Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walther Siegfried >

Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

5

Vor der neuen Pinakothek stand Rolmers auf der breiten Steintreppe und schaute in den schönen Wintermorgen hinaus. Zuweilen spähte er zwischen dem kahlen, durchsichtigen Astwerk der Bäume, welche den Platz umschlossen, hinaus nach der Straße, durch welche der Freund kommen würde.

Der Ton einer fernen Kirchenglocke ging durch die Luft und sonntäglich gekleidete Kinder sprangen in frohem Lärm mit Hunden um die Wette durch die Wege der Anlagen. In den Fensterscheiben der Häuser an der Heßstraße glitzerten rötlich die ersten Strahlen der durchdringenden Sonne, während die Front der Barerstraße noch bläuliche Schatten in den langsam zergehenden, rosiggrauen Frühnebel warf.

Zehn Uhr war vorüber, als Moralts Gestalt jenseits, hinter dem langen Gitterzaun der alten Pinakothek sichtbar wurde. Elastisch schritt er daher; dennoch war in seinem Gang immer etwas Nachdenkliches, etwas grübelnd Schlenderndes. Er sah jugendlich aus, jünger als er war, trotzdem zu seiner schlanken Figur Schultern und Brust sehr kräftig gebaut erschienen. Die Art, wie der weiche schwarze 113 Hut auf den Kopf gesetzt war, jetzt auch gegen das Blenden der hervorgetretenen Sonne noch etwas ins Gesicht gedrückt, so daß das dunkle Haar tiefer in die Stirn geschoben wurde, war das Einzige, was an der äußeren Erscheinung ein wenig den Künstler erraten ließ.

Rolmers ging ihm zur Begrüßung entgegen. »Wie wär's, wenn wir Pinakothek und Studium heute beiseite ließen und den schönen Morgen draußen ausnützten? Ich bestellte dich zwar her, um mit dir zusammen Einiges wieder durchzusehen, aber das können wir jeden andern Sonntag nachholen!«

»Ich bin sogar froh, nichts von Bildern anzusehen,« versicherte Moralt und nahm des Freundes Arm. Gemächlich wanderten sie davon, durch die winterlichen Anlagen.

Rolmers war guter Laune und gesprächig; wie denn überhaupt seit Beginn dieses Semesters seine frühere Schweigsamkeit und sein etwas herbes äußeres Wesen eine Wandlung zu einer heitereren Art durchmachten. Er hatte die Ausführung des figürlichen Teils an einer Reihe von dekorativen Gemälden übertragen erhalten, welche Resemann, ein ehemaliger Kollege aus der Rahde-Schule, entworfen und für das Schloß eines reichen Industriellen, der auf seinen Millionen ausruhte, in kurzer Frist fertigzustellen 114 hatte, und er sah mit den Einnahmen dieser Zeit die Möglichkeit voraus, sich im Frühling an sein erstes eigenes Bild zu machen. Das gab ihm neue Frische und Freudigkeit für sein Schaffen in den jetzigen, noch sehr eingeschränkten Verhältnissen.

Er erzählte dem Freund die Erlebnisse seiner Woche.

Der Sonntag stimmte die Beiden beschaulich, der frische Morgen regte sie an. Ihr Gespräch führte sie bald zu allerlei gegenseitigen Ermutigungen.

»Ach was! unsereiner sollte sich eigentlich nie beklagen über die Schattenseiten unseres Standes,« sagte schließlich der Norweger – »denn der Künstler bleibt unter jeden Umständen der Bevorzugte vor allen Menschen; das sehe ich in den wechselnden Eindrücken der Zeiten immer auf's Neue.«

Moralt nickte ein wenig.

»Sieh, wenn unsereiner äußerlich so arm sein mag wie eine Kirchenmaus,« – hielt Rolmers ihm vor – »innerlich ist man reicher, als der beneidetste Krösus. Wir können genießen, wir können schwelgen, ohne einen roten Heller zu besitzen, bloß weil wir Künstler sind und als solche empfinden! Wir können einen allumfassenden Genuß am Leben haben, weil wir von Natur diese vornehmste Gabe mitbekamen: es in allen seinen mannigfaltigen Äußerungen und Erscheinungen 115 zu verstehen, auch ohne daß wir uns diese direkt nutzbar oder zu eigen zu machen brauchen. Die Andern aber mit ihrem Geld – was können die anfangen? Sich höchstens, je reicher sie sind, um so mehr einzelne Teile davon verschaffen. Zum Ganzen gelangen sie nie!«

»Gewiß, gewiß!« bestätigte Moralt, der nachdenklich geworden war und im Gehen mit seinem Stock mechanisch vor sich hinstieß, – »es ist wahr, tragen wir auch ein schweres Bündel, tauschen würden wir sicherlich doch nicht wollen – mit Niemand. Wie arm, wie arm kommen mir je länger je mehr alle Menschen vor, auch die Reichsten, denen nichts in ihrem Innern mitgegeben ist, was sie die Kunst verstehen und lieben läßt! Ich spreche natürlich nicht von den kunstfremden Tüchtigen, deren Tätigkeit von irgendeinem achtenswerten und beglückenden Streben und nicht bloß vom Erwerbssinn geleitet wird, noch gar von denen, welche in großem Wirken für das Wohl Anderer stehen, was ja schon die höchste Befriedigung in sich schließen muß, sondern von der großen Zahl derer, die so im Allgemeinen die Leute, und die reichen Leute bedeuten. Du liebe Zeit! Ich habe lange genug unter diesen gelebt! Sie arbeiten und nähren und putzen sich und sammeln Geld an, um sich noch feiner nähren und noch schöner putzen zu können, und 116 schließlich empfinden sie es als eine Befriedigung, darin Andere zu überbieten. Wenn es hochkommt, pflegen sie wenigstens das Körnlein gute Gesinnung, das in ihnen wohnt, und lassen es zur Wohltäterschaft auswachsen, stürzen sich auch mit einem Portiönchen mehr oder minder aufrichtigen Gemeinsinns geschäftig in allerlei Ämtlein, und wenn sie gar noch in sichtlicher Weise das Nötige für ihr Seelenheil tun, dann bedeuten sie unter ihresgleichen vollends Idealgestalten. Und doch fehlt diesen armen Strünken von Menschenexistenzen die ganze, unendliche Welt der reinsten und interesselosesten Freuden, in der wir aufgehen, ohne an jene Dinge, welche ihr Leben mit so kläglicher Wichtigkeit ausfüllen, überhaupt weiter zu denken, als die bittere Notwendigkeit uns zwingt.«

In ihr Gespräch vertieft, waren sie in die Arcisstraße geraten und verfolgten diese nach Norden, dem Stadtende zu, ohne bestimmten Plan. Es störte sie Niemand. Nur wenige Menschen gingen auf dem Trottoir vor ihnen: ein paar Frauen in Trauerkleidern, deren schwarze Kreppschleier in der wehenden, kühlen Morgenluft flatterten, ein paar Kinder, munter plaudernd, als gingen sie nach einem Vergnügungsort, während sie gelbe und violette Immortellenkränze am Arm, oder ein paar frische, weiße Blumen in den Händen trugen, die sie auf die Gräber ihrer 117 Angehörigen brachten, welche da draußen lagen, im hartgefrorenen Boden des nördlichen Friedhofs.

Ein paar junge Maler gingen einmal vorüber und grüßten die Freunde. Dann lag wieder die weite, stille Straße mit den vielen halbfertigen Häusern und den kahlen, erst bezogenen Neubauten vor ihnen.

