Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

7. Zykel

Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag! – Alle gingen, vom Reisen schläfrig, der Ruhe zu; bloß Albano, in welchem der heiße volle Tag nachbrannte, sagte dem Ritter, daß er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends Kühlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Blüten des welschen Frühlings. Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue neben einem blühenden Dockengeländer aus Zitronen an, um die Augen unter dem Sternenhimmel schön zu schließen, und noch schöner zu öffnen. Schon in seiner frühern Jugend hatt' er sich, so gut wie ich, auf die welschen Dächer warmer Länder gewünscht, nicht um als Nachtwandler, sondern um als ein Schläfer darauf zu erwachen.

Wie herrlich fällt das aufgehende Auge in den erleuchteten hängenden Garten voll ewiger Blüten über dir, anstatt daß du in deinem deutschen schwülen Federpfuhl nichts vor dir hast, wenn du aufblickst, als den Bettzopf!

Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte und als Garten und Himmel und See endlich zu einem dunkeln Kolosse zusammenschwammen, und er wehmütig an seine bleiche Mutter und an seine Schwester und an die verkündigten Wunder seiner Zukunft dachte: so stieg hinter ihm eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgebildetem Totenkopfe auf der Brust mühsam und mit zitterndem Atem die Terrassen hinauf. »Gedenke des Todes!« (sagte sie) »Du bist Albano de Zesara?« – »Ja!« (sagte Zesara) »wer bist du?« – »Ich bin (sagte sie) »ein Vater des TodesAus dem Orden des heiligen Pauls oder memento mori, der in Frankreich im 17ten Jahrhundert erlosch. Die obige Anrede ist ihr gewöhnlicher Gruß.. Ich zittere nicht aus Furcht, sondern aus Gewohnheit so.«

Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausende Art in einem allgemeinen Erbeben, das man zu hören glaubte. Zesara hatte oft seiner müßigen Kühnheit ein Abenteuer gewünscht; jetzt hatt' ers vor sich; indes wachte er doch behutsam mit dem Auge, und da der Mönch sagte: »Schaue zum Abendstern hinauf und sage mir, wenn er untergeht, denn mein Gesicht ist schwach«, so warf er nur einen eilenden Blick dahin: »Noch drei Sterne« (sagt' er) »sind zwischen ihm und der Alpe.« – »Wenn er untergeht,« (fuhr der Vater fort) »so gibt deine Schwester in Spanien den Geist auf, und darauf redet sie dich hier aus dem Himmel an.« Zesara wurde kaum von einem Finger der kalten Hand des Schauders berührt, bloß weil er in keinem Zimmer war, sondern in der jungen Natur, die um den zagenden Geist ihre Berge und Sterne als Hüter stellt, oder auch, weil die weite dichte Körperwelt so nahe vor uns die Geisterwelt verdrängt und verbauet; er fragte mit Entrüstung: »Wer bist du? was weißt du? was willst du?« und griff nach den zusammengefalteten Händen des Mönchs und hielt beide mit einer gefangen. »Du kennst mich nicht, mein Sohn!« (sagte ruhig der Vater des Todes) »Ich bin ein ZahuriDen Zahuris in Spanien wird bekanntlich die Kraft zugetrauet, Leichname, Metalladern etc. in der tiefen Erde zu erblicken. und komme aus Spanien von deiner Schwester; ich sehe die Toten unten in der Erde und weiß es voraus, wenn sie erscheinen und reden. Ich aber sehe ihr Erscheinen über der Erde nicht und hör' ihr Reden nicht.«

Hier blickte er den Jüngling scharf an, dessen Züge plötzlich starrer und länger wurden; denn eine Stimme, wie eine weibliche bekannte, fing über seinem Haupte langsam an: »Nimm die Krone, nimm die Krone – ich helfe dir.« Der Mönch fragte: »Ist der Abendstern schon hinunter? Spricht es mit dir?« – Zesara blickte in die Höhe und konnte nicht antworten; die Stimme aus dem Himmel sprach wieder und dasselbe. Der Mönch erriet es und sagte: »So hat dein Vater deine Mutter aus der Höhe gehöret, als er in Deutschland war; aber er ließ mich lange in Fesseln legen, weil er dachte, ich täusche ihn.« – Beim Worte »Vater«, dessen Geisterunglauben Zesara kannte, riß er den Mönch an den beiden Händen mit der festhaltenden starken die Terrassen hinunter, um zu hören, wo jetzt die Stimme stehe. Der Alte lächelte sanft, die Stimme sprach wieder über ihm aber so: »Liebe die Schöne, liebe die Schöne – ich helfe dir.« – Am Ufer hing ein Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Mönch, der ihm vermutlich den Argwohn einer irgendwo verborgenen Stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und winkte ihm nachzufolgen. Der Jüngling, im Vertrauen auf seine körperliche und geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Mönche kühn von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht nur die Stimme über ihm wieder rief: »Liebe die Schöne, die ich dir zeige, ich helfe dir«, sondern da er auch gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit einem glänzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas, wie eine höhere Aphrodite, heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Göttin wieder in die Wogen zurück, und die Geisterstimme lispelte oben fort: »Liebe die Schöne, die ich dir zeigte.« – – Der Mönch betete kalt und schweigend unter der Szene und sah und hörte nichts; endlich sagte er: »Am künftigen Himmelfahrtstage in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkündigen.« –

Wenn vor uns flüssigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen das Licht eines höhern Elementes nur fühlen und suchen, aber nicht sehen, in der Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlägt, der vor unsere höhere Sonne gehangen istAnspielung auf die Erzählung einiger Astronomen, daß die verfinsterte Sonne zuweilen durch eine Öffnung des Mondes geblitzet habe, wie es z. B. Ulloa einmal gesehen zu haben versichert.: so zerschneidet der Strahl den Sehnerven, der nur Gestalten, nicht Licht verträgt; – kein heißes Erschrecken beflügelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern Gedanken und vor einer neuen unfaßlichen Welt sperrt den warmen Strom, und das Leben wird Eis. – –

Albano, aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowohl den Mut als den Verstand; er ruderte ungestüm, beinahe bewußtlos ans Ufer – er konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen, weil seine unbändige, alles auseinanderreißende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu gräßlichen umwälzte und ausdehnte – er hört' es kaum, als der Mönch zum Abschiede sagte: »Vielleicht komm' ich am nächsten Karfreitage wieder.« – Der Mönch bestieg einen Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser umtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel (Isola peschiere).

Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und der Himmel und alles eine weichende aufgelösete Nebelbank, als geb' es nichts, als hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der erstickenden Brust der Atem des Bibliothekar Schoppe, der lustig zum Schlaffenster herauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam zurück, und das Dasein war. Schoppe, der vor Wärme nicht schlafen konnte, stieg herunter, um sich auch auf die zehnte Terrasse zu betten. Er sah an Zesara ein heftiges inneres Wogen, aber er war schon daran gewöhnt und forschte nicht.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.