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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7

Moralt arbeitete mit Eifer. Die Woche hatte ihm bisher lauter glückliche Arbeitstage gebracht, das Konzert hatte seine Schaffenslust noch gesteigert.

Er hatte die Gewandung der Figur zur Landschaft gestimmt und ziemlich in einem Zuge durchgeführt; jetzt malte er an der Figur selber weiter.

Aber Nicolo hustete.

Ein heimliches Zittern lief dem Maler durch den Körper, so oft er die krampfhaften Anfälle des jungen Burschen hörte. Am Donnerstag veranlaßte er ihn kurzerhand, sich ein paar Tage ernstlich zu pflegen. Er händigte ihm ein kleines Geldgeschenk ein und nahm ihm dagegen das Versprechen ab, sich zu Bett zu legen und vor der nächsten Woche nicht wieder auszugehen.

Die Unterbrechung war ihm höchst fatal, aber er hielt sie für unbedingt geboten, sowohl um des Italieners willen, wie auch, um der Gefahr einer womöglich noch längeren Störung durch eine ernstere Erkrankung des Modells vorzubeugen.

Das Ende der Woche war winterhell und schön, so recht ausgiebige Arbeitstage, welche Moralt 158 vorkamen wie ein Hohn, in dieser augenblicklichen aufgezwungenen Untätigkeit. Denn was war ihm in seinem Zustand des höchsten Schaffensdranges das wenige und bedeutungslose Herumpinseln, das bißchen Vorarbeiten an der Landschaft, welches ohne Danebensehen des Modells möglich war? Die leere Bank auf dem Podium berührte ihn beängstigend, wie ein dunkles Verhängnis, welches hemmend in das Entstehen seines Werkes eingreifen könnte. Er war in einer beständigen Aufregung und lief, seit Wochen zum erstenmal, von Atelier zu Atelier, inzwischen wenigstens schuldige Besuche zu erledigen.

Zu Zakácsy kam er eben recht, um ihn zu warnen, auch nur einen Strich mehr an einem Kinderporträt zu machen, dessen Frische und Keckheit des Werkes größten Reiz bildeten und durch jedes weitere Dazutun nur verlieren konnten. Bei Resemann sah er mit Stolz die Arbeit seines Freundes Rolmers. Sie hatten doch Alle etwas voraus, die in Paris studiert hatten! Wie Rolmers da in einer nur leicht durchgeführten weiblichen Figur, einer Jägerin, licht und sicher in der Farbe vorgegangen war und eine fertige große Wirkung erzielt hatte! Der durfte zuversichtlich nach Schluß des laufenden Semesters an sein erstes eigenes Bild gehen.

Resemann selber stand eben eifrig malend vor 159 einer Schilflandschaft zum dritten Dekorationsstück. Er ließ sich nicht stören und plauderte mit Moralt, während er in der Arbeit fortfuhr.

Hugo Resemann war eine große, hagere Gestalt. Sein Gesicht zeigte bedeutende, männlich kraftvolle Formen, aber die Züge waren streng, der Ausdruck hatte etwas Verhärtetes, übertrieben Energisches. Man hätte den Künstler mindestens fünfunddreißigjährig geschätzt, während er erst am Ende der Zwanzig stand. Rotbraunes Haar umgab wirr und ungepflegt seine durchfurchte Stirn, ein roter Schnurrbart war an den Enden mit militärischer Korrektheit emporgedreht. In den Winkeln der feurigen, kleinen, kastanienbraunen Augen zeichneten sich tiefe Krähenfüße, die den Ausdruck des Verwetterten noch erhöhten, den das ganze Gesicht machte.

Eine Jugend voller Entbehrungen war dem Heute dieses Malers vorangegangen. So recht bitter hatte er seine sieben magern Jahre der Künstlerschaft durchleben müssen, um dann allerdings, sobald er mit seinen ersten Werken heraustrat, auch ebenso gründlich in die fetten zu geraten.

