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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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63

In seinen Träumen erschien ihm häufig Irene; aber immer verhielt sie sich gleichgültig gegen ihn, bisweilen war sie geradezu die feindliche Macht, die ihn quälte.

Eines Nachts sah er sich wieder in dem Hotel in München, in welchem Frau von Hauser damals gewohnt hatte. Sie waren wieder da, Mutter und Töchter, und man hatte ihn herberufen. Er wunderte sich über die Ruhe und den Gleichmut, mit der er das Vestibül durchschritt, um oben zu erfahren, was Irene ihm zu sagen hatte. Ein anderer Portier als früher empfing ihn, ein dicker, jovialer Mensch, der ihn auf die Frage nach den Damen in den zweiten Stock wies und ihm empfahl, doch ja recht viel Trinkgeld für ihn mit herunterzubringen.

Unendlich langsam nur und mit vieler Mühe gelang es Moralt, gegen die bezeichneten Zimmer vorzudringen; denn auf allen Treppen und auf den niedern Polsterbänken der Gänge saßen Reisende, öde, langweilige, gaffende Engländer und bleiche Kosmopolitinnen mit ihren allgemeinen Gesichtern, und an allen diesen Menschen vorbei mußte er 265 Spießruten laufen. Sie saßen zu beiden Seiten der schmalen Gänge so dicht gegeneinander, daß er kaum zwischen den Reihen ihrer Kniee durchkam. Und wie lang diese Gänge waren! Viel länger als im ersten Stock, wo Frau von Hauser das vorige Mal gewohnt hatte.

Plötzlich bemerkte er, daß ja Irene bereits vor ihm hergehe und ihn geleite. Aber sie verhielt sich kühl und fremd und schien mit ihrer Führung eine bloße Pflicht der Höflichkeit zu erfüllen.

Aus ihrem schlanken Nacken war das braune Haar hoch emporgekämmt und mit einem schmalen goldenen Reif umwunden. Sie trug einen Überwurf lässig um die Schultern gehängt, der war aus einem bunten, eigenartigen Kaschmirschal geschnitten, darunter ein weißes Kleid aus weichem Seidengewebe, das durch die eigene Schwere in große, strenge Falten fiel; ihre Schuhe waren von einem Leder, das in Farbe und Glanz den metallschimmernden Flügeln der grünen Skarabäen nachgeahmt war. Größer und schlanker als früher schien sie ihm, wie sie so vor ihm herschritt.

Er sah sie prüfend an. – – Liebte er sie denn noch, fragte er sich plötzlich, – diese fremde Person? War es möglich, daß ihm dieses kühle Frauenbild da eines Tages sein Glück in die Seele lächeln könnte? 266

Grübelnd, in stetem Besinnen, ob er nicht träume, folgte er ihr. Endlos reihten sich Gänge an Gänge, und immer suchte er sich klar zu werden, wie er sich nun entscheiden solle.

Da stieß Irene eine Tür vor ihm auf und winkte ihm mit stummer Gebärde, hineinzugehen. Einen Augenblick heftete sie ihre Augen auf ihn: – ein kurzer, vollständig fremder Blick traf ihn wie kalter Stahl; sie war verschwunden.

Der Raum, in den er nun trat, merkwürdigerweise ohne Boden unter seinen Füßen zu spüren, durch den er dahinging, wie auf weichem Gummi, war ein hohes, kahles Atelier mit einem halbverhangenen Fenster, und mitten drin sah er zu seinem Erstaunen sich selber sitzen und malen. Er stutzte einen Augenblick, – er fand übrigens nichts Unnatürliches daran. Er war nur verwundert, daß er von hinten und von der Seite also aussah, und es interessierte ihn lebhaft, sich selber nun einmal so genau zu betrachten.

