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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Vierter Band

Sechsundzwanzigste Jobelperiode

Die Reise – die Quelle – Rom – das Forum

101. Zykel

Solange die Nacht dauerte, schimmerten Albanos Traumbilder mit den Sternbildern fort, und erst vor dem hellen Morgen erloschen sie alle. Gaspard sagte ihm lächelnd, er sei auf dem Wege nach Italien. Unerwartet gefasset empfing er die Nachricht seiner Auswanderung; er fragte bloß, wo sein Schoppe sei. Als er hörte, er habe nicht mitgewollt: rückte ihm die Lindenstadt plötzlich über die Berge und Täler nach, und sein letzter Freund stand mitten auf dem Markte, ganz allein, mit sich selber im Mokierspiele begriffen, um ein treues starkes Herz zu stillen, das verschmerzen will und lieben. An diesem Freunde, den Albano nicht aus seiner Seele ließ, zog er sich wie an einer Jupiters-Kette die ganze Bühne und Welt seiner Vergangenheit nach, und jeder traurige Ort kam dicht an ihn. Ungesehen rollten die Städte, die Länder vor ihm vorbei. Die Wellen, die der Schmerz um uns auftreibt, stehen hoch zwischen uns und der Welt und machen unser Schiff einsam mitten im Hafen voll Schiffe. Schaudernd kehrt' er sich von jeder schönen Jungfrau weg; sie erinnerte ihn wie eine Klage an die erblaßte; ewig aufgedeckt zog Lianens bleiches Angesicht – wie eine Leiche in ItalienDie Leiche gehet aufgedeckt zum Begräbnis, ihre Begleiter folgen vermummt. – auf dem unendlichen Weg zum Grabe, und nur unkenntliche Gestalten mit Larven gingen hinter ihr lebendig. So ist der Mensch und sein Schmerz; zum Widerspiele des Schiffziehens, wo die Lebendigen den Toten mitschleppen, nimmt der Tote die Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich.

Durch die Zeit wurde allmählich sein Schmerz entwickelt, nicht entkräftet. Sein Leben war ihm eine Nacht geworden, wo der Mond unter der Erde ist, und er glaubte nicht daran, daß Luna allmählich mit einem wachsenden Licht-Bogen wiederkehre. Keine Freuden, nur Taten – diese entfernten Sterne der Nacht – waren jetzt sein Ziel. Er hielt es für unrecht, die Tränen, die oft mitten im fremden Gespräche aus ihm drangen, darum vor dem Vater zurückzuhalten, weil dieser keinen Teil an ihnen nahm; doch zeigt' er ihm durch die Kraft seiner Gespräche und Entschlüsse noch den starken Jüngling. Nur der Vorwurf, den er sich über seine Schuld an Lianens Tod gemacht, hatte sich in den Frieden aufgelöset, den ihm Idoine gegeben, ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur für einen wachen Fiebertraum von Lianen hielt.

Sein Vater schwieg ganz über Idoinens Auftritt so wie über alle unangenehme Erinnerungen, er sprach aber viel von Italien und von dem Kunst-Gewinn, den Albano da erbeuten werde, zumal durch die vorausgehende Gesellschaft der Fürstin, des Kunstrates und des deutschen Herrn, die man bald einholen könne. Der Sohn wandte sich endlich mit der kühnen Erkundigung an ihn, ob er wirklich noch eine Schwester habe, und erzählte die Geschichte mit dem Kahlkopf. »Es könnte wohl sein,« (sagte Gaspard unangenehm spaßhaft) »daß du noch mehr Brüder und Schwestern hättest, als ich wüßte. Aber was ich weiß, ist, daß deine Zwillingsschwester Severina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist. Wofür hältst denn du die Nacht-Geschichte?« – »Beinah für einen Traum«, versetzt' er. Zufällig kam seine Hand hier in die Tasche und traf zu seinem Erstaunen auf den halben Ring, den die Schwester ihm geschenkt. Das Wunderbare trat dicht unter seine Sinne, und jene Schauer-Nacht ging schnell und kalt durch seinen Mittag. Er und der Vater besahen die Enden des zerschnittenen Rings, an deren jedem ein abgerissener Namenszug aufhörte. »Es gibt aber nichts Wunderbares«, sagte der Ritter. »Woher wissen wir alsdann, daß es etwas Natürliches gibt?« sagte Albano. »Das Wunder« (versetzte Gaspard) »oder die Geisterwelt wohnt nur im Geiste.« – »Wir müssen uns« (fuhr jener fort) »auch bei den gemeinsten optischen Kunststücken auf etwas anderes als auf die Auflösung des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst nach der Auflösung das Zauberwerk mehr gefallen müßte als vorher. Das sind die Stellen und Pole der menschlichen Natur, worüber die ewigen Polarwolken hängen. Unsere Landkarten vom Wahrheits- und Geisterreiche sind die Landkartensteine, welche Ruinen und Dörfer abbilden; diese sind erlogen, aber doch ähnlich. Der Geist, ewig unter Körper gebannt, will Geister.« – »Ungefähr so meint' ich auch«, sagte Gaspard.

Albano drang aber bestimmter auf dessen Urteil über den Kahlkopf und die Schwester. »Von etwas anderem!« (sagte der Ritter ganz verdrüßlich) »für mich ists ein sehr unangenehmes Gespräch. Nimm die Welt nach deiner Weise und sei ruhig!« – »Lieber Vater,« fragte Albano betroffen, »klären Sie mich irgend einmal bestimmt darüber auf?« – »Sobald ich kann«, sagte kurz der Ritter, mit so scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn, daß dieser, ihnen wie Pfeilen ausweichend, den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugte: als er erst merkte, daß ihn der Vater gar nicht meine; denn noch blickte er so scharf in der vorigen Richtung fort, als sei er nahe daran, in seine alte Erstarrung zu fallen.