Sein Atelier war ein weiter, nüchterner Raum, ohne andern Wandschmuck als die Skizzen zu seinen bisherigen Bildern und etliche Studien. Auch fast keine Ausstattung war zu sehen: ein einziger 160 wertvoller Teppich in einer Ecke am Boden, zwei Tische mit Geräten überdeckt und ein paar Stühle, mit gestreiftem Segeltuch überspannt, auf deren einem Itzig schlief, ein häßlicher Rattenfänger, während Rosenthal, ein Hund von auserwählter Rasselosigkeit und auswärts schielendem Blick, neben der Staffelei saß und mit einem Auge die Arbeit seines Herrn zu verfolgen, mit dem andern mißtrauisch des Gastes Bewegungen zu kontrollieren schien. Eine Schrulle, durchaus bezeichnend für Resemann, der als Mensch in Allem extrem, und infolge einer angeborenen Abneigung gegen die Semiten auch gleich rabiater Antisemit war – diese zwei garstigen Köter mit den Judennamen!

Aus dem Arbeitsraum führte eine breite Türöffnung, bloß mit einem Vorhang abgeschlossen, in ein hohes, weites Zimmer, welches im Gegensatz zu dem halbleeren Atelier den ganzen, raffinierten Luxus orientalischer Ausstattung beherbergte. Ein wahres Museum türkischer, arabischer, persischer Möbel, Teppiche und Gerätschaften, inmitten deren der Maler ein etwas saloppes Junggesellenleben führte und nach des Tages Arbeit eine Gesellschaft zu sehen liebte, welche ihn nach seinem Geschmack zerstreute. Vorausgesetzt, daß Einer ein ganzer Kerl als Künstler war, oder auch nur ein richtiger Kunstzigeuner, aber ein 161 Mensch, mit dem es sich reden ließ, der Geist besaß, sei es auch der Geist eines Zynikers oder eines Tollkopfs, so war Resemann für den Rest nicht wählerisch. Seine Donnerstagabende hatten den Ruf, zuweilen als Orgien zu enden; aber daß sich Einer dort gelangweilt hätte, war noch nie gehört worden. Was immer von geistreichem Unsinn und von extravaganter Unterhaltung ausgeheckt werden konnte, wurde dort sicherlich mit Jubel begrüßt und eifrig getrieben.

Sie strichen sich mit Gips an und stellten Gruppen, sie trieben Tischklopferei und zitierten Geister, sie rauchten Haschisch und erzählten sich dann ihre Traumgesichte, sie hypnotisierten und magnetisierten und übten Gedankenleserei, und Resemann, der bei der Arbeit der gediegenste Künstler und ernsteste Mensch war, stand im Leben mit verrückten Einfällen und Exzentrizitäten aller Art stets an der Spitze seiner Schar. Seine Lebensführung war wie eine Art Rache für die Entbehrungen der Jugend und wie eine tägliche Entschädigung für die Kümmernisse der Arbeitsstunden. Denn er arbeitete nicht leicht und war als Künstler auf's Äußerste streng gegen sich selbst.

Der kleine Holleitner verkehrte viel in diesem Kreise, und auch Rolmers hatte eine Zeitlang den Donnerstagen angehört, bis ein immer tollerer Nachwuchs der Gesellschaft ihn veranlaßte, seltener zu 162 erscheinen. Dennoch hielt ihn der große Respekt vor dem Maler stets in den besten Beziehungen zu Resemann.

Eine Reihe vortrefflicher Bilder waren von diesem geschaffen und hatten seinen Namen begründet. Sein Haupterfolg war eine in der Frühlingssonne tanzende Kinderschar, mit bekränzten Köpfen, vor einer altersgrauen, moosbezogenen Kapelle gewesen, – eine Art Lenzsymphonie, die er von einem mehrmonatlichen Aufenthalt in Finisterre heimgebracht hatte.

»Wissen Sie, ob Rahde eben stark beschäftigt ist?« fragte er jetzt seinen Besuch, den Pinsel zwischen den Zähnen, während er mit der Spachtel ein Stück Himmel auftrug. »Sehen Sie, ich komme vor jedem neuen Bild, selbst vor dieser lumpigen Dekoration, an einen gewissen Punkt, wo ich unsicher werde, wo ich wünschte, seine Meinung zu hören. So ein Mensch, an den man einmal glaubt, bleibt doch wahrhaftig unsere Kindsmagd durch's ganze Leben; ich glaube, ich werde ewig nicht das Bedürfnis los, mich an einer Schürze zu halten!«

Moralt lachte. Dies Gesicht da vor ihm anzuschauen, mit dem Ausdruck eiserner Willenskraft und einer fast trotzig scheinenden Bewußtheit, und dabei zu glauben, daß dieser Mensch je an sich selber zweifle!