Wahrlich! genau hatte er sich doch nicht gekannt. In Paris war an seinem Toilettentisch ein dreiteiliger Spiegel gewesen; darin hatte er wohl seinen Kopf von allen Seiten erblicken können, aber – der da war jetzt doch anders, als er sich in Erinnerung hatte. Die Umrißlinie des Gesichtes, so wie er gerade saß, etwas weniger als Profil, war prägnanter als 267 er gedacht; das dunkle Haar wirkte stark; der Nacken war schmaler, jugendlicher, als er vermutet, im Verhältnis zu den kräftigen Schultern. Er hatte sich in den Formen etwas breiter geglaubt und im Ausdruck ein wenig unbestimmter. Hm, es kannte sich eigentlich doch seiner körperlichen Erscheinung nach Keiner selber; so bloß aus dem Spiegel!

Als er nähertrat, fiel ihm auf, daß das andere Ich keine einzige Bewegung machte, welche nicht er, Moralt selber, von ihm erwartete. Wenn er ruhig stehen blieb, regte sich auch der Andere nicht auf seinem Stuhl. Als er dachte: nun wird er sich wohl bald einmal zurückbeugen und sein Werk prüfen, beugte sich Jener auch wirklich zurück und prüfte.

Moralt trieb das eine Weile, bis er sich überzeugte, daß Jener nur seinen Körper habe, die Seele aber bei ihm selber wohne und Jenen regieren könne nach jedem Wunsch. Da faßte ihn ein Verlangen, zu erschauen, wie denn der Ausdruck des Gesichtes sei, wenn sein Ich in's Schaffen sich versenke. Und er experimentierte weiter mit ihm, aber nicht ohne eine erst leise, dann immer stärker werdende Empfindung eines seltsamen Grauens – ähnlich, als ob er sich in's eigene Fleisch schnitte.

Und der Andere begann zu malen, ruhig, jedes Aufsetzen der Farbe wohl erwägend; dazwischen 268 erfolgten unbewußte Bewegungen der Hand durch die Luft, welche etwas zu zeichnen schienen und das völlige Verlorensein im Schaffenstraum verrieten. Aber bald stand er auf, trat zurück, das Gesicht bleich, die Augen träumend und dunkel, und um die Lippen zuckte ein schmerzlicher Trotz. Dann fuhr seine Hand, eine weiße, gepflegte, aber männlich kräftige Hand, ungeduldig an die Lippen empor, ballte sich zur Faust, und die weißen Zähne gruben sich in ohnmächtiger Wut in den krampfig zusammengekrallten Zeigefinger. So blieb er stehen, immer auf diesen Finger beißend, die dunkeln Augen jetzt flammend, und Moralt schien es, als sei die ganze Gestalt plötzlich leblos geworden, zu einem Bilde stummer Verzweiflung erstarrt.

Er trat einen Schritt näher gegen die Staffelei. Da erst sah er auch das Bild näher an, während gleichzeitig das andere Ich seiner Wahrnehmung unmerklich zu entschwinden begann. Das Gemälde ging bereits der Vollendung entgegen und trug im Rahmen mit goldenen Buchstaben die Aufschrift: »Sehnsucht«.

Moralt schaute, schaute: die Idee, die Figuren, alles daraus war ihm bekannt, – aber gewiß! nur zu wohl kannte er alles! Das war ja eine Idee, die er selber früher einmal im Kopf herumgetragen, aber wieder verworfen hatte, weil er eine zweite, ihm 269 näherliegende fand. Und nun hatte sie dieser Andere da hinterher dennoch ausgeführt? Die Sehnsucht, aufgefaßt als Sehnsucht des reifen Mannes, nicht als die der Jugend; eine Sehnsucht, wie Moralt sie zwar selber noch nicht gekannt, aber wie er sie sich gedacht hatte als naturnotwendig wiederkehrend nach dem ersten Vollgenuß des Lebens.

Eine dunkle Halle, das Schlafgemach eines schönen Menschenpaares, öffnete sich aus dem Gemälde mit säulengetragenem Vorbau gegen tiefergelegene, weite Gärten, über deren alten, mächtigen Baumwipfeln im Osten der erste helle Streifen das Nahen des Tages verkündete. Auf dem antiken Lager wandte sich die Gestalt des Mannes vom schlummernden Weibe, welches ihm das Glück und die Genüsse der Erde bedeutete, hinweg, in schöner, lasser Bewegung halb emporgerichtet, und kehrte das Haupt sehnend und suchend dem lichten Streif im Osten zu, der das große Licht heraufführen würde, das allesbewegende; der den Tag bringen würde und den Kampf und das große allgemeine Leben, das Leben des Einzelnen für Alle.