Moralt schritt eine Weile schweigend neben Rolmers her, dann spann er seine Gedanken weiter aus.

»Übrigens, der allererste Grund, der mich, noch weit mehr als alles vorhin Erwähnte, bestimmen würde, das Künstlerlos zu wählen, falls es überhaupt ein Wählen gäbe, ist die Freiheit: seine Individualität auszuleben, – die vollkommene menschliche Freiheit des Künstlers. Wer, ich frage dich, ist so ganz Mensch wie wir? Wer darf es so sein, muß es sogar so sein, damit seines Lebens Werk vollen Wert bekomme, und wer ohne künstlerische Veranlagung ist überhaupt imstande, es dermaßen zu sein? Ich habe geschmeckt, wie ein anderes Leben sich lebt; ich kann den ganzen, unermeßlichen Wert, den unsere Existenz in sich schließt, also am besten ermessen!«

Da machte der Norweger eine Bewegung der frohen Begeisterung.

»Ja, weiß der Himmel! lieber Erdäpfel fressen sein Leben lang, als je in ein Joch! Das schwöre auch ich, mein Alter!« 118

Sie waren immer dem nördlichen Friedhof entlang geschritten, ohne es zu bemerken. Hinter seinen roten Backsteinmauern standen sie auf einmal im leeren Feld.

Weite, unbebaute Territorien dehnen sich dort aus; die Stadt hört nach jener Richtung plötzlich, unvermittelt durch allmählich verlaufende Außenquartiere, in der freien Ebene auf. Der Wanderer steht am Ende bedeutsamer, dicht bevölkerter Straßen auf einmal in der kahlen Landschaft.

Erst in ziemlicher Entfernung tauchen wieder vereinzelte Ansiedlungen von Gemüsegärtnern, mit niedern Hecken und jungen Baumpflanzungen, aus der Fläche im Norden auf. Für einen Maler hat dieser Anblick großen Reiz, und Rolmers und Moralt gingen ein Stück über die weglose Öde weiter.

Der Boden war spärlich mit Schnee bedeckt; da und dort schaute noch der Rasen hervor. Die Sonne verschwand immer zeitweise wieder in dem winterlichen Morgendunst, und über Allem lag jener unbeschreiblich feine graue Ton, welcher die Lüfte der beiden Städte Paris und München so interessant macht. Durch diesen Duft abgetönt, bauten sich koloristisch entzückend die bunten Mauern und Dächer und Holzzäune jener Hütten und Häuschen auf, welche in der Weite im Feld standen. Rückwärts ragten die 119 Häuserkolosse der neugebauten Quartiere als verschwommene Massen hinein in das Grau, und auf einem nahen Baugerüste zeichneten sich Gestalten von Männern lustig als bewegliche Silhouetten, schwarz von der Luft abstehend.

Eine große Stille lag über dem Felde; nur aus der Stadt tönte das tausendfache Geräusch des Lebens in unbestimmten Lauten herüber. Den Schutthügeln entlang, welche hier und dort unter dem Schnee angehäuft lagen, lief Nahrung suchend eine einzelne Haubenlerche mit ihren flinken Bewegungen, und ihr munteres, frisches Gezwitscher drang anmutig durch die Morgenluft. In der Richtung, in welcher fern, kaum in den Umrissen zu erkennen, der gewaltige, rötliche Bau der Kaserne Neu-Wittelsbach auftauchte, zogen jetzt kleine Abteilungen von Soldaten hin und her, bewegliche Massen, beinahe farblos, in welche nur die hochroten Aufschläge der Uniformen einen schwachen Ton hineinbrachten. Ihre Helmspitzen blitzten auf Sekunden wie elektrisches Licht herüber. Und die Klänge der Musiktruppe, die nun zu blasen begann, gingen lustig in die morgendliche Weite hinaus und kamen als verspätetes Echo von den Mauern des Friedhofs wieder, mutwillig den Rhythmus störend.

Eine prickelnde Anregung lag für die beiden Künstler in all diesen Wahrnehmungen. Schweigend gingen 120 sie jetzt dahin, ihre ganze Aufmerksamkeit dem Äußeren schenkend.

Als sie sich gegen Mittagszeit in den Ratskeller zu Tisch begaben, hatten sie beide das Bewußtsein, einen guten, erfrischenden Morgen verlebt zu haben. Auch Äbi und Holleitner sollten dorthin kommen; und meist fand man noch andere Kollegen da.

Diese Sonntagsfrühstücke waren die Treffgelegenheit für einen ganzen Kreis von jungen Malern geworden, die in der Woche nicht leicht zusammenzugelangen vermochten. Sie waren die Ersten. In einer der traulichen kleinen Abteilungen beim kunstreichen, grünen Kachelofen der hintersten Wand fanden sie einen Tisch noch frei.

Der Ratskeller war von der jungen Schar für diese Zusammenkünfte gewählt, weil er in seiner Besonderheit, in der eigenartigen Gemütlichkeit eines künstlich erleuchteten, in ruhiger Wirkung ausgeschmückten, mittelalterlichen Trinkgewölbes ihrem künstlerischen Sinn Ausruhen und Behagen gewährte, weil er die Stimmung begünstigte, welche sie nach der Arbeit der Woche in den paar Stunden haben wollten, die sie bei besserem Mahl und gutem Trunk der Erholung in froher Gesellschaft widmeten.

Im Winkel zur andern Seite des Ofens saß eine 121 Anzahl frischer junger Leute in lauter Fröhlichkeit beisammen. So laut, daß Moralt und Rolmers unwillkürlich Zuhörer ihrer Gespräche sein mußten.

Der Eine erzählte eben mit großer Naivität von einem Maler, mit dem er sich gerempelt habe; wie der aber den Kürzeren gezogen und kläglich abgegangen sei, – was die beiden Freunde lächeln machte. Und nun schwirrten von allen Seiten Geschichten ohne Ende über Kontrahagen, Mensuren und Zugehör, bis plötzlich Äbis Erscheinen eine Unterbrechung brachte, indem Einige aus der Schar sich mit lauten, herzlichen Zurufen ihm entgegenwandten. Er begrüßte sie freundlich, doch sichtlich in etwelcher Verlegenheit; denn es war eine Vereinigung von Landsleuten, die er zwar kannte, aber unauffällig zu meiden suchte. Meist Studenten in den ersten Semestern, hielten sie da nach heimatlicher Sitte öfter ihren Sonntagsfrühschoppen ab, und mehrmals hatten sie ihn zur Teilnahme aufgefordert. Da er aber trotz aller Mühe, die er sich gab, mit ihnen keine ersprießlichen Berührungspunkte finden konnte, so blieb er ihnen seit geraumer Zeit fern.

Eben kam auch Holleitner nach und entdeckte die Freunde in ihrem Winkel. Mit einem Seitenblick auf die Studenten bemerkte er jedoch sogleich, daß er sich lieber nicht hierhersetzen möchte; denn Äbi könne die Politik nicht vertragen, und die jungen Leute da 122 drüben hätten die Gewohnheit, so eifrig und so grün zu politisieren, daß Äbi immer in Wut gerate, wenn er gezwungen sei, ihrer Regierungsweisheit zuzuhören.

Die Andern erhoben sich, belustigt über diese seltsame landsmännische Freundschaft, als über der Holzwand hinter Rolmers ein blonder, rosiger Kopf auftauchte und aus der nächsten Abteilung herüberspähend, Holleitner guten Morgen wünschte.