»Ich weiß nicht, was Rahde augenblicklich arbeitet,« antwortete er, – »doch findet er ja immer 163 eine Stunde für seine alten Schüler und seine Freunde, – aber wenn Sie mir vom Schürzenband sprechen, Resemann, Sie, der Sie bereits eine ganze Reihe Leistungen und Erfolge hinter sich haben, so muß ich lachen!«

Der Andere fuhr auf. »Mein Wort, lieber Moralt, ich bin zu Zeiten die unselbständigste Kreatur! Ja – nun lachen Sie wieder; das mag Sie vielleicht wundern! Sie haben ja darin recht: was mir bisher gelungen ist, hätte mich längst über mich selber beruhigen können; aber was wollen Sie – es vermag dies einmal nicht. Es kommt keine einzige neue Aufgabe bei mir zustande ohne Momente, in denen ich mich frage: ja, was bist du eigentlich für ein Kerl? was traust du dir denn da zu? Niemals wirst du's anständig durchzuführen vermögen! Da nützt alles Zurückschauen auf frühere, glücklich überwundene Schwierigkeiten nichts. Das nimmt im trüben Lichte solcher Augenblicke höchstens den Schein einer perfid gelungenen Charlatanerie an, und ich sage mir: wenn es dir bisher gelungen ist, die Menschen zu täuschen, so kommt es nun eben diesmal heraus, was du bist – ein jämmerlicher Stümper, der sich und Andere betrog. Und glückt das Unternehmen abermals, so ist es nur, damit beim nächsten Werk das alte Lied von vorn beginnt. Ah, ein Teufelshandwerk, diese Kunst! 164 Man möchte zuweilen den letzten Handlanger beneiden, der jeden Abend mit dem Sechsuhrschlage seine Mauerkelle oder seinen Pflasterkübel wegschmeißen kann, mit der Gewißheit, daß er wenigstens ein echter Handlanger gewesen ist!«

Moralt glaubte ihm jetzt. Er erwiderte nicht viel. Diese Auslassungen eines Künstlers, der längst über die Erstlingsängste hätte hinaus sein müssen, gaben ihm zu denken. Also erretteten die Erfolge noch keineswegs von den Zweifeln und Selbstquälereien, wie er sie einzig mit der Erschaffung des ersten Werkes verbunden gewähnt hatte?

Der Andere warf seine Spachtel in den Farbkasten und begann wieder zu malen. Es entstand eine längere Stille. Moralt, auf seinem niedern Segeltuchsitz, die Ellbogen auf die Kniee gelegt, schaute zu Boden und umfuhr mit der Zwinge seines Stockes die Muster des Teppichs, seinen Gedanken nachhängend. – »Sie machen mir bloß meinen Gaul scheu mit Ihren Schilderungen,« sagte er nach einer Weile und stand auf. »Ich empfehle mich! – wir nützen uns heute gegenseitig nichts; denn ich fühle mich selber sehr wenig fest im Sattel in diesen Wochen.«

»Und dabei vergraben Sie sich in Ihren vier Wänden, wie mir Holleitner erzählte? Das Törichtste, was man tun kann!« rief Resemann. »Ich tue in 165 solchem Falle das Gegenteil. Wenn man nicht mit Gewalt seine Grübeleien zuweilen im Strudel des Lebens ersäufte, könnte man ja verrückt werden in dieser fortlaufenden Kette von inneren Aufregungen, die unsere Laufbahn ausmachen!«

Ein Trommeln von Fingern an der Türe unterbrach sie, das verabredete Anmeldezeichen eines Kollegen im selben Hause, Leo Valentin.

»Herein! – was wird wieder fehlen?« rief Resemann ungeduldig.

In der Türspalte erschien ein dunkler Kopf und spionierte zuerst, wer anwesend sei. Das Lächeln eines liebenswürdigen Gauners auf den Lippen, trat darauf Valentin ein und begrüßte Moralt.

