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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 114
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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100. Zykel

Du kannst doch eine Nacht wachen und fahren?« – mit dieser Frage führte ihn der Vater eilig an den reisefertigen Wagen, um ihn noch mitten im warmen Traume mit den eingewiegten Erinnerungen zu entführen und um besonders der bleichen Braut vorzufahren, die in dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des Menschen ziehen sollte. »Im Wagen sollst du alles hören«, versetzte Gaspard auf des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel. Noch lichttrunken vom glänzenden Lande der Träume, gehorchte Albano willig und blind. Er sah noch Lianen in hoher Göttergestalt auf dem abendroten, von Freuden übertaueten Sonnenboden stehen, und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den Erden-Keller auf die abgeworfne enge Puppen-Hülse der befreieten, fliegenden Psyche.

Schoppe begleitete ihn an den Fackel-Wagen, aber verschwiegen, um nicht sein Herz durch eine Nachricht seines Zieles zu wecken; er drückte dem geliebten schönen Jüngling feurig die wiederdrückende Hand und sagte nichts als: »Wir sehen uns wieder, Bruder!« Darauf trat er, keines abschiednehmenden Blickes vom herrischen Vater gewürdigt, bewegt von seinem warm nachgrüßenden Freunde zurück; und fliegend rollte der Wagen mit zurückwehenden Fackeln in die helle, hohe Sternennacht hinaus.

Neu und ernst breitete sich vor dem Genesenen die dämmernde Schöpfung aus. Der Saturn ging eben auf, und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergürtel des Himmels. Mit zugebundnen Augen wurde der unwissende Jüngling von der Senne seiner Jugend herabgeführt und aus dem Hirtentale seiner ersten Liebe hinweg und den großen, ewigen Sternbildern der Kunst entgegen und in das göttliche Land, wo der dunkle Äther des Himmels golden und die hohen Ruinen der Erde anmutig und die Nächte Tage sind. Kein Auge schauete auf die Blumenbühler Höhe hinüber, von der eben jetzt ein schwarzes Wagengefolge langsam mit aufrecht-brennenden Trauerfackeln wie ein ziehendes Schattenreich herunterging, um das stille gute Herz, worin Albano und Gott gelebt, mit seinen toten Wunden an den sanften Ort der Ruhe zu führen. Flammend rollte der Fackel-Wagen die Bergstraße nach Italien hinan.

Tränenlos und weit ruhte Albanos Auge am schimmernden, unaufhörlich gehenden Schöpfrad der Zeit, das ewig Sternbilder in Morgen einschöpfte und in Westen ausgoß; und seine kindliche Hand faßte leise die väterliche.

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