»Ah! Duplessy, Sie sind auch schon da? – Sie erscheinen ja wie der Teufel aus der Schachtel!«

»Nur einstweilen ohne Hörner!« gab der in der Höhe zurück und begrüßte nun auch Moralt und Rolmers, – »ich glaubte doch eben Ihre Stimmen zu erkennen. Haben Sie da drüben noch Platz für Zwei?«

»Oder haben Sie vielleicht bei sich noch Platz für Vier?« fragte Holleitner.

»Gewiß! nur Zakácsy und ich sitzen da.«

Äbi, der noch bei den Studenten stand, sah mit Befriedigung den Ofentisch sich leeren und folgte bald den Andern nach. Sie hatten ihm den Ehrenplatz aufbehalten, oben zwischen Moralt und Duplessy. Er war gar sauber und sonntäglich gekleidet, was bei seinem robusten Aussehen immer etwas ein wenig bäuerlich Festtägliches hatte, und – was ihm oft den freundlichen Spott der Kollegen eintrug: am Sonntag knarrten seine Stiefel immer, als wären sie nagelneu. 123 Es waren eben für ihn die Sonntagsstiefel, und die hatten sechs Tage lang Muße, sich auszutrocknen zu neuem Knarren.

Mit einem nachahmenden »quick! quack!« begrüßte ihn denn auch Holleitner, wofür er eine gelinde Schelle in Empfang nahm. Den Übrigen, die bereits in reger Unterhaltung gewesen, schüttelte der Schweizer herzlich die Hand.

»Was haben dir unsere Landsleute getan, daß du dich lieber in einiger Entfernung von ihnen hältst?« nahm ihn Moralt lächelnd ins Verhör.

»Nichts! aber ich verstehe nicht mit ihnen zu verkehren. Was sie beschäftigt, ist ohne Interesse für mich, und was ich treibe, scheint ihnen unverständlich; da kommt man bald zu Ende. Und dann bringt mich ihr verwünschtes Politisieren aus Rand und Band!« Moralt mußte lachen. Aber Äbi erklärte sich weiter, und er mußte ihm recht geben.

»Gespräche über Politik« – sagte er, »können uns doch auf die Dauer nur interessieren, wenn sie von Männern geführt werden, denen wir tiefere Kenntnis der Geschichte, weiten Blick und eigene Erfahrung zutrauen, nicht aber von Bürschchen, die überhaupt erst in die Welt hinauskommen! Und nun teilen diese jungen Leute da ihre Unterhaltung in Politik, Kartenspiel und Studentenhändel mit einer Beharrlichkeit, 124 als gäbe es in einer Stadt wie München gar nichts Anderes zu treiben! Ich weiß eigentlich nicht, wozu die ins Ausland gehen? Um krampfhaft unter sich zu bleiben und sich wohl zu hüten, irgend etwas von dem in sich aufzunehmen und anzunehmen, weswegen unsereiner hier ist? Das könnten sie doch daheim bequemer haben!

Es steckt Tüchtigkeit und Eigenart in Vielen von ihnen, aber es ist, als fürchteten sie davon zu verlieren, wenn sie aus ihrem engen Rahmen ein wenig herausträten. Denen aber, die zugestehen, daß der mitgebrachte Rahmen eng sei, wird ihre Emanzipation leicht mißdeutet. Daß ich, in meiner so ganz andern Sphäre, in einem Kreis, der fast aus lauter Ausländern besteht, vielen meiner Landsleute einen schlechten Patrioten bedeute, dessen bin ich gewiß. Aber das Bewußtsein tröstet mich, daß ich nicht minder als Jene bestrebt bin, unserem Vaterland einst Ehre zu machen!«

Holleitner unterbrach sie: »Gehst du am Dienstag mit ins Odeonskonzert, Moralt? – die symphonie phantastique von Berlioz! Zakácsy besorgt uns die Plätze.«

Moralt sagte zu.

Duplessy, der Rolmers zu seiner Rechten hatte, war in lebhaftem Gespräch mit diesem, und Äbi hörte 125 ihnen zu, die Augen unverwandt auf Duplessy geheftet. Der biedere Bursche, dessen Seele von jeder Regung des Neides frei war, schwärmte in einer Art bescheiden abwartender Freundschaft für diesen Maler und Menschen und war immer in gehobener Stimmung, sobald er sich nur in seiner Gesellschaft befand. Es war ihm dann jeweilen, als fühle er in sich selber einen Hauch von der Lebensfrische und Sorglosigkeit, welche von dieser Persönlichkeit ausging, die unter den Kollegen eine ganz besondere Erscheinung bildete. Glänzend begabt, aber jedes kritischen Sinnes für sein eigenes Schaffen entbehrend, fragte und prüfte und wußte Duplessy gar nicht, wie gut oder wie mittelmäßig er eben schuf. Mit einer immer gleich sprießenden Phantasie und Arbeitskraft und mit frag- und zweifellosem Selbstvertrauen produzierte er; und zwar schien es, als ob er seine Bilder nur so zwischen zwei Spaziergängen malte. In den Studienjahren von materiellen Schwierigkeiten geplagt, die jedoch sein leichtes, frohes Wesen nicht stark zu beeinträchtigen vermocht hatten, verkaufte er jetzt zu den günstigsten Bedingungen Alles, was er malte, Gutes und Minderwertiges. Es gab Arbeiten von ihm, welche wirkliche Kabinettstücke waren, und die er um tausend Mark verkaufte. Daraufhin holte ihm ein verständnisloser Kunstprotz ein unbedeutendes 126 Werk mit Wonne um den doppelten Preis von der Staffelei weg. Er selber aber wußte so wenig vom ersten, daß es zu niedrig, wie vom zweiten, daß es viermal zu hoch honoriert war.

Reiterbildchen, kleine Dorfschilderungen, lebendige, bewegte Kinderszenen im Freien, von großem Reiz der Darstellung und selbständiger Malweise waren sein Gebiet. Ein schöner, großer Bengel von siebenundzwanzig Jahren, sorglos jetzt, und skrupelfrei im Leben wie in seinem Schaffen, hatte er immer Liebschaften, aber keine brach ihm das Herz, obschon beständiger Wechsel herrschte. Ein Begünstigter aller Himmel erschien er Äbi, der sich in jeder Hinsicht als das Gegenteil fühlte. Zumal mußte ihm, der mit Anstrengung und eisernem Fleiß schaffte, das gleichsam spielende Arbeiten des Andern imponieren. Auch die immergleiche Liebenswürdigkeit an Duplessy, die Sicherheit des Auftretens, mit einer leisen Dosis ganz natürlichen Selbstbewußtseins, entzückte ihn. Dieses Minimum Eitelkeit war so wenig verletzend für Andere! Es war bloß ein Stück glücklicher Vitalempfindung, erwachsend aus der künstlerischen und körperlichen Kraft und aus der herzenerschließenden jugendlichen Schmuckheit dieses Burschen.