Ein junger Mensch von der Vollkommenheit des Baues und der Geschmeidigkeit der Glieder eines griechischen Akrobaten. Der Kopf von einer vollständig antiken Schönheit. Über der niederen Stirn ein schwarzes, dichtes, kurzgewelltes Haar, in dem vollen Oval des Gesichtes Züge von bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit, große grünliche Augen, überwölbt von zwei prachtvollen dunkeln Brauenbogen. Eine Hautfarbe von südlichem, rosigem Gelb. Etwas üppig, etwas träg, diese Schönheit, aber ein Kerl von Geist auf den ersten Blick und – nicht ohne einen leisen Anhauch von Laster. Er trug als Arbeitskostüm 166 eine dunkelrote Bluse und Schuhe aus bronziertem Krokodilleder.

Valentin, unter den Kameraden »der Bém« genannt, weil er aus Prag, wiewohl von tirolischen Eltern stammte, war Künstler geworden, weit weniger um der Kunst selber willen, als weil ihn das Künstlerleben angezogen hatte. Reich begabt, musikalisch, und nicht ohne Talent zur Malerei, hatte er im Atelierleben am ehesten die Befriedigung aller Neigungen und Gelüste seiner, allem Regelmäßigen und allem Allgemeinen abholden Natur vorausgesehen. Er war Maler geworden, wie er Musiker geworden wäre, wenn die Konservatorien ebensolche Reize für seinen vagabunden Geschmack verheißen hätten, wie er sie sich von den Malakademien, der Atelierschlenderei und dem schließlichen selbständigen Künstlertum des Malers versprach. Das scheinbar Mühelose dieser Arbeit, das Unbekannte, lockend Lüsterne, was das Modellmalen und das übermütige Bandenleben in den Malschulen für seine Einbildung gehabt hatte, das Ungebundene dieser Laufbahn, die an keine Zeit, keine Regelmäßigkeit, kein Bestimmtes, Vorgezeichnetes sich zu halten braucht, die von Tag zu Tag die Umstände benützt, wie sie kommen, wie sie sich bieten, die stets den Zufall, das Abenteuer, das Glück erwartet, und frei über dem Alltagsschritt der 167 Menge in luftigen Höhen ihren unberechenbaren Zickzackflug ausführt – das war es, was ihn mächtig angezogen hatte.

Ein blindes Glück rettete diesen, aus purstem Leichtsinn eingeschlagenen Weg vor einem Verlaufen im Sumpf. Valentins Talent hatte sich, wie denn sein ganzes Wesen zum Raffinement neigte, in den Jahren der Ausbildung, die er zuerst auf der Münchner Akademie, später in Privatschulen, zuletzt noch bei Rahde genossen, merkwürdig verfeinert, zu einer ausgesprochenen, ganz individuellen Pikanterie verschärft. Dies Talent erwies sich überhaupt als viel stärker, als er selber geglaubt, so daß er an der Malerei viel mehr Freude und Interesse bekam, ja, darin etwas zu leisten ein viel ernsthafteres Bedürfnis in sich aufkeimen fühlte, als er je erwartet. Er hatte in der Tat gelernt, sich anzustrengen und das, was er ein Spiel gewähnt, ein paar Jahre lang als vollen Ernst zu behandeln.

In einer Gesellschaft der tollsten Köpfe, zu denen er sich hielt, und die gleich ihm auf den unbändigsten Lebensgenuß ausgingen, hatte allerdings auch sein Menschliches nur allzusehr seine Rechnung gefunden, und das lustige Leben, das sie führten, nährte auf die Dauer seinen alten Hang zur Faulheit wieder und beschränkte seine Produktion, seitdem er selbständig 168 war und ein eigenes Atelier hatte, auf eine schmählich geringe Zahl von Werken. Wenn er arbeitete, kam immer etwas Gutes zustande; aber er arbeitete so, wie ein privatisierender Millionär seinen Garten bearbeitet. Daß er dabei durch glückliche Verbindungen so günstig verkaufte, was immer er schuf, leistete seinem Sybaritenleben erst recht Vorschub. Zwei kleine Empire-Genrebilder, Gegenstücke, hatten ihm zu Anfang des Jahres viertausend Mark eingebracht, – seit Monaten hatte Keiner gehört, daß er etwas Neues in Angriff genommen hätte.

»Na?« fragte Resemann, während dieser Hausgenosse sich noch mit Moralt unterhielt, – »was ist denn gefällig?«

»Mein Krapplack ist mir ausgegangen; du hast wohl eine Tube davon im Vorrat?« bemühte sich Valentin in möglichst unbefangenem Ton zu sagen.

»Haha! sein Krapplack ist ihm ausgegangen!« spottete Resemann. »Sie wissen wohl noch nicht, Moralt, der faule Kerl malt wieder einmal. Seine Renten sind auf der Neige, jetzt schmeißt er wieder für ein paar tausend Mark pikantes Trallalla auf die Leinwand, und dazu soll ich ihm die Farben liefern!«

»Und wenn das Trallalla verkauft ist, gibst du mir obendrein ein Freudenfest!« lachte der Bém. Er war bereits selber zum Farbkasten getreten, und indem er 169 den knurrenden Rosenthal mit Schmeicheln beruhigte, suchte er mit dem langen Holzstiel eines Pinsels in den Tuben herum, alle Etiketten musternd.

»He! vorher schon Kadmium Nr. 4 und zwei Pinsel, jetzt Krapplack, und was noch weiter?« schrie der bedrohte Eigentümer und zog dem ungenierten Gast den Pinsel so aus den Fingern, daß diese sämtlich voll von der roten Farbe wurden, die noch in den Borsten steckte. »Hand von der Bütten, Bandit!«

Und eine Kapsel mit der gewünschten Farbe aus einem Reservekasten hervorholend, überreichte er sie dem Freund mit der Ermahnung, doch selber wieder einmal den Weg zum Farbhändler zu suchen, wenn er ihn überhaupt noch wisse seit damals, als er zum letzten Male gearbeitet.

Der Sybarit strich mit der größten Selbstverständlichkeit seine roten Finger am Rücken von Resemanns Malkittel ab und wandte sich zur Türe.

»Sie kommen nachher bei mir drüben vorbei, Moralt, nicht wahr?«

– In der Höhe von Valentins Arbeitsraum, der ganz in japanischer Ausstattung prangte, mit mattfarbigen, gestickten Atlasstücken an den Wänden, den kostbaren Fukusas, mit Matten und Bambusmöbeln, hing ein Trapez, dessen Anblick Moralt belustigte. Er schaute eine Weile hinauf. 170

»Was lassen Sie Ihre Modelle denn da droben tun?«

»Meine Modelle? – mich selber laß ich oben baumeln, wenn es mir unten zu dumm wird! Der Mensch sollte überhaupt nicht immer am Boden herumkriechen; zuweilen tut es gut, von oben herab so ein Maleratelier zu betrachten, in welchem sich ein törichter Kerl die halbe Zeit seines Lebens mit seinen Ideen und seinen Farben herumplagt.«

Moralt lachte über diesen Einfall: sich sozusagen Objektivität zu erklettern. »Wie kommen Sie denn da hinauf?«

»Wollen Sie es sehen?«

»Bitte!«

Das Podium hatte Rollen, und Valentin schob es unter das Trapez, einen Tisch darauf, einen Stuhl auf diesen, und eins, zwei, drei, war er oben, schwang sich auf das Holz und warf Moralt eine Kußhand zu.

»Sehr gut!« applaudierte dieser.

»Wenn Sie an einem Donnerstag zu Resemann kommen, können Sie einmal hier drüben einer Vorstellung in Kostüm beiwohnen!«

»Was ziehen Sie denn da Besonderes an?« fragte Moralt.

»Anziehen? – fast nichts! ich lege im Gegenteil 171 sehr vieles weg.« Er zappelte mit den Beinen und machte mit der Rechten eine übermütige, wegwerfende Bewegung. »Ah, mein Bester, ich versichere Ihnen, wenn ich nicht schon Maler wäre, ich möchte Seiltänzer oder Kunstreiter sein! Das gibt ein Lebensgefühl, ein Bewußtsein seiner selbst, eine Leichtigkeit, eine Luftigkeit, eine Wurstigkeit gegen Alles da drunten! – – Ha jupp!« – schrie er, als feuerte er ein Pferd an, und begann mit dem Trapez zu schaukeln; dazu schnalzte er mit der Zunge und schnackte mit den Fingern, das wahre Bild eines Menschen, dem auf der Welt zu wohl ist.

