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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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91. Zykel

Die versprochene Begebenheit hat wieder in ältern Begebenheiten ihre Wurzel, die sich zwischen der Fürstin und dem Minister zugetragen; diese schick' ich hier voraus.

Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot, der mit seiner klebrigen Spechts-Zunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mürben Thron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichnis alles dessen, was die Fürstin von Phönixasche und Schutt in sich verbarg, versehen worden; er hatte ihn belehrt, daß sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstück nie selber, sondern nur andere schmelzen wolle; daß sie zu den seltnern Koketten gehöre, welche wie die süßen Weine durch Wärme sauer werden, und nur durch Kälte süßer; und daß sie daher eine der schlimmsten Angewohnheiten – die jedem die ärgsten Händel mache – an sich habe. Es war nämlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie ein totes Kapital in der Brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und umlaufen – Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und heitrer, dann von Stund zu Stund – Er wußte alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgänge und kürzere Fußsteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die Schäfer-Viertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen, wo er anlangen würde in der Laube – Es war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es bedeute, daß er bei ihr von Sentenzen zu Blicken, von diesen zum Händekuß, dann zum Mundkuß gelangte, worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen- und Meilenlangen Haars wie in einer Vogel-Schneuß, wo aber die Schlinge auch die Beere war, dermaßen verstrickte, verhaftete und krummschloß, daß er wußte, wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetieruhr – Aber dann gerade, wenn alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie aus beiden in einen Korb von ihr – Das war der schlimme Punkt. – In der Tat, deutsche Prinzen aus den ältesten Häusern, die sonst alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch, ja lächerlich gemacht und wußten gar nicht, was sie dabei denken sollten – Denn die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale, gab aller Welt eine Kopie von ihrem Fehdebrief, zeigte aller Welt die Röte und Höhe ihres Truthennen-Halses – und ließ einen solchen altfürstlichen Versucher, oder wers war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht.

Da Prinzen (in solchen Fällen) wissen, was sie wollen: so breiteten sie freilich aus, sie wisse nicht, was sie wolle; und oft erst lange nach einem Erb-Prinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes, und später der legitimierte. Gleichwohl blieb dasselbe; nämlich sie blieb dem sphärischen Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, groß und aufgerichtet hinter sich malt, es aber, sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt, unsichtbar macht und dann darüber hinaus ganz verkleinert und umgestürzt in die Lüfte hängt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche, bei welchem Darwin, Weikard und andere Brownianer durch Reizmittel, z. B. Wein, einen langsamern Puls erschaffen und eben daraus die Kur verheißen. Soweit Bouverot an den Minister! –

Aber dem Minister geschah dadurch ein unsäglicher Gefallen. Denn Prinzen-Sünden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein. Als sie sich daher für die Nähe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte: so wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen, niemals, sie mochte immer die Güte selber sein, ihr Ehrenräuber zu werden aus ihrem Strohwitwer. Anfangs kam er wie alle Vorgänger leicht mit bloßen, reinen Gefühlen und Diskursen davon; es wurde noch nichts von ihm begehrt, als daß er zuweilen unversehends einen geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschieße; auch mußt' er sich sehnen. Jenen schoß er hin; Sehnen trieb er auch auf; – und so stand er sich für ein solches Liebes-Glück noch glücklich genug.

Aber dabei blieb es nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der Stachelgürtel und das Härenhemd des reinen Ministers unverhältnismäßig rauher und stechender gemacht und die stärksten Forderungen, nämlich Gaben verdoppelt, damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen Untergang rennte, der des Grafen Köder werden sollte. Jetzt war er schon so weit herabgebracht, daß er in ihrem Flughaar (für ihn giftiges Raupenhaar) webte und knöppelte – er mußte Seufzer-Seifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben – er mußte öfter außer sich sein, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchlerischen Schuft fortgejagt sehen) halb-sinnlich werden, obwohl noch dezent genug. Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn er nur daran dachte, grausend, daß der kleinste Fehltritt ihn von seinem Minister-Posten werfen könne: so ließ er sich ebensogut pfählen und vierteilen als bezaubern. Für einen Dritten, nicht für beide – diese litten – wär's vielleicht ein Fest gewesen, wahrzunehmen, wie sie (wenn ich ein zu niedriges Gleichnis brauchen darf) einem Paar übereinandergezogner seidner Strümpfe glichen, welche für- und durcheinander, wenn man sie ausgezogenSymmer beobachtete folgendes: weiße und schwarze Strümpfe, bei trocknem, kaltem Wetter übereinander getragen, sind, wenn man den äußern bei dem untern Ende, den innern beim obern auseinanderzieht, entgegengesetzt geladen, der weiße positiv, der schwarze negativ; in der Ferne blasen sie sich gegeneinander auf und suchen sich; einander berührend, hängen sie platt und breit darnieder. Fischers physik. Wörterbuch. I. B. in gewisser Ferne hält, sich ätherisch aufblasen und füllen, sogleich aber platt und matt zusammenfallen, wenn sie einander berühren.