Moralt mußte staunen – staunen: Alles war ja da, was er damals erdacht; Alles! Und er – hatte es verworfen, weil er sich gesagt, daß das überhaupt kein Bild gäbe, sondern die Idee sei zu einer Szene, 270 vielleicht zu einer melodramatischen Szene, in welcher der Mann seiner Sehnsucht nach Taten, seinem Überdruß an irdischer Lust in Worten Ausdruck zu geben hätte, während von ferndraußen Musik, die Musik der erwachenden Natur, des nahenden Morgens, und weckende, begeisternde Hornrufe tatendurstiger Kämpfer herausklingen müßten. Und nun war es hier doch zum Bilde geworden, und man empfand alles, was er gewollt! Man empfand mächtig das frische, lockende Weben des Morgendämmerns, das zu Taten spornt; man glaubte die Hornrufe zu hören, dort über den frühwinddurchrauschten Wipfeln, selbst ohne Musik; sie klangen aus der ganzen Stimmung zum Beschauer. Und dieses überzeugende, grandiose Bild hatte der da vollbracht, dieser – – – er sah ihn nirgends mehr, – dieses andere Ich?

Er konnte es nicht fassen. Er suchte das Rätsel zu entwirren; er fand nichts. Ach! er hatte jetzt immer so viele Dinge im Kopf, die er sich gar nicht klarzulegen vermochte!


Ein anderer seiner Träume ließ ihn sich plötzlich mitten in einem unübersehbaren, wild erregten Volkshaufen entdecken, der ihn als seinen Gefangenen heulend und grinsend von allen Seiten umdrängte. Keine Menschen von heute, kein Volk, das er kannte: in die 271 Trachten einer verschollenen Zeit gekleidet, aber ohne Einheit, ohne Beziehung der Einzelnen zueinander.

Das Barett und der Kopfreif der Jünglinge im schwarzen Gelock, die spitzen Mützen der Alten und die wunderlichsten Hauben der Weiber, Talare und Pagentrachten, dazwischen Gestalten wie Nicolo, mit bloßen Gliedern und roten Gewändern, Jungfrauen in faltigen, weißen Stoffen, und rohe Gesellen in düsterfarbigen Lumpen, – alles wogte durcheinander, als gehörten sie keiner Zeit an und keinem Land. Und die Einen waren lustig, und die Andern waren traurig; Einer trug sogar einen Strick um den Hals und – aber er war schon wieder verschwunden! Er hatte Moralts Freund in Paris geglichen. Und dort hielt ein rothaariges Weib eine Harfe über den Köpfen in die Höhe, damit sie ihr im Gedränge nicht zerbrochen wurde, und schaute suchend, mit verständnislosen, leeren Blicken umher; und dort ging eine andere Frauengestalt im Kleid der heiligen Cäcilia und führte ein bleiches Mädchen neben sich, das trug weiße Rosen im Haar. Moralt sah hin, – aber ein langer, häßlicher, gelber Mensch mit einer braunen Livree und Gamaschen war vor die zwei Frauen getreten, und er sah sie nicht wieder. Alle drängten. Und sie schoben sich voreinander und durcheinander, den Gefangenen zu betrachten, tauchten auf und verschwanden 272 und ließen in Moralts Kopf eine peinliche Empfindung von Schwindel zurück.

Wie war er nur dahineingekommen?

Aus ihrem Geschrei und Gelärm und Durcheinanderfragen über seine Person fing er jetzt einzelne Rufe und Sätze auf.

»Ein Maler,« schrie Einer, – »der uns jahrelang umlauerte und begaffte und schließlich vor seiner künstlerischen Impotenz kapitulieren mußte!« Viele aus dem Haufen ballten hiebei die Fäuste; Andere lachten bloß; wieder Andere, wie der uralte prophetenhafte Greis dort hinten, und wie die heilige Cäcilia und der Jüngling mit dem roten Mantel, wehrten den Lautesten ab.