»Bloß ein bißchen zu schwer bin ich für die Turnerei, ich muß mich nun ernstlich trainieren,« bemerkte er, während er wieder herabstieg; – »ich werde sonst in Allem mit der Zeit zu träge. Das kommt von dem ruhigen Herumstehen. Ich fange jetzt an, von Tee und blutigem Fleisch zu leben; Sie sollen sehen, wie das wieder schlank und arbeitsam macht!«

Sein neues Werk auf der Staffelei war abermals ein voller Abdruck seines Wesens, eine Wiederspiegelung seiner Lebensfreude, seiner Sinnlichkeit, seines Hanges zur Pikanterie: ein junges Zigeunerpaar, das den Czárdas tanzt, verloren in den Rhythmus seiner Bewegungen und in die Weisen der Geige, die ein schwarzer Bursche spielt. 172

Er war durch eine Bande, die er kürzlich in der Umgegend Münchens getroffen, dazu angeregt worden.

Mit seiner verführerischen Beredsamkeit und seiner zufälligen Kenntnis der böhmischen Sprache hatte er den mißtrauischen Zigeuner-Alten dazu gebracht, ihm ein paar Tage lang das eine junge Mädchen in das Wirtshaus des Dorfes zu bringen, in dem die Bande lagerte. Dort hatte er die nötigen Studien gemalt, nach denen er jetzt arbeitete.

»Meine Manschetten samt goldenen Knöpfen sind zwar am letzten Tag verschwunden,« erzählte er, – »und der alte Geier hat gerochen wie eine Wursthaut an der Sonne, wenn er so stundenlang dabei hockte, seine Czinta vor mir zu beschützen; aber nun habe ich Studien von den unvergleichlichen Bewegungen dieser Kanaillen, die mir kostbarer sind, als ein paar Knöpfe und die Flasche kölnisches Wasser, die ich aussprengte, um es an der Arbeit auszuhalten. Eine Schlankheit des Baues, sag' ich Ihnen, eine schlangenhafte Geschmeidigkeit und ein Temperament, ein Blut, diese Zigeuner, unglaublich!«

Das Bild, im nicht großen Maßstab von 48 zu 60 angelegt, versprach dem Wert dieser seltenen Studien zu entsprechen. Das Wesen des ungarischen Tanzes, dies Wilde und wieder Schläfrige, 173 war schon mit einer Kunst der Charakteristik und einem Reiz in den beiden Figuren zum Ausdruck gebracht, daß Moralt entzückt, ja mehr als das, fast begeistert von dem seltsamen, so stoßweise produzierenden Talent Valentins das Atelier verließ.

Aber das Anschauen all dieses fruchtbaren Schaffens der Andern ließ ihn doppelt den Druck seiner eigenen, unfreiwilligen Arbeitspause empfinden, und er sehnte mit größter Ungeduld die folgende Woche herbei.

Am Sonntag erzählte Holleitner, daß er auf Weihnachten nach Wien reisen werde, die Ferien in seiner Familie zuzubringen, und Rolmers sah voraus, diese gänzlich seiner Nebenarbeit an den Resemannschen Dekorationen opfern zu müssen.

Äbi hatte sich gar nicht eingefunden.

In Duplessys und des kleinen Ungarn Gesellschaft aber war Peter Lanz wieder einmal im Ratskeller erschienen. Ihm hatte die Ausstellung seines Werkes im Laufe der Woche doch noch einen bescheidenen Erfolg gebracht: die Bestellung eines kleineren Bildes von seiten eines Liebhabers, der sich für diese Malerei interessierte, aber die Mittel zur Erwerbung des größeren Bildes nicht besaß. War es auch wenig, so wirkte es immerhin aufmunternd und brachte für's Erste das tägliche Brot. Und eine Aufmunterung war 174 nötig gewesen; denn die Kritik hatte den Künstler abermals schlecht behandelt.

