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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 121
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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106. Zykel

Unähnlich andern Vätern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege über den Krieg noch wie sonst, ja fast besser; mit seiner alten Achtung für jede starke Individualität nahm er es heiter auf, daß so merklich des Jünglings Sonne in die Zeichen des Sommers trat und über die Erde sowohl höher stieg als wärmer.

Er gab ihm den nächsten Beweis dadurch, daß er unter den allmählichen Anstalten zur Rückreise nach Pestitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der – Trennung bejahte. Nämlich Albano, der jetzt wie Efeu mit allen Blüten und Zweigen immer fester um und in alle Denkmäler der heroischen Vergangenheit ging, wollte nicht von Rom scheiden, ohne Neapel gesehen zu haben. Zu seiner Sehnsucht kam noch Dians Begeisterung für dies Tochterland seines Vaterlandes, für dessen Glanz des Himmels und der Erde, für dessen griechische Trümmer, die der Baumeister den römischen vorzog. »In Rom« (hatte Dian gesagt) »habt Ihr nur Vergangenheit, hingegen in Neapel tapfere Gegenwart – ich begleit' Euch hin und her, und wir gehen zusammen nach Haus. Denn eigentlich versteht Ihr Euch doch nicht recht auf das Schöne, sondern auf die Natur, auf das Heroische und den Effekt. Da ist Neapel der Ort.« Der Ritter willigte – obgleich durch Albanos Erheiterung der ganze Zweck der Reise schon gewonnen war – ohne Zögern in den Zusatz einer zweiten unter der Bedingung, daß er nicht länger als einen Monat nachbleibe.

Aber dieser Zeit, wo sich seine innere Welt so harmonisch stimmen durfte, kamen feindliche Mißtöne immer näher, die er in der Ferne noch für Wohllaut hielt. Aus seinem unbestimmten Verhältnis mit der Fürstin entwickelte sich langsam der Mißlaut; weil jedes unbestimmte mit Weibern sich endlich hart entscheidet, seltener zu Liebe als zu Haß.

Die Fürstin tat und litt bisher alles, um ihm noch früher gefährlich zu werden als verständlich. Sie spielte Lianen, so gut sie wußte, nach und nahm den Nonnenschleier einer religiösen Jungfräulichkeit aus ihrer Bühnen-Garderobe hervor, obgleich genialische Weiber meistens ungläubig sind, wie genialische Männer gläubig. Sie machte ihn zum Vertrauten ihrer – Vergangenheit und gab die Geschichte derer, die für sie gestorben waren, oder doch verschmachtet, nach weiblicher Art mehr froh als reuig; nur das Verhältnis mit seinem Vater ließ sie schonend hinter einem rührenden Leichenschleier auferstehen und ahmte überhaupt dem Sohne in der Achtung für den Ritter nach, den sie innerlich bitter haßte. Wenn Albano stundenlang die Gegenwart vergaß und starr ins Opferfeuer der Vergangenheit und Kunst blickte und ihr auf den Bergen seiner Welt Flammen zeigte, die nicht auf ihrem Altar brannten, so begleitete sie ihn geduldig auf diesem Kunst-Wege und hielt nur, wo sie konnte, vor Stellen an, wo man einige Aussicht in die – Gegenwart hatte.

Er wurde täglich ihr wärmerer Freund, ohne sie nur zu erraten. Nur ein Mann – keine Frau – kann eine fremde Liebe gänzlich übersehen; die lang übersehene wird dann selten oder nie eine erwiderte. Albano war zu zart, um in der Geliebten seines Vaters und in der Frau eines andern und in einer Freundin seiner eignen Geliebten diesen Wunsch einer Unschicklichkeit vorauszusetzen. Auch setzt' er auf seinen Wert immer ein ebenso kleines Vertrauen als auf sein Recht ein großes.

