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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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72

Es war jetzt gegen vier Uhr. Scheu gegen die Holzwand gedrückt, saß er wieder auf seinem Altan. Die Luft war noch immer so lau, daß sie ihn lockte, draußen zu bleiben.

Nachdem er sich erst lange den Stuhl zurechtgerückt und überall umhergeschaut hatte, ob Niemand in der Nähe sei, der ihn beobachte, blieb er eine Weile befriedigt sitzen.

Nein, nein! so wie er jetzt dasaß, konnte ihn Niemand sehen, der nicht weit von seinem Häuschen entfernt, draußen in der Talsohle stand, und dem erschien er ja nur undeutlich, als kleiner, schwarzer Punkt. Gewiß – ganz klein, ganz klein! Das gab ihm Beruhigung.

Der Heimweg hatte ihn in heftige Aufregung gebracht. Er hatte so viele Menschen angetroffen, und die Leute schauten ihn jetzt so an! – er ballte die Faust – was war denn an ihm, was nicht immer gewesen wäre? Die unleidlichen Gaffer! Er schüttelte sich vor Widerwillen. Und das dumme kleine Kind des Zimmermanns drunten, das ihm sonst hartnäckig nachgesprungen war, so oft er den Weg am 337 Hause vorüber genommen hatte, um ihm sein schmutziges, klebriges Händchen entgegenzustrecken, – es sprang jetzt seit geraumer Zeit schon mit einem Ausdruck von Angst auf dem pausbackigen Gesicht gegen das Haus, wenn er nahte, und kletterte, zur Nachhilfe mit beiden Händen den Türrahmen fassend, hastig über die hohe Schwelle in's Innere.

Er würde nie wieder durch die Gasse gehen! Überhaupt nie mehr in's Dorf! sagte er sich plötzlich. Es gab andere Wege; der gestrige zum Beispiel war schön, und man traf Niemand! Nein – in's Dorf ging er nicht wieder! Nie, nie! Er war auf einmal zufrieden, ganz zufrieden, nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte. Da droben an seinem Berghäusl hatte ja Niemand ein Recht, hereinzuspähen! Der Gartenzaun hielt übrigens schon Jeden in gemessener Entfernung! Hatte er das Häuschen nicht gemietet, – und konnte er nicht alle Menschen davon wegjagen, – alle? Er wollte schon sehen! Er würde ihnen Holzscheite nachwerfen, wenn sie stehenblieben, oder – oder Steine! Ein Wutanfall wollte ihn packen beim Gedanken an die dummen Glotzer.

Ein lautes, pochendes Geräusch, das aus der Nähe heraufdrang, schreckte ihn auf. Er fuhr empor. An jenem braunen Häuschen drüben, das kaum 338 hundert Schritte von dem seinigen entfernt, seitdem er hier weilte, stets mit verschlossenen Läden dagestanden, so daß er sein Vorhandensein bisher eigentlich kaum beachtet hatte, waren plötzlich sämtliche Fenster geöffnet. Im Innern wurden Möbel mit Stöcken geklopft.

Moralt starrte entsetzt hinab.

Ein türkischer Teppich hing aus einem Fenster des Erdgeschosses, und zum ersten Mal bemerkte er, daß das unscheinbare kleine Bauwerk eine zum Landhäuschen ausgebaute Bauernhütte war, daß unter dem Dach eine leichte Schnitzerei hinlief und im Vorgärtchen, welches er für verwildert angesehen hatte, eine mit Tannenzweigen bedeckte Anlage von Ziersträuchern sich befand. Ein Mann in grüner Schürze befreite die Kultur von der winterlichen Hülle und untersuchte die Büsche. Moralt unterschied seine Gesichtsbildung – er hatte einen blonden Bart. Jetzt rief er etwas in's Haus – fast waren seine Worte zu verstehen. Entsetzen überlief den Versteckten auf seiner Laube. »So nahe?« – Das ganze Gebäude da drunten schien mit dem Offenstehen seiner Fenster um die Hälfte nähergerückt. In seinem Kopf entzündete der Schreck plötzlich ein paar lichte Gedanken.

Also war dieses Anwesen im Sommer bewohnt? 339 An diese Möglichkeit hatte er nie gedacht! Hatte er sich überhaupt je gesagt, daß er eines Tages nicht mehr der einzige Fremde da droben in dem abgelegenen Bergdorf sein könnte? Es war so einsam gewesen bisher, so weltfern, so abgeschnitten! Wie hätte er auf solche Gedanken kommen sollen? Und nun war es doch so! – Außer Fassung starrte er immerzu jene offenen Fenster an. Da – er sah es ja, – seine Einsamkeit war nicht gesichert; das Unerträglichste drohte ihm: Menschen – Stadtmenschen – Fremde – Neugierige rückten ihm auf den Leib! Da – ganz zunächst unter die Fenster! Wann? In einem Monat? Oder gar in einer Woche? Vielleicht morgen? – –

In seine Augen kam mit der wachsenden Angst wild und unstet der Ausdruck völliger Verwirrtheit. Im nächsten Augenblick war er, wie von einer Viper gebissen, aufgeschnellt und durch die Türe in's Zimmer geglitten. Hastig drehte er von innen den Schlüssel zweimal im Schloß. 340

 

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