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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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67

Der Anfang des neuen Jahres war grau und trüb und stürmisch. Schneegestöber durch eine ganze Woche und bei Moralt gedrücktes Wesen.

Aber um die Mitte des Januar löste sich aus diesen winterlichen Stürmen eine Reihe von Tagen des herrlichsten Wetters heraus, mit der klarsten Luft, mit der strahlendsten Sonne; von jenen Tagen, die wie vorzeitige Frühlingsboten in der Menschen Seelen plötzliche Sehnsucht, Lenzgelüste wecken; und mit ihnen kam für den Einsamen eine Periode gehobenen körperlichen Wohlbefindens. Er wagte sich hinaus, er atmete mit Entzücken die reine Luft, die wie mit belebenden, kräftigenden Essenzen erfüllt, auf ihn wirkte. Stundenlange Gänge machte er über den schönen, trockenen Schnee. In dem grünen Dickicht der Föhren flatterten emsige Meisen; am Bach in dem leeren Gestäud huschten die muntern Zaunkönige und zuckten ohne Rast, ohne Ruh von Zweig zu Zweig; eines Nachmittags sang in einem Baum, von dem im warmen Sonnenschein der Schnee herniedertropfte, ein Buchfink, verlockt durch die strahlende Mittagspracht, gar seine trillernde Figur. 297

Da faßte den bleichen Wanderer auf einmal eine grenzenlose Hoffnung, eine Hoffnung, welche täglich wuchs, welche ihn in diesem Anwachsen in einen ganzen Taumel von Unternehmungslust und von großen, fieberhaften, ungefähren Schaffensgedanken emporhob. Mit dem Frühling – das glaubte er mit einem Male zu fühlen – würde er gesund sein! Seine Schaffenskraft und seine Lebensfreude würden in einem Maße zurückkehren, wie er sie zuvor überhaupt noch nicht besessen. Und dann! – dann wollte er der Welt in seinem begonnenen Roman ein Werk als Erstlingsgabe bringen, ein Werk von einer Feinheit der psychologischen Analyse, eine dichterische Schöpfung von einer Schönheit, daß alle die Leiden und Krisen, die er bis zum Erreichen dieses hohen Zieles durchzumachen gehabt, ihm nur noch tausendfach belohnte notwendige Vorbedingungen bedeuten würden.

Wie elektrisiert lief er durch die schneeschimmernde, sonnenbeglänzte Berglandschaft. Er plante, er baute, er fieberte. Wie einst bei seinem Bilde, so sah er jetzt auch bei diesem Roman plötzlich das Vollbringen einer künstlerischen Mission voraus. Er war von den deutschen Schriftstellern, welche das moderne Leben behandelten, fast nie befriedigt worden. Er empfand so nervös fein, las, was er las, mit so tausendfach 298 verzweigten Apperzeptionsorganen, mit so subtilen Fühlern, daß er fast regelmäßig da, wo die Autoren in ihrer Schilderung delikate seelische Vorgänge und eine ausführlich gegebene Stimmung des Interieurs zusammenklingen lassen wollten, etwas Letztes beizufügen oder etwas wegzulassen Bedürfnis fühlte, um jenes undefinierbare, in seinen Mitteln kaum wahrzunehmende, aber in seiner Wirkung ausschlaggebende Etwas zu erreichen, was den letzten, mitreißenden Hauch der Wahrheit über das Ganze breitet. Er hatte das Gefühl immer wieder gehabt: gleichwie die moderne deutsche Malerei von den Franzosen etwas gelernt und in sich entwickelt hatte, wozu die Fähigkeit in ihr, reichlich vorhanden, geschlummert hatte, so sollte auch die Schriftstellerei sich von dort jetzt soweit anregen lassen, als es sich mit deutschem Wesen vertrage.

Waren sie auch zum Teil Psychologen, die interessieren mußten, die deutschen Modernen, so vermißte doch Moralt bei ihnen noch immer jene wahre Kunst des Details, welche nur durch Geduld und aufrichtige künstlerische Freude am genauen Naturstudium zu erreichen ist, und welche der, durch das Wesen der Epoche geschärfte Blick des modernen Lesers je länger je mehr verlangt, wenn ihn Abbilder seiner eigenen Zeit vollkommen wahr berühren und tiefer ergreifen 299 sollen. Darum wollte er jetzt einen deutschen Roman schaffen, der das alles erfüllte, der dem empfindlichsten Künstler interessant bleiben sollte. Oh, er wollte ein Seelenstudium, vereint mit einer deskriptiven Kunst bieten, wie die Andern sich noch nicht die Mühe dazu genommen; – er wollte, da er Maler war, seine dichterische Kunst um diese ganze, große Fähigkeit bereichert wirken lassen; er wollte – er wollte –

