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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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62

Der Eindruck dieses Vorfalles wirkte noch lange nach. Diese Vision bezeichnete im Gang der Dinge bei Moralt einen Markstein, von dem ab in seinem Zustand eine bald langsamere, stetige, bald stoßweise schnellere Verschlimmerung sich fühlbar machte und besonders ein neues Moment mehr und mehr Bedeutung gewann: die große Erregbarkeit durch äußere Eindrücke.

Geringe Anstöße von außen wurden von jetzt ab öfters für ihn Veranlassung zum Ausdenken der ungeheuerlichsten Möglichkeiten, zu einem Steigern des Gegebenen in seiner Phantasie, bis die unerträglichsten Folgen als fertige Vorstellungen vor ihm standen und er, entsetzt und verdüstert, angstvoll nach Hilfe aus solchen eingebildeten Nöten suchen mußte und diese nur fand, wenn er sich zwang, wieder zur nüchternen Betrachtung des wahren Sachverhaltes zurückzukehren.

Mit dieser Verschlimmerung seiner Tage begannen aber auch seine Nächte unruhiger zu werden. Sein Schlaf war jetzt von Träumen erfüllt, von ängstigenden, schreckhaften Träumen, aus denen er jäh und mit 261 klopfendem Herzen erwachte. Nur mit Mühe vermochte er dann wieder einzuschlafen, oft erst, nachdem er sich stundenlang herumgewälzt hatte.

In solchen Wachheiten befiