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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 108
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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94. Zykel

Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter. Albano und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Höhen der Musenberge, wo wie auf physischen der Dunstkreis des Lebens leichter anfliegt und der Äther näher an die kürzere Luftsäule reicht. Auf ihrem Ararat trösten sich die Männer leichter als die Weiber in ihren Tempetälern. Nachdem Schoppe, durch die gewitterhafte Luft von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lange den Blitz-Funken seines Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebäude schießen lassen: so trat plötzlich ein Unbekannter, wie ein Totenkopf gänzlich kahl und sogar ohne Augenbraunen, aber welk- und rosenwangig, an ihren Tisch und sagte mit eiserner Miene zu Schoppe: »Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig geworden, Spaßvogel!«

»Oho!« fuhr Schoppe äußerlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde blaß. Jener faßte sich wieder, starrete die widerwärtige Gestalt, die die welke, aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte, scharf und mutig an und sagte: »Wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen- und Spaßvogel, und nicht selber wahnsinnig seid: so bin ich imstande, darzutun, daß man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit.« Hierauf bewies er – aber doch abgekühlt, abgebrannt und verlassen von seinem Bilder-Heer –: Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen – denn er sei nur ein früherer Tod, ein längerer Traum, eine Tag- statt Nachtwandelung – meistens geb' er, was das ganze Leben, Tugend und Weisheit nicht könne, eine fortdauernde angenehme IdeeEin Engländer bemerkte, daß unter den fixen Ideen des Irrhauses selten die der Unterwürfigkeit vorkomme; meistens bewohnen es Götter, Könige, Päpste, Gelehrte. – auch wenn er, was selten sei, in eine peinliche schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle körperlichen Leiden des Menschen – er habe daher nie für sich den Wahnsinn gefürchtet, so wenig als den Traum, könn' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon ertragen. »Uns schaudert« (sagte Albano) »ein Mensch, der schlafend zu uns spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet; und hör' ich mich selber allein, so ist es dasselbe.«

»Ich bin kein Philosoph«, sagte gleichgültig der Kahlkopf, dessen vollendete glänzende Kahlheit mehr fürchterlich als häßlich war. Schoppe fragte erbittert, »wer er denn sei, quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo und quandoWenn.« – »Quando? – Nach 15 Monaten komm' ich wieder – Quis? – Nichts; Gott braucht mich bloß, wenn er jemand unglücklich machen muß«, sagte der Kahle und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus. Albano sagte, es gern erlaubend, im Frageton: er sei wohl erst angekommen? »Eben vom großen Bernhard«, sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein Zickzack konvulsivischer Verziehungen war, so daß immer ein Mensch nach dem andern dazustehen schien. Er ging ein wenig hinaus. Schoppe sagte ganz außer sich: »Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches, hüpfendes Fieberbild. Um Gottes Willen laß uns fort. – Es ist mir immer hinter mir, als stoße mich eine böse Faust auf ihn zu, damit ich ihn abwürge. Auch wird er mir immer bekannter, wie ein vermooseter Todfeind.«

Albano versetzte sanft: »Sieh, meine Ahnung! – Aber nun ich ihr nicht gehorcht, muß ich auch sehen, wo hinaus es geht.« Seine mutige Natur, seine romantische Geschichte und Lage ließen ihn nicht wegrücken von einer so abenteuerlichen Perspektive.

»Aber warum« (fragte Schoppen den Kahlen, da er wiederkam) »schneidet Ihr so viele Gesichter, die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen?« – »Sie kommen« (sagt' er) »von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gegeben – Habt Ihr gesehen, wie aqua toffana, in Menge genommen, verzieht? – In Neapel zwang ichs einem sechzehnjährigen schönen Mädchen hinein, das schon einige Jahre damit gehandelt hatte, und ließ es vor mir sterben. Es gibt wohl nichts Gottloseres als Giftmischerei.« – »Abscheulich!« rief Albano, ergriffen von einem innersten Widerwillen gegen den Mann; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt.

Jetzt trat eine arme, magere Tischlersfrau, Likör zu holen, herein, welche die Augen vor Scham und Schwäche nieder- und halb zugezogen trug; sie getrauete sich nicht aufzusehen, weil die ganze Stadt wußte, daß sie nachts gewaltsam aus dem Bette in die Gasse getrieben werde, um einem Leichenzuge, der dann durch dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Vorbilde vor ihr zuzuschauen. Kaum hatte sie der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht bedeckte: »Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns« (sagt' er ganz bleich und unruhig) – »der Jüngling hier«, indem er auf Albano zeigte. Eben donnerte oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal schnell den sinnenden Albano: »Gehst du mit?«, kehrte sich zornig von dessen Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wütend: »Hund!« – und kehrte sich um und ging fort. Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen Haut, sondern nur die Hand ein wenig, als sei in ihrer Nähe ein Stilett zum Griff; aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Mädchen in Neapel starb.

