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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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68

Es zeigten sich in den folgenden Wochen immer neue absonderliche Erscheinungen in seinem Zustand, vor allem eine bedeutende Verminderung der Empfindlichkeit gegen äußere Eindrücke, die zwar nicht andauernd war, sondern sprunghaft, und ohne erkennbaren Grund mit Tagen voller Empfindungsfähigkeit wechselte; die aber zuzeiten so seltsame Stumpfheiten herbeiführte, daß sich Moralt in einzelnen Momenten selber über gewisse Tatsachen wunderte.

Wenn er zum Beispiel mit den Fingern an den Scheiben trommelte, vermißte er die Empfindung des Rhythmus in seinem Kopfe; es fehlte ihm die Überleitung des Taktes, den er mit der Hand mechanisch angab, in's Bewußtsein, und auch die Kälte der Scheibe vermochte er dabei nicht wahrzunehmen, obwohl die Fingerspitzen sie gewiß annahmen. Oder wenn er Handlungen vollführte, deren Wirkung ihm angenehm sein mußten, wie das Greifen der Tasten beim Klavierspiel, von dem er eine Freude für das Ohr erhoffte, so blieb jetzt oft der erwartete Genuß 304 aus, und die Handlung kam ihm vor, wie von einem Andern getan.

Er konnte daher schließlich lange Zeit mit einem einzigen Finger die kindischeste Weise spielen, oder gar nur den gleichen einen Ton hundertmal hintereinander in einer Taktfolge ohne jeden Sinn anschlagen, ohne etwas daran zu vermissen; er hatte ebensoviel davon, wie vom Spielen einer Komposition, oder wie von seinem früheren Phantasieren. Lächelnd beugte er dann sein Ohr zu dem unermüdlich klingelnden Ton herab, und als hörte er die herrlichste Musik, blieb er in das beständige Anschlagen dieser einen Taste versunken.

Auch in seinen Charakter, – wenn bei seinem Zustand, der ihn nicht mehr kontinuierlich Herr seiner Handlungen sein ließ, von einem solchen überhaupt noch die Rede sein konnte – schlichen sich bald Eigenschaften, die dem Gesunden vollkommen ferngelegen hatten, ja, teils geradezu verhaßt gewesen waren. So entwickelte er, der offene, gerade Tino Moralt von einst, jetzt eine raffinierte Listigkeit und Pfiffigkeit, allerlei verborgenerweise zu tun, was er öffentlich zu tun Scheu fühlte; – eine Scheu, welche ein Herüberspielen der alten Geradheit in den jetzigen Zustand und in seine jetzigen, oft unverständlichen Gelüste war. Denn während er solche Gelüste zu 305 befriedigen trachtete, hatte er zuweilen selber deutlich das Gefühl, daß sie unvernünftig seien und nicht die Einfälle eines gesunden Menschen.

Nie aber war er reicher an vernünftigen Gedanken, als wenn es galt, einen der getreulich eintreffenden Briefe der Freunde zu beantworten, sie über seinen Zustand zu täuschen und jede Möglichkeit eines Besuches abzuschneiden. So hatte Rolmers, dessen Aufenthalt in Paris sich nun bis Ostern ausdehnte, Holleitner ernstlich gebeten, den einsamen Freund im Laufe des Februar zu besuchen, ob eingeladen oder nicht eingeladen, damit er sich persönlich überzeuge, wie es eigentlich mit Tinos Gesundheit und mit seiner Stimmung stehe, und Holleitner hatte sich angemeldet. Aber Moralt schrieb ihm des Bestimmtesten ab, fand eine so merkwürdige Fähigkeit zum Schreiben, daß sein Brief bei den Andern höchstens eine gelinde Verstimmung durch das hartnäckige Verbitten aller Besuche, aber keineswegs einen ernstlichen Verdacht zu erwecken geartet war. Die Angaben, die er kurz über sich machte, die Gründe, die er anführte, um nicht gestört zu werden, um bis zum Frühjahr, bis zur freiwilligen Rückkehr, auch wirklich seine Abgeschlossenheit respektiert zu sehen, waren reine Wunder von Logik und Berechnung aus einem Gehirn, welches, kaum war so ein 306 Brief geschlossen, wieder die sinnlosesten Dinge ausheckte.