Ein ebenso erfreulicher Gesellschafter war den Freunden der kleine, schmächtige Ungar Alexander 127 Zakácsy. Ein dunkles Christusköpflein; als solches nur mit etwas zu feurigen Augen und einem zu lebhaften Temperament. Interessant als Künstler und vornehm in seiner Natur, vertrat er, im Gegensatz zu der Sippschaft eines Podjenyi und Genossen, sein Land in höchst vorteilhafter Weise. Ganz Magyar, lebte er halb der Musik, halb der Malerei, in welcher er aber, bei reicher Begabung, noch immer in einer fast komischen Unselbständigkeit stecken geblieben war. Und doch zählte er nicht mehr zu den Jüngsten. Er war Porträtist und versprach einst Hervorragendes zu leisten. Aber er hatte, schon bevor er nach München gekommen war und dann auch da noch, so viel alte Meister kopiert, daß seine eigenen Porträts und Porträtstudien – und er hatte deren neulich vierzehn vortreffliche ausgestellt – eine ganze Musterkarte der verschiedenen Beeinflussungen bildeten, in denen er herumlavierte.

Von Tizian, der ihm den ersten Porträtisten aller Zeiten bedeutete, und von Tintoretto verfiel er bei einzelnen Köpfen plötzlich in die Rubenssche Behandlungsweise; Rembrandts Beleuchtung und Tiefe, van Dycks Vornehmheit, die Natürlichkeit, Charakteristik und meisterliche Kraft des Velasquez – alles versetzte ihn reiheum in eine Seekrankheit von Bewunderung und Begeisterung, so daß er sich 128 einstweilen wie herumgeworfen fühlte auf einem Ozean von Einflüssen größerer Geister, auf einem Gewoge, aus dem er bisher vergeblich die Hand nach dem rettenden Balken einer eigenen, selbständigen Art ausstreckte. Seine Arbeiten waren alle gut, alle interessant, aber alle nur als Patenkinder alter Meister das geworden, was sie waren. Zuweilen kam er auf die grüblerische Idee, er sei überhaupt nur ein imitatorisches Talent und werde nie eine individuelle Marke in seiner Kunst erlangen, was ihm indessen seine Kollegen energisch ausredeten. Er hatte bis in die letzte Zeit viel mit Moralt verkehrt, der ihn ebensosehr um seines musikalischen Talentes, wie um seiner malerischen Fähigkeiten willen schätzte. Man hätte in Zakácsys Adern Zigeunerblut vermuten können, wenn man ihn geigen hörte. Jetzt waren sie Alle, die sich früher fast täglich gesehen hatten, so stark mit ihren Arbeiten beschäftigt, daß sie sich kaum noch anders, als an diesen Sonntagen trafen.

»Heut scheinen wir ja nur unserer Sechs zu bleiben,« bemerkte Holleitner, der von seinem Platz aus das Publikum nach Bekannten durchsucht hatte. »Wird denn Peter Lanz nicht kommen?«

Duplessy machte eine Gebärde des Bezweifelns und klopfte bedeutungsvoll auf die Stelle, wo er den Geldbeutel trug. 129

»Der arme Teufel!« rief der Österreicher – »und ich hätte ihm so gerne etwas über sein ausgestelltes Bild gesagt; ich komme soeben vom Kunstverein. Doch wieder einmal ein gesundes Stück Malerei!«

»Was ist es? Figürlich? Oder Landschaft?« fragten die Andern.

»Was es ist? Eine Wiese – drei Kinder – vier Enten – fünf Bäume, was weiß ich! Es ist ja auch ganz gleichgültig; gemalt ist es, daß einem das Herz dabei aufgeht. ›Mittag‹ nennt er es bloß. Der Kerl hat eine Art, seine Dinge anzuschauen, eine Kühnheit sie hinzusetzen, einen Zug, eine Frechheit, möcht' ich geradezu sagen, daß man bei ihm in die Lehre gehen möchte. Und eine Farbe! Da könnte unsereinen der Teufel holen! Ich gehe nächsten Sommer mit ihm auf die Studienreise, das steht bei mir fest, seit ich dies neue Bild gesehen.«

Er wurde einen Augenblick in seinem Eifer gestört; die Kellnerin trug die Speisen auf, und Rolmers ließ jetzt ein Gebrumm hören, ähnlich dem eines hungrigen Bären.

»Geht nur selber hin,« forderte der Kleine die Andern auf, – »man wird wahrhaftig für die Mühe belohnt, sich vorher mit Scheuledern zwischen den sechzig oder achtzig andern Elendigkeiten durchzuschlängeln!« 130

»Danke verbindlichst!« sagte mit einer tiefen Verbeugung Zakácsy.

Holleitner schaute ihn verblüfft an und legte den kaum zur Hand genommenen Löffel wieder nieder. »Sie haben doch nichts dort hängen?«

»Ei natürlich! Zwei Köpfe! Da, von Freund Duplessy ein Profilporträt und dann ein Pastellköpfchen. Die müssen ja recht vorteilhaft gehängt worden sein, oder an sich selbst unter aller Kritik schlecht wirken, wenn Sie nichts davon sahen!«

Ein schallendes Gelächter belohnte Holleitner für seine Offenherzigkeit. Kräftige Griffe ins Wespennest waren seine Spezialität. Keine Woche, daß die Bekannten nicht irgend einen drolligen Hereinfall von ihm zu erzählen wußten.

»Nehmen Sie mir's nicht übel, Zakácsy, daß ich Ihnen nichts darüber sagen kann,« bat er mit einer Miene, die ebensoviel Vergnügen wie Verlegenheit über die Situation zeigte, – »aber den letzten Saal habe ich überhaupt nicht mehr angesehen, weil ich mich zu sehr über das Publikum geärgert hatte.«

Der Ungar absolvierte ihn lachend.

Und nun erging sich der Kleine, sein Essen fast vergessend, in der Sprache, welche er jederzeit für den Kunstverein und sein Sonntagspublikum bereit hatte, 131 über seine heutigen Erlebnisse vor dem Werk von Peter Lanz.

»Das Bild hängt wieder wie verloren, sage ich Euch, in einer Wochenausstellung, in der sich der Dilettantismus und die elende Halbheit mit ihrer ganzen anspruchsvollen Protzigkeit breitmachen. Es sticht so provozierend ab gegen die ganze Umgebung, daß das gesamte hochlöbliche Ignorantentum davor gereizt wird, den Unrat seines konfusen Kunstgeschwätzes hervorzugeben. Jetzt habe ich sie wieder einmal beobachten können, unsere habitués vom Sonntag. Welch' ein Familientag von alten Tanten beiderlei Geschlechts!

Vor den angestrichenen Uniformen, den braunen und rosavioletten männlichen und weiblichen Porträtgesichtern sind sie haufenweis stehengeblieben, gaffend, bewundernd. Das ist die landläufige Malerei, die sie anerkennen, weil sie immer gekauft und gut bezahlt wird. Für das saft- und kraftlose, hundertfach aufgewärmte Ragout der Genrebilder haben sie auch immer wieder Augen und schöne Worte; für diese Ledernheiten, welche von der Gemütstiefe und Sinnigkeit der Maler zeugen sollen, aber in Wirklichkeit die deutlichsten Bescheinigungen künstlerischer Impotenz sind. Was war wieder da? Die unvermeidliche ›Großmutter mit ihren Enkeln‹, dieser ewige Jude 132 unter den Sujets der Wochenausstellungen; dann viermal vertreten in einem einzigen Saal das ›spielende Kind‹, und weiter dreißig bis vierzig landschaftliche Anstrengungen. Vor der Arbeit von Lanz aber haben sie gelacht, als wäre es eine großartige Hirnverbranntheit. Die weißen Enten hätten blaue Federn, sagte Einer, die Kinder violette und grüne Gesichter. Von der Erscheinung der Farbe im Schatten hat ja solch' ein Schwätzer keinen Dunst, weil er in der Natur seine Augen nicht aufmacht. Aber sie urteilen, Einer wie der Andere, bevor sie geprüft haben. Von vornherein sind sie Alle sicher, daß sie recht haben, der Künstler unrecht!«

»Bravo!« sagte Rolmers.

