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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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92. Zykel

Albano vernahm das Gerücht, der Minister war ihm längst als eine kalte Seelen-Leiche verunreinigend erschienen; jetzt haßt' er ihn noch mehr als quälenden, blutsaugenden Toten. Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz. Sie war ihm ein blauer Tag-Himmel, worin andern nur eine heiße Sonne blitzt, woran er aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder gefunden. Allein jetzt seit dem Gerüchte, das, wie die Zauberer neben Moses, Ruß in ihren Himmel warf, stand sie für ihn unter neuen Lichtern glänzend. Der Haß, den er schon von Natur, d. h. aus Stolz, gegen jedes Gerücht hatte, weil es beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er entschloß sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres Liebhabers und weil die Fürstin deren Nebenbuhlerin sein soll, auf sein Herz und das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um Vermittelung für Lianens Mitreise, d. h. für seinen Himmel, offen zu vertrauen.

Am Morgen darauf kam der Fürst zurück – die Prinzessin ließ sogleich anspannen – gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gerücht durchlief alle Spieltische, die spanische Gräfin Romeiro sei im Schlosse angelangt. Gerüchte sind wie Polypen: das Verwunden und Zerstören vervielfacht sie; nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien; – das Gerücht von Lindas Ankunft schlang das Gerücht von Froulays Ehrenraub in sich.

Aber Albano! – Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte um. Linda, dieser ausländische Tropikvogel, flog seinem nahen Vater voraus, der wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg – Der Boden, wo er so viel Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem Rücken mit allen Schätzen und Tagen ein. – Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend muß er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des Herzens war von Lindas Nähe eine unüberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm wach geworden.

Er war nun entschieden, die Fürstin an ihr früheres Versprechen, den Lebensbalsam einer südlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu gießen, zu mahnen und durch sie noch früh genug, eh' die Verwirrung des drängenden Augenblickes etwas vereitele, die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen, welche wie alle Hofmenschen gewiß schwer einem fürstlichen Wunsche und einer Glücks-Perspektive widerstreben werde.

Blieb aber Liane zurück aus eigner oder fremder Schuld: so war es ein Vorsatz und Schwur, vor keiner Gewalt, selber der väterlichen nicht, aus dem Vaterland der ewigen Braut zu weichen, sondern einzuwurzeln vor ihrem Kranken-Kloster, bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offne Leben geht oder dunkel-eingeschleiert sich ins finstere Nonnen-Chor der Toten verbirgt. O, wiederzukommen, sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen, und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft – diesen Gedanken hielt sein Herz nicht aus.

Die Fürstin führte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu: sie schickte ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre treue Hofdame Haltermann. »Ich soll Ihnen bloß folgendes wörtlich schreiben« (schreibt diese:) »Kommen Sie heute auch aufs Observatorium, ich und meine gute Haltermann gehen dahin.« Diese Haltermann, ein Fräulein von wenigen Reizen und Geistesschwungfedern, aber vielen Glaubenslehren und frühzeitigen Runzeln, hing der Fürstin schon seit Jahren unauflöslich an, alles verschweigend und alle ihre »Stelldicheine« (Rendezvous) begünstigend, bloß weil sie sagte: meine Fürstin ist rein wie Gold, und nur wenige kennen sie wie ich.

Günstiger konnte Albanos Wunsche kein Zufall kommen. Er stand am frühesten auf der schönen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht. Es war einige Tage nach dem Vollmond; seine glänzende Welt verschloß sich noch hinter die Erde, aber das angelassene Springwasser seiner Strahlen hob sich in Ansätzen herauf. Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht, als falle der ferne Morgen überirdischer Welten auf sie. Durch die Täler streckte sich noch das lichtscheue schwarze Erdentier der Nacht aus und bäumte sich auf gegen die Berge. Das Bergschloß Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur ein Licht. Plötzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schloß vom Monde silbern betauet, und es regnete leuchtend an den weißen Wänden und in die weißen Gänge des Gartens nieder – endlich lag ein fremder blasser Morgen, durch alle Lauben dämmernd, im Garten, gleichsam das zarte Leuchten eines hohen, ganz reinen Geistes, der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und da nichts sucht als die reine, stille Liane. –

Als Albano blickte und träumte und sich sehnte, kam die Fürstin mit ihrer Haltermann herauf.

Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei und ließ den Fix-Sonnen keinen astrologischen Einfluß auf sein gerades Stehen zu. – Albano und die Fürstin fanden sich mit einem Gewinst gegenseitiger Wärme wieder. Aber die erste Frage der Fürstin war: ob er die spanische Gräfin gesehen. Gleichgültig sagt' er, von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft eingeladen worden, sei aber nicht gekommen. »Ma belle-soeur bewundert sie am meisten,« (fuhr die Fürstin fort) »aber sie ists ein wenig wert. Sie ist majestätisch gebauet, länger als ich, und schön, zumal ihr Kopf, ihr Auge und Haar. Doch sie ist mehr plastisch als malerisch schön, eher einer Juno oder Minerva ähnlich als einer Madonna. Aber sie hat Eigenheiten. Sie verträgt sich mit keinen Frauen, außer den schlichten und blindguten; daher ihre Kammerfrauen für sie leben und sterben. Die Männer hält sie für schlecht und sagt, sie würde sich verachten, wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes würde; aber sie sucht sie der Kenntnisse wegen. Dem Fürsten hat sie ohne Not, wenn sie auch recht hatte, Bitterkeiten gesagt. Er lacht darüber und sagt, sie liebe ohnehin nichts, nicht einmal Kinder und Schoßhunde. Sie müssen sie sehen. Sie lieset viel, sie lebt bloß mit der Prinzessin und scheint es, nach ihrem Putze zu schließen, wenigstens an unserem Hofe auf keine Eroberungen anzulegen.«

