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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 122
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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107. Zykel

Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angequollen durch die Erschütterungen seines Herzens; – eben weil er in gesunden Tagen sich gleich Bergen durch Eis und Moos zusammenhielt, so stellte in kranken, schien es, eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her. Er rüstete sich zum Reisen, das am besten seinen eigensinnigen Körper auf- und nachbauete. Die Fürstin verschob das ihrige von Tag zu Tag, bloß in der festen, feurigen Erwartung, Albano werde ihr das schönste Endwort ihres ganzen Lebens mitgeben auf den Weg. In Albano war die Sehnsucht nach – Spanien aufgewacht im blühenden Land, und Neapel, hofft' er, werde sie stillen. Der Frühling dämmerte schon in Rom und ging auf in Neapel – die Nächte durchsang die Nachtigall und der Mensch – und die Mandelbäume blühten überall. Aber es schien, als ob die drei Menschen mit dem Reisen aufeinander warteten. Konnte die Fürstin von dem Herzen eilen, auf welchem ihr Dasein blühte und wurzelte, gleich einem abgerissenen Rosmarinzweige, dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Weizenkorns doppelt in die Erde greifen? – Auch Albano wollte nicht die Stunde beschleunigen, die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne Erd-Ecken warf, jene in den Nachwinter, ihn in den Vor- und Nachfrühling; – gerade jetzt am wenigsten; sein Geist hatte sich durch den Entschluß zum Kriege befriedigt und versöhnt mit sich, sein Portici war glänzend aufgebauet auf dem verschütteten Herkulanum seiner Vergangenheit.

Ein Brief von Pestitz entschied – der todkranke Fürst schrieb an die Fürstin und bat um das Wiedersehen – der Brief war ein Feuer, das den gemeinschaftlichen Boden, und wer darauf stand, auseinandersprengte – die drei Verbündeten faßten den Schluß, an einem Tage abzureisen, an einem Morgen, so daß eine Morgenröte ihr Gold zugleich in drei Reisewagen würfe.

Noch etwas begehrte die Fürstin am Abend vor der Abreise: am Morgen Albanos Begleitung auf die Peterskuppel; sie wollte Rom noch einmal in die scheidende Seele fassen, wenn es Morgenrot und Morgenglanz bedeckten. Auch Albano wollte gern den Most einer feurigen Stunde trinken, der sich zu einem ewigen Wein für das ganze Leben aufhellt; denn er wußte nicht, daß die lebhafte Fürstin – noch lebhafter durch Italien –, nach langem Harren auf das schönste Wort von ihm, endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte, in der es ihm entfahren sollte.

Früh vor Sonnenaufgang, wo in Rom noch mehrere einschlafen als aufstehen, holte er sie ab; nur ihre treue Haltermann begleitete sie. Von der durchwachten Nacht glühte sie noch und schien sehr bewegt. Rom schlief noch; zuweilen begegneten ihnen Wagen und Familien, die eben ihre Nacht beschließen wollten. Der Himmel stand kühl und blau über dem dämmernden Morgen, dem frischen Sohn der schönen Nacht.

Der weite Zirkus vor der Peterskirche war einsam und stumm, wie die Heiligen auf den Säulen; die Fontänen sprachen; noch ein Sternbild erlosch über dem Obeliskus. – Sie gingen die Wendeltreppe von anderthalb hundert Stufen auf das Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Häusern, Säulen, kleinen Kuppeln und Türmen durch vier Türen in die ungeheuere Kuppel – in eine gewölbte Nacht – unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Tal mit Häusern und Bäumen, ein heiliger Abgrund, und sie gingen nahe vor den musivischen Riesen, den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei. Während sie in der hohen Wölbung stiegen, blinkte immer röter Aurorens Goldschaum an den Fenstern, und Feuer und Nacht schwammen im Gewölb' ineinander.

Sie eilten höher und blickten hinaus, da schon ein einziger Lebensstrahl wie aus einem Auge hinter dem Gebürg in die Welt zückte – um den alten Albaner rauchten hundert glühende Wolken, als gebäre sein kalter Krater wieder einen Flammentag, und die Adler flogen mit goldnen, in die Sonne getauchten Flügeln langsam über die Wolken. – Plötzlich stand der Sonnengott auf dem schönen Gebürg, er richtete sich auf im Himmel und riß das Netz der Nacht von der bedeckten Erde weg; da brannten die Obelisken und das Coliseum und Rom von Hügel zu Hügel, und auf der einsamen Campagna funkelte in vielfachen Windungen die gelbe Riesenschlange der Welt, die Tiber – alle Wolken zerliefen in die Tiefen des Himmels, und goldnes Licht rann von Tuskulum und von Tivoli und von Rebenhügeln in die vielfarbige Ebene, an die zerstreueten Villen und Hütten, in die Zitronen- und Eichenwälder – im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am Abend, wenn es der heiße Gott besucht, voll Glanz, immer von ihm entzündet und sein ewiger Tau.

