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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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105. Zykel

Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verändert. Nachdem er so mehrere Wochen zwischen Romas Ruinen und Schöpfungen gelagert war – nachdem er aus Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken, dessen erste Züge nur kühlen, wenn die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern führen – nachdem er den Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte, bald als Ätherspiegel gesehen – nachdem er sich vor den letzten größten Nachkommen Griechenlands gebeugt und geheiligt hatte, vor dessen Göttern, die mit ruhigem heitern Antlitz in die unharmonische Welt hereinblicken, und vor dem vatikanischen Sonnengott, welcher zürnt über die Prosa der Zeit, über diese niedrige Pythonische Schlange, die sich immer wieder verjüngt – nachdem er lange so vor dem Vollmond der Vergangenheit im Glanze gestanden: so überzog sich auf einmal seine ganze innere Welt und wurde ein einziges Gewölk. Er suchte Einsamkeit – er hörte auf zu zeichnen und Musik zu treiben – er sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeit – nachts, wo der tägliche Regen aufhörte, besucht' er allein die großen Trümmer der Erde, das Forum, das Coliseo, das Kapitolium – er wurde heftiger, ungeselliger, schärfer – ein tief eingesenkter Ernst wartete auf der hohen Stirn, und durch das Auge brannte ein düsterer Geist.

Gaspard schickte unbemerkt seinen Blick allen geheimen Entfaltungen des Jünglings nach. Ein bloßer Nachschmerz über Liane schien sein Zustand nicht zu sein. Im nordischen Winter wäre diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt; aber hier, im Tempel der Welt, wo Götter begraben liegen, stärkte sich ein edles Herz und schlug für ältere Gräber. Die Fürstin, die unter dem Deckmantel des Vaters dem Sohne nachjagte, suchte er weniger als den alten kalten Lauria und den feurigen Dian.

In derselben Zeit sehnt' er sich schmerzlich nach seinem Schoppe; an dieser Brust, dacht' er, hätte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost gefunden. Es war ihm, als hab' er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm zusammengelebt und sich fester verbrüdert. So wohnen und schmelzen die Geister im unsichtbaren Lande zusammen; und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder begegnen, finden die Herzen sich bekannter wieder. Leider hört' er, so viel auch sein Vater Briefe aus Pestitz bekam, keinen Laut von dem Freunde über die Berge herüber, den er in den dunkeln Verhältnissen einer wunderbaren verwirrenden Leidenschaft zurückgelassen. Er rechnete Schoppen, dessen Haß und Zank gegen alles Briefschreiben er kannte, das Schweigen nicht an; aber sein eignes Herz konnt' es nicht verlängern, und er schrieb so an ihn:
 

»Wir wurden schlafend voneinander gerissen, Schoppe! Jene Zeit hat sich bedeckt und bleibt es. Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken. Von dir weiß ich nichts; wenn mir Rabette nicht schreibt, muß ich die brennende Ungeduld bis zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden. Was ist von mir zu schreiben? Ich bin verändert bis ins Innerste hinab und von einer hineingreifenden Riesenhand. Wenn die Sonne über den Scheitelpunkt der Länder zieht, so hüllen sie sich alle in ein tiefes Gewölk; so bin ich jetzt unter der höchsten Sonne und bin eingehüllt. Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen, das begreif' ich nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Muße schwelgen; aber im wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen unaufhörlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt und hebt, o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt? – Die Geister der Heiligen, der Helden, der Künstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? – Ganz anders gehst du aus dem Vatikan des Raffaels und über das Kapitolium herunter, als du aus irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst. Dort siehst du auf allen Hügeln alte ewige Herrlichkeit, jede Römerin ist mit Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt, der Transteveriner ist der Sparter, und du findest so wenig einen Römer als einen Juden stumpf; indes du in Pestitz fast unduldsam werden mußt schon gegen den Kontrast der bloßen Gestalt. Sogar der ruhige Dian behauptet, die häßlichen Masken der Alten sähen wie die deutschen Gassen-Gesichter und ihre Faunen und andere Tiergötter wie edlere Hof-Gesichter aus; ihre Kopierbilder Alexanders, der Philosophen, der römischen Tyrannen wären, so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen Statuen der Götter abschnitten, den jetzigen Idealen der Maler gleich.