Sie zweifelte, aber verzweifelte nicht an einer wärmern Gesinnung. Ein Weib hofft so lange, als ein zweites nicht mit hofft. Albanos nächtliche Besuche des Kapitols und Coliseos wurden von nachgeschickten Augen immer seines edlen Charakters würdig befunden. Täglich lieber wurd' ihr der feste Jüngling durch sein neues Aufblühen und durch seine männliche Entwickelung. Zuweilen hoffte sie stark, von seiner freundschaftlichen Redlichkeit und von jener heroischen Schwermut bestochen, die ihr sonst aus keiner Ferne und Nähe zu erklären war. Dieses ihr ungewohnte Auf- und Niedersteigen auf ihren Wellen erschütterte ihre Gesundheit und ihren Charakter, und sie wurde wider Willen der Liane ähnlicher, mit deren Taubengefieder sie sich anfangs nur weiß schmücken wollen – der glänzende Sonnenregenbogen wurde ein Mondregenbogen – sie warf mit ihren starken Kräften die Hälfte ihres vorigen Selbstes weg, die Putz-, Kunst- und Gefallsucht – und sie wurde heftig getroffen, wenn eine Römerin mit südlicher Lebhaftigkeit oft hinter dem vorbeigehenden Grafen ausrief. »Wie schön er ist!« – Schwer wurde sie für ihr früheres mutwilliges Lustspiel mit fremden Herzen und Leiden gezüchtigt durch das eigne; aber in solchen dunkeln Tagen wurzelt eben die Liebe mehr, wie man Bäume am besten an wolkigen impft.

Albano merkte ihre Veränderung; die reizende Schwermut ihres sonst kräftigen Gesichts, dieser Widerschein ihres stillen Nebels, bewegte ihn zur teilnehmenden Frage über ihr Glück. Sie antwortete immer so verworren und verwirrend – zuweilen sogar bei Albanos Scharfsinn mit dem Glauben an dessen Verstellung und Bosheit –, daß sie ihn in den sonderbarsten Irrtum führte.

Nämlich bei so großer Gewißheit, daß ein Erdschatte durch ihr ganzes jetziges Leben gehe und nicht rücke, mußt' er den Weltkörper dazu suchen; – dieser ward ihm Gaspard, den sie, wie er glaubte, noch liebe. Er führte diese Vermutung leicht durch alle ihre früheren Gespräche und Blicke hindurch; – es war so natürlich, daß die früher durch einen Thron Getrennten sich jetzt im schönen Lande der freien Verhältnisse wieder zusammensehnten; – noch dazu hatte der Ritter nach seiner unerbittlichen Ironie ihren Schein, ihn zu suchen, auch mit Schein, nämlich mit Ernst aufgenommen und sich daher immer zu ihrem Genusse des Sohnes als Zukost gesetzt und einen Nachwinter in den Frühling verlegt; – diesen doppelten Schein rief Albano zurück als doppelte Wahrheit. – –

Da trat das Schicksal plötzlich unter seine neuen Schlüsse – sein Vater wurde bedenklich krank an einem entnervenden Frühlingsfieber unter dem Scirocco-Wind. »Nimm keinen besondern Teil« (sagte Gaspard zu ihm) »weder an meinen Leiden noch Äußerungen; ich habe in solchem Zustande eine Erweichung, deren ich mich nachher schäme und doch nicht erwehre.« Albano wurde von manchen unerwarteten Herzens-Ausbrüchen des kranken Mannes bis zur wärmsten Liebe bewegt. Wenn die Ruinen eines Tempels wehmütig begeistern, dacht' er, warum sollen es mich nicht noch mehr die Ruinen einer großen Seele? Es gibt Menschen voll kolossalischer Überreste, gleich der Erde selber; in ihrem tiefen, schon erkälteten Herzen liegen versteinerte Blumenbilder einer schönern Zeit; sie gleichen nordischen Steinen, auf welchen Abdrücke indischer Blumen stehen. –

