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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 120
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Conversazione im Palazzo Colonna – hier fanden sie die schwarz-marmorne Galerie voll Antiken und Gemälde aus einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt, alle Arme und Zungen der Römer waren in Bewegung und Kampf über die neuesten Entwicklungen der gallischen Revolution, und die meisten für sie. Es war damals, wo fast ganz Europa einige Tage lang vergaß, was es aus der politischen und poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte, daß dasselbe leichter eine vergrößerte als eine große Nation werden könnte. Der Ritter allein gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft hin; endlich aber hört' er von weitem, wie Albano, gleich allen damaligen Jünglingen, der Himmels-Königin, der Freiheit, jauchzend nachzog, unter den ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit; da trat er näher und merkte nach seiner Weise an: »die Revolution sei etwas sehr Großes; er finde indes an großen Werken, z. B. an einem Coliseo, Obeliskus, an dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Höhe der Astronomie, der Physik weniger als andere zu bewundern, denn bloß die Menge in der Zeit oder im Raume schaff' es, eine beträchtliche Vielheit kleiner Kräfte. Aber nur große achte manDie Summe und das System elektrischer, galvanischer, chemischer, anatomischer Erfahrungen, die Taktik, ein corpus juris u. s. w. können uns wohl in Erstaunen setzen, aber die Menschheit selber erscheint nicht größer durch Riesengebäude, die von Millionen Elefantenameisen zusammengetragen werden; allein wennein Elefant ein Gebäude trägt, wenn ein Individuum irgendeine Kraft in neuen Graden und Verhältnissen zeigt, Newton die mathematische Anschauung, Raffael die bildende, Aristoteles, Lessing, Fichte den Scharfsinn, oder ein anderes die Güte, die Festigkeit, den Witz u. s. w.: dann gewinnt die Menschheit, und ihre Schranken rücken hinaus.. In der Revolution seh' er mehr jene als diese – Freiheit werde an einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche gerade ihr Gegenteil wären, so geh' es auch wohl einen Rausch der Menge durch die Menge.« –

Bouverot versetzte darauf: »Das ist ganz meine Meinung auch.« Albano antwortete recht sichtbar nur seinem Vater – weil er den deutschen Herrn tief verachtete und ihn ganz unwürdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt, wofür er vornehmen Geschmack mitgebracht, obwohl keinen Sinn – und sagte: »Lieber Vater, die 12 000 Juden entwarfen nicht das Coliseo, das sie baueten, aber die Idee war doch irgendeinmal ganz in einem Menschen, im Vespasian; und so muß überall den konzentrischen Richtungen kleiner Kräfte irgendeine große vorstehen, und wär' es Gott selber.« – »Dahin,« (sagte Gaspard) »wo alles Göttliche verlegt wird, magst du es denn auch versetzen.« – Bouverot lächelte. – »Der gallische Rausch« (versetzte Albano heftig) »ist doch wahrlich kein zufälliger, sondern ein Enthusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet; woher denn sonst der allgemeine Anteil? – Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rotes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjäger empor.« – »Die Gemsenjäger selber« (sagte der Ritter) »tun das mehr, wenn sie von der Alpe herab-wollen; indes sind solche Hoffnungen reizend, und wir wollen gern ihre Erfüllung wünschen.« – »Signor Conte« (setzte Bouverot dazu) »nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch. Man schläft ihn aus; aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen.« – »Rausch?« (sagte Albano) »Welches Beste ist nicht im Enthusiasmus geschehen, und welches Schlechteste nicht in der Kälte? – Welches, Herr von Bouverot? Ja es gibt einen gräßlichen, grimmigen Seelen-Frost, so wie einen ähnlichen physischen, der wie die größte Hitze schwarz und blind und wund machtIn Grönland macht die heftige Kälte schwarz und blind.; so etwas wie die französische Tragödie, kalt und doch grausam

»Du näherst dich dem Tragischen, Sohn« (unterbrach ihn Gaspard und schützte den deutschen Herrn) – »Wir dürfen von den Franzosen recht viel politische Sagazität erwarten, zumal in der Not; das ist ihre Stärke. Darin kommen sie den Weibern bei. Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart, sittlich und human, wenn sie gut sind, oder wie diese ebenso grausam und roh, wenn sie außer sich kommen. – Es lässet sich weissagen, daß sie in einem Freiheitskriege, wenn er ausbräche, an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden. Das wird sehr blenden, da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk. Man lernt die Kriegstapferkeit gemäßigt schätzen, wenn man sieht, daß die römischen Legionen, gerade als sie feil, schlecht, sklavisch und zur Hälfte Freigelassene waren, nämlich unter dem Triumvirat, mutiger stritten als vorher. Für den unbedeutenden Mordbrenner Katilina stritten und starben die Bürger bis auf den letzten Mann, und nur Sklaven wurden gefangen.« –

Diese Rede drückte ein heißes Siegel auf Albanos Mund; es schien ordentlich, als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude, wie ein Schicksal einen Enthusiasmus zu erkälten und Erwartungen Lügen zu strafen, sogar trübe. Der beleidigte, sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und Bouverot zugedeckt.

