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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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73

In den erregten Lüften verhallten fast ungehört die Glockenschläge der siebenten Abendstunde. Die Gewölkmassen, welche um Mittag so dunstig über dem Gebirg gelegen hatten, waren in der Dämmerung von einem plötzlich erwachten Westwind zusammengetrieben worden, und immer neue Wolkenwände waren düster hinter den Bergen aufgestiegen. Eilig daherziehend, Schleier über Schleier und Fetzen über Fetzen, hatte es sich in der Höhe zu einer immer schwärzeren Decke gewoben. Seit die Nacht hereingebrochen, fegte ein wütender Sturm über das Hochland. Klatschend schlug zu dieser Stunde der Regen in stoßweisen Güssen gegen die Häuser.

In seinem Zimmer, das die unbedeckte Lampe grell erleuchtete, lief Moralt umher in einer maßlosen Aufregung. Seit der entsetzlichen Entdeckung war er ruhelos im Hause auf und ab gerast, gleich einem geängstigten Tier in seinem Käfig, das eine Gefahr herankommen sieht und kein Mittel kennt, wie es ihr entrinnen kann.

In der Mitte seines Schlafzimmers hatte er Bücher und Kleider auf einen großen Haufen 341 zusammengetragen und dann, neben ihn hinknieend, mit fieberhaft gespannter Aufmerksamkeit in die Stille des leeren Hauses hinausgehorcht, als müßte jede Sekunde jemand oder etwas eintreten. Aber nichts war gekommen. Da hatte er den Haufen verlassen und hatte vergessen, daß er seine Koffer hatte hereinholen wollen.

Seitdem ging er auf's Neue im Wohnzimmer auf und ab. Er war vollständig abgehetzt, war totenbleich und fassungslos. Die Nandl war nach Hause gegangen; er hatte kein Essen gewollt, hatte ihr nicht einmal Antwort gegeben, sie nur mit Gebärden heftig abgewiesen. Jetzt war er allein. Sein Auge ging zuweilen wie hülfeflehend zu den Bildern an der Wand, zu den Gegenständen auf dem Tisch, – dann wieder flackerte es darin empor von irrem, sinnlosem Schrecken. Um die Mauern klagte lauter und lauter der Wind. Viertelstunde um Viertelstunde verstrich. Es schlug Acht. Er lief immerzu. Der blendende Schein der Lampe vermehrte seine Aufregung; er bedeckte sie nicht. Er wußte nichts mehr von einzelnen Gegenständen; es schien ihm nur Alles um ihn her gleich erschreckend, gleich drohend, gleich unerträglich.

Da schreckte ihn ein Klingen. – – Spähend, als träte das Erwartete ein, reckte er den Kopf, hielt er das Ohr: im Dorf drunten tanzten die einheimischen 342 Rekruten; sie hatten sich eine Musik bestellt. Rhythmisch dröhnte der Walzertakt der Bässe herauf, dünn und verloren dazwischen die Weise der Geigen. Windstöße verjagten dann wieder die Töne.

Er horchte, horchte. Es war nichts als das! Der Regen draußen nahm zu; hart wie Hagel schlug es gegen die Läden. Pfeifend, tosend wuchs immer der Sturm. Es sang im Kamin wie klagende Stimmen, es sauste und schwoll und wütete her und fuhr über's Dach wie die wilde Jagd. Unheimlich begannen die Augen des Kranken zu glühen. Und immerzu – immerzu – da – da – rumm! – rumm! klang der Baß, gab's den Takt von dem tollen Getanz – –

Da wiegte sich plötzlich auch sein Körper danach; er fing an zu trällern, zu wippen auf den Zehen, er bewegte schwenkend die Arme in der Luft, wie ein Bursch, der zum Tanz antritt, und warf den Kopf herum mit einer wild erwachenden, wahnsinnigen Lustigkeit. Als er sich einigemale um sich selber gedreht hatte, blieb er stockstill stehen und starrte entsetzt vor sich hin, – – dann begann er gräßlich zu lachen. Er lachte, lachte, schlug mit der Faust auf den Tisch, als fände er nicht Luft genug, zu lachen. Da erblickte er auf dem Tisch seinen Stoß Manuskripte. »Hihi!« kicherte er, – packte mit dem 343 boshaften Augenleuchten eines Menschen, der die Gelegenheit erspäht hat, seinem Todfeind ein Leid anzutun, das oberste Bündel und warf es in's Kamin. Es schien ihm eine unbändige Freude zu machen, wie die Blätter auseinander und in die Asche fielen. Aber die Asche war kalt; denn an diesem Tage hatte kein Feuer gebrannt. Droben heulte der Sturm immer schauerlicher auf. »Huih!« schrie er jauchzend hinauf, faßte das zweite Bündel und warf es dazu. Er gewahrte nicht, daß das erste nicht brannte. Sein Auge war irr, sein Mund verzog sich krampfig zum Lachen, zum Reden, zum Schreien – was immer zuerst den Weg fand von dem kreiselnden Gehirn zum befreienden Laut. Das dritte, das vierte Heft flog zum ersten, zum zweiten; eine wütende Befriedigung erfaßte ihn. »Hihi!« kicherte er abermals triumphierend, als das letzte prasselnd auf die andern fiel.

