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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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88. Zykel

Hier ist Roquairols Brief an Albano:

»Einmal muß es geschehen, wir müssen uns sehen, wie wir sind, und dann hassen, wenn es sein muß. Ich mache deine Schwester unglücklich, du meine und mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest dich aus meinem Engel immer heftiger zu meinem Würgeengel. Würge mich denn, aber ich packe dich auch.

Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift überstanden! Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. Frei heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glaube nichts mehr, ich jammere nicht einmal recht tapfer. Ausgehöhlt, verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum. Wenn so zuweilen die Eingeweidewürmer des Ichs, Erbosung, Entzückung, Liebe und dergleichen, wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset: so seh' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich sie, stecke sie ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu, und da das ins Unendliche geht, was hat man denn von allem? Wenn andere einen Glaubens-Idealismus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealismus, und jeder, der alle Empfindungen oft auf dem Theater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht, ist so. Wozu dients? – Wenn du jetzt stürbest, sag' ich mir oft, so wäre ja alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlaufen, weggewischt, unsichtbar; mir ist dann, als wär' ich nichts gewesen. Oft seh' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an, und mir ist, als könnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich mit. Das künftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und alles, war daranhängt, gehört unter die Entzückungen, denen man zusieht; zumal unter einer, in der Liebe.

Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir für Entkräftung hältst: so sag' ich dir gerade heraus: steige nur weiter, knete dich nur mehr durch, hebe nur den Kopf aus den heißen Wogen der Gefühle höher, dann wirst du dich nicht mehr in sie zerlaufen, sondern sie allein verwallen lassen. Es gibt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wählt sie erst, und er ist ihr Schöpfer, nicht ihr Geschöpf. Ich erlebte einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wütend und zackig und schäumend aufriß und durcheinanderwarf, indes oben die stille Sonne zusah; – so werde! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich.

Glaubst du, daß die Romanen- und Tragödienschreiber, nämlich die Genies darunter, die alles, Gottheit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgeäfft haben, anders sind als ich? Was sie – und die Weltleute – noch reell erhält, ist der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der tierische Leim, der hüpfende Punkt in der weichen Fluß-Welt und Fließ-Welt. – Die Affen sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sind – nicht bloß vor höhern Wesen, wie Pope vom Newton sagt – sondern auch hier unten Affen, im ästhetischen Nachmachen, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust und – Lustigkeit.

Letztere und vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, gibts nichts als einige lustige Stellen, an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen über das höckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser unterstreuen. Die Freude ist schon etwas wert, weil sie etwas verdrängt, eh' man sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts.

So bin ich; so war ich; da sah ich dich und wollte dein Du werden – aber es geht nicht, denn ich kann nicht zurück, aber du vorwärts, du wirst mein Ich einmal – und da wollt' ich deine Schwester lieben! Sie verzeihe es mir! Hier trinke reinen Wein! Ich weiß am besten, wie weit es mit den Weibern geht – wie ihre Liebe beglückt und beraubt – wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an viel besserem Holze entzündet als ernährt – und wie überall der Teufel alles holt, was er bringt. – –

O, warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als man haben will? Gar keine? – Meinetwegen; überall wollen schlaffe Prediger uns von jeder vergänglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust. Ist denn die Unlust nicht auch vergänglich? – Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben Grunde des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber weiß es denn jemand, welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu füllen, und dessen Liebe man am Ende hasset – vor welchem, aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede Rührung zu enthüllen scheuete aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehen – aus dessen Zorn man den größern Zorn und aus dessen Liebe man den kleinern saugt? – Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern Verhältnisse eingeschraubt, die uns sonst über die peinlichen emporhalten sollen – auf immer das lang gewünschte Götter-Glück des Lebens in einen platten Schein und Kupferstich verkehrt – das Herz in eine Brust und Larve – das Mark des Daseins in spitze Knochen – Und doch bei allen Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen gekettet, unschuldig und stumm auf die Folter gebunden – und das eben ohne Ende! –

Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie der Eumeniden holt! Lieber recht unglücklich-entbrannt, ohne Hoffnung, ohne Laut, bis zur Bleichheit und Wut, als so geliebt-nicht liebend! – Wer einmal in dieser Hölle brannte, Albano, der – fährt immerfort in sie; das ist das neue Unglück. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln vorher und bin gewiß nicht schwach? – Doch bin ich nicht imstande, einer empfindsamen Rede – oder Klavierphantasie – oder Vorlesung oder Vorsingung Einhalt zu tun, und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Göttern unterschriebene Drohung vorhielte, daß eine Zuhörerin, die ich nicht leiden kann, sogleich darauf meine Liebhaberin würde und daraus meine Geliebte und Hölle.

Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt, Schönheit und Fackel; für mich ists eine Mordfackel, aber ich liebe den Tod und darum den Amor. Längst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern geb' ich dem Dolche einer Muse die Brust; eine Wunde ist fast ein halbes Herz. –

Höre weiter! Rabette hat eine schöne Natur und folgt ihr, aber meine ist für sie eine Wolke mit leerer, vergänglicher Bildung und Gestalt; sie versteht mich nicht. Könnte sie es, so vergäbe sie mir am ersten. O, ich habe sie wohl mißhandelt, als wäre ich ein Schicksal und sie ich. Zürne, aber höre. In der Illuminationsnacht führte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der Freude uns wärmer aneinander – unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen Hofgesichtern blühte ihr aufrichtiges so schön und so lebendig wie ein frisches Kind auf der Bühne und am Hofe – Wir gerieten in den Tartarus – Wir saßen an der Stelle, wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen – In meinen Sinnen glühte der Wein, in ihren das Herz – O, warum hat sie, wenn man spricht und strömt, keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langeweile – und zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? – Meine wahnsinnige Kühnheit, die mir die Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte, ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler. – Aber immer ist etwas in mir Hellblickendes, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, über mich wirft und mich verhüllt darin führt. – So sieh mich in jener Nacht mit dem brennenden Netz um das Haupt, der Totenbach murmelt zu mir, das Skelett greift durch die Harfe – Aber umschlungen, vergittert, verdunkelt, geblendet vom Feuer-Geflechte der Lust, acht' ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und jenen Abend, sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte – Und so sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab, und ich stand aufrecht auf dem Königssarg und ging mit hinunter.

Ich verlor nichts – in mir ist keine Unschuld –, ich gewann nichts – ich hasse die Sinnenlust –; der schwarze Schatte, den einige Reue nennen, fuhr breit hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte?

Verdamme deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglücklicher als ich, denn sie war glücklicher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale; der Kern selber zersprengte in der nährenden, warmen Erde seinen Panzer und drängte sich grünend ans Licht.

Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich über; zu allen Taten und Opfern für sie fühlt' ich mich leicht; aber zu keinen Empfindungen. Macht, was ihr wollt, du und mein Vater, ich werde mich in diesem dummen Stoppel-Leben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in das enge dreißigjährige Gehege der Ehe bannen. Bei Gott! für den erbärmlichen erpreßten Sinnen-Rausch hab' ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden, als er wert ist.

Nicht das, was ich gern bei dir gelesen, gibt mir diesen Entschluß – das frage Rabetten über ihn –, und meine Freimütigkeit gegen dich ist ein willkürliches Opfer, da die Mysterie unter zweien hätte ohne mich eine bleiben können: sondern ich will nicht von dir verkannt sein, gerade von dir, der du, bei so wenigen Reflexen deines Innern, so leicht nachteilig vergleichst und nicht merkst, daß du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geistigern Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle dich nicht; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes. Die Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du hieltest mich doch nicht für zu gut, ich bin alles, wofür du mich nahmest, nur aber noch mehr dazu; und das Mehr-Dazu fehlt dir noch selber.

O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich weiß, daß SieLinda. kommt! Das Schicksal, das so oft Gewicht und Räder spielt und den Perpendikel des Lebens mit eigner Hand auswirft, hebt den meinigen aus, und alle Räder rollen der seligen Stunde unbändig entgegen. Sie ist meine erste, meine reinste Liebe; vor ihr riß ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg als Blumen; für Sie opfer' ich, wag' ich, tu' ich alles, wenn Sie kommt. O, wer in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe nichts fürchtet, was sollte der in der rechten, lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern? – Du Engel, du Würgengel, du flogst herein in mein kahles, ebenes Leben, du fliehst und erscheinst, bald hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange, bis ich vor deinen Füßen mir mein Grab aufgewühlet habe, während du zu mir heruntersahest! –

Albano, ich schaue die Zukunft und greif ihr vor; ich sehe recht deutlich das lange, über den ganzen Strom gespannte Netz, das dich fassen, schnüren und würgen soll; dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu, Gott weiß warum. – Darum kommt Sie jetzt, und dein Reisen ist nur Schein. – Meine arme Schwester ist bald besiegt, nämlich ermordet; besonders da man dazu bei ihrem Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene körperlose, die über dem alten Fürstenherzen dem deinigen die Grenze anwies!

Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhältnissen und Gebüschen, in Mord-Winkeln brennen! – Wie es sei, ich trete in die Höhlen hinein; ich danke Gott, daß das ohnmächtige, kaltschwitzende Leben wieder einen Herzschlag, eine Leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt tue gegen mich, der ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was du magst. Schlage dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn du mich in den längsten Schlaf auf den Rücken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur anfangs lebhaft, dann schläfrig, o so schläfrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, leb aber wohl!

Dein Freund oder dein Feind.«

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