Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walther Siegfried >

Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

71

Helle Jauchzer und verworrene Klänge einer übermütigen Musik, laut und lustig emporsteigend in den sonnigsten Märzmorgen, weckten ihn früh am folgenden Tag.

Der Schnee schmolz in großen Flecken von den Halden. Eine weiche Luft wehte von den Bergen. Zwischen dem schützenden Wurzelwerk der Bäume unter dem Häuschen krochen die paar ersten, verfrühten blauen Blümchen hervor, und die drei Enten waren in aller Frühe wieder zum erstenmal unter dem Fenster erschienen.

»Hólderi! hóldero!
Hebt ins Koa auf!«Tut's uns keiner gleich.

sang es unermüdlich im Dorf und drang jubelnd hinaus über's Tal. Trommelschlag, bald grell herauftönend, bald in der Gasse verhallend, wirbelte dazwischen; ein Freudenlärm trotz des Wochentages, als feierten sie Hochzeit oder Kirchweih.

Es war Rekrutentag. In geschlossener Schar 331 zogen die Burschen das Dorf hinab und hinaus in den nächsten Ort, wo die Aushebung stattfand.

Moralt, aus seinem Morgenschlummer jäh geweckt, wußte sich das Getön nicht zu erklären und blieb in stumpfer Gleichgültigkeit liegen bis spät am Morgen.

Sein Schlaf war bleiern gewesen und traumgestört.

Am Nachmittag kamen sie zurück, die Jungmannschaft des Tales gemeinsam mit derjenigen des letzten, noch weiter nach Tirol zu liegenden Grenzdorfes; wohl ihrer zwanzig. Da ging der Jubel von Neuem los, toller und wilder als in der frühen Morgenstunde. Die Einheimischen zu Fuß, die Nachbarn auf einem reichgeschmückten Leiterwagen, der rings mit jungen Tannen besteckt, ein festlich-fröhliches Fuhrwerk bildete, zogen sie wieder dorfauf. Lauter lustiges junges Blut. Lauter Menschenfrühling, gärend und werdend und überschäumend vor Lust. Die Meisten trugen zu diesem großen Tag trotz der Jahreszeit schon die Sommertracht, die kurze Lederhose und die Wadenstrümpfe; Kniee und Knöchel bloß. Noch waren die Beine weiß vom langen Winter, und mancher Sonnentag mußte kommen und sie bräunen, bis sie wieder dunkel und wettergehärtet aussahen, wie es des Gebirgsburschen Stolz ist. Die Joppen hatten sie über 332 die Schulter gehängt, als wäre der heißeste Sommertag, also daß die roten Hosenträger lustig auf dem weißen Festtagshemd schimmerten. Die bunten Halstücher flatterten in der lauen Märzluft. Den grünen Hut auf die Seite gesetzt, die Haare keck vor's Ohr geringelt, schaute Einer wie der Andere unternehmend und voll Schneid in die Welt. Kühn ragten die Spielhahnstöße empor, und schmale Bänder von allen Farben wirbelten durcheinander, von den Schultern, von den Huträndern. In den Händen schwenkten Alle blauweiße Fähnchen, und Bierkrüge, die sie unterwegs erbeutet, flogen wie Spielbälle in die Höhe und wurden wieder aufgefangen. Vor dem Gasthaus der Lammwirtin machten sie Halt. Die Fremden sprangen von ihrem Wagen und drangen Arm in Arm mit den Dorfburschen jauchzend in's Haus.

Dann blieb es auf eine Stunde ruhig im Ort. –

Aber am spätern Nachmittag traten sie wieder heraus und zogen nun weiter. Zwischen den alten Dorfhäusern mit ihrem tiefbraunen Holzwerk, mit den vorspringenden Giebeln und lustig weitragenden Dachtraufen führte die Straße langsam bergaufwärts.

Einen alten Geiger voran, Guitarre und Harmonika zu seinen Seiten, tanzte die jauchzende Schar einher, schmuck und keck und malerisch, voll Leben und Kraft und Tollheit; ein Stolz der Alten und eine 333 Wonne der Jungen, die vor allen Häusern sich sammelten, aus allen Gärtchen hervorrannten, aus den niedern Fenstern zwischen den Blumenstöcken ihre Köpfe herausstreckten.

Die Dorfburschen gaben den Nachbarn das Ehrengeleit; der tannenreisgeschmückte Wagen fuhr langsam hinterher. Hoch flogen die Hüte in die Luft. Am Dorfende tat sich vor ihnen die ganze, gewaltige Hochlandswelt auf. In die lange Kette der verschneiten, wilden Schroffen und Wände gleißte durch zerrissenes, dunstiges Gewölk die weißliche Sonne und spielte blendende Lichtmassen und bläuliche Schattenflecke drüberhin. Am Straßenrand lachte auf zwei Grasflecklein ein erstes, zaghaftes Grün, und der Buchfink schmetterte aus den laublosen Büschen lenzverheißend sein Lied. Herrlich und wild, und traulich und froh, so mischten sich Bergwelt und Dorf zur wonnigen Szene. Und dadrin wirbelte und tobte weiter das Schauspiel der urwüchsigsten Lebenslust.

Der Zug war an's Dorfende gelangt. Bis hieher galt das Geleit. Da spielten die drei Musikanten von Neuem zum Tanz, und die Berge zu Häupten, den Frühling im Leib, umschlangen sich noch einmal Kameraden und Kameraden. Die blauweißen Fähnlein flatterten auf dem blauweißen Grund der Gebirge, flatterten hinauf zum blauweißen Himmel des 334 Märztags, und all die grünen Federhüte und die graugrünen Joppen und die grünweißen Strümpfe gingen auf in einem lustig verwandten, wirbelnden Farbengemeng, aus dem sich die schwarzen Kniehosen und die roten Brustbänder heraushoben als fröhliche, kräftige Flecken.

Am Straßenrand, höher droben am Berg, stand auf einer Felsplatte Moralt und sah herab auf die Schar. Er war eine Stunde in der Sonne gegangen, in der Luft. Es war mit ihm heute nicht gut. Er hatte, während er dem Hang entlang schlenderte, das erneute Jauchzen gehört und das Musikgetön, und war herabgestiegen zur Straße, zu sehen, was es bedeute.

Regungslos blieb er nun stehen und schaute hinunter in den wogenden, farbigen, tönenden Reigen. Ein leises Aufdämmern von Interesse, von Anteilnahme, brachte auf einige Augenblicke eine gewisse Anspannung in seinen Kopf. Nach einer Weile begann er sogar zu lächeln.

Dann ward er auf einmal traurig, sehr traurig, als empfinde er dunkel den Gegensatz. Aber er blieb unbeweglich stehen. Er blieb auch noch stehen, als die drunten sich umarmten, sich die Hände schüttelten, als sie Abschied nahmen mit Luftsprüngen und Jauchzern und neuem Gesang. Er stand noch ebenso da, 335 als die fremden Buben unten auf der Straße an ihm vorüberzogen, zu zweien, zu vieren und einer nach dem andern – die ihn nicht kannten – ihn grüßten, ihm zuriefen in angetrunkener Lustigkeit. Zuletzt kam der Wagen; der fuhr leer bergan, und der Fuhrmann auch schwenkte seinen bebänderten Hut gegen ihn. Da griff auch er mechanisch an seinen Hut und nickte und nickte.

Er war ganz verwundert, daß ihn noch Menschen grüßten. 336

 

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.