Albano ergrimmte über den Blick und sagte: »Mein Herr, dieser Mann ist ein durchaus redlicher, treuer, kräftiger Mensch; aber Sie haben ihn selber gegen sich erbittert und müssen ihn freisprechen.« – Mit sanfter, schmeichelnder Stimme versetzte er: »Ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich auch.« – Albano fragte, ob er vorhin mit dem großen Bernhard den Schweizerberg gemeint. »Wohl!« (versetzt' er) »Ich reise jährlich hin, um eine Nacht mit meiner Schwester zuzubringen.« – »Meines Wissens sind nur Mönche da«, sagte Albano. – »Sie steht unter den Erfrornen in der KlosterkapelleBekanntlich lehnen sie da unverweset aneinander., (versetzt' er) »ich bleibe die ganze Nacht vor ihr und sehe sie an und singe Horen.«

Sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert – was er nur dem Punsch zuschreiben konnte – es war weniger Rausch als Glut, eine fliegende Lohe brausete über seine innere Welt, und der rote Schein irrte an ihren fernsten Grenzen umher; nun war ihm, als steh' er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden und könne mit diesem bösen Genius ringen. – »Ich hatt' auch eine« (sagte Albano) – »kann man Tote zitieren?« – »Nein, aber Sterbende«, sagte der Kahle. – »Huh!« sagte Albano bebend. – »Wen wollt Ihr sehen?« fragte der Kahle. – »Eine lebende Schwester, die ich noch nicht gesehen«, sagte glühend Albano. »Es kommt« (sagte der Kahle) »auf ein wenig Schlaf an, und daß Ihr noch wisset, wo die Schwester an ihrem letzten Geburtstag war.« – Zum Glück war Julienne, die er für seine Schwester nahm, an dem ihrigen im Schlosse zu Lilar gewesen. Er sagt' es ihm. »So kommt mit mir!« sagte der Kahle.

In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und folgendes Blatt:


»Bruder, Bruder, trau ihm nicht – Hier hast du eine Waffe, denn du bist gar zu tollkühn – Stich ihn gleich durch, macht er nur Miene – Allerlei unbekannte Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt – Mir ist, als sei mir vor der Bestie gar kein Leben gesichert, deines, Ihres – Hüte dich und komme!

Schoppe

Erstich ihn aber, ich bitte dich.«

*

»Fürchtet Ihr Euch etwa?« fragte der Kahle. – »Das wird sich zeigen«, sagte Albano zornig und nahm den Stockdegen und ging mit ihm. Als beide durch das kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen, sah Albano in einem Spiegel seinen eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset. – Sie kamen aus der Stadt ins Freie. Der Kahle ging voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grafen war, als hör' er die unterirdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brausen. Kaum erkannt' er draußen den Weg nach Blumenbühl. Plötzlich lief der Kahle links feldein; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbühler Straße ganz starr und sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar vorüberging, und hörte die ferne Glocke, die der Stumme trägt, der Tod. So schien es.

Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geisterfurcht tötet die Menschenfurcht. Beide gingen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien es, als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu sein, fest und langsam in den Lüften weiter. Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weiße Haut, und eine unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und zeigte den Griff; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des TodesDer ihm auf Isola bella erschienen war. vorüber.

Plötzlich hörte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen eines Gewimmels; nichts war um ihn. »Hört Ihr nichts?« fragte er. »Es ist alles still«, sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und heiß fort, als könne es nicht fertig und einig werden; – der kühne Jünglich schauderte, die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde, Träume und Schatten schwärmten aus und ein und flogen nahe ans helle Leben.

Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar; da half sich ein Knabe mit einem unförmlich-großen Kopfe auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose, die er dem Jüngling nickend anbot. Albano nahm sie, aber der Kleine nickte unaufhörlich, als woll' er sagen, er möge doch daran riechen. Albano tats – und plötzlich zog ihn die Theaterversenkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle Tiefe.

Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe in einem alten bestäubten gotischen Zimmer – ein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umher – er sah durch das Fenster – Lilar schien es zu sein, aber auf die ganze Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiß bewölkt, und doch stachen sonderbar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larventanz der Träume? fragt' er sich.

Da ging eine Tapete auf – eine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen Schleiern auf dem Angesicht trat herein – stand ein wenig – und flog ihm an sein Herz. »Wer ists?« fragte er. Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch die Schleier hindurch. »Kennst du mich?« fragt' er. Sie nickte. »Bist du meine unbekannte Schwester?« fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen Schwesterarmen, mit heißen Liebestränen, mit ungestümen Küssen an sich fest. »Rede, wo lebst du?« – Sie schüttelte. – »Bist du gestorben oder ein Traum?« – Sie schüttelte. – »Heißest du Julienne?« – Sie schüttelte. »Gib mir ein Zeichen deiner Wahrhaftigkeit!« – Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem nahen Tisch. »Zeige dein Gesicht, damit ich dir glaube!« – Sie zog ihn vom Fenster weg. »Schwester, bei Gott, wenn du nicht lügst, so hebe die Schleier!« – Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm. Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwärts – Da sah er in einem Spiegel, wie sie schnell die Schleier aufriß und wie darunter die veraltete Gestalt erschien, deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift gegeben. Aber als er sich umkehrte, fühlt' er auf seinem Gesicht eine warme Hand und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter.

Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle, wo er zum ersten Male eingeschlafen war. Der Himmel war blau, und die lichten Bilder schimmerten – die Erde war grün und der Schnee verwischt – den halben Ring hatt' er nicht mehr in der Hand – um ihn war kein Laut und kein Mensch. War alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in ihrem Zauberrauch?

Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt; und die Schwestertränen lagen noch auf seinem Auge. »Oder wären es nur meine Brudertränen?« sagte sein verwirrter Geist, als er aufstand und in der hellen Nacht nach Hause ging. Alles war so still, als schlafe das Leben noch fort – er hörte sich und fürchtete, es zu wecken – er schauete seinen gehenden Körper an: ja, dacht' er, dieses dichte, um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen und Freuden des Lebens zu. So wie wir schlafend unter herüberfallenden Bergen zu ersticken glauben, wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt, oder über klebendes Glut-Blech zu schreiten, wenn es mit zu dicken Federn die Füße drückt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn es sich kühlend verschiebt: so wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen Lichter und Klänge und Kälte, und er bildet sich daraus die vergrößerte Geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig wahr gewesen!

»Gott, warum kommst du so spät – und so blaß?« fragte Schoppe, der in Albanos Zimmer lang' auf ihn gewartet hatte. »O, frag mich heute nicht!« sagte Albano.

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