In der Morgenwelt lag unten das große stille Rom ausgebreitet, keine lebendige Stadt, ein einsamer ungeheuerer Zaubergarten der alten verborgnen Heldengeister, auf zwölf Hügel gelegt. – Der menschenlose Lustgarten der Geister sagte sich durch die grünen Wiesen und Zypressen zwischen den Palästen an und durch die breiten offnen Treppen und Säulen und Brücken, durch die Ruinen und hohen Springbrunnen und den Adonisgarten und die grünen Berge und Götter-Tempel; die breiten Gänge waren ausgestorben; die Fenster waren vergittert; auf den Dächern blickten sich die steinernen Toten fest an – nur die glänzenden Springwasser waren rege, und eine einzige Nachtigall seufzete, als sterbe sie zuletzt. –

»Das ist groß,« (sagte endlich Albano) »daß unten alles einsam ist und man keine Gegenwart sieht. Die alten Heldengeister können in der Leere ihr Wesen treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben an den Säulen mit dem Efeu spielen.«

»Nichts« (versetzte die Fürstin) »mangelt der Pracht als diese Kuppel, die wir auf dem Kapitolium gar dazu sähen. Aber nie werd' ich diese Stelle vergessen.«

»Was wär' es sonst mit allem!«(sagt' er) »Ohnehin gehen die flachen Gegenden des Lebens ohne Merkmal vorüber, aus mancher langen Vergangenheit schlägt kein Echo zurück, weil kein Berg die breite Fläche stört! – Aber Rom und diese Stunden neben Ihnen leben ewig in uns.«

»Albano,« (sagte sie) »warum muß man sich so spät finden, und so früh trennen? Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her, Gott gebe in kein verschlingendes Meer!« –

»Und dort geht Ihrer über die hellen Berge«, sagt' er. Sie nahm seine Hand, denn sein Ton war so bewegt und bewegend. Göttlich leuchtete die Welt von den dunkeln Frühlingsblumen bis zum hellen Kapitol empor, und die Horen-Glocken tönten herauf – die Freudenfeuer des Tags loderten auf allen Höhen – das Leben wurde weit und hoch wie die Aussicht – sein Auge stand unter der Träne, aber keiner trüben, sondern unter jener, wo es wie das Weltauge unter dem Wasser sonnig glänzt und höhere Farben hat, welche die trockne Welt verzehrt. – Er drückte ihre Hand, sie seine. – »Fürstin, Freundin,« (sagt' er) »wie acht' ich Sie! – Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns – ich möchte ihr ein unvergängliches Zeichen geben und meinem Vater ein kühnes Wort sagen, das mich und meine Achtung ausspräche und das wohl manche Rätsel lösete.«

Sie schlug das Auge nieder und sagte bloß: »Dürfen Sie wagen?« – »O verbieten Sie es nicht!« (sagte er) »So manches Götterglück ging durch eine zaghafte Stunde verloren. Wenn soll denn der Mensch ungewöhnlich handeln als in ungewöhnlichen Lagen?« Sie schwieg, den Morgenlaut seiner Liebe erwartend, und beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab. Albans Wesen war eine bebende Flamme. Die Fürstin begriff nicht, warum er noch diesen Frühlingston verschiebe; er erriet sie ebensowenig, ungeübt, die Weiber und deren halbe abgeteilte Wörter zu lesen, diese Bildergedichte, halb Gestalt und nur halb Wort. – Gleichsam als wäre ein Adler aus seinem Morgenglanz herabgeflogen und hätte als ein Raub-Genius die Flügel über seine Augen geschlagen: so hatt' ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet, daß er wagen wollte, jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Fürstin der Mittler durch ein Wort zu werden, das beiden die Scheidewand zwischen ihrer Liebe wegzöge. Vieles wandt' ihm seine Zartheit dagegen ein, aber gegenüber einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht; und Wagen hielt er für einen Mann so viel wert als Gewinnen.

Die Fürstin, mißverstehend, doch nicht mißtrauend, folgte ihm in des Vaters Haus, mit einer Erwartung – kühner als seine –, er bekenne vielleicht gar dem Ritter die Liebe gegen sie. Sie fanden den Vater allein und sehr ernst. Albano fiel ihm, wiewohl er dessen Abneigung gegen körperliche Herzenszeichen kannte, um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches: »Vater! Eine Mutter!« – Zu diesem kindlichen Verhältnis hatte sich sein bisheriges gehoben und gereinigt. »Gott, Graf!« rief die Fürstin, über Albano bestürzt und entrüstet. – Der zornfunkelnde Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole, sagte: »Unglückliches –«, aber ehe man nur wußte, auf wen von drei Menschen er sie abdrücken wollte, faßte ihn seine Starrsucht und hielt wie eine umwindende Schlange ihn in der mörderischen Lage gefangen. »Graf, verstand ich Euch?« sagte die Fürstin wegwerfend gegen ihn, gleichgültig gegen den versteinerten Feind. – »O Gott,« (sagte Albano, von der väterlichen Gestalt bewegt) »ich verstand wohl niemand.« – »Das konnte« (sagte sie) »nur ein Unwürdiger. Lebt wohl! Mög' ich niemals Euch mehr begegnen!« – Dann ging sie.