»Ein Dichter, welcher nichts produzierte!« erklärte mit boshaft näselnder Stimme ein Zweiter, zunächst bei Moralt, und zeigte mit dem Finger auf ihn. Da schwang das rothaarige Weib im Hintergrund zornig seine Harfe und rief: »Ja, ja, ein Dichter, der uns aus der Ruhe unseres Nichts erweckte, ein schwaches, jämmerliches Flämmlein Leben in uns anzublasen und uns dann stehen ließ! Und nun sind wir da und vermögen nicht zu leben und können auch nicht wieder zurücksinken in unser Nichts! – Ach! ach!« Und sie raufte ihr Haar und ihr blaues Gewand, und Viele schrien. »Ja! ja! so ist es, – wir auch – 273 und wir auch!« Und der mit dem Strick um den Hals reckte den Kopf in die Höhe und grinste höhnisch herüber, als wollte er fragen: kennst du mich?

Ja – was waren denn das für – – – das waren ja lauter Gestalten, die er einstmals im Geist erschaut, die er zu erschaffen gedacht! Die liefen da herum, als halbe Wesen, als halbe Schatten, waren nicht lebend und waren nicht tot und hatten sich vereinigt, alle, alle, zu dem dräuenden, schrecklichen Haufen, ihn zu verderben mit ihrer Rache!

Nur vier dunkle, graue Gestalten hielten sich ruhig zu seiner linken Seite, die machten keine feindseligen Gebärden, sondern sahen ihm nur unablässig mit einem gewissen Mitleid in die Augen. Da spürte er, daß sein Blick trüb und erloschen war, und strengte sich an, ihn zu beleben, ihren prüfenden Augen scharf zu begegnen, damit sie sehen könnten, daß er sie wohl bemerke. Aber er war es nicht imstande; im Gegenteil, er vermochte seine Augen vor Erschöpfung kaum mehr offenzuhalten. Und die vier grauen Gestalten sahen ihm das an und begannen einander wechselseitig zuzuflüstern. In ihren Mienen war der Ausdruck von Mitgefühl stärker geworden. Sie schienen ihn voreinander zu entschuldigen. Und von der Ersten verstand er: »– Künstlers Kampf«, und die Zweite lispelte: »Liebesleid«; der Dritten Stimme war melodisch, wie 274 ferner, tiefer Glockenton, als sie zur Vierten hauchte: »Schwermut«, und die Letzte nickte traurig mit dem Kopf und flüsterte: »Tod!«

Alsbald ging das Flüstern durch den ganzen Schwarm; und in hundertfachem Zischeln und Kichern ging es mit Schadenfreude und verhaltener Wut von Mund zu Munde: »Tod! Tod!« – – Dann schwebte plötzlich über den Köpfen eine brütende Stille. Sie betrachteten ihn Alle lauernd.

Moralt klopfte das Herz zum Zerspringen: sie würden ihn töten! Aber auf einmal sagte er sich, daß der Tod für ihn keine Schrecken habe, daß er ihn ja längst gewünscht, einen Tod ohne eigene Schuld. Er wurde ruhig und begann zu lächeln.

Da fing es in dem Haufen wachsend an zu gären; ein befriedigtes Grinsen flog nach einem Augenblick stummer Beratung jetzt über die Hunderte hin wie über ein einziges ungeheures Angesicht. Ein Freudengeheul erhob sich, ein roher Jubel, Rufe des Anfeuerns, die sich gegen ihn wandten und ihm zeigten, daß die Raserei ihm galt, die ihm verkündeten, daß etwas Fürchterliches ersonnen sei, wie man ihn töte.