Gaspards Wort über das Inwohnen der Geisterwelt im Geiste und sein Blick und der Gedanke an sein Erstarren gaben für Albano der Stunde und der Stille romantische Schauer. Drunten am Ufer des Stroms standen zusammengelaufne Menschen, und einer eilte wie fliehend oder ansagend aus dem Haufen. Ein ferner Knabe warf sich auf einem Hügel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel, um ihren rollenden Wagen etwan recht zu hören. Im Dorfe, wo sie Mittag hielten, läutete es unaufhörlich. Ihr Wirt war zugleich ein Müller; das Toben der Wellen und Räder füllte das ganze Haus; und Kanarienvögel lärmten noch durch den Lärm hindurch.

Es gibt Augenblicke, wo die beiden Welten, die irdische und die geistige, nahe aneinander vorüberstreifen und wo Erdentag und Himmelsnacht sich in Dämmerungen berühren. Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolken über die Blüten und Ernten der Erde weglaufen: so wirft überall der Himmel auf die gemeine Fläche der Wirklichkeit seine leichten Schatten und Widerscheine. So fand es jetzt Albano. Der Ring und das schwärmerische Wort seines kalten Vaters hatten ihn wie Blitze geblendet. Unten an der Haustüre fand er ein Mädchen, das ein Warenlager von Zitronen vor sich trug. Plötzlich und unangenehm brach das Geläute ab; er blickte zum Glockenturm, und ein weißer Geier saß auf der Fahne. Bald kam der Glocken-Zieher selber, um etwas zu trinken, und fing mit starkem und doch nicht übel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an, der ihn seit drei Wochen läuten lasse und dem er bloß wünsche, daß solcher, wie er selber im vorigen Jahre, nur drei Tage lang ordentlich hinter der seligen Tochter nachläuten müßte. Er ermahnte den Müller, »von den Zitronen zu kaufen, weils gute wären, saftig, von dünner Rinde – und er und der 'Pfarrbube'So heißet z. B. in Ungarn der Diakonus. kennten sie von dem Begräbnis des gnädigen Fräuleins her – und in 14 Tagen brauch' er doch für die gesamte Geistlichkeit welche, als Brautvater!« – »Wie sind hier die Sitten?« fragte Albano.

»Wenn nämlich jemand stirbt,« (sagte der Küster sehr ehrerbietig und freundlich) »so bekommt der Pfarrer und meine Wenigkeit eine Zitrone und so auch die Leiche. – Wird aber jemand getrauet, so bekommt die Geistlichkeit und so auch die Braut dergleichen. Das ist aber bei uns so Sitte, mein gnädigster Herr!«

Albano ging in den nahen Garten am Haus, in welchen die aufgedeckten Mühlenräder ihre Silberfunken warfen und welcher vom Glanze und Getöse des offnen Wassers wie verschlungen ward. Indem er in die schimmernden fliegenden Wirbel sah: schwebten die Zitronen, welche die Leiche sowohl als die Braut bekommt, vor dem bewegten Geist. Die Rührung ist voll Gleichnisse; Liane sollte einst, dacht' er, in das Zitronenland und in die niedrigen Wälder, wo der Schnee der Blüten und das Gold der Früchte zwischen Grün und Blau zusammenspielen, ziehen und erquickt genesen; nun hält sie die Zitrone in der erkalteten Hand, und sie wurde nicht erquickt.

Er blickte umher und glaubte in einer fremden Welt zu stehen; im Himmelsblau rauschte wie ein Geist ein unsichtbarer Sturm ohne Wolken – lange Hügel-Reihen funkelten bewegt mit roten Früchten und roten Blättern, aus den bunten Bäumen wurden glühende Äpfel geworfen, und der Sturm flog von Gipfel zu Gipfel und herunter auf die Erde und rauschte durch den langen aufgewühlten Strom hinab. Wie wenn Geister um die Erde spielten oder auf ihr erscheinen wollten, so seltsam schien die helle Gegend bewegt und beleuchtet. Da war Albano unbewußt in eine dunkle Baum-Wildnis gekommen; darin hüpfte ungesehen, ungehört eine reine lichte Quelle aus der Erde auf die Erde – der Sturm draußen war still, nur die Quelle hörte man. – »Die Heilige ist mir nahe,« (sagte sein Herz) »ist die Quelle nicht ihr Bild, nicht ihrer ewigen Tränen Ebenbild, dringt sie nicht aus der Erde herauf, wo sie wohnt?« Auf einmal sah er in seiner Hand – als hab' es ihm eine fremde dareingelegt – die Zeichnung von Lindas Kopf, welche Liane mit sterbenden Händen gemacht und gegeben hatte; aber seine Phantasie drückte gewaltsam dem Bilde die Ähnlichkeit mit der Zeichnerin auf, er sah Lianens sanftes Gesicht so klar auf dem Blatt.

Er ging wieder hinaus in die glänzende Welt. »Wie arm bin ich!« (rief er) »Ich sehe Sie auf der goldnen Wolke, die von der Abendsonne nach dem Morgen zieht, ich sehe Sie in der kalten Quelle im Tal und auf dem Mond und auf der Blume – ich sehe Sie überall; und Sie ruht nur an einem Ort. O wie arm!« – Und er blickte zum Himmel, und eine einzige lange Wolke zog darin eilig weiter.

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