In die Länge fiels freilich dem alten Staatsmann lästig, der tanzenden Pagerie der Liebesgötter als ihr Oberältester vorzuspringen, in Cypripors Triumphwagen eingespannt – einen Blumenkranz auf der Staatsperücke – in den Augen zwei Vauklusens-Quellen – die Brusthöhle eine verschüttete Didos-Höhle – im Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend – und auf das Kapitol fahrend, um da nach römischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert zu werden. –- – Es fächelte nichts als die Blech-Kästen, die ihm zu Hause die Regierungs- und Kammerboten hinsetzten, den schachpatten Mann wieder frisch und kühl, der ein schachmatter werden wollte.

Er las mit ihr den Katull, sie mit ihm die bessern Gemälde aus des Fürsten Kabinett; es wurde ihm erlaubt, sie durch seine Latinität für ihre artistischen Gaben zu belohnen – aber er blieb doch, wie er war.

Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse immer wiederkehren, am Ende blind und wild und wagen alles. Die Reise nach Italien rückte so nahe; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung für die Geliebte nicht fahren lassen – wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise, mit deren Nähe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte –; ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu, weil Kälte starke Liebe stärkt, so wie physische Kälte Starke kräftiger, und Schwache kränker macht; – Froulay, als ein alter Mann, war, wie es schien, fähig, ein ganzes Säkulum lang so auf das Ziel loszuschleichen, ohne einen einzigen unentbehrlichen Sprung zu tun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je länger sie gingen, und aus einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von Unrat, Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden – – Kurz die Fürstin fragte am Ende nach nichts, sondern es ging so:

Der Fürst war verreiset, die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der Schloßvogt auf einem ihrer Landschlösser, der schon im Jahre vorher den Minister gebeten, hatte sich nicht entblödet, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Throne ihr, der Fürstin selber, sein Landeskindlein in die Arme zu legen. Gern lassen sich Fürsten herunter – an dünnen Raupenfaden – wie (hinauf); sie schätzen das gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen – denn sie wissen wohl, wie wenig daran ist – dadurch etwas heben und sozusagen stängeln und stiefeln durch das Fürstenstuhl-Bein. Der Minister war als sogenannter »Altgevatter« ohnedies invitiert. Der Herbsttag war heller, lauterer Frühling, und die Herbstnacht stand unter einem glänzenden Vollmond. Höfe wünschen sich so sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und blökender Schweizereien und Pächter hinein; – Höfe – d. h. Hofleute, Hofdamen und dienende Kammerherrnstäbe und andere – sehnen sich so sehr unter Menschen; wie Tiere der Dezember-Hunger, so treibt sie ein edler vom Thron-Gebirge in die platten Ebenen herab; nicht daß sie die Langweile flöhen, sondern sie begehren nur eine andere, da ihre Kurzweile eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer Langweile besteht.

Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke, mit welchem er eine halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fuß lebte, gestillt: so kam er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den fürstlichen Garten, um die Sehnsucht nach der Natur in nicht kürzerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der Taufzeugin versprach an der Fürstin und des Kindes Statt Christentum. Diese selber knüpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich. Der Altgevatter sah in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozessionsfahne würde herumtragen müssen. Zum Genuß des Abends war Konzert, und zum Genusse des Konzerts Spiel arrangiert; und zum Genusse des letztern hatte sich die Fürstin mit Froulay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und Karten ungehört mit ihm zu reden. Plötzlich wurden die zwei Pfunde, die in seiner Brust aufgehangen waren – denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz –, um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob er standhaft sei, vertrauen und für sie wagen könne. Er schwur, schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und Verehrung von seinem Doppeltpfünder erwarten. Sie fuhr fort: sie hab' ihm heute wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvertrauen; sie wolle, wenn die Foule fort wäre, mit ihm allein sprechen; er brauche bloß von der Gartenseite die kleine Treppe herauf an die Tür des Bibliothekzimmer zu gehen; diese sei aufgeschlossen; am poetischen Bücherschrank sei links in der Wand eine Springfeder, deren Druck ihm die Tapetentüre des Zimmers öffne, wo er sie erwarten sollte.