Aber seinem Dian zeigt' er alles am Morgen darauf; er wußte, wie dieser mit dem Arme eines Künstlers und Jünglings zugleich die Freiheitsfahne trug und schwang, und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen Trübsinns auf. Er gestand dem geliebtesten Lehrer den großgewachsenen Vorsatz, sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pechkränze in allen Straßen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie. »Wahrlich, Ihr seid ein wackerer Mensch« (sagte Dian) – »Hätte ich mir nicht Kind und Kegel aufgehalset, bei Gott! ich zöge selber mit. Der Alte, wie dergleichen, sieht viel und hört schlecht. Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello auch nicht.« Den Kunstrat Fraischdörfer meint' er, den er mit Künstler-Eigensinn ewig verabscheuete, weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte als er. »Dian, Euer Wort ist schön gesagt, ja wohl macht das Alter physisch und moralisch weitsichtig für sich und taub gegen den andern«, sagte Albano. – »Hab' ich gut gesprochen, Albano? Aber wahrlich so ist die Sache«, sagt' er, sehr erfreuet, bei seinem Mißtrauen in seine Sprache, über das Lob ihrer Schönheit.

Nach einiger Zeit sagte der Ritter, gleich als sehe er durch das Siegel hindurch, einige Worte, die den Jüngling auf allen Seiten griffen: »Es gibt« (sagt' er) »einige wackere Naturen, die gerade auf der Grenze des Genies und des Talentes stehen, halb zum tätigen, halb zum idealischen Streben ausgerüstet – dabei von brennendem Ehrgeize. – Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkte, so daß die Richtungen einander aufheben. Bald sind sie Dichter, bald Maler, bald Musiker; am meisten lieben sie in der Jugend körperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten durch den Arm ausspricht. Daher macht sie früher alles Große, was sie sehen, entzückt, weil sie es nachzuschaffen denken, später aber ganz verdrüßlich, weil sie es doch nicht vermögen. Sie sollten aber einsehen, daß gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen, das schönste Los vielartiger und harmonischer Kräfte gezogen; sowohl zum Genusse alles Schönen als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; wie etwan ein Fürst sein muß, weil dieser für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muß.«

Sie standen gerade, als er dies sagte, auf dem Aventinischen Berge, vor sich die Cestius-Pyramide, dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers, worin so mancher unausgebildete Künstler und Jüngling schläft, und nahe dabei der hohe Scherben-BergWohin seit Servius Tullius' Zeit alle Scherben geworfen werden. (monte testaccio), wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen Gefühl schaler Ödheit vorbeiging. Der Stoß der väterlichen Ideen gegen seine und die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem Fremden-Kirchhof machten, daß Albano mehr sich als dem Vater antwortete, mit einem geschmolzenen Eisen-Tropfen des Unwillens im Auge: »Ein solcher namenloser Töpfer-Berg ist im ganzen auch die Geschichte der Völker. – Aber man möchte sich doch lieber auf der Stelle töten, als erst nach einem langen Leben sich so namen- und tatenlos in die Menge eingraben.« –

Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd' er glücklicher; mit Eifer tat er sich schon jetzt zum Werk, seiner Natur gemäß, die wie im Samenkorn Stamm und Wurzel aus einer Samenspitze trieb, Gedanken und Taten.

Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst, wozu ihm Dian die Bücher und das Museum borgte und lieferte. Mit namenloser Entzückung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der römischen Geschichte, hier auf dem ausgebrannten Sonnenkörper selber, und oft, wenn er ihre Entzündungen gezeichnet las, stand er eben in den Kratern, wo sie aufgegangen waren.

Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu körperlichen Übungen her, wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels Kunsthimmel hinaufgezogen, wo Grazien wie Sternbilder im hohen Äther gehen; denn bei Dian war Leib und Seele ein Guß, der weichste Augennerve und härteste Armmuskel ein Band. Zuletzt führt' er, da ihm ein Wort viel sauerer wurde als eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte, dem Grafen einen rednerischen Kriegs-Genossen zu, einen korsischen Jüngling, lebendig wie aus lauter Mark des Lebens geformt.

Beide Jünglinge liebten und übten sich eine Zeitlang in romantischer Freiheit, ohne einander nur die Namen abzufragen. Sie fochten, lasen, schwammen. Der Korse vergötterte fast Albanos Gestalt, Kraft, Kopf und Mut und goß sein ganzes Herz in eines, das er nicht ganz faßte; wie viele Mädchen nirgends als in der Liebe, so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn. Albanos helles Gold spiegelte gefällig die fremde Gestalt zurück, ohne wie Glas dabei die eigne zu vernichten.

Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme, die das ganze eigne Leben dem Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst, nämlich den nach Franzosen-Blut, »den er« (sagt' er) »im kommenden Kriege zu löschen hoffe«. Wär' ihm Albano ähnlich gewesen, so hätten sie sich wie kämpfende Hirsche in die Geweihe tödlich verwickelt; denn die störrische, unbiegsam Tapferkeit des Korsen – mehr eine sinnliche, so wie Albanos seine mehr eine geistige – litt kein Gegenwort. Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht starkes Zuwort von Albano; aber dieser sagte: »Das ist eben das Große im Kriege, daß man ohne leidenschaftliche Erbitterung, ohne persönliche Feindschaft alles kann und wagt, was der Schwächling nur durch sie vermag; wahrlich es wäre edler, in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehaßten zu töten.« – »Tolle Chimären!« (sagte der Korse zornig) »wie? du willst die Franzosen töten und sie doch lieben?« – Albanos Großsinn warf jede bange Larve ab und sagte: »Mit einem Wort, ich streite einst für die Gallier mit.« – »Du, Falscher?« (sagte der Korse) »Unmöglich! – Gegen mich?« – »Nein,« (versetzte Albano) »ich bitte Gott, daß wir uns in jener Stunde nie begegnen.« – »Und ich will ihn recht anflehen,« (sagte der Korse) »daß wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett. Addio!« So schied er entrüstet von ihm und kam nicht wieder.

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