Albano blieb, unbekümmert, ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei, bei dem Kranken, der einer vornehmen Männer-Leiche gegenüber entgegenstarrte, die man eben zu schminken beschäftigt war. Allmählich rang sich das Leben wieder aus dem Winter auf, und der Ritter setzte, wie Starrsüchtige müssen, die mit dem Worte »unglückliches« angefangne Anrede so fort: »Weib, von wem bist du Mutter?« – Er kam zu sich und sah wach umher; aber schnell rann wieder die Lava des Zorns durch seinen Schnee: »Unglücklicher, wovon war die Rede?« Albano entdeckte ihm mit gerader unschuldiger Seele, daß er bei dem wahrscheinlichen Tode des Fürsten auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Glück, eine Mutter zu erhalten, sich die Hoffnung gemacht.

»Ihr junges Volk bildet euch immer ein, man könne keine echte Liebe haben, ohne sie nach außen zu treiben und auf jemand zu richten«, versetzte Gaspard und fing an, hart zu lachen und das »sentimentalische Mißverständnis« sehr komisch zu finden; aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprunge des seinigen. Gaspard gab ihm diesen. Neulich in seiner Krankheit hatt' er bei der ersten Nachricht von des Fürsten naher Abblüte einen erbitterten Kampf mit der Fürstin, welche in dessen Todesfalle eine Regentschaft – oder Vormundschaft – begehrte, schon wegen der Möglichkeit eines Fürstenhut-Erben. Der Ritter sagt' ihr geradezu, diese Möglichkeit sei eine Unmöglichkeit und er werde mit neuen, ihr unbekannten Beweisen sie ohne weiteres angreifen. Er gab ihr geradezu zu verstehen, daß er sogar gegen den Fall gerüstet sei, wo ein augenscheinlicher Beweis des Gegenteils (ein Erbprinz) ihm entgegengestellet würde. Die Fürstin versetzte erbittert, sie errate nicht, warum er für die haarhaarsche Linie und Erbfolge sich im geringsten mehr bekümmere und sorge als für die Hohenfließer. Er brachte sie bis zu Tränen; denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten Worte wie Widerhaken tief ins Herz werfen; er hatte die vollendete Entschlossenheit eines Staatsmannes, der wie ein großer Raubvogel das Opfertier, das er nicht bezwingen oder schleppen kann, an einen Abgrund treibt und mit den Flügeln hinunterschlägt, um es drunten besiegt zu finden. Ein Leben, das, so wie es fortrückt, gleich den fortrückenden Gletschern, alte Leichen aufdeckt! So wie der Glückliche seine Liebe eines Individuums wärmend über die Menschheit ausbreitet, so hält der Menschenfeind den stechenden Brenn- oder Frostpunkt seiner weiten Kälte gegen die Menschheit auf einen großen Feind allein, indes vorher jede kleinere Beleidigung dem einzelnen vergeben und nur der gesamten Menschheit angeschrieben wurde.

Das war also jene geheime Unterredung, deren Spuren Albano für schönere Bewegungen genommen hatte als des Hasses. »Als du nun« (sagte der Ritter jetzt geradeheraus, um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefühl zu strafen) »die kurz- und dunkelgefaßte Anrede: 'Eine Mutter!' hieltest, mußt' ich dich für den Vater nehmen, und daraus magst du leicht das übrige erklären.« – »Vater,« (sagt' er) »das war schreiend unrecht gegen jeden«; und schied mit drei heißen Wunden, vom Dreizack des Schicksals gerissen. Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard, sein Wort der monatlichen Zurückkunft zu halten, und fügte noch scherzend bei: »Der Alte, den man drüben schminke, sei ein deutscher Herr, womit er ehedem wohl den Spaß getrieben, ihn eilig zu bekehren.«S. im 3. Zykel.

Noch in dieser Stunde reisete Albano mit seinem Dian aus dem erleuchteten Rom. Auf den Höhen und auf der Peterskuppel wogte herunterschwebend der blaue Himmel, und lange Schatten schliefen noch, mit Tauperlen umkränzt, auf den Blumen; aber der selige Morgen war weit zurückgeflohen aus dem harten Tage. Beide begegneten vor dem Tore einer Kreis-Menge, die um einen schönen Ermordeten stand und, statt unwillig über den Mörder, freudig über die Gestalt wiederholte: »Quanto è bello!«Wie schön ist er! – und Albano dachte daran, wie oft man hinter ihm gesagt: »Quanto è bello!« –

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