Mitten aus diesem hochfliegenden Wollen, Planen und Hoffen fiel er gegen Ende Januar vollständig in seinen alten schlimmen Zustand zurück. Was schuld war? Ein Nichts. Einflüsse, welche Andern kaum wahrnehmbar gewesen wären. Zuerst ein Südwind, der ein paar Stunden anhielt; darauf das Gesicht eines Bauern, der zufällig seinem Vergolder in München ähnlich gesehen und ihm plötzlich die Situation in Erinnerung gerufen hatte, wie er während Nicolos Krankheit, da Alles im Unbestimmten schwebte, den Mann sein steckengebliebenes Bild hatte in den Rahmen befestigen sehen. Das hatte ihn jäh aus seinen Träumen gerissen. Er hatte sich vor den Kopf geschlagen: wie war das damals gewesen? Hatte er nicht alles das, was er jetzt wollte, auch damals gewollt, auch damals vorausgesehen? Dies Hinstellen eines Werkes seiner besten Kräfte, dies Erfüllen einer großen 300 künstlerischen Mission, – und hatte doch nichts zustande gebracht!

Da war es aus gewesen mit dem Aufschwung, und am folgenden Tag war es ganz schlimm geworden. Er hatte einen Gegenstand in seinem Zimmer gesucht und eine Weile nicht gefunden. Da hatte er plötzlich neben sich eine fremde, spitze Stimme gehört, die hatte ihn ausgelacht. Seither kam die Stimme fast jeden Tag; manchmal brachte sie noch andere mit. So oft er etwas suchte – und er verlegte und verlor jetzt so vieles, – war sie da und lachte ihn aus.

Es wurde nicht wieder besser. Moralt blieb überall unruhig, er mochte sein, wo er wollte. Er lief jetzt auch auffällig durch das Dorf; bald traurig, schlendernd, in der einen Hand den Hut, mit der andern den Mantel ängstlich über der Brust zusammenhaltend; bald mißtrauisch, eilig, mit spähenden Augen und beinahe auf den Zehen schleichend vor lauter Bedürfnis, sich an den Menschen vorüberzudrücken. Er hieß bereits überall »der Narr«.

Die alte Nandl, von allen Seiten befragt, wußte nichts weiter zu erzählen, als daß er auch gegen sie zuweilen so mißtrauisch sei, aber dann wieder gütig, und daß er nichts tue, was närrisch sei. Die Alte hatte Mitleid mit ihm, und als sie bald einiges mehr erlebte, plauderte sie nicht davon, sondern betete nur 301 zu der allerheiligsten Jungfrau für den armen Kopf ihres Herrn. Er gab ihr ja immer wieder ganz verständige Antworten und Weisungen, wenn diese schwarzen Stunden vorüber waren. Sie war es jetzt, die dem Martl alle Aufträge übermitteln mußte; Moralt verkehrte nur noch durch sie mit Andern. Die alte Frau hatte etwas Beruhigendes für ihn, und ihre Gutherzigkeit ließ sie Mittel finden, wie sie Tag für Tag die Aufregungen vermied, zu denen er jetzt neigte.

Was sie am meisten in Nöten brachte, waren die unberechenbaren Launen ihres Herrn im Essen. Am einen Mittag machte er ihr den Vorwurf, daß sie viel zu wenig von der Lammwirtin habe heraufholen lassen, und sie mußte ihm sofort auch das noch kochen, was der Martl an Vorräten für den Abend mitgebracht hatte. Alles das aß er mit Gier auf. An einem andern Tage rührte er kaum einen Bissen an. Fast jeden Abend führte er laute Gespräche, welche sich zuweilen zu trotzigen Verteidigungsreden gegen Angreifer steigerten, welche nicht da waren. Eine neue, tiefe Stimme von warmem Klang besonders war es, die ihn immer öfter dazu reizte; eine Stimme, wie die von Rolmers, welche ihn mit traurigem Murmeln verfolgte und ihm vorwarf, er sei verrückt. 302

Er bestritt das; bald mit schmeichelnden Versicherungen, bald mit heftigen Worten. Doch die Stimme murmelte oft eine ganze Weile unablässig weiter.

Wenn in solchen Augenblicken die Nandl unversehens draußen die Haustüre öffnete, fuhr er heftig zusammen, blieb aber dennoch sitzen; und wenn sie anklopfte, ihn um etwas zu fragen, gab er, ohne sich zu rühren, die einzige Antwort: »bst! – – still!« worauf die Alte sich kopfschüttelnd zurückzog, um nach einer Weile wiederzukehren und dann eine durchaus vernünftige Antwort von ihm zu erhalten.

Er öffnete den Flügel selten mehr. Eines Tages nahm er ein Buch zur Hand und schlug es auf. Er wollte lesen. Aber sofort schleuderte er es mit einer Grimasse, einem von Widerwillen und Ekel verzerrten Gesicht in eine Ecke, als hätte er eine zerquetschte Spinne zwischen den Blättern erschaut. Die Buchstaben tanzten ja heute dadrin. Sie krabbelten einer auf den andern und ritten aufeinander die Linien entlang! 303

 

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