Ein Krach – als stürzte das Haus ein, donnerte über seinem Haupte.

»So recht!« schrie er auf, ohne allen Schreck, – als hätte er das lange erwartet. Er richtete sich hochauf. Glühend starrten seine Augen in's Leere. Und als spräche er mit Geistern, die in Scharen den Raum um ihn her zu füllen begännen, fing er zu phantasieren an. 344

»Recht so!« – schrie er in's Kamin, das der Orkan jetzt durchbrüllte, – »recht so! heißa! Teufel im Spiel! – Juh, wie das saust und pfeift und schrillt! Krach' nur in den Fugen, du traurige Hütte! Recht so, recht so! Stürz' ein, stürz' ein! Welch' Klatschen und Fletschen und Peitschen der Wasser! Soll die Sündflut nah'n? Hoh, wie das hämmert und paukt auf den Schindeln, wie das klagt, wie das stöhnt in dem alten Kamin!«

In seinem Kopf war es plötzlich, als hebe sich ein Flor.

»Jetzt jauchz' ich!« – schrie er. »Jetzt wird mir wohl! Tobe, wüte, heule, wimmere! Nur zu! Ich rase mit euch, verfluchte Seelen, unselige Geister, die ihr im Sturmwind daherfahrt! Ich auch bin verflucht! Ich auch bin unselig! Hei, wie mir wohl wird! Lust packt mich – Lust! Tanzen, tanzen – – tanzen muß ich!« Und wieder mit dem schauerlichen Lachen und dem schneidenden, trällernden Walzergesang begann der Totenbleiche zu tanzen, immer herum, immer herum, grell beleuchtet von der Lampe, deren Schirm, von einem Fußtritt zerbrochen, am Boden lag.

»Tanzen – – – tanzen!« – – – keuchte er zwischen seinem atemlosen Walzergesang. Und immer fort, immer fort, drehte er sich, drehte er sich, 345 schneller – schneller – ganz aus dem Takt – »tanzen! tanzen!« – – – jetzt – jetzt – er happte, er rang nach Luft – »tanz . .«

Er stürzte zusammen. Die Lampe fiel um und erlosch im Fallen. Ein Klirren – ein Seufzer – das Herz war ihm zersprungen.


Zwischen den Scherben fand am Morgen der Martl seinen bleichen Herrn tot. In's Dach hatte der Sturm ein Loch gerissen, und die Steine des umgestürzten Kamins lagen zerstreut um das Haus.

»Es hat ihn umgebracht!« jammerte die alte Nandl in ihrer Einfalt und bekreuzte sich, – »betet für seine arme Seel'!« Und die Leute im Dorf sprachen es ihr nach: »Betet für seine arme Seel'!«


Der große Rolmers aber, da er in Paris die Kunde von des Freundes Ende las, nickte im ersten Entsetzen nur stumm vor sich hin. Dann quollen zwei heiße Tränen in seinen Augen empor, daß er Holleitners Schrift nicht mehr sah und sich zurücklehnen mußte in seinen Stuhl.

»Erfüllt, erfüllt das dunkle Los!« – –

Sein Freundesherz litt eine Stunde wilden Grams. Sein Blick ging rückwärts über ein reiches, ihm teures Leben, das unter seinen Augen düsterer 346 und düsterer geworden war und nun in Nacht und Tod geendet hatte. Und seine Seele wollte bitter werden.

Da tönte ihm die Stimme Äbis wieder, wie sie einst vor dem Bilde der Sehnsucht zu dem Dahingegangenen das Wort gesprochen: »Es gibt in der Kunst wie in jedem Kampfe Helden, welche sich ganz ihrer Bestimmung hingeben und zu Grunde gehen, ohne das erstrebte Ziel zu erreichen.«


Er richtete sich langsam auf; sein inneres Auge schaute mit geklärtem Blick empor. Des Freundes dunkles Bild stand dort – in höherem Licht: ein Held!

 


 

Ende

 

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