Moralt, der an seiner Seite saß und für dieses Kollegen starke Eigenart große Wertschätzung hegte, tröstete ihn darüber. Hatte doch natürlicherweise sein Werk verstoßen gegen die eingewurzelten Anschauungen jener Kritik, die noch immer für die Wochenausstellungen am Ruder war und der neuen Epoche nicht mit der richtigen Liebe nachgehen wollte, – einer Kritik, welche geleitet war von fertig aufgestellten Grundsätzen und ästhetischen Doktrinen, – welche kein Kunstwerk frei nach dem Eindruck schätzte und mit der Empfindung beurteilte, sondern nach dem Grade, als es mit ihren Begriffen und Weisheiten übereinstimmte, also mit dem Gehirn, mit der Reflexion; die aber niemals vor einem Bilde den Genuß des reinen Aufgehens im Eindruck erlebte, welches das Privilegium der echten Empfänglichkeit ist.

»– – und einer Kritik,« fügte Holleitner erbost bei, »welche der höchsten Plattheit, wenn sie akademisch und Jedem verständlich ist, den Lorbeer reicht, den freien und daher ihren engen Begriffen unverständlichen Äußerungen eines selbständigen Talentes oder gar eines souverän unabhängigen Genies aber jahrelang den widerlichen Unratkübel ihres Hohns und ihrer guten Räte nachwirft.« 175

Eine Neuigkeit, die Zakácsy erzählte, belustigte Alle. Er berichtete, daß das Umbragesicht, welches schon zu Anfang November die Rahde-Schule verlassen hatte, um ein bestelltes Porträt zu malen, ein ungewöhnliches Glück aufweise, indem bereits ein zweites Bildnis beendet und ein drittes in Arbeit sei. »In sieben Wochen das dritte und neue Aufträge in Sicht! Das heißt Geschäfte machen! Ja, ja, so über Nacht ein berühmter Porträtmaler zu werden! Wie doch das Glück einzelnen blindlings ins Haus fällt!«

»Und wie sind denn diese Zweiwochenkinder?« fragte Rolmers.

»Verblüffend geschwindelt! Es sieht nach etwas aus und ist, genau betrachtet, eine bodenlose Liederlichkeit. Podjenyi hat so einen gewissen schneiderhaften Chik, eine Geschicklichkeit für Bildwirkung; es ist natürlich Theater, Pose, Toilettenstück, aber – gerade was den urteilslosen, eiteln Haufen blendet und anlockt. Gebt acht! Der wird seinen Weg zum Geld schon machen, aber nie etwas Anständiges leisten. Durch Not hätte er vielleicht gelernt, sich anzustrengen; durch Leichtigkeit im Verdienen wird er als Maler das gleiche Schwein werden, das er als Mensch ist!«

Die Stimmung der Tafelrunde im Allgemeinen blieb an diesem Sonntag ruhiger als sonst. Der Eine und Andere steckte schon in den Schwierigkeiten der 176 Weihnachtsgeschäfte. Moralt wurde wieder schweigsam, nachdem er sich eine Weile mit Lanz unterhalten hatte. Er empfand den Sonntag heute nicht als solchen; er war heruntergestimmt durch das Bewußtsein, eine halbe Woche verloren zu haben. Drei Mußetage, wie wenig! und doch, für ihn auf dem gegenwärtigen Punkte seiner Arbeit, wie viel!

Einzig Duplessy war von einer so verdächtigen Fröhlichkeit. Nach Tisch empfahl er sich denn auch plötzlich, nicht ohne von Holleitner über den Grund dieses Wegganges und über die Anwendung seines Nachmittags weidlich in die Klemme genommen zu werden. Er überließ die Freunde lächelnd ihren Vermutungen und schritt, gegen seinen Inquisitor eine Nase drehend, davon, in seiner lebenslustigen Frische und stolzen Stattlichkeit. Da drohten die Zurückbleibenden ihm nachzugehen. Aber in welchem von den vielen Kellerkonzerten des Sonntagnachmittags sollten sie den Abtrünnigen suchen, um das hübsche Kind zu sehen, das ihn – zehn gegen eins zu wetten – heute den Freunden entzog? Sie hielten es schließlich für klüger, statt einer nutzlosen Wanderung von einem rauchigen Lokal zum andern, an diesem frischen Wintertag einen Ausflug in die Umgebung zu machen – nach Nymphenburg, den Park im Winterschmuck zu sehen. 177

 

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