Die Krankheit grub unter sich. Gaspard blieb ohne Teilnahme an sich selber; nur seine Geschäfte, nicht sein Ende bekümmerten ihn. Mit seinem Schwiegervater Lauria hielt er geheime Unterredungen, um auf sein Leben das schwarze Gerichtssiegel schließend zu drücken. Ein Eilbote mußte fertig stehen, um nach seinem Todesaugenblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen, sein Sohn sollte einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Fürstin übergeben. Sehr hart und gebietend benahm er sich gegen diesen, als er von ihm den Eid begehrte, sogleich nach seinem Tode nach Pestitz abzureisen. Denn da Albano, der so gern Neapel sah und dem alle diese den väterlichen Tod voraussetzenden Bedingungen schwer ankamen, zögernd weigerte, so sagte Gaspard: »das sei so recht menschlich und üblich, fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufühlen, sie aber ohne Anstand zu schärfen, sobald das Geringste getan werden solle.« Albano gab das Wort und den Eid; und zeigt' es ihm nie mehr, wenn er weinte aus Kindesliebe.

Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nächster und frühester Anverwandter, sein Bruder. Albano stand dabei, als das seltsame Wesen ankam und den Todkranken ansprach und zwei starre gläserne Augen, als wären sie eingesetzte, weit von dem wegdrehte, womit es redete – so phantastisch und doch voll kalter Welt gegen den sterbenden Bruder – mit hängender Gesichtshaut auf bedeutenden Gesichtsknochen – ein aufgerichteter falber Werwolf, erst aus der tierischen Haut in die menschliche getrieben – gleich dem Würgengel, ein Würgmensch und doch ohne Leidenschaft. – Er streckte nach Albano die lange Hand aus, aber dieser, von etwas Unnennbarem abgestoßen, konnte sie nicht anfassen. Dieser Bruder sagte, er komme von Pestitz – übergab zwei Briefe daraus, einen an Gaspard, einen für die Fürstin – und fing an, einiges über seine Reisen zu sagen, was ungemein scharfsinnig, phantastisch, gelehrt, unglaublich und oft recht unverständig schien. Einmal sagte Albano: »Das ist geradezu unmöglich.« Er fing die Erzählung wieder an, machte sie noch unglaublicher und beteuerte, es sei so in der Tat. Darauf ging er fort, wie er sagte, nach Griechenland, und nahm vorn sterbenden Bruder den kühlsten Abschied.

Gaspard sagte jetzt zu Albano: »er möge nach seinem Tod diesen Sonderling, wenn er ihm nahe komme, recht wägen oder lieber meiden, da er nie ein wahres Wort sage, bloß aus reiner Freude an reiner Lüge ohne Eigennutz; noch mehr« (fuhr er fort) »weiche dem tiefen tödlichen Skorpionstachel Bouverots aus, so wie seinem betrügerischen Spiel.« Albano wunderte sich über die Ansicht dieser Anrede (freudig über die moralische Schärfe), da er bisher ganz andere Gesinnungen für Bouverot im Vater anzutreffen geglaubt.

Am Tage darauf fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft. Der Eilbote wurde abgedankt – alle Briefe zurückgefodert – der Fürst Lauria stand heiter da –: »Bloß eine fremde Krankheit hat meine geheilt«, sagte der Vater. Der Brief, den ihm der Bruder aus Pestitz gebracht, hatte die Nachricht enthalten, daß sein alter Freund, der dasige Fürst, der letzten Stunde schnell zueile, weil man seine Wassersucht bloß für Embonpoint gehalten und ihn versäumt habe. – »Ich hoffe,« (sagte Gaspard) »durch meinen Anteil so heilsam erschüttert zu sein, daß ich noch früh genug die Reise zur letzten Stunde der Freundschaft zu machen vermag.« Er setzte dazu, daß dann diese Reise wieder Bahn zu Albanos seiner nach Neapel mache.