An einzelnen Tagen, wenn er sich plötzlich bewußt wurde, daß er Unvernünftiges tat, daß das, was er wollte, unsinnig, das was er sich einbildete, was er zu hören glaubte, eine Täuschung sei, kamen Minuten einer Zerknirschung und Scham, in denen das ganze feine Fühlen von ehedem erwachte und die furchtbarste Demütigung erlitt. Und dann rief ihm eine Stimme – nicht eine fremde, sondern eine Stimme im eigenen Innern, zu: siehst du, siehst du, du bist eben doch verrückt geworden, und es geht abwärts mit dir! Erkennst du es nicht: dein Tun ist ohne Sinn, dein Denken ist ohne Vernunft, – was du noch schreiben würdest, müßte Narrheit sein!

Wie zum Trotz riß er mehrmals in solchen Momenten einen Bogen leeres Papier aus seinen Manuskriptstößen hervor, die noch immer herumlagen, als stünde er mitten in der Arbeit, und begann zu schreiben, was immer ihm einfiel. So wollte er wenigstens sehen, wie er war, wieweit es denn mit dieser Verrücktheit sei! Eine Seite voll seines Gedankenganges mußte ihm ja ein Spiegelbild seines geistigen Zustandes geben!

Aber weil er sich zusammennahm, war die erste 307 halbe Seite ganz vernünftig. »Nein!« schrie er dann – »das ist Betrug, das ist erzwungen!«

Und eines Tages, da er von einem Ausgang in sein Zimmer zurückkehrend, wieder deutlich erkannte, daß die Folge seiner Gedanken soeben eine gänzlich wirre sei, stürzte er an seinen Schreibtisch und schrieb und schrieb, ohne angestrengt zu denken, nur fort und fort, was jetzt in seinem Kopfe vorging. Er hielt dabei in seiner Linken einen Strauß prachtvoller, gefüllter Mohnblumen, die ihm eine Bäuerin aufgenötigt hatte, an deren Haus er fast täglich vorbeiging, und die diese Frau künstlich in einer Kiste im Zimmer gezogen hatte, um davon auf den Tag der heiligen Walburga blühende in die Kapelle zu tragen.

Auf dem ganzen Heimweg hatte er beständig die feuerroten Blüten betrachtet, und dabei waren ihm, wie in einer Beeinflussung durch das aufregende Rot, tausend unzusammenhängende, teils tolle Dinge eingefallen, welche doch wieder eine gewisse Verbindung unter sich hatten, weil sie durch Vorfälle in seinem Leben für ihn Erinnerungen bedeuteten, – allerdings ganz sprunghaft kreuz und quer hervorgeholt.

In der Reihenfolge, wie er sie aber jetzt, um ganz ehrlich ein Abbild seines Gedankenganges zu versuchen, mit dazwischenlaufenden Einfällen des Augenblicks verquickt, niederschrieb, eines Augenblicks, 308 welcher sich während des Schreibens wieder vollständig verdunkelte, gaben sie ein total verrücktes Schriftstück ab. Das Blatt war als Brief an Rolmers gerichtet und lautete:

»Lieber Rolmers!

Sie gab ihm Blumen, Mohnblumen, die Blume der Melancholischen, der Träumer und der Verrückten. Er ging davon mit dem Geschenk, Dankbarkeit im Herzen, denn sie meinte es gut in ihrer Einfalt. Und die heilige Walburga, wenn sie ihr die roten Blumen spende, werde auch ferner die gnädige Schutzpatronin ihres Hauses bleiben, sagte sie. Ich glaube nicht an die Heiligen, das weißt du! Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, der geschaffen hat Himmel und Erde; und ob wir Menschen gleich nicht zu erdenken vermögen, wie Gott sein mag, so verehre ich allezeit demütig das Unerforschliche, was ich Gott heiße. Denn etwas über uns ist größer als wir, das fühle ich, – und wird einst richten und begleichen. So sei mein Leben allezeit so, daß es vor diesem Unerforschlichen, den ich als das denkbar edelste, gerechteste und vernünftigste Wesen annehme, bestehen mag; wenn auch nicht durch seinen Wert, so doch durch die Ehrlichkeit, mit der ich, solange es dauerte, gekämpft habe. Die Seele aber wird 309 unsterblich sein, sonst wäre es einerlei, hießen wir Hund oder Mensch. Amen.