»Gß! gß!« machte Duplessy lachend, um den kleinen Schimpfer noch mehr in's Feuer zu bringen. Aber der war ohnehin noch nicht zu Ende.

»Wahrhaftig!« rief er – »es ist ergötzlich, wie sie da hergeben müssen, was von Dummheit und Dünkel und eingebildetem Verständnis in ihnen steckt, in diesen Philistern, diesen Scheinkunstfreunden, diesen Bierbäuchen! Diese vermoosten Grundsätze der Kunst, die sie da an den Tag fördern; diese tiefsinnigen Erwägungen aus den hintersten Windungen ihrer verschwemmten Gehirne; diese bitterlustigen, wohlfeilen Witze, mit denen alle Ignoranten ihre 133 Schwäche verdecken! Und dabei hat jedes solche Werk den Künstler einen Tropfen von seinem Herzblut gekostet! Ah! es könnte uns schlecht werden, wenn wir daran dächten, für wen wir eigentlich malen.«

»Nun, für diese Kunstidioten doch nicht?« sagte Rolmers. »Ich denke vorab für uns selber, weil wir müssen, weil es in uns ist, – und dann für die Ehrlichen, welche sich davon etwas holen wollen. Mir ist es stets ein schönes Gefühl, zu wissen, daß man mit seinem Schaffen eine so vornehme Stellung einnimmt, daß man damit von vornherein über den Köpfen aller Menschen steht, welche nicht die schönste Gottesgabe mitbekommen haben: das Verständnis für Kunst. Die Andern aber in ihrer Urteilsunfähigkeit kümmern uns nichts!«

Duplessy winkte ihm einverstanden zu. »Ich habe mir drum längst das nötige Kaltblut anerzogen,« versicherte er, – »ich lasse sie schwätzen. Es muß auch andere Menschen geben, als Künstler und Kunstverständige, sage ich mir; und schließlich trinken wir ja das Bier recht gern, welches uns jene Dickbäuche brauen, die vor unseren Bildern lachen!«

Holleitner hatte aber seinen frommen Zorn einmal im Leib. »Dennoch ein pereat denen, die uns schlecht machen!« rief er, und sie stießen an auf Tod und Verderben jener unglücklichen Schwätzer, die an 134 den Sonntagmorgen im Kunstverein sich für das Publikum halten, zu dessen Begutachtung die Bilder hingehängt worden seien.

»Wenn man diesen Protzen nur wenigstens ein bißchen von ihrem Geld aus der Tasche ziehen könnte!« meinte er. »Mich überkommt zuweilen eine revolutionäre Wut, gewissermaßen eine sozialistische Anwandlung vom Künstlerstandpunkt aus, in der ich es für die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit der besitzenden Welt betrachte: daß sie jedem unbemittelten Künstler, der sich als wahres Talent erwiesen hat, die Möglichkeit biete, das heißt, Zeit gebe und Unterhalt gewähre, ungehemmt durch äußere Sorgen das zu schaffen, was ihm vorschwebt. Und zwar so lange, als irgend der Einzelne nötig hat, um sein Werk in Muße auszugestalten; und wenn es dasteht und tüchtig ist, abermals so lange, bis es ihm gelingt, damit auch den materiellen Erfolg zu erzielen, der ihm das Erforderliche zum Weiterproduzieren bringt.«

»Da möchte es aber Verschiedenen schwer fallen, zu beweisen, daß sie der Unterstützung würdig seien!« bemerkte lachend Duplessy. »Wenn ich zuweilen zwei, vier, ja acht Tage lang bummle, weil ich meine Arbeit nicht ansehen mag, weil ich erst wieder frisch dazu werden muß, so würde man mir wohl bald mein Stipendium wegen Faulheit entziehen.« 135

»Mir desgleichen!« rief Zakácsy.

»Dann arbeiten Sie aber in einem einzigen Tage wieder mehr, als Sie in den sechsen fertig gebracht hätten,« hielt ihm Holleitner entgegen – »und so gleicht es sich aus.«

»Gewiß! aber wie wollen Sie das Einem, der nichts von künstlerischem Schaffen versteht, beweisen? Wie wollen Sie ihm erklären, daß ein Kunstwerk in unserem Innern in einem Tag entstehen kann, in einer Stunde sogar, wenn es die richtige, die gute Stunde ist; ja, daß die Konzeption das Werk eines einzigen Augenblickes sein kann, während die Ausführung die Frage von Monaten, von Jahren bleibt? Wenn Jener einmal die Skizze gesehen hat und Ihnen daraufhin seine Unterstützung böte, so würde er auch erwarten, daß das Bild nun schrittweise, Tag für Tag sichtlich, vorwärtsschreite, und jeder Stillstand wäre ihm ein Zeichen von Trägheit.«

Rolmers wußte davon auch ein Wörtlein zu erzählen. »Oh, nur nicht vor Laien sich zu rechtfertigen haben!« stimmte er Duplessy bei. »Ich bin einmal in dieser Lage gewesen, einem im Grunde guten, aber verständnislosen Verwandten gegenüber, der mir in den ersten Jahren meiner Studien in Paris etwas Geld lieh und die sichtbaren Früchte dieses Geldes nicht erwarten konnte. Ich habe jede Sendung mit 136 bitteren Demütigungen bezahlt, mit Demütigungen, von denen er gar keine Ahnung hatte, die nur ich vor mir selber – aber elendiglich – empfand. In Ewigkeit nicht wieder die leiseste Abhängigkeit durch Geld, schwor ich mir. Lieber am Hunger halb draufgehn!«

Die Andern gaben ihm recht.

»Man darf das beinahe generalisieren,« meinte Duplessy, »daß zwischen Künstlern und protegierenden Laien ein Verpflichtungsverhältnis naturnotwendig zu einem fatalen Ende führen muß. Einer der uns unterstützt, hat seiner Auffassung nach das Recht, jederzeit Rechenschaft zu verlangen von dem, was wir leisten; wir unsererseits aber können nun einmal keine ablegen. Wir können wohl sagen: ich male ein Bild, und wenn es fertig ist, werden Sie es sehen; aber wir können über das, was dazwischen liegt, keine Erklärung geben. In diesem Zeitraum ist die unberechenbare Einteilung unserer Tage in Arbeit und Nichtarbeit mit keinen anderen Erwägungen zu beurteilen, als mit denen eines einsichtigen Künstlers, der selber das Wesen, die Art künstlerischen Schaffens kennt. Der Kritik des Nichtkünstlers entzieht sie sich. Wenn das fertige Kunstwerk dasteht, imponiert es dem Laien als Tat; über Zeit und Art der Entstehung hat er kein Urteil. Drum nur ja nicht erklären müssen, was nicht begriffen werden kann! Als Protektor kann 137 einem jungen Talent nur Glück bringen, wer unbedingten Vertrauens und weitester Generosität fähig ist.«

Das Thema machte Jeden in der Tafelrunde an eigene Erlebnisse denken; denn wer, der Künstler geworden ist, hätte den Weg dazu ohne Schwierigkeiten, ohne Bitternisse und Opfer gefunden? Kaum Einer.