Ein Anführer, mit einem Gesicht, welches Moralt längst kannte, aber nicht nennen konnte, mit einem kleinen, verkniffenen Gesicht, in dessen Ausdruck süßliche Treuherzigkeit und abscheuliche Falschheit ein 275 widerliches Wechselspiel trieben, trat auf ihn zu und sagte mit einer glatten Stimme, die Moralt in ihrem frömmelnden Tonfall ebenfalls kannte: »Sie haben ein besonderes Mittel ersonnen, wie sie dich morden, da sie sahen, daß du dich vor dem Tode selbst nicht fürchtest. Es ist, – teuflisch gut erdacht, – just das, was dich am langsamsten und grausamsten zu Tod quälen muß. Aber bevor es dir gesagt wird, gebe ich dir die Möglichkeit, dich zu retten. Denn dein Gesicht bezeugt, daß du schon lange gelitten, und deine Schuld an dieser Menge ist nicht Bosheit, sondern Überschätzung deiner Kraft gewesen. So gebe ich dir eine letzte Frist. Vielleicht bewahrt dich vor dem Grauenvollen doch noch das eine Mittel: verzweifelte Energie. Wenn du diesen Karren da, der so hoch beladen ist, bis an den Gipfel dieses Berges hinaufziehst, dann bist du gerettet!«

Vor Moralt baute sich ein steiler Berg auf, an dem ein glatter Weg zur Höhe führte, so schnurgerad, daß man vom Fuß an stets den Gipfel sah. Zur Seite stand der Karren bereit. Er war hochauf belastet mit Bildern und mit Schriften aller Art, mit Manuskripten, mit Farbskizzen und begonnenen Leinwanden. Moralt schien, er kenne die Einbände, die Überschriften, er kenne die Skizzen, die Entwürfe: sie stammten ja alle von ihm! Er erkannte jetzt deutlich obenauf den 276 blauen Umschlag seines Romanmanuskripts, aber er fand keine Zeit mehr, das Übrige zu betrachten; denn mit einem wiedergekehrten Gefühl entsetzlicher Angst und mit einem plötzlich fieberhaft über ihn gekommenen Verlangen, sich dennoch das Leben zu erhalten, zog er den Karren an und begann damit den Berg emporzuklimmen.

Es ging zuerst ohne allzu große Mühe; er sah sich bald beträchtlich hoch über den Köpfen des Haufens. Der Weg war glatt und steil, aber Moralt setzte seine Füße sicher auf und hielt den Karren wohl in der Hand. Dann war ihm, als würde die Last allmählich schwerer und schwerer; er zog mit Macht; immer weiter und weiter blieb das Geheul der Menge zurück. Das gab ihm Mut. Er stieg Schritt um Schritt. Die Sonne stach, der Schweiß begann ihm vom Haupte zu rinnen; immer krampfhafter zerbiß er sich die Lippen. Es mußte sein! Aber der Wagen hinter ihm schien jetzt von unsichtbaren Händen rückwärtsgerissen zu werden, so schwer wurde er mit jedem weiteren Schritt. Der Ermüdete fühlte seine Kraft erlahmen; er sah vor sich auf: war es möglich, noch weiterzukommen? Wie war er hoch oben! acht, neun, zehn Schritte höchstens noch bis zum Gipfel. Noch einen Ruck weiter gelang es, dann hielt er an und schnaubte; er glaubte zusammenzusinken. Noch 277 sieben Schritte! – – Er nahm das Letzte von Entsetzen, Kraft und Willen zusammen und riß noch einmal den Karren empor, – da fühlte er plötzlich wie Wehen großer Fittiche neben sich, und mit Grausen gewahrte er an seiner Seite ein seltsames Geschöpf, desgleichen er nie gesehen: grau das Gewand und grau das Antlitz, das trug Irenes Züge! Ein boshaftes, phosphoreszierendes Leuchten in den Augen, schnitt es mit einem winzigen Messer die Deichsel hinter Moralts Händen entzwei. Da folgte ein Krach, – er hielt das Querholz in den Händen, der beladene Karren sauste mit der abgeschnittenen Deichsel rückwärts den Berg hinunter, und das gräßliche Lustgeheul der Menge schlug wieder an Moralts Ohr. Sie tanzten, sie winkten, sie drohten und schrien, sie erwarteten ihn in taumelnder Gier.

Mit Schauder, in Sätzen, fühlte er sich bergab gerissen, seinen Peinigern entgegen – – – – – – Da wachte er auf.

Es schlug im Dorf Drei. Indem er Licht machen wollte, stieß er den Leuchter um, daß er mit lautem Fall zu Boden kollerte.

Da schrie er auf, so war er erregt. 278

 

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