Vor der Kapelle, als ich vorbeiging, kniete just eine Bäuerin, – und ihr Rock – oh! – der Rock war blau wie reiner Kobalt, und ihr Gebetbuch funkelte mit seinem Goldschnitt in der Februarsonne, und der Einband war braun, wie – – – wie – – bei der ersten Ausgabe von Heinrich Leutholds Gedichten! Der arme Landsmann Leuthold! Der wußte am besten, wie es unsereinem zumut ist:

›Leise, windverwehte Blätter,
Mögt ihr fallen in den Sand!
Blätter seid ihr eines Baumes,
Welcher nie in Blüte stand.

Welke, windverwehte Blätter,
Boten naher Winterruh',
Fallet sacht! . . . ihr deckt die Gräber
Mancher toten Hoffnung zu.‹ –

So dumm ist die Welt, daß die Leute meinen, ich sei auch verrückt, weil ich einmal am Berg auf den Felsboden gekniet bin, um eine Grille zirpen zu hören. Der Simpel, der Jäger! Das war wegen der Musik, der träumerischen! Schumann! 310 Schumann! und immer nur Schumann! Die Andern können alle nichts! Niemand kann etwas. Sie empfinden es vielleicht, aber sie können es nicht hergeben. Auch die Maler nicht; ah! wenn ich Maler wäre! Ihr Porträt mit dem resedafarbenen Kleid! Aber so ein trauriger Hund wie Podjenyi – mir ist ein Schneider lieber, der nützt doch der Welt etwas, wenn er Chik hat.

Chik, chik, alles ist chik! Ich bin auch chik gewesen. Paris ist sehr chik, nur das Leben ist nicht chik; denn die Leute sind böse und lachen, wenn ich vorbeigehe und – nein ich sage nichts! sonst ist Irene vielleicht traurig und denkt, sie ist an Allem schuld.

So, so, so, Irene? – Irene – richtig! ja, jetzt weiß ich ja auf einmal, wie die hieß, welche Klavier spielte! Alle Pinsel waren schon zerbrochen – – und – – ich habe nie wieder einen so schönen Magnolienstock gesehen, als der war, welcher eben auf dem Atelierfenster blühte. Nur als ›sie‹ tot war, – aber es ist schon lang her, und es war nicht Irene, die ich meine, und sie war ja erst siebzehneinhalb Jahre alt, – da waren so schöne, weiße Blüten dabei; aber ›sie‹ war schöner als alle Blüten. Und nur die Mohnblumen sind auch noch schön, denn sie sind – – nein! ich habe ja schon gesagt, was für Blumen 311 es sind; und wenn Einer einmal gestorben ist, kann es ihm gleich sein, ob es gefüllte sind oder ungefüllte auf seinem Grab. Trulla dirullalla du altes Kamel! Du Eisbär, komm! ich möchte dich auf deinen breiten Buckel hauen.

Tino Moralt.

P. S. Das eingestrichene C ist ganz klirrig auf meinem Flügel; der Klavierstimmer ist ein dummer Teufel, ich wohne doch nicht so weit vom Laden, er hätte es längst reparieren können; schick' ihn her; aber ich sage nicht, was ich ihm in sein Essen streue.«

– Als er dies Blatt getrocknet und überlesen hatte, war er vollkommen zufrieden. Ein stupides Behagen lag auf seinem bleichen Gesicht. Er wollte das Papier zusammenfalten, aber da ihm beim Weglegen seiner Blumen eine zu Boden fiel, bückte er sich danach und trug sie mit den andern auf die kleine Kommode, wo er sie, statt sie in den Krug zu stecken, drin einst die Apfelbaumzweige geblüht, sorglich in seine daliegende Pelzmütze legte, um sie am folgenden Tage mit Bedauern darin verwelkt zu finden.

Darüber hatte er sein Geschreibsel vollständig vergessen. Es wurde nicht abgeschickt; er erinnerte sich auch in den nächsten Tagen nicht mehr daran. 312

Eine Woche später fand er es zwischen zwei Büchern wieder. Er las es. – – Als ob er die wahnsinnige Ausgeburt eines fremden Gehirns gelesen hätte, starrte er es, als er zu Ende war, immerfort an – entsetzt, den Kopf schüttelnd in seinem Schrecken, als wollte er vor sich selber leugnen, daß er es sei, der das geschrieben. 313

 

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