Äbi erzählte Duplessy offen, wie auch er unter der Verständnislosigkeit für sein Streben und für seine Entwicklung zu leiden habe, und zwar da, wo es am meisten schmerze: in der engsten Heimat.

»Von dem Tag an, da ich meine Lithographie mit der zweifelhaften, brotlosen ›Nichtstuerei‹ des Künstlertums vertauschte, war ich in der Wertschätzung meiner Leute tief gefallen,« versicherte er. »Ich klage nicht an, ich erzähle es nur als Seitenstück zu den Erlebnissen von Verschiedenen unter uns. Ich durfte es auch nicht anders erwarten von den weniger gebildeten Kreisen eines Landes, in welchem bis zu den Meistgebildeten hinauf so vorherrschend praktisch gedacht, so fleißig gearbeitet und so viel auf materielle Wohlfahrt, auf geachtete Stellung gehalten wird. All das gebührend in Ehren! – aber da ist es nur allzu natürlich, daß auch der Wert einer Künstlerlaufbahn bloß nach deren Äußerem, hauptsächlich nach dem materiellen Erfolge bemessen wird. Daß es eines 138 jungen Menschen Streben sein könne, es im Leben zuallererst in etwas ganz Anderem als dem Erwerb und Wohlstand, zu etwas zu bringen, in einer Verwendung seiner Gaben und Kräfte, die den materiellen Erfolg geradezu in die Ferne rückt, ja, daß ein Mensch um künstlerischer Güter willen vielleicht gar zeitlebens auf eine sorglose Existenz verzichten möchte, das ist bei den Anschauungen, wie sie in meiner, im Geldpunkt streng soliden Heimat einmal herrschen, ein Unbegreifliches, und Mancher scheut sich gar nicht, das eine schwärmerische oder überspannte Liederlichkeit zu nennen. Dagegen werde ich von dem Tag an wieder in der Schätzung Aller steigen, wo meine Kunst jene Früchte trägt, welche Allen sichtbar sind, oder wo zum Mindesten vom Auslande herein die Kunde käme, daß ich ein berühmter Mann geworden sei. Einstweilen aber zu wissen, wie wenig man verstanden ist von denen, die man liebt, tut weh, und zu sehen, wie das Verstandenwerden nur durch ein goldenes Sprachrohr möglich wird, möchte einen oft verführen, Alles zum baldigen Erlangen eines solchen zu tun!« Er brach plötzlich ab. Auf seinem derben Gesicht erschien sichtliche Traurigkeit. Er trommelte mit den Fingern ungeduldig auf dem Tisch und versank in Brüten.

Im Augenblick befand er sich wahrlich nicht auf 139 dem Wege zu diesem Ziel, der gute Äbi. Von den sechs Mark, welche er in seinen frühen Morgenstunden oder in der Nacht mit seinen unheimlichen Köpfen für die Polizeizeitung verdiente, lebte er zur Zeit je zwei bis drei Tage. Seine Studien nahmen ihn in diesem Semester vollständiger als bisher in Anspruch; er beschränkte darum die Nebenarbeit so viel als möglich. Dabei wollte er immer auch noch eine Stunde herausbringen, um seiner allgemeinen Bildung weiterzuhelfen, und es war erstaunlich, was dieser einfache Bursche vom Land durch Energie und dank seinem klaren Verstand und einer reichen Innerlichkeit in wenigen Jahren aus sich gemacht hatte.

»Da bin ich ja schließlich von uns Allen noch am besten dran,« sagte Holleitner, – »denn mich versteht mein Vater, als Maler, in allen Dingen sehr wohl – bis auf Eines: auf's Geldausgeben. Und über diesen Punkt kann ich auch nur lamentieren, weil ich besondere Ansprüche stelle. Aber ich muß sie durchzwingen, und wenn es mit Schuldenmachen sein sollte! Sonst bleibt mein Schaffen ewig eine elende Dahinknorzerei. Ich muß einmal ein paar tausend, nicht ein paar hundert Mark wie jetzt, vor mir sehen. Doch das begreift mein Vater nicht; er ist aus einer anderen Zeit, und damals produzierte man anders. Da kann ich meine Lippen in Fransen schwatzen – er läßt sich 140 nicht überzeugen von der Berechtigung meines Verlangens, und doch gibt es kein Davonlassen. Ich bin nun einmal mit meiner Landschafterei darauf angewiesen, Natur aufzusuchen, die mich begeistert; drum muß ich ohne Beengung durch die Geldmittel reisen können, bis ich gefunden habe, was mich packt.«

»Sehr richtig! Das wünschte ich längst auch,« warf Rolmers ein – »aber eben – die bewußten Beengungen!«

»Nun! ich brauchte bloß die Summe eines Jahres vom Vater vorauszubekommen,« sagte Holleitner, »die würde ich dann ohne Bedenken ausgeben. Im richtigen Landschaftswinkel will ich sie in ein paar kurzen Wochen doppelt und dreifach einbringen.«

Moralt stimmte ihm zu: »Das versteh' ich vollkommen. Du hast ja in Holland in einem Monat mehr zustande gebracht, als hier in einem Jahr.«

»Nicht wahr? das eben wollte ich anführen. Was war diese kurze Reise dorthin im letzten Sommer, die mir mein Vater bezahlte, und von der er denkt, daß sie mit ihrer Anregung nun für lange Zeit ausreichen soll? Eine Offenbarung war sie höchstens, daß ich jetzt erst recht Tausende haben müßte, um für lange dorthin zu können und zu arbeiten. In jenen vier Wochen habe ich ein Bild nach der Natur direkt fertig gemalt, habe es glücklich für 2000 Mark 141 verkauft, habe 1200 Mark Schulden beim Farbhändler und beim Vergolder bezahlt – nobel haben die gewartet, mehr als zwei Jahre! – und 800 habe ich beiseite gelegt. Und nun soll es mich nicht an allen Haaren auf's Neue dorthin ziehen? Wenn mir jetzt Einer 3000 Mark gibt, will ich im nächsten Sommer 6000 verdienen und einen Fortschritt machen, wie er hier in zwei Jahren nicht möglich ist!« Er goß wie zur Bekräftigung ein Glas Wein hinunter. »Ich bin – hol's der Teufel – mit dem bißchen Geld von daheim um kein Jota besser dran, als ein Anderer mit gar nichts.«

»Daher Ihre sozialistischen Anwandlungen?« spaßte Zakácsy.

»Ebendaher – und dann überhaupt aus Verachtung aller Geldmenschen.«

»– mit Ausnahme desjenigen, der dir die 3000 Mark pumpt!« ergänzte Rolmers.

Sie waren mit ihrer Mittagstafel zu Ende gekommen, sie wußten nicht wie. Sie waren heute so eifrig gewesen in ihren Gesprächen, daß wohl kaum Einer bemerkt hatte, was er überhaupt aß.

Da ließ Duplessy zum Schluß einen köstlichen Moselwein auftragen und füllte sechs neue Gläser.

»Ich habe eine Untat zu sühnen!« sagte er – »Euch, Priestern der Kunst, als Sühnopfer ein Geld 142 darzubringen, gewonnen durch eine Sünde wider die Kunst.«

Die Andern schauten ihn an, begierig zu hören. Zakácsy einzig schien eingeweiht; er begann zu lachen. »Zu dieser Buße habe ich ihn gebracht,« flüsterte er Holleitner ins Ohr.