Sogleich stand sie auf, das Ja voraussetzend. Wie es jetzt in den beiden Pfunden eines 64lötigen Herzens herging, kann bloß seinen Todfeinden ein Vergnügen, es zu erfahren, sein. So viel lag mit langen, dicken, steinernen Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, daß nach wenig Stunden, wenn die andern Herren, sonst noch größere Sünder als er, ruhig in den schönen, den Schloßhof formierenden Dienerhäusern schnarchen dürften, daß dann für ihn schuldlosen Schelm bald die Wolfs-, nämlich die Schäferstunde schlagen werde, wo er auf der blumigsten Aue unter das Schächter-Messer knien müsse. Aber er tat sich – zornig, daß sein Glaube an weibliche und fürstliche Frechheit wahr rede – stille Schwüre aller Art, daß er, setze man ihm auch zu wie den größten Heiligen und Weltweisen, doch wirtschaften wolle wie beide, z. B. wie der alte Zeno und Franz.

Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst. Endlich empfahl er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter Seiden-Matratzen, sondern unter kalte Lauben zu schleichen. Er rückte auch, seiner gewiß, auf der Treppe an – machte das Bibliothekzimmer auf – fand die Springfeder – ließ sie springen und trat durch die Tapetentüre in das fürstliche – Schlafgemach. »Es ist also gewiß« – sagt' er und fluchte in seinem Innern herum, wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrückt hinliegend. Im Seitenzimmer linker Hand hört' er sie schon und eine Kammerfrau, die auskleidete. Rechts klaffte die Türe eines zweiten, aber erleuchteten Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht.

Während seines Passens und ihres Häutens hielt er Leseprobe oder Probekomödie seiner Rolle; jetzt kam er mit sich überein, im Notfalle – und falls man ihn zu sehr poussierte – um so mehr, da der Ort mehr gegen sie spräche als gegen ihn selber, indem jeder fragen müßte, ob er wohl sonst würde hergekommen sein – in einem solchen Notfalle, wo nur die Wahl zwischen Satire und Satyr bliebe, sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen – Faun.

Schnell schritt die Fürstin herein, aber gegen das helle Zimmer hin: »Ich brauche dich nicht mehr«, rief sie der Kammerfrau zurück. »Diable!« (schrie sie im Schlafzimmer, den langen Minister ersehend) »wer steht da? – Hanne, Licht!« – »Ciel!« (fuhr sie, ihn erkennend, fort, aber französisch, weil Hanne keines verstand) – »Mais Monsieur! – Me voilà donc compromise! – Quelle méprise! – Vous vous êtes trompé de chambres! – Pardonnez, Monsieur, que je sauve les dehors de mon sexe et de mon rang. Comment avez-vous pu –« Sie sagte alles, vielleicht um die deutsche Zeugin zu blenden, mit zornigem Akzente. Der Altgevatter – der sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn, der viele lebendige Käfer verschluckte und dem sie nun im geängstigten Kropfe Lebensgefahr drohen – schwieg nicht, sondern versetzte deutsch, indem er die Tapetentüre aufmachte, er habe eben, wie sie befohlen, die Bücher aus der Bibliothek in das helle Zimmer gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen. Er ging sogleich durch die Tapete hindurch, sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, ließ am Morgen den Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück. Froulay – so sehr er ihre Romane den spanischen ähnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung die besten die Gauner-Romane sind – wußte zuletzt selber nicht, woran er war.

Die Kammerfrau mußte mit dem Gelübde des Schweigens Profeß tun, das sie hielt, so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Morgen stiegen wenige vor ihren eignen Haustüren ab, die meisten vor fremden, um die Neuigkeit auszuschiffen samt dem Verbote der Fürstin, die Sache éclatant zu machen, weils sonst der Fürst erführe!

War je das vornehme Pestitz in Massa glücklich: so wars an diesem Morgen. Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau, die nur so viel Französisch verstanden hätte wie ein Jagdhund.

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