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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 117
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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103. Zykel

Eine halbe Stunde nach dem Erdstoße wickelte sich der Himmel in Meere ein und warf sie stück- und stromweise herunter. Die nackte Campagna und Heide verdeckte der Regenmantel – Gaspard war still – der Himmel schwarz – der große Gedanke stand einsam in Albano, daß er dem Blut- und Throngerüst der Menschheit, dem Herzen einer erkalteten Helden-Welt, der ewigen Roma zueile; und als er auf dem Ponte molle hörte, daß er jetzt über die Tiber gehe: so war ihm, als sei die Vergangenheit von den Toten auferstanden und er schiffe im zurücklaufenden Strome der Zeit; unter den Strömen des Himmels hört' er die alten sieben Bergströme rauschen, die einst von Roms Hügeln kamen und mit sieben Armen die Welt aus dem Boden aufhoben.

Endlich rückte das breitstehende Sternbild der Bergstadt Gottes in Nächte auseinander, Städte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab, und die Glocken (für ihn Sturmglocken) schlugen vier UhrZehn Uhr., als der Wagen durch das Triumphtor der Stadt, die Porta del Popolo, rollte: so riß der Mond seinen schwarzen Himmel auf und goß aus der Wolken-Kluft den Glanz eines ganzen Himmels hernieder; da stand der ägyptische Obeliskus des Tors wolkenhoch in der Nacht, und drei Straßen liefen glänzend auseinander. So bist du (sagte sich Albano, als sie im langen Corso nach der zehnten Region fuhren) wirklich im Lager des Kriegsgottes; hier, wo er das Heft des ungeheuern Kriegsschwertes faßte und mit der Spitze die drei Wunden in drei Weltteile machte. – Guß und Glanz durchflogen die weiten, breiten Straßen – zuweilen kam er plötzlich vor Gärten vorbei und in breite Stadtwüsten und Marktplätze der Vergangenheit. – Das Rollen der Wagen unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner, dessen Tage dieser Heldenstadt sonst heilig waren, gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde – eingemummte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finstern Straßen – oft stand ein langer Palast mit Säulen-Reihen im Feuer des Mondes, oft eine graue einsame Säule, oft eine einzelne hohe Fichte, oder eine Statue hinter Zypressen. Einmal, da weder Regen noch Mondlicht war, ging der Wagen um die Ecke eines großen Hauses, auf dessen Dache eine blühende lange Jungfrau, mit einem aufblickenden Kinde an der Hand, eine kleine Handleuchte bald gegen eine weiße Statue, bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe beleuchtete. Mitten in das erhobene Gemüt drang die freundliche Gesellschaft und brachte ihm manche Erinnerungen mit; besonders war ihm ein römisches Kind eine ganz neue und mächtige Idee.

Sie stiegen endlich aus bei dem Fürsten di Lauria, Gaspards Schwiegervater und altem Freund. Nah' an seinem Palast lag der Campo vaccino (das alte Forum), und auf die breiten Treppen und die drei Wunder-Gebäude des Kapitols schien der helle Mond; in der Ferne stand das Coliseo. Zögernd ging Albano in das erleuchtete Haus, wovor der Wagen der Fürstin stand, und wandte schwer das Auge von diesen Höhen der Welt, wovon einst ein leichtes Wort wie eine Schneeflocke lange rollte und ewig wuchs, bis es in einem fremden Lande eine Stadt erdrückte mit der Schlaglauwine.

Die Fürstin mit ihrer Gesellschaft sah erfreuet die neue kommen. Der alte Fürst Lauria empfing höflich und zurückhaltend seinen Enkel. Seine unzähligen Bedienten redeten fast alle Sprachen Europas durcheinander. Albano fragte sogleich den Ritter nach seinem Lehrer Dian, diesem auf den Römer geimpften Griechen; aber gerade an das Menschlichste hatte, wie immer die Großen, Gaspard nicht gedacht. Man schickte in dessen nahe Wohnung; er war nicht zu Hause.

Man speisete. Der Fürst bewirtete sogleich mit seinem Lieblings-Schaugericht, mit dem politischen Weltlauf, und gab das Neueste von der französischen Revolution. Zeitungen waren ihm Ewigkeiten, Nouvellen Antiken; er hielt alle Blätter Europas und daher zu jedem den deutschen, den russischen, den englischen, den polnischen Bedienten, der es ihm übersetzte. Bei seiner satirischen Kälte gegen alle Menschen und Sachen erschien der politische und welsche Eifer stärker, womit er gegen den Ritter die Franzosen beschirmte, der sie gelassen verachtete und, sich nach seiner Weise sogar in schlechten Wortspielen auslassend, den alten Römern das Forum und den neuem das Campo vaccino, und ebenso den alten Galliern das Marsfeld und den neuern ein Märzfeld eingab.

Albano glaubte, so nah' am Forum geb' es keinen Scherz und jedes Wort müsse groß sein in dieser Stadt. Der kalte Lauria sprach warm für Gallien, wie ein Minister nur Völker, nicht Individuen achtend, und seine Meinung gefiel dem Jüngling.