Duplessy beichtete: »Ich bekam vor einigen Wochen vom Pfarrer von Sankt Wendel, wo ich den letzten Sommer zugebracht, den Auftrag, eine Serie von Bildern für einen Kreuzweg zu malen, und zwar schrieb er mir vor, mich an die Overbeckschen Kompositionen des Leidens Christi zu halten. Nun können Sie sich denken, was das für mich war! Ich – ein Heiligenmaler! Aber die Arbeit zurückzuweisen, ging ebensowenig an, als sie durch einen Andern machen zu lassen. Ich hatte zu viel mit dem guten Manne verkehrt, als daß er nicht ein Anrecht gehabt hätte, das von mir zu verlangen. Bis zum fünften Dezember mußte es abgeliefert sein. Und diese Aufgabe nun gerade in der Zeit, wo ich mit zwei andern Aufträgen bis Weihnachten kaum fertig werden kann! Da bin ich schließlich, als mir die Sache heiß zu machen anfing, auf einen Ausweg verfallen: ich habe an den andern Bildern am Tage gemalt und am Leiden Christi Nachts. Zeichnen konnte ich diese Bilderfolge ja sowieso am Abend, und als es an's Malen ging 143 – mischte ich mir beim Tageslicht die Farben und stellte die Töpflein mit Bezeichnungen bereit.«

Rolmers schüttelte den Kopf.

»Des Nachts sodann strich ich an, – verzeih mir's der Himmel, ich kann es selber nicht anders nennen. Und doch, für die Bauern ist es, ich versichere Sie, noch sehr anständig geworden.«

»Sie halten uns wohl ein bißchen zum besten?« fragte Moralt.

»Keineswegs!«

Zakácsy beteuerte, ihn bei diesem grausamen Handwerk überrascht zu haben, und verriet, daß er sogar zuerst alle blauen Gewänder, dann alle grünen, alle roten, alle gelben durch sämtliche Bilder angemalt habe, wobei ihm dennoch eines Nachts eine Verwechslung des grünen und des blauen Töpfleins vorgekommen sei.

Jetzt war die Heiterkeit groß. Duplessy! vor der Öffentlichkeit der feine Kolorist, der phantasiereiche Zeichner, und nächtlich, meuchlings, ein solcher Pfuscher! Moralt entschied, daß solche künstlerische Schandtat durch keinen Moselwein, nicht durch Ströme des edelsten Rheinweins wieder abgewaschen werde; die Andern aber nahmen das Sühnopfer als höchst geboten an.

»Wie mancher arme Teufel – Anwesende nicht 144 ausgenommen – wäre über solch' einen Auftrag froh gewesen,« rief Rolmers, – »und Sie, der Sie im Hafer geborgen sitzen, Sie rackern auch noch des Nachts und mit solchen Kniffen!«

Da beugte Duplessy sein Haupt.

Erst spät am Nachmittag hoben sie diesmal ihre Sonntagstafel auf.

Der Maximiliansstraße entlang wanderte dann die junge Künstlerschar der Isar zu, in's Freie. Duplessy und Rolmers voran, die beiden Großen; nach ihnen Moralt mit Zakácsy, der immer elegant in Pelzwerk ging; zum Schluß Holleitner, welcher Äbi damit ärgerte, daß er über einzelne Vorübergehende schlechte Witze machte, – eine Unart, mit der er den braven Freund gern ein wenig in Harnisch brachte. Das Sonntagspublikum, das sich in Menge die breiten Trottoirs auf und nieder bewegte, bot ihm dazu reichliche Gelegenheit. Bald war es eine geschmacklos aufgedonnerte Dame, bald ein überstrammer Leutnant, dann wieder ein von Schmissen kreuz und quer zerhacktes Studentengesicht hinter den Spiegelscheiben eines Cafés, was ihm Stoff zu Glossen gab.

Über die Brücken gelangten sie nach dem jenseitigen Isarufer. Dichter silberner Reif bedeckte die Büsche und Baumgruppen der Gasteiganlagen, die sich dort in der Höhe am Fluß hinziehen. 145 Über der Stadt braute sich bereits wieder langsam der feine, graue Nebel zusammen. In seinem Duft stiegen aus dem Häusermeer, wie aus einem Tuschblatt, grau in grau, die zahllosen Türme und Türmchen, Kuppeln und Giebel empor, welche Münchens Anblick von jenem erhöhten Flußufer aus so malerisch gestalten.

In Betrachtung dieses reizvollen winterlichen Stadtbildes gingen die Maler gemächlich die Parkwege dahin. Rolmers selbst, der sonst so leicht bei Wanderungen sein Pariser Heimweh sich regen fühlte, in lauter Anerkennung, Holleitner voll Ideen und Pläne, solch' eine Winterstimmung später einmal an dieser Stelle zu malen.

»Ich werde mir einen heizbaren Glaswagen bauen lassen,« sagte er, – »wie er auch schon von Malern konstruiert worden ist, und ich werde das Bild vor der Natur ganz fertig machen.«

Wieder und wieder blieben sie stehen an Stellen, wo zwischen den prachtvoll bereiften Baumgruppen sich ein neuer Ausblick auf die Stadt auftat. Wie immer hoch über allen andern die Frauentürme aufragten, das ehrwürdige Paar, – und dort der alte Petersturm, dort das schlanke Helmdach vom alten Ratshaus, dort die barocken Türme und Kuppelformen der Theatinerkirche! Und diesen Riesen zu Füßen 146 das ganze, lustige Durcheinander einer alten und einer neuen baulichen Zeit.

»So oft ich hier von der Gasteig aus auf München herniederschaue,« äußerte Moralt zu Duplessy – »fühle ich mich wohlig überströmt wie von einem Fluidum, welches ich als eine Mengung bezeichnen möchte, aus den verschiedensten geistigen Ausströmungen dieser Stadt. Aus ihrer vielhundertjährigen Geschichte, aus ihrem Kunstschaffen in der Gegenwart, diesem ringenden, strebenden Leben von tausend Künstlern, – und aus dem traulichen Charakter und der etwas trägen Behaglichkeit der Altbürgerschaft.«

»Ein liebes Nest, unser München!« stimmte der Andere bei. »Ich bin hier so heimisch geworden, fühle mich hier so wohl, daß ich mir ein Leben anderswo kaum mehr denken kann. Ich kenne in der Tat außer Paris, das in anderer Art für unsereinen einzig ist, keinen Ort, wo die Bedingungen zum künstlerischen Schaffen so glücklich vereinigt wären, wie hier. Diese vollständige, großstädtische Freiheit für den Einzelnen, sich nach seinem Bedürfnis das Leben zu gestalten, und doch diese fast kleinstädtische Behaglichkeit! Und dann dieser zwanglose, liebenswürdige, Allen offene Verkehr in der ganzen, großen Künstlerschaft!«

Da begann Holleitner, der hinter sie getreten war und zugehört hatte, zu witzeln: »Auf einem fetten 147 Düngerboden gedeihen bekanntlich die feinsten Melonen, meine Lieben, so die Kunst auf dem fetten Misthaufen des Münchner Bierbürgertums!«

»Ein loses Maul, dieser Wiener Hanswurstl!« sagte Duplessy, während der Spötter bereits wieder verschwunden war und dort mit den Übrigen vorausspazierte.