Tu es da genug, mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Händen um die Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Füßen zu verschmachten? Freund, wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Künstler und Dichter glücklich, die ihre Sehnsucht doch stillen dürfen durch frohe leichte Schöpfungen, und welche durch schöne Spiele die großen Toten feiern, Archimimen der Heldenzeit. – Und doch sind diese schwelgerischen Spiele nur das Glockenspiel am Blitzableiter; es gibt etwas Höheres, Tun ist Leben, darin regt sich der ganze Mensch und blüht mit allen Zweigen. – Es ist nicht von den bangen engen Kleintaten auf der Ruder- und auf der Ruhebank der Zeit die Rede. Noch stehet an der Krönungsstadt des Geistes ein Tor offen, das Opfertor, das Janustor. Wo ist denn weiter auf der Erde die Stelle als auf dem Schlachtfeld, wo alle Kräfte, alle Opfer und Tugenden eines ganzen Lebens, in eine Stunde gedrängt, in göttlicher Freiheit zusammenspielen mit tausend Schwester-Kräften und Opfern? Wo sind denn allen Kräften, von dem schnellsten Scharfblick an bis zu allen körperlichen Fertigkeiten und Abhärtungen, von der höchsten Großmut und Ehre an bis auf die weichste Träne herab, von jeder Verachtung des Körpers an bis zur tödlichen Wunde hinauf, so alle Schranken aufgetan für einen wetteifernden Bund? Wiewohl eben darum der Spielraum aller Götter auch dem Larventanz aller Furien freisteht. Nimm nur den Krieg höher, wo die Geister, ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, daß es unter ihren Körpern die Leichen auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe. – Zwei Völker gehen auf die Schlacht-Ebene, die tragische Bühne eines höhern Geistes, um ohne persönlichen Haß die Todesrollen gegeneinander zu spielen – still und schwarz liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld – die Völker ziehen hinein in die Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und düster und allein brennt die Todesfackel über ihr – es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Kränzen. – Und wenn es vorüber ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben nicht geachtet hatten. – Wenn aber der große Tag noch größer werden, wenn dem Geiste das Köstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer – und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme – o selig, wer dann lebt oder stirbt für den Kriegs-Gott und für die Friedens-Göttin zugleich. – –

Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen. Nimm aber hier mein leises festes Wort und leg es in deine Brust zurück, daß ich mir, sobald Galliens wahrscheinlicher Freiheitskrieg anhebt, meine Rolle durchaus nehme in ihm, für ihn. Abhalten kann mich nichts, auch nicht mein Vater. Dieser Entschluß gehört zu meiner Ruhe und Existenz. Aus Ehrgeiz ergreif' ich ihn nicht; obwohl aus Ehrliebe gegen mich selber. Schon in meinen frühern Jahren konnt' ich nie das platte Lob einer ewigen häuslichen Glückseligkeit genießen, was gewiß eher Weiber als Männern geziemt. Freilich deine Stärke oder Gemütsweise, alles Große ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen, hat wohl niemand. Du schauest die Abendwolken an und hernach die Milchstraße und sagst kalt: Gewölk! Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefühl, in diese kalte Gruft hinunter? Zwar will das Gift dieses Gefühls einen überall und gerade in Rom, diesem Kirchhof so ferner Völker, so entgegengesetzter Jahrhunderte, süßer als irgendwo verzehren; aber wüßtest du vom Vergänglichen ohne den Nebenstand des Unvergänglichen, und wo wohnt der Tod als im Leben? Lasse verstieben und versiegen! es gibt doch drei Unsterblichkeiten – wiewohl du die erste, die überirdische, nicht glaubst –: die unterirdische (denn das All kann verstäuben, aber nicht sein Staub) – und die ewigwirkende darin, die, daß jede Tat viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist. Und dieser Bund mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut, in ihrer Flug-Minute das Blütenstäubchen weiterzutragen und auszusäen, das im nächsten Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht.

Ob ich mich meinem Vater entdecke, ist mir noch zweifelhaft, weil ich es noch darüber bin, ob ich seine bisherigen Äußerungen gegen die Neufranken für scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur für die scherzhafte Kälte, womit er sonst gerade seine Gottheiten – Homer, Raffael, Cäsar, Shakespeare – aus Ekel gegen den nachsprecherischen Götzendienst, den der Pöbel der wahren Hoheit wie der falschen erweiset, im Munde führet. – Grüße meinen braven mannhaften Wehrfritz und erinner' ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen Bastille. Lebe wohl und bleibe bei mir!

Albano«

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