Da lenkte die Fürstin den Strom auf Roms hohe Kunst. Fraischdörfer zerlegte den Koloß in Glieder und wog sie auf der engsten Waage. Bouverot stach den Riesen in historisches Kupfer. Die Fürstin sprach mit vieler Wärme, aber ohne Bedeutung. Gaspard schmolz alle ein, gleichsam zu einem korinthischen Erz, und umfaßte alle, ohne gefasset zu werden. Auf seiner kalt, aber stark aufdrängenden Lebensquelle ließ er die Welt wie eine Kugel spielen und schweben.

Albano bewahrte, mit allen unzufrieden, seine Begeisterung, den unterirdischen Göttern der Vergangenheit um ihn her nach alter Sitte opfernd, nämlich mit Schweigen. Wohl hätt' er reden wollen und können, aber anders, in Oden, mit dem ganzen Menschen, mit Strömen, die aufwärts stiegen und wüchsen. Immer sehnsüchtiger sah er an die Fenster nach dem Mond im reinen Regenblau und nach einzelnen Säulen des Forums; draußen glänzte ihm die größte Welt. – Endlich stand er zürnend und schmachtend auf und schlich hinunter in die dämmernde Herrlichkeit und trat vor das Forum; aber die Mondnacht, die Dekorationsmalerin, die mit unförmlichen Strichen arbeitet, macht' ihm fast die Bühne unkenntlich.

Welch' eine öde, weite Ebene, hoch von Ruinen, Gärten, Tempeln umgeben, mit gestürzten Säulen-Häuptern und mit aufrechten einsamen Säulen und mit Bäumen und einer stummen Wüste bedeckt! Der aufgewühlte Schutt aus dem ausgegossenen Aschenkrug der Zeit – und die Scherben einer großen Welt umhergeworfen! Er ging vor drei Tempel-Säulendes Jupiter tonans., die die Erde bis an die Brust hinuntergezogen hatte, vorbei und durch den breiten Triumph-Bogen des Septimius Severus hindurch; rechts standen verbundne Säulen ohne ihren Tempel, links an einer Christen-Kirche die tief in den Bodensatz der Zeit getauchte Säulenreihe eines alten Heidentempels, am Ende der Siegesbogen des Titus und vor ihm in der öden waldigen Mitte ein Springwasser, in ein Granitbecken sich gießend.

Er ging dieser Quelle zu, um die Ebene zu überschauen, aus welcher sonst die Donnermonate der Erde aufzogen; aber wie über eine ausgebrannte Sonne ging er darüber, welche finstere tote Erden umhängen. O der Mensch, der Mensch-Traum! riefs unaufhörlich um ihn. Er stand an der Granitschale, gegen das Coliseo gekehrt, dessen Gebürgsrücken hoch in Mondlicht stand, mit den tiefen Klüften, die ihm die Sense der Zeit eingehauen – scharf standen die zerrissenen Bogen von Neros goldnem Hause wie mörderische Hauer darneben. – Der palatinische Berg grünte voll Gärten, und auf zerbrochnen Tempel-Dächern nagte der blühende Totenkranz aus Efeu, und noch glühten lebendige Ranunkeln um eingesenkte Kapitäler. – Die Quelle murmelte geschwätzig und ewig, und die Sterne schaueten fest herunter mit unvergänglichen Strahlen auf die stille Walstatt, worüber der Winter der Zeit gegangen, ohne einen Frühling nachzuführen – die feurige Weltseele war aufgeflogen, und der kalte zerstückte Riese lag umher, auseinandergerissen waren die Riesen-Speichen des Schwungrads, das einmal der Strom der Zeiten selber trieb. – Und noch dazu goß der Mond sein Licht wie ätzendes Silberwasser auf die nackten Säulen und wollte das Coliseo und die Tempel und alles auflösen in ihre eignen Schatten! –

Da streckte Albano die Arme in die Lüfte, als könnt' er damit umfassen und zerfließen wie mit Armen eines Stroms, und rief aus: »O ihr großen Schatten, die ihr einst hier strittet und lebtet, ihr blickt herab vom Himmel, aber verachtend, nicht trauernd, denn euer großes Vaterland ist euch nachgestorben! Ach, hätt' ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit, die ihr groß gemacht, nur eine Tat eurer wert getan! Dann wär' es mir süß und erlaubt, mein Herz zu öffnen durch eine Wunde und zu vermischen das irdische Blut mit dem geheiligten Boden und aus der Gräber-Welt wegzueilen zu euch Ewigen und Unvergänglichen! Aber ich bin es nicht wert!« –

Hier kam plötzlich auf der via sacra ein langer, tief in den Mantel gewickelter Mann daher an die Fontäne, warf, ohne umzublicken, den Hut hin und hielt den pechschwarzen, lockigen, fast steilrechten Hinterkopf unter den Wasserstrahl. Aber kaum erblickte er, sich aufwärts kehrend, das Profil des in seine Bilder versunknen Albano: so fuhr er tropfend auf – starrte den Grafen an – staunte – warf die Arme hoch in die Luft – sagte: »Amico?« – Albano sah ihn an. – Der Fremde sagte: »Albano!« – »Mein Dian!« rief Albano; sie nahmen sich heftig und weinten vor Liebe.

