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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Einundzwanzigste Jobelperiode

Die Leseprobe der Liebe – Froulays Furcht vor Glück – der betrogne Betrüger – Ehre der Sternwarte

90. Zykel

Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der schönsten Ruine der Zeit – wenn man die Erde selber ausnimmt –, nach Italien gerichtet, und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens fest, das ihn vor das Schönste und Größte, was Natur und Menschen schaffen können, führen sollte. Wie taten ihm die Feuer-Berge und Romas-Ruinen und ihr warmer, blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf, wenn er die leidende Liane vor sie führte und die frommen Augen erquickt die Höhen maßen! – Ein Mensch, der mit der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er eines von beiden entbehren könnte, beide verdoppelt. Und Albano hoffte diese Seligkeit, da alle Zeugnisse, die ihm über Lianens Genesung begegneten, diese versprachen. Den Doktor Sphex – der einzige, der für sie eine Grube öffnete und darin die Totenglocke goß und jedem schwur, mit den Blättern falle sie – sah er nicht mehr. Er wollte indes – sagt' er sich – bei der ganzen Mitreise nur ihr Glück, gar nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel, nämlich nur verschleiert; so hielt er sich oft für zu hart, wiewohl er es so wenig war; so hielt er sich für den Sieger über sein Herz, als sein schönes Angesicht schon kranke, blasse Farben trug.

Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm, aber ihre benachbarten Zeiten, die Zukunft und Vergangenheit, lagen voll Licht. Welche Reise, worauf eine Geliebte, ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind, zu welchen andere erst ziehen! –

Die Fürstin war die Freundin. Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn, seit der Hoffnung einer längern und nähern Gegenwart überwältigte sie alles Gewölke um sich her immer glücklicher, um den Freund nur aus einem blauen Himmel anzulachen und anzuleuchten. Sie allein am Hofe schien den barschen Jüngling, dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hof-Stolz und besonders gegen den offnen des Fürsten anrennte, mild und recht zu nehmen; sie allein schien – da nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schöne Empfindsamkeit, zumal von höfischen, zumal die männliche – sanft die seinige auszuspähen und teilend fortzuwärmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden Achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen können, weil sie immer nur Liebe und Leidenschaft nötig haben, um – recht zu geben, unfähig, anders als bei Kometen-Licht, bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu lesen. Alles, was er war, setzte sie bei ihm bloß voraus; seine Vorzüge waren nur ihre Forderungen und seine Schutzbriefe; sie machte seine Individualität weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein, beide waren Maler, keine Gemälde. Er hörte zwar oft, daß sie männlich-strenge sei, zumal als Befehlshaberin, aber doch nicht, daß sie weiblich-grausam werde. Für das gewöhnliche Höflings-Gewürme, das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen Höhen gibt, war sie abstoßend und marternd; ob sie gleich als Neu-Gekommene hätte ein neugebornes Kind sein sollen, das den ältern Kindern Rosinen mitbringt. Am Sonntage, wo an Höfen, wie in Berlin auf der Bühne, immer geistige Volksstücke aufgeführt werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu finden wünscht, der – sei er immer nicht geadelt – doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden weiß sowohl am eigenen Ich als im – Bilderkabinett. Deswegen dankten viele Herren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als: Gott befohlen!

Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters täglich werter. Wie in einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft, die auch hier der Liebe zwei Schwingen goß und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs; es war aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichtesten Flügel nach Italien geben konnte. Er fühlte, daß bald eine Stunde der überfließenden Achtung schlagen werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe vertrauend öffnen könnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zu sein, als es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles verratende hohe Lage desselben vergönnen wollten. Aber etwas störte, bewachte, bekriegte beide, eine, wie es schien, nebenbuhlerische Nachbarin. Es war die sonderbare Julienne, die immer, wenn es anging, aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das Spiel verwirrte. Häufig kam sie ihm nach; einige Male hatt' er von ihr Einladungen bekommen, wenn gerade die der Fürstin nachfolgten, denen also jene, wie es schien, hatten zuvorkommen sollen. Was wollte sie? – Wollte sie von einem Jüngling, den sie so oft durch ihre Männer-Verachtung und durch ihr zorniges, blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwan Liebe, vielleicht bloß weil er ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure – Freundin seiner Geliebten? – Oder wollte sie von ihm nur Haß gegen die geehrte Fürstin, und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiber-Ähnlichkeit mit dem Elfenbein, dessen weiße Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen wieder die schöne bekommt? –

Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er und Julienne bei der Fürstin waren. Eine gute Vorlesung sollte von Goethes Tasso die Gemälde-Ausstellung geben. Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden; und überhaupt war ihr das Weltgebäude nur ein vollständiges Bilder- und Pembrokisches Kabinett und Antikenkabinett. – Die Leserollen wurden von der Direktrice, der Fürstin, so verteilt, daß sie selber die Fürstin bekam – Julienne die vertraute Leonore – Albano den Dichter Tasso – ein jungwangiger Kammerherr den Herzog – und Froulay Antonio. Dieser letztere – der Kunststücke Kunstwerken vorzuziehen wußte und die fürstliche Kammer jeder Kunstkammer – stand wider sein Herz zum Einfahren in den Musenberg fertig da, von der Fürstin mit dem Berghabit dazu angetan. So täglich mehr in die poetische Mode eingezwängt, sah er freilich aus wie sonst eine Mißgeburt, die absichtlich mit angebornen Pluderhosen, Kopfputzen und dergleichen auf die Welt trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein kasselscher Gassenkehrer.

Albano las mit äußerer und innerer Glut – nicht gegen die lesende, sondern gegen die vorgelesene Fürstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortglühenden Herzens –, und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr gut. Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es – auch ohne Einblasen des zärtlichen –, daß in Goethes Tasso – der sich meistens zum italienischen Tasso verhält wie das himmlische Jerusalem zum befreiten – die Fürstin fast die der Fürstinnen ist; nie ging der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert.

Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem Ärmel; in der Tat, er fand den Mann ganz verständig.

Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben, als sie plötzlich den schönen Band von Goethes Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestüm sagte: »Eine dumme Rolle. Ich mag sie nicht!« Alle Welt schwieg; die Fürstin sah sie bedeutend an; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging hinaus, ohne wiederzukommen. Eine Hofdame las gelassen fort.

Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen-Schauspiel eigentlich das interessanteste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter nach. Die Fürstin, welche längst geglaubt, jene liebe den Grafen, freuete sich über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin. Albano, ob ihm gleich ihr warmes Auge von jeher aufgefallen war, erklärte sich das Entweichen aus dem Unmut über die Subordination ihrer Lese-Rolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich; sobald eine Person ihren Haß entblößet, so kann die zweite schwer den ihren verstecken vor der dritten.

Als Albano nach Hause kam, fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch:


»Die F- lockt dich. Sie liebt dich. Mit éclat sendet sie nächstens den M- zurück, um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren. Fliehe sie! – Ich liebe dich, aber anders und ewig.

Nous nous verrons
un jour, mon frère.«
 

Wer schriebs? – Nicht einmal über das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte der Bediente Rechnung ablegen. Wer schriebs? – Julienne; dahin liefen wenigstens alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder. Bedeutend war die französische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner Schwester, das ihm der Vater auf Isola bella gegeben, ebenfalls stand; aber Zufall war möglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen- und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte. Seine Mutter und Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen; beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein Vater der Freund. Die Möglichkeit eines verhüllten Fehltritts seines Vaters war da. Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein. Dann wurde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen Wendelgang fallen: ihr liebender Anteil an Albano, ihr warmer Blick, ihr Liebes-Wettrennen mit der Fürstin – ihr Briefwechsel mit seinem Vater – ihr Anwerben des Grafen für die Romeiro, das sie ebenso, wie es schien, erhitzte gegen die Fürstin als erkältete gegen Lianen – am meisten die Sonderbarkeit ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, alles dieses gab Anschein, daß es nur ein verwandtes Schwesterblut sei, was so oft auf ihren runden Wangen loderte, wenn sie ihn zu lange unbewußt angeschauet. Er machte nach diesem Schritt sogleich den Sprung: er vermutete nun auch, daß sie allein ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden gesucht.

Was das Verhältnis der Fürstin gegen den Minister anlangt, so war ihm jedes Wort darüber eine Lüge. Er ließ sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern nehmen als eine schlimme. Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und halten die schlimme fest; weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet. Er war beiden ungleich. Bisher hatt' er sich der Fürstin Freundschaft mit dem Minister, ihre Landes-Visitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus ihrer männlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet, welche über das künftige Erb-Land ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluß haben wollte; und bei dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrte er noch.

Die Woche darauf führte eine Begebenheit herbei, welche ein größeres Licht in das dunkle Billet zu werfen schien.

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