Albano sagte, manche dieser Züge wären ja herrlich, und brach kurz ab. Während des Gesprächs hatte der Professor fleißig alles recht gestellt und festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewärtig. Er bemerkte die helle sommerlaue Nacht – ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus, um die sechs Augen auf die beträchtlichsten Mondsflecken zu lenken – schaltete vorläufig einige Schatten droben ab – führte an den Krater Bernoulli (»ich bediene mich Schröterscher Namen«, sagt' er) – das höchste Gebirge Dörfel (»es besteht freilich aus drei Höhen«, sagt' er) – den Landgrafen von Hessen-Kassel (»den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel«, sagt' er) – den Montblanc – die Ringgebürge überhaupt und schloß mit der listigen Versicherung, es gebreche freilich der Warte noch sehr an Instrumenten.

Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von Hessen-Kassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr. »Es ist nur ein Flecken im Planeten, mein Kind!« sagte die Fürstin. – »Und so ists wohl mit dem Montblanc droben auch nichts?« fragte sie getäuscht. Die Fürstin nickte und schauete ins Sternrohr; der magische Mond hing als ein Stück Tag-Welt dicht am Glase: »Wie vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Magie in der Nähe! Als wenn Zukunft Gegenwart wird!« sagte sie zum Erstaunen des Professors, der aus dem Weltkörper gerade erst in der Nähe etwas machte. Sie ersucht' ihn um den Ring des Saturns. »Es sind eigentlich zwei, Ihro Durchlaucht; aber der Sternwarte fehlet zur Zeit noch ein Instrument, es zu sehen«, sagt' er und zielte wieder nach Vorschuß.

Albano sah rund umher seine Lebensgärten glänzen vom warmen Schimmer eines Nachfrühlings; und sein Inneres erbebte süß und schmerzlich. Er nahm einen Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumenbühl, in die Stadt, auf die Berge, nur nicht auf das weiße Schloß mit dem erleuchteten Eckzimmer und dem kleinen Garten; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tür des Paradieses.

Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher voraus hinab, um der Fürstin einen zeugenlosen, freien Augenblick zuzuwenden. Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr, sein Auge war glänzend, seine Züge gerührt; sie faßte seine Hand und sagte: »Wir mißverstehen einander gewiß nicht, Graf!« Er drückte die ihrige, und seine Augen quollen voll. »Nein, Fürstin!« (sagt' er sanft) »Sie geben mir Ihre Freundschaft. Ich verdiene sie nicht, wenn ich ihr nicht ganz vertraue. Ich geb' Ihnen jetzt die Probe meines offnen Vertrauens. Sie kennen vielleicht die Geschichte meines Glücks und meines Verlusts; Sie kennen den Minister.« – »Leider, leider!« (sagte sie) »auch Ihre harte Geschichte, edler Mann, wurde mir bekannt.«

»Nein,« (versetzt' er heftig) »ich war härter als mein Schicksal, ich quälte ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind. – Aber ich habe sie verloren« (fuhr er mit steigender Rührung fort und kehrte sich seitwärts, um Lianens schimmernde Wohn-Höhe nicht zu sehen) »und ertrag' es, wie ich kann, aber ohne heimliche Wege zum Wiederbesitz – Nur das Opfer darf dort drüben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. – O, die Honigtropfen der Freuden. Sie und Italiens Himmel können sie wohl heilen – Sie stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzusehen – Freundin! o, wie groß ist meine Bitte!« –

»Sie sei Ihnen gern gewährt! Übermorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und bestimme diese gewiß für die Reise, insofern es von mir abhängt. Aber ich tu' es – um auch offen zu sein – bloß aus echter Freundschaft für Sie; denn das Fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiß nicht wie Sie; sie tut alles für die Menschen bloß aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich nicht.« –

»Ach, so dacht' ich sonst auch; aber wen soll die Göttliche sonst lieben als Gott?« sagt' er, in sich und die Nacht versunken und für die Fürstin zu hyperbolisch – sein schimmerndes Auge hing fest am weißen Bergschloß, und Frühlinge wehten vom Monde herab auf dem beglänzten Wege seiner Augen hin und her; und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand, aber er wußte beides nicht. Sie ehrte sein Herz und stört' es nicht.

Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter, wo sie der Astronom freudig erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu reden, ihre Anhänglichkeit und Achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere.

»Übermorgen gewiß!« mit diesen Worten schied die Fürstin, um dem sinnenden, vollen Jüngling Trost und Träume mitzugeben.

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