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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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64

Er hatte eine neue Unterhaltung gefunden, die ihn nach den Ängsten und Ermüdungen seiner Traumnächte in den Morgenstunden mit einer wohltuenden Ruhe erfüllte.

Unter dem Fenster seines Schlafzimmers lag ein kleines, verwildertes Gärtchen, von einem zerfallenen Holzzaun im Dreieck eingeschlossen und ganz mit Gras bewachsen. Ein Weidenbaum stand darin und streckte seine Krone bis über das Häuschen empor. Trotzdem es Dezember war, sproßte in diesem geschützten Winkel noch immer ein saftig tiefgrünes Gras.

Jeden Morgen erschienen nun unter dem Fenster drei weiße Enten, die sich zuerst in dem kleinen Bergbach herumtrieben, der hinter dem Berghäusl vom Hang herniedermurmelte. Dann drangen sie durch eine Lücke des Lattenzauns in das grüne Dreieckgärtchen und suchten da emsig nach Würmern im feuchten Erdreich.

Wenn sich Moralt von seinem Lager erhoben und angekleidet hatte, sah er jetzt immer zuerst nach diesen drei gewohnten Gästen. Statt zu frühstücken, legte er sich mit den Armen auf die Fensterbrüstung, sie zu 279 beobachten. Wie sie watschelten, drei blendendweiße Flecken im tiefgrünen Grund, wie sie ihre Flügel, ihre Schwänze schüttelten, wie die Schnäbel in suchender Hast das Gras durchwühlten, nach glücklich erbeuteter Nahrung ein selbstbewußtes Emporrecken des Kopfes erfolgte und ein dummfroher Blick aus dem Auge eines solchen Tieres kam.

Moralt vergaß darob sein Frühstück. Er konnte zwei Stunden lang so unter dem Fenster bleiben und hinabsehen. – – – –

– Jetzt schienen die Enten müde zu sein und bereiteten sich zur Ruhe. Die Eine blieb auf beiden Beinen stehen und streckte einfach ihren Kopf rückwärts in's Gefieder zum Schlaf. Die Zweite stellte sich einige Schritte von ihr auf ein Bein, indem sie das andere erst eine Weile in der Luft herumschlenkerte, ihren einen Flügel spreizte und dann gemach den gelben Fuß darunter barg. Darauf bohrte sie ebenfalls den Schnabel in die weißen, weichen Federn des Rückens und zog die weiße Haut an ihren Augen von unten herauf. Die Dritte drehte sich eine Weile wie besessen im Kreis herum, trat so zuerst mit ihren breiten Füßen das nasse Gras zusammen, dann ließ sie sich an dem also vorbereiteten Platz auf den Bauch nieder. Sie wackelte hin, wackelte her, bis sie behaglich lag; darauf drehte auch sie den Hals und grub 280 den Kopf in den Flaum. Unbeweglich standen und lagen sie nun da, und Moralt betrachtete sie unverwandt – bald die eine – bald die andere. Die Einbeinige wackelte jetzt ein wenig mit dem aufgebogenen Schwänzchen, wie im Traum; auch schien ihr Gefieder die Bewegung der Atemzüge zu machen, leicht, fast unmerklich. Hie und da blinzelte eine zwischen dem weißen Augenhäutchen hervor, um sich zu überzeugen, ob Niemand und nichts umher ihre Ruhe bedrohe?

Mit den Tieren war dann auch Moralt allmählich in einen gedanken- und wunschlosen Zustand, in einen wachen Halbschlummer geraten. Er blieb unbeweglich, schaute vor sich hin, in das Gras, auf die schlafenden Enten, – es war ihm wohl so. 281

 

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