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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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6. Zykel

Der Speisesaal unserer Eiländer war im reichen Palaste der abwesenden borromäischen Familie. Man gab der schönen Insel den Parisapfel und Lorbeerkranz. Augusti und Gaspard schrieben ihr das Belobungsschreiben in einem leichten klaren Stil, nur Gaspard mit mehr Antithesen. Albanos Brust war mit einer neuen Welt gefüllt, sein Auge mit einem Schimmer, seine Wangen mit freudigem Blut. Der Baumeister erhob sowohl den Geschmack als den Kammerbeutel des Erbprinzen, der durch beide zwar nicht artistische Meister, aber doch Meisterstücke in sein Land mitbrachte und auf dessen Veranlassung eben dieser Dian nach Italien ging, um für ihn Abgüsse von den Antiken da zu nehmen. Schoppe versetzte: »Ich hoffe, der Deutsche ist so gut mit Malerakademien und mit Malerkoliken versehen als irgendein Volk; unsere Ballenbilder – unsere Thesesbilder in Augsburg – unsere Leisten über Zeitungsblättern und unsere Buchdruckerstöcke in jedem dramatischen Werke, durch die wir eine frühere Shakespeare-Gallery besaßen als London – unsere Effigie-Gehangnen am Galgen sind jedem bekannt und zeigen am ersten, wie weit wirs treiben. – Aber ich will auch zulassen, daß Griechen und Welsche so malen wie wir: so ragen wir doch dadurch über sie hinweg, daß wir, gleich der Natur und den adeligen Sponsierern, nie die Schönheit isoliert ohne angebognen Vorteil suchen. Eine Schönheit, die wir nicht nebenher braten, verauktionieren, anziehen oder heiraten können, gilt bei uns nur das, was sie wert ist; Schönheit ist bei uns (hoff' ich) nie etwas anders als Anschrot und Beiwerk des Vorteils, so wie auch auf dem Reichstage nicht die angestoßenen Konfekttischchen, sondern die Sessionstafeln die eigentlichen Arbeitstische des Reichscorpus sind. Echte Schönheit und Kunst wird daher bei uns nur auf Sachen gesetzt, gemalt, geprägt, welche dabei nützen und abwerfen: z. B. gute Madonnen nur ins Modejournal – radierte Blätter nur auf Briefe voll Tabaksblätter – Kameen auf Tabaksköpfe – Gemmen auf Petschafte und Holzschnitte auf Kerbhölzer – Blumenstücke werden gesucht, aber auf Schachteln – treue Wouwermanne, aber zwischen Pferdeständen neben BeschälernEin guter Wouwermann heißet in der Malersprache ein gut gemaltes Pferd, dessen Beschauen auf die Schönheit des künftigen Füllen einfließet. – erhobenes Bildwerk von Prinzenköpfen, entweder auf Talern oder auf baierschen Bierkrug-Deckeln, beide nicht ohne reines Zinn – Rosen- und Lilienstücke, aber an tätowierten Weibern. – Auf ähnliche Weise war in Basedows Erziehungsanstalt stets das schöne Gemälde und das lateinische Vokabulum verknüpft, weil das Philanthropin dieses leichter unter jenem behielt. – So malte Van der Kabel nie einen Hasen auf Bestellung, ohne ein frisch geschossenes Modell nach dem andern sich zum Essen und Kopieren auszubitten. – So malte der Maler Calkar schöne Strümpfe, aber unmittelbar an seine eignen Beine.« – –

Der Ritter hörte so etwas mit Vergnügen an, ob ers gleich weder belächelte noch nachahmte; ihm waren alle Farben im genialischen Prisma erfreulich. Nur für den Baumeister wars nicht genug im griechischen Geschmack, und für den Lektor nicht genug im höflichen. Letzterer kehrte sich, während Schoppe neuen Atem zu unserer Verkleinerung holte, wie schmeichelnd zum abreisenden Dian und sagte: »Früher nahm Rom andern Ländern nur die Kunstwerke hinweg, aber jetzt die – Künstler.«

Schoppe verfolgte: »Ebenso sind unsere Statuen keine müßigen Staatsbürger auf der Bärenhaut, sondern sie treiben alle ein Handwerk; was Karyatiden sind, tragen Häuser, was Engel sind, halten Taufschüsseln, und heidnische Wassergötter arbeiten in Springbrunnen und gießen den Mägden das Wasser in die Scheffel zu.« – –

Der Graf sprach warm für uns, der Lektor hell; der Ritter bemerkte, daß der deutsche Geschmack und das deutsche Talent für dichterische Schönheiten den Mangel an beiden für andere Schönheiten vergüte und erkläre (aus Klima, Regierungsform, Armut etc.). Der Ritter glich den Himmelssehröhren, hinter denen die Erden größer erscheinen und die Sonnen kleiner, er nahm wie jene den Sonnen den geborgten Schimmer ab, ohne ihnen den wahren größern zurückzugeben; er schnitt zwar einem Judas den Strick entzwei, aber einem Christuskopfe goß er den Heiligenschein aus und suchte überhaupt eine Parität und Gleichheit der Schwärze und des Lichts zu erkünsteln.

Schoppe verstummte nie; ich sorge, in seinem Toleranzmandat für Europa waren die deutschen Kreise ausgelassen; er hob wieder an: »Das wenige, was ich eben zum Lobe der nutzenden Deutschen vorbrachte, hat mir, wie es scheint, Widerspruch zugezogen. Aber die kleine Lorbeerkrone, die ich dem heiligen Reichskörper aufsetze, soll mich nie abhalten, die Stellen gewahr zu werden, wo er kahl ist. Ich lobt' es oft an Sokrates und Christus, daß sie nicht in Hamburg, in Wien, oder gar in einer brandenburgischen Stadt dozierten und mit ihren Philanthropisten gassatim gingen; von Magistrats wegen würde man sie haben befragen lassen, ob sie nicht arbeiten könnten; und wären beide mit Familie in Wetzlar gewesen, so hätte man dieser die NeglektengelderSo heißet das Quantum, das man den Beisitzern des Kammergerichts, wenn sie nicht genug gearbeitet haben, vorenthält. abgezogen. – Anlangend die Dichtkunst, Herr Ritter, so kannt' ich manchen Reichsbürger, der aus einem Karmen – wenn es nicht auf ihn selber war – wenig machte; er glaubte die Eingriffe der poetischen Freiheit in die Reichsfreiheit zu kennen; ihn, der gewiß überall ordentlich, gesetzt, bedächtig, in sächsischen Fristen zu Werke schritt, quälten und störten poetische Schwingen sehr. – Und ists denn so unerklärlich und so schlimm? – der gute Reichsstädter bindet eine Serviette vor, wenn er weinen will, damit er die Atlasweste nicht betropft, und die Tränen, die ihm aufs Kondolenzschreiben entfallen, stippte er wie jede dunklere Interpunktion: was Wunder, wenn er gleich dem Wildmeister keine schönere Blume kennt als die hinten am Hirsche, und wenn ihn die poetischen Veilchen gleich den botanischenDie Ipecacuanha gehört zum Veilchengeschlechte. mit gelinden Brechkräften angreifen ... Das wäre meines Bedünkens wenigstens eine Art, den Tadel abzulehnen, womit man uns Deutsche anschmitzt.«

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