Dian begriff es gar nicht; er sagte italienisch: »Ihr seid es aber ja nicht, Ihr sehet alt aus.« – Er glaubte so lange deutsch zu sprechen, bis er hörte, daß Albano italienisch antwortete. Beide taten und bekamen nur Fragen. Albano fand den Baumeister bloß bräuner, aber den Blitz der Augen und jede Kraft im alten Glanz. Mit drei Worten erzählt' er ihm die Reise und die Begleitung. »Wie bekommt Euch Rom?« fragte Dian heiter. »Wie das Leben,« (versetzte sehr ernsthaft Albano) »es macht zu weich und zu hart. – Ich erkenne hier gar nichts wieder,« (fuhr er fort) »gehören jene Säulen dem herrlichen Friedenstempel?« »Nein,« (sagte Dian) »dem Konkordientempel, von jenem steht dort nichts als das Gewölbe.« – »Wo ist Saturnus' Tempel?« fragte Albano. »In der St. Adrians-Kirche begraben«, sagte Dian und setzte eilend hinzu: »Nebenan stehen die zehn Säulen von Antonins Tempel – drüben Titus' Thermen – hinter uns der palatinische Berg und so weiter. Nun erzählt mir!«

Sie gingen das Forum auf und ab, zwischen den Bogen des Titus und Severus. Albano war – zumal neben dem Lehrer, der ihn in der Kinderzeit so oft hieher geführt – noch voll vom Strome, der über die Welt gezogen war, und das alles bedeckende Wasser sank nur langsam. Er fuhr fort und sagte: »heute, als er den Obeliskus erblickt, sei ihm der leise, zarte Schein des Mondes ordentlich unpassend für die Riesenstadt erschienen; eine Sonne hätt' er lieber auf ihrer weiten Fahne blitzen sehen; aber jetzt sei der Mond die rechte Leichenfackel neben dem Alexander, der zusammenfällt, nur angerührt.« – »Mit dergleichen Gefühlen kommt der Künstler nicht weit,« (sagte Dian) »auf ewige Schönheiten schau' er, rechts und links.« – »Wo ist« (fragte Albano fort) »der alte Curtius-See – die Rednerbühne – die pila horatia – der Tempel der Vesta – der Venus und aller jener einsamen Säulen?« – »Und wo ist das marmorne Forum selber?« (sagte Dian) »Dreißig Spannen tief liegts unter dem Fuß.« – »Wo ist das große freie Volk, der Senat aus Königen, die Stimme der Redner, der Zug auf das Kapitolium? Begraben unter den Scherbenberg. O Dian, wie kann ein Mensch, der in Rom einen Vater, eine Geliebte verliert, eine einzige Träne vergießen und bestürzt um sich sehen, wenn er hierhertritt, vor dieses Schlachtfeld der Zeit, und hineinschauet ins Gebeinhaus der Völker? – Dian, hier wünschte man ein eisernes Herz, denn das Schicksal hat eine eiserne Hand!« –

Dian, der sich nirgends ungerner als auf solchen tragischen, gleichsam ins Meer der Ewigkeit hineinhängenden Klippen aufhielt, sprang immer mit einem Scherze davon; wie die Griechen mischte er Tänze ins Trauerspiel: »Manches konserviert sich, Freund!« (sagt' er) »dort in der Adrians-Kirche werden Euch noch von drei Männern die Knochen gewiesen, die im Feuer gewesen.« – »Das ist eben« (versetzte Albano) »das fürchterliche Spiel des Schicksals, daß es mit den zu Sklaven geschornen Mönchen die Höhen der alten Großen besetzt.« –

»Neue Räder treibt der Strom der Zeit,« (sagte Dian) »dort liegt Raffael zweimal begraben.Der Leib im Pantheon, der Kopf in der heiligen Luka Kirche. Was macht Chariton und die Kinder?« – »Sie blühen fort«, sagte Albano, aber in traurigem Ton. »Himmel!« (rief Dian mit allem Vater-Schrecken) »es ist doch so?« – »Wahrhaftig, Dian!« sagte Albano sanft. »Kommt noch« (sagte Dian) »Liane oft zu Chariton? Und was macht denn die Holde?« – Leise versetzte Albano: »Sie ist tot.« – »Was, tot? – Unmöglich! Froulays Tochter, Albano? Die Gold-Rose? O sprecht!« rief er. Albano nickte bejahend. – »Nun du gutes Mädchen,« (klagt' er mit Tränen in den schwarzen Augen) »so freundlich, so liebreizend, so feine Zeichnerin! Wie gings aber zu? Habt Ihr denn das holde Kind gar nicht gekannt?« – »Einen Frühling lang« (sagte schnell Albano) – »Mein guter Dian, ich will jetzt zum Vater zurück und antworte nicht mehr.« – »O meinetwegen! – Ich muß aber mehr erfahren«, beschloß Dian. Und so stiegen sie schweigend und eilend über Schutt und Säulentorsos, und keiner gab auf die große Rührung des andern acht.

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