Aber die Strafe folgte dem Übermütigen diesmal auf dem Fuße. Denn von der entgegengesetzten Seite kam auf dem gleichen Fußwege Professor von Rethhuber mit seiner Familie gegangen, ein Münchner, dessen Frau Wienerin war, und in deren Haus der junge Landsmann zu Anfang seines Aufenthaltes öfters Gastfreundschaft genossen hatte. Dieser Mann war Holleitners schwarzes Gespenst. Ein Verstandesmensch, ganz Gelehrter und der bildenden Kunst völlig fernstehend, hatte er Holleitner durch sein teilnehmendes Interesse an ihm, als dem Sohn einer befreundeten Familie, nur in die unbehaglichste Lage gebracht. Denn diesem Interesse stand kein entsprechendes Verständnis für das Empfinden und Streben des empfohlenen jungen Mannes zur Seite, ja, der Professor, seine Familie und der ganze Gesellschaftskreis seines Hauses hatten in ihrem völlig anderen Ideengebiet, das Holleitner nicht teilte, für den kleinen, etwas einseitigen Maler etwas Beengendes. Er 148 fühlte sich unter ihnen peinlich beschränkt, weil er gerade von dem nicht Gebrauch machen konnte, was seine Stärke war.

Seit Monaten hatte er sich deshalb dort nicht mehr blicken lassen. Jetzt würde er Rede stehen müssen, fürchtete er. Mit der Geschmeidigkeit eines Wiesels versuchte er sich im letzten Augenblick hinter Rolmers und Duplessy zurückzuziehen. »He, Ihr zwei Großen, nehmt mich ein wenig in Euren Schatten,« flüsterte er, und Äbi, der den Professor erkannte und von Holleitners Abneigung wußte, schützte diesen durch ein eifriges Gespräch vor dem Angeredetwerden.

Ein flüchtiger Höflichkeitsgruß – und die Gefahr war vorüber.

Im Weitergehen erklärte der Kleine den Freunden sein Benehmen und beichtete mit ebenso schonungslosen Späßen über sich selbst, wie er sie über Andere zu machen pflegte, warum er nicht mehr in jenem Hause verkehren möge.

»Ihr kennt wohl aus Erfahrung jene Träume,« sagte er – »in denen man sich – der Himmel weiß wie – trotz einer Menge von Kleidern, die man besitzt, plötzlich im bloßen Hemd oder in dürftigen Unterhosen auf der offenen Straße entdeckt und nicht weiß, wie man daherkam und wo man sich bergen soll. Seht, ein ähnliches Empfinden verfolgt mich, wenn 149 ich in jener Gesellschaft bin. Meine geistige Faulheit, die Lückenhaftigkeit und Fadenscheinigkeit meines positiven Wissens rückt mir da plötzlich in ein so grelles Licht, daß ich mir trotz meines künstlerischen Gewändleins auch wie in Unterhosen vorkomme, gegenüber all diesen, in geistiger Hinsicht so sicher und warm gekleideten Menschen!«

Die Offenheit des Kleinen erregte große Heiterkeit.

»Du bist heute merkwürdig ehrlich!« sagte Moralt.

»Und was treibt man denn dort so Bedeutsames?« wollte Duplessy wissen.

»Alles! wovon ich nichts verstehe, wobei ich nicht mitzureden weiß, und von dem ich doch den Eindruck bekomme, es sei ungeheuer naheliegend, daß ich es wissen und mich dafür interessieren sollte. Teils Wissenschaft, – er ist ja Naturwissenschaftler und Philosoph, – teils Leben, Leben wie die es eben verstehen, die Offiziere und Staatsbeamten und Studenten, die dort sind; Dinge eigentlich, die die ganze Existenz einer großen Zahl von Menschen um uns her ausmachen, und doch, ich habe keine Zeit und keine Lust, mich damit zu beschäftigen. Drum fliehe ich Fachgelehrsamkeit, Militär und Politik wie Gespenster, male meine Studien und denke: was ist mir Hekuba!« 150

Das war ehrlich gesprochen. Aber es traf nicht auf Holleitner allein zu; das Geständnis konnte füglich ein wenig für sie Alle gelten, die da zusammen gingen. Denn eine große Gleichgültigkeit gegen alles Nichtkünstlerische, ja sogar eine gewisse Mißachtung dessen, was außer ihrer Sphäre lag, beherrschte diese ganze junge Schar. Sie wollten von allen Lebensnotwendigkeiten, von allen Anforderungen der Welt, der Gesamtheit an den Einzelnen, zur Zeit gar nicht mehr wissen, als die eigene Existenz Jedem zufällig aufnötigte.

Vereinsleben – soziale Fragen – Politik gar – puh! wie fern lag ihnen all das! Sie bedauerten höchstens zuweilen, mit ihren Bestrebungen und Zielen in eine Zeit hineingestellt zu sein, in welcher die Zustände der menschlichen Gesellschaft derart waren, daß die ruhige Entwicklung des Einzelnen jeden Tag durch eine gewaltige Bewegung des Ganzen gestört, ja vernichtet werden konnte. Und von der Politik kannten sie gerade so viel, um sich darüber zu ärgern, daß diese in ihrer Bedeutsamkeit und ihrem ruhelosen Gären die brutale Macht besaß, ihre Aufmerksamkeit zeitweilig mit Gewalt auf sich zu ziehen.

Künstler zu sein und einzig aufzugehen mit ihrem ganzen Wesen in dem, was sie erstrebten, das war Alles, was sie im Augenblick vom Leben verlangten. 151

Und wenn diese Einseitigkeit bei Einzelnen unter ihnen fast bis zur Beschränktheit ging, war es nicht nötig so, wenn sie die Kraft behalten wollten, die unaufhörlichen Kämpfe, innerlich und äußerlich, mit ihrer eigenen, oft störrischen Natur, und mit den bei Vielen bestehenden Nahrungssorgen durch die langen Jahre der Ausbildung standhaft durchzuführen?

Einzig das Leben unter Gleichgesinnten, Jungen und Alten, unter lauter Existenzen, welche zeitlebens aufwärts streben, denen kein Erfolg, kein Wohlstand zum Hindernis wird, immer wieder neue Anforderungen an sich zu stellen, mit neuen Werken neue Kämpfe und Zweifel auf sich zu nehmen, – einzig dies beständige Umgebensein von aufmunternden Beispielen vermag ja die Lebensluft zu bieten, welche den jüngeren Künstlern, denen, die noch ohne Erfolg und Namen sind, das Atmen erleichtert.

Und solche Lebensluft brauchte einstweilen Jeder aus der Freundesschar.

Den Sonntag, den Moralt und Rolmers als Künstler zu Zweien begonnen hatten, beendeten sie nach langem Spaziergang auf einem der Keller über der Isar in einer Gesellschaft von wohl zwanzig Kollegen, die sie dort getroffen hatten. Unter ihnen auch Peter Lanz.

Wenn diesem Künstler, der ohne Rücksicht auf die 152 Verkäuflichkeit seiner Werke unentwegt seine besondere Richtung verfocht, das Geschick bis jetzt nicht äußeren Erfolg gewährt hatte, wie das bescheidene Stück Wurst deutlich genug verriet, das er zum Abendbrot in einem Papier aus der Tasche zog, – die warmen Glückwünsche, die laute Anerkennung aller derer, die heute sein neuestes Bild gesehen, und die Achtung, welche ihm die ganze, stattliche Bande um seiner künstlerischen Überzeugungstreue willen zollte, mußten ihn an diesem Abend glücklich stimmen. 153

 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.