Dian, der fremde Schmerzen wegtrieb, weil er leicht beweglich bald aus einem Zuschauer derselben ein Mitspieler wurde, machte Albano und sich durch seine feurige Teilnahme an jeder schönen Gestalt, an jeder Ruine, an jeder kleinen Freude heiter. Er hatte die schöne seltene Gabe, auf Reisen froh zu sein, jede Blume zu brechen, aber keine Distel; indes der größere Teil mit der Schlafmütze unter dem Hute, von Station zu Station unter dem Fahren gähnend und im murrenden Kriege mit jedem Gesichte, ganze Paradiese wie Vorhöllen durchziehet.

In den leeren pontinischen Sümpfen, worin nur Büffel gedeihen und die Menschen erbleichen, suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor, um über das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus Petrus-Nachfischern zu kommen, ohne tödlich einzuschlafen. Da stieß er mit einem neu-griechischen Fluch auf einen Brief an Albano, der in einen von Chariton eingeschlossen gewesen und den er in Rom in der Eile der Abreise zu geben vergessen; aber er lachte bald darüber und fand es gut, daß man in diesem »Teufelstal« etwas gegen den Schlaf zu lesen habe.

Es war folgender von Rabette:
 

»Herzlicher Bruder, man möchte wohl wissen, ob du noch ein bißchen an deine Blumenbühler denkst, da du in dem prächtigen Italien gewiß ganz in deinem Essée bist, daß du in unser aller Herzen lebst, das weißt du längst, und du solltest nur wissen, wie lange wir alle bei deinem Abschied um dich geweinet haben, sowohl die Mutter als ich, und ein GewisserRoquairol. denkt jetzunder ganz anders von dir als vordem. In diesem Winter fiel viel vor. Die Ministerin hat sich von ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute, zuweilen in Arkadien bei der Prinzesse Idoine, unser Fürst ist an der Wassersucht gefährlich krank, und kann der Vater ein Stück Arbeit von der Landschaft dabei kriegen, wie er sagt. Dein Schoppe ist auf ein paar Monate verreiset mit Zurücklassung eines Briefes an dich, den er dem Vater anvertrauet. Er hielt sich letztlich bei uns auf in deiner Stube und besuchte fleißig die Gräfin Romeiro. Es ist schade für ihn, denn er meints gut, aber der Magister Wehmeier und wir alle im Orte sind überzeugt, daß er in kurzen toll wird, und er glaubts auch und sagt, er bestelle deshalb schon sein Haus. Was die Gräfin Romeiro anlangt, so ist sie mit der PrinzeßJulienne. abgereiset, kein Mensch weiß aber wohin, man sagt, der Fürst hab' ihr zu deutliche attentions bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien. Andere reden von Griechenland, aber mich versichert der Gewisse, sie sei nach Rom zu ihrem Vormund, das wirst du nun besser wissen als ich. Der Gewisse unternahm alles Menschmögliche, sie zu gewinnen, teils durch Briefe, teils selber, umsonst, keinen guten Blick konnt' er erlangen, sooft er sie auch bei cour anredete. Das alles hab' ich (wirst du es glauben?) aus seinem Munde, denn er ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz. Meines aber halt' ich fest zusammen, daß nur kein Blutströpfchen daraus quillt, und Gott allein sieht, wie es darin hergeht und weint. Ach Albano, ein armes Mädchen, das gesund ist, muß viel ausstehen, eh' es sterben kann. Oft kann mein Auge nicht länger trocken bleiben, und ich sage dann, sein Reden tu' es, was doch teils auch wahr ist, dir aber zeig' ich das dessous des cartes. – Nie, nimmer kann ich mehr die Seinige werden, denn er hat nicht redlich an mir gehandelt, sondern ganz ruchlos, und er weiß es auch. Es wird ihm auch kein Kuß gestattet, und ich sag' ihm, er möge das nur nicht um Gottes Willen für eine kokette Manier halten, ihn an mich zu ziehen. Die guten Eltern wissen nicht recht, was sie aus unserem Umgang machen sollen, und ich fürchte, der Vater bricht los, dann hab' ich sehr bittere Tage. Aber soll ich das arme kranke blasse Gemüt auch von mir verstoßen, soll die glühende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich konsumieren? Wem will nicht das Herz zerspringen, wenn er bei einem Festin ist und sie seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zurückfährt, wie neulich geschah und er mir im vollen Toben sagte: 'Gut, gut, Linda, einmal wird dir doch um mich dein Auge naß.' Da weiß ich ja, daß er nichts Gutes meint, und ich schone ihn aus Angst davor; sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blüte untergehen? Er wäre ihr längst nachgereiset, wenn er nicht täglich hoffte, sie komme wieder. Ach könnt' ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausreißen und in ihr einsetzen statt des andern, damit sie ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe, Albano, ich wollt' es gerne tun. Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende, und die Mutter will auf die andere einen Gruß schreiben. Lebe wohl, das wünscht

deine treue Schwester
Rabette.

Wie geht es meinem teuersten Sohn? Ist er glücklich, noch fromm, und gesund? Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch? Das fragt und wünscht im Namen des Vaters und in ihrem eignen

seine treue Mutter
Albine v. W.

P. S. Auch der alte Lehrer Wehmeier grüßet seinen Liebling in fernen Landen; und wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr. A.

P. S. Bruder, ich muß auch ein P. S. machen, Schoppe hat die Bewußte gemalt, und auch daraus entstanden Szenen. Aber ein Mehres mündlich. Die Prinzessin Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer.

R.«

*

Da Briefe sich mehr nach dem Orte, wo sie geboren, als nach dem, wo sie abgegeben werden, richten: so kommt oft, was als Same abging, schon keimend und mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blüten als trockner Same; und jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen Zeiten, der schreibenden und der lesenden. So wurde jetzt Albano unter diesem hellern Himmel, auf diesem Boden einer größern Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger von Rabettens Brief, durch welchen die nordischen Winternebel zogen, erreicht und verfinstert. Die redliche Rabette, die linde Albine kamen ihm nur sanft über die fremden Berge und Lüfte nach und legten an seine heiße Stirn die kühlende Hand; sein alter Schoppe stand in alter Würde vor ihm, und Liane schwebte wieder durch das hohe Blau. Gegen den verwitterten Roquairol fühlt' er nicht einmal Mitleid, sondern eine harte Geringschätzung; und Lindas standhafter Sinn war recht nach seinem, wie der stolze Blick und Gang der Römerinnen. Jetzt dacht' er über manches heiterer als sonst und wünschte sogar, einmal jener Heroine ins Zauber-Gesicht zu schauen.

In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an, und sie fuhren auf dem Wege nach Mola in immer dichtere Blüten und Blumen. In fliegenden Blättern – vielleicht an seinen Vater, noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe – sprach sich sein Glück und seine Seele aus; sie bewahrten gleichsam einige entfallne Orangenblüten des schnell durchflognen Edens auf. Hier sind sie:

 << Kapitel 122  Kapitel 124 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.