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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

Das Abonnementskonzert im Königlichen Odeon war zu Ende. In der dunklen Menge, die in's Freie quoll, zwischen den rasselnden Equipagen dahin, schlüpften Moralt und Zakácsy. Den kleinen Holleitner hatten sie verloren.

Sie eilten dem großen Schwarm voraus, durch die stillen Straßen, die Anlagen am Maximiliansplatz aufwärts. Ihre Köpfe, ihre Seelen waren voll vom Eindruck der Berlioz'schen »symphonie phantastique«.

»Der hat doch wenigstens gemacht, was er bedurfte, und mochte es noch so toll sein, was ihm einfiel, – er schuf sich Ausdruck dafür!« murmelte Moralt.

Der Andere schüttelte den Kopf, noch ganz verblüfft. »Fabelhaft, ganz fabelhaft!«

»Dies Werk muß doch jedem Künstler einen ungeheuren Anstoß geben,« fuhr Moralt fort, während sie unter den dunkeln, kahlen Bäumen der Allee dahingingen, – »denn, wenn Berlioz auch selber nicht grandiose gedankliche Schöpfungen hinzustellen imstande war, wenn er uns auch nichts eigentlich 154 Kunstgewaltiges zu sagen hatte, – für das, was in ihm steckte, und es ist des Interessanten genug, hat er sich eine allmächtige, erschöpfende Sprache errungen. In sich also doch ein ganzer Kerl! Uns ein Muster von künstlerischer Energie! Aber pah – was sind Worte? Hören, Hören – und heimgehen und desgleichen tun!«

Er verstummte wieder. Er musizierte vor sich hin; zuweilen fuhr er, als markierte er eine dynamische Steigerung, mit den Händen durch die Luft.

»Und doch hat man ihn verhungern lassen!« rief der Ungar. »Man hat ihn abominabel geheißen, wie man Courbet, wie man Zola zuerst abominabel hieß, weil ihre Sprache die Menschen aufrüttelte, die im herkömmlichen Getön der Andern schläfrig geworden waren. Und heute ist er, wie Jene, bei uns wie bei seinem eigenen Volk, als ein Bahnbrecher gefeiert!«

»Das eben ist mir der Gewinn dieses Abends,« nickte Moralt – »das Beispiel dieses Mannes, der ohne Rücksicht auf Richtung und Geschmack seiner Zeit in seiner Kunst genau das tut, was ihm Bedürfnis ist, der am Widerspruch mit seiner Epoche auch mutig untergeht, für sein besonderes Streben untergeht, und schließlich doch groß dasteht. Sie haben hinterher doch Alle von ihm gelernt, Sprache gelernt, Alle! die Größten!« 155

»Und ich glaube,« fügte Zakácsy bei, »daß für einen Maler im Augenblick, da er mit dem Konzipieren eines Werkes umgeht, Berlioz die befruchtende Musik bleiben wird, wie kaum eine andere. Ich schwimme bei seinem Orchester in einem Meer von plötzlich erwachenden Vorstellungen, die sich unterm Anhören verdichten und klären. Ich könnte heute Arbeiten auf Jahre skizzieren, wenn ich nicht beim Porträt bleiben müßte!«

Moralt, ohne zu antworten, fühlte von dem kleinen Ungarn seinen eigenen innersten Zustand geteilt.

»Übrigens – fällt mir ein – kennen Sie die allerneueste Malermusik?: Nicodé?« fragte Zakácsy.

»Nein.«

»Oh! – an Magie der Klänge, an Charakteristik in Tönen, an Ausdruck für das scheinbar Unausdrückbarste noch über Berlioz! Sie würden es nicht für möglich halten! Ein unmögliches Orchester! Ein Orchester, welches zaubern kann, welches Sie in der ›Meer-Symphonie‹ mit in den tiefen Grund des Elementes hinabzieht und Sie da Dinge hören läßt, die einer andern Sphäre anzugehören scheinen; – ein Orchester, welches Farbenempfindungen hervorruft, grüne, gläserne Flut erschafft, über welche plötzlich kleine Wellenzüge hinfliegen und weiße, kristallene 156 Schaumkämmchen glitzernd verspritzen. Und dann beginnt das Meer zu leuchten, zu glühen; die kolossale Masse wird immer durchsichtiger, immer schillernder; Klänge aus versunkenen Palästen ziehen herauf, märchenhaft, nie gehört, und droben über der unermeßlichen, einsamen Wasserwelt steigt die Fata Morgana empor« – – –

»– ha! da seid Ihr ja!« rief Holleitners Stimme in diesem Augenblick durch das Dunkel. »In dem Gedränge findet man ja keinen Hund, geschweige so zwei in Äther aufgelöste Musiker! Eine nette Höllenmusik, diese ›symphonie phantastique‹ wie? – aber verdammt interessant! Mau kriegt dabei den ganzen Kopf voll Bilder!«

»Wieder Einer!« lachte Zakácsy, und sie wanderten zu Dritt, weiter ihre wogenden Gedanken tauschend, weiter ihre Anregungen durch Berlioz klärend, ihrem Gasthause zu. 157

 

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