Da kam die Fürstin in der Bestürzung über den Brief, der ihres Gemahls Gefahr und ihre Abreise ansagte. – Gaspard antwortete mit einem verlangenden Winke zur Einsamkeit, den er dem Sohne gab. Sie blieben lange allein. Endlich kam die Fürstin verändert wieder und bat ihn fast stotternd, heute sie in die Opera seria zu begleiten. Sie war bewegt und verlegen, ihre Augen schimmernd, ihre Züge begeistert; – auch den Vater fand er aufgeregt, aber wie gestärkt.

Hier schoß ihm ein langer Mittagsstrahl durch den ganzen bisherigen Irrwald, nämlich die bestätigte Vermutung der Liebe seines Vaters, die jetzt durch die annähende Lösung der Ehekette der Fürstin und in der kränklichen Erweichung stärker ausgebrochen sei; daher Gaspards Brief an die Fürstin, daher ihr Beisammenbleiben in Rom und auf dem Wege dahin u. s. w.

Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer zärtern Gesinnung; und gegen die Fürstin wurde nun sein Herz aus einem Freunde auf einmal ein Sohn. Da er ohnehin von den fünf Treffern der menschlichen Erb-Liebe nur einen, den Vater, (keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester und kein Kind) gewonnen: so war er so neu entzückt über den Gewinn einer Mutter. Was die Achtung tun, die Wärme sprechen und die Hoffnung verraten durfte, das ließ er zu.

Es war eine Nacht, wo in Rom schon wieder der Frühling Blumen durch die Wolken des Winters warf. Im Schauspielhause gab man Mozarts Tito. Wie nimmt den Menschen auf fremdem Boden das vaterländische Lied dahin, das ihm nachgezogen! Die Lerche, die über römischen Ruinen gerade so singt wie über deutschen Feldern, ist die Taube, die uns mit ihrem bekannten Gesang den Ölzweig aus dem Vaterland bringt. – Bis hieher hatte Albano auf dem Alpenwege über Ruinen das Auge straff nur durch die künftige Kriegs-Laufbahn blicken lassen und es selten gen Himmel gehoben, wo die verklärte Liane war, und hatte gewaltsam jede Träne darin zerstäubt. Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des unterirdischen Bettes aufgezogen, wo ihre Hülle schlief. Nun drang auf einmal der helle Strom der Töne, der durch seine Jugendländer, in seinen Paradiesen gegangen war, über die Gebürge herüber und rauschte mit den alten Wellen herab so nahe an ihm. Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingeschlafne Zeit, die im Schlummer sprach; aber als endlich die Töne, die Liane selber einst vor ihm gespielet und gesungen hatte, über die Bahre der Gebürge herüberkamen und sich herunterhingen als glänzende Teppiche der goldnen Tage; als er daran dachte, welche Stunden er und Liane hier gefunden hätten, aber nicht fanden: da lief der schwarze Gram wie ein böser ausplündernder Genius die Tonleiter hinauf, und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell im Himmel stehen. Da kehrt' er das Auge nicht gegen die Fürstin, aber in der Weihe der Töne drückt' er die Hand, an der einst die Verklärte hatte in diese Gefilde kommen sollen. Spät sagte er: »Ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen Freundin und den Glücklichen beneiden, der sie begleiten darf.« Sie kam in große Bewegung über diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg, und in eine noch größere über seine leidenschaftliche Veränderung, die sie mit der reichsten Aussteuer für ihre zartesten Hoffnungen aus ihrer Abreise und sogar aus ihres Gemahls bevorstehender herzuleiten wußte. Aber sie verbarg die größere Bewegung hinter die kleinere. Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Irrtümern auseinander. Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater; die Fürstin wurde' es durch den wärmern Sohn, und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein fliegendes Friedensschiff über. So kamen beide immer dichter an den Vorhang, dessen Gemälde sie für die Bühne selber hielten, um desto mehr zu staunen, wenn er aufging.

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