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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Dreiundzwanzigste Jobelperiode

Liane

95. Zykel

Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an als am Morgen unter Albanos Erzählung, und zwar darüber, daß er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er flehte inständig den Grafen an, doch bei der nächsten Erscheinung – zumal in Italien – dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureißen, und bliebe das Leben darin hängen. Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er ungern und flüchtig davon. Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und übermächtiger regten als in Roquairol: so hatt' er nicht wie dieser Freude an ihrem Malen, sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf, das ihm sein Vater auf der Insel gegeben; – welcher treffende Widerschein des nächtlichen Spiegelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwester mußte, bloß um damit ihre Ähnlichkeit zu überdecken, durch Kunst gesäet sein. Die Vermutung auf Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die Höhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hülfe seines so nahen Vaters hinaus.

Ach über allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhörlich eine ferne dunkle Gestalt, der Würgengel, der auf die hülflose Liane hungrig niederfliegen wollte! Das Starren der Leichen-Seherin auf dem Blumenbühler Weg – zumal nach dem trüben Blatte der Fürstin – gaukelte jetzt in den dunkeln, durcheinanderkreuzenden Laubgängen, worein sein Lebensweg getrieben war, als ein flatterndes Schreckbild fort.

Ein neuer, einziger Entschluß stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer Arm am Wege fest, der immer nach einer Richtung zeigte, auf die Blumenbühler Straße: »Du mußt zu ihr« – sagte der Entschluß – »sie darf nicht in dem Wahne deines Zürnens und deiner alten Härte sterben – du mußt sie wiedersehen, um ihr abzubitten, und dann weinest du, bis ihr Grab aufgeht und sie wegnimmt.« – O, wie werd' ich dann, sagt' er zu sich, vor dem Sterbe-Throne dieses Engels mein hartes, stolzes, wildes Herz zerknirschen und alles, alles, womit ich die sanfte Seele in Lilar blind und wund gemacht, zurücknehmen, damit sie nicht zu sehr verachte die kurzen Tage der Liebe und damit doch ihr Herz verscheide mit einer kleinen letzten Freude von mir! – Und das, o Gott, bescheide uns! –

Vergeblich trug Schoppe darauf an, daß er mit ihm die Expeditionsstube der Nacht-Wunder, die so wahrscheinlich im gotischen Tempel anzutreffen sein mußte, suchen sollte; noch an diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen. Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort und verlangte diesen zuletzt, voreilig befehlend; – aber jetzt war es verdorben und Albanos Nein verpanzert. »Verflucht! wozu lass' ich mich denn in diesen Tränentöpfen kochen«, sagte Schoppe und fuhr hinaus.

Aber nach kurzer Zeit kam er wieder, mit einem Blatte von – Gaspard, worin dieser auf heute Relais-Pferde von der Post verlangte, und mit einem Vorschlag von sich selber, dem Vater entgegenzusehen. Wie erfrischend wehte die väterliche Nähe über Albanos schwüle Wüste! – Gleichwohl sagte er das zweite Nein: das lange Wollen und Streiten und jede Stunde hüllte ihm Lianen immer finsterer in ihre Wolke, und er dachte bange an seinen Traum über sie auf Isola bellaWo sie ihm in der Wolke zerflossen war, als er sie umfassen wollte.; – und am Ende stutzte er argwöhnisch über das bedenkliche Zurückzerren.

Und darin irrt' er nicht; Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten, als er noch erfahren hatte. Der Lektor nämlich, der mit alter kluger Redlichkeit über den abtrünnigen, aber von ihm überall gelobten Jüngling von fernen Wache hielt durch den stellvertretenden Schoppe, hatte diesem den aufgetürmten bleischweren Wolkenbruch gezeigt, der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen Jünglings herbewegte; nämlich Lianens ganz nahen Tod.

Früher war der Streit mit den Eltern, gleichsam diese poetische Härte für Lianens Nerven, noch Eisenwein gewesen, die nachher im weichen Wasser der Entsagung, Herbstruhe und Andacht schmolzen. Es gibt eine warme Windstille, welche Menschen wie Schiffe zerlässet; eine Wärme, worin das Wachsbild des Geistes zerrinnt. Täglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre Schwingen aus, lösete sie ab von den Erden-Hoffnungen und Erden-Bangigkeiten und führte sie in den Glanz des göttlichen Thrones. – Die schönen Frühlingslüfte ihrer geendigten Liebe ließ sie wieder wehen, aber in höherer Stelle, es waren dünne, milde Äther-Zephyre, Blumen-Hauche. – Sie wußte jetzt zugleich, sie sterbe und liebe Gott. Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem Himmel, aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter zu gehen und wärmte sie sanft. – Ihre Tränen entflossen so süß wie Seufzer, wie Abendtau aus Abendrot – Wie man selig-wogend sinkt in heitern Träumen, so floß sie mit schwimmendem Körper-Gewand auf dem Todesflusse, lange getragen, langsam angezogen.

Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den süßen Fall gebrochen – die heiße Erwartung der kommenden Romeiro, dieser ihr so innig befreundeten Freundin ihrer Freundin Julienne. Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre Phantasie zu sehr; denn gerade die Flügel der Phantasie waren an diesem sanften, steten SchwaneEin Schwan kann mit dem Flügelschlag einen Arm zerbrechen. zu stark. Wie stellte sich die Kranke unter diese glänzende Göttin herunter! Wie fand sie sich unwürdig der vorigen Liebe für Albano! – So wenig hatte Spener, der nur vor Gott demütig war, sie hindern können, zwei Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklärtes heraufzunehmen, die alte Demut vor Menschen und das alte bekümmmerte Sorgen für Geliebte.

Julienne mocht' ihr noch so oft abgeraten haben, sie schlang sich doch an einem Abende – wo sie Albanos Wegziehen nach Italien vernommen – um Lindas Herz und sagte ihr mit gewöhnlicher Überwallung, nur Albano verdiene sie. Linda antwortete bewundernd: sie fasse eine Liebe nicht, die sich selber vernichte; in Ihrem Falle würde sie sterben. »Und tu' ich's denn nicht?« sagte Liane.

Julienne bat gleich darauf Lianen, die verlegne edle Gräfin darüber zu schonen. Liane schwieg unbeleidigt; aber der neue Wunsch ergriff sie nun, ihren verlornen Albano noch einmal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen Irrtum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues großes zu vermachen. Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wünschen ihrer heiligen Seele. Solange die Mutter und Augusti konnten, hielten sie ihr die Hand, damit sie sich eine so giftige schwarze Blume, als die Freude eines solchen Wiedersehens sein müßte, nicht ans kranke Herz steckte. Aber sie versicherte ihre Mutter, was könn' es ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im künftigen – nach Karolinens Weissagung – von hinnen gehe. – Indes suchte man ihr das letzte Ziel immer hinauszurücken, in der Hoffnung, daß Gaspard den Grafen wegführe, und mit dem Vorsatz, nur im Notfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese tödliche zu stillen.

Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser, halb aus erbitterter Eitelkeit, halb aus Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von der kältern Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht u. s. w. Wie entrüstete sich beinahe die sanfte Seele, weil sie daraus mit weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und eine Wiederkehr der Neigung für die dableibende Linda entdeckte! Sie hatte schon längst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht. Denn diese arme Seele war seit ihrem Falle, seit dem Begräbnis ihrer Unschuld, durch keine Bitten und Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem niedergeworfnen Sünder-Auge zu treten; und jetzt war es ihr vollends unmöglich, seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am hereingezognen Leichenschleier erstickt. »Bruder, Bruder,« (sagte Liane begeistert) »bedenke, was unsere armen Eltern von uns Kindern haben! Ich erfülle ihnen keine Hoffnung; auf dir ruht jede; ach wie wird unser Vater zürnen!« setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es für recht, die Wahrheit (über Rabettens Hinab- und Wegstoßen), welche diesesmal die Gestalt einer bewaffneten Parze haben würde, von ihr zu entfernen, und setzte an die Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatt' er bisher die einzige Gelegenheit, mit der Gräfin zu sprechen, entbehrt – Lianens Krankenstuhl. »Du mußt sterben,« (sagte er einmal im Enthusiasmus zu ihr) »es ist gut, daß dein Gewebe so zart ist, damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen entzweireißet – Was hättest du bis in dein 70. Jahr nicht leiden können unter Menschen und Männern!« Auch er glaubte – aus eigner Erfahrung –, daß es mehr Weiber- als Männer-Schmerzen gebe, so wie es am Himmel mehr Mond- als Sonnenfinsternisse gibt.

So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkopf, die Spiele der Finsternissse und die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite nach der andern in Lianens Leben, sie wurde schnell verändert, und am frühen Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand. Der Lektor bekam diese trübe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens. Darum sucht' er mit solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick einer verscheidenden Braut zu verdrängen.

Später kam Gaspards Billett, welches beide auf den Gedanken brachte, ihn zum Entgegenfahren zu locken und – durch eine Nachricht an den Vater – diesen zu bereden, wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren, damit dieser sinke, ehe ihn der Sohn betreten.

Aber auch das, wie schon erzählt worden, schlug fehl; Albano bekannte Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit. Dieser wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen keuchenden Boten aus Blumenbühl, der an Albano folgendes Blatt von Spener überbrachte:
 

»P. P.

Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, daß das todkranke Fräulein von Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt, daher Sie um so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Aussage höchst wahrscheinlich (und um so mehr, als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich überleben, sondern aus dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit. Ich für meine Person brauche Ew. Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen, daß wohl ein sanftes, stilles, frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser herrlichen Braut Christi, von deren Tod jeder wünschen wird: Herr, mein Tod sei wie dieser Gerechten!, nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und gezieme, der ich mit sonderbarem Respekte verharre

Ew. Hochgeboren Gnaden

Untertäniger
Joachim Spener
Hofprediger

P. S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen: so bitte sehr um einige Zeilen Antwort.«

*

Albano sagte kein Wort – gab das Blatt seinem Freunde – drückte leise dessen Hand – nahm den Hut – und ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus, auf den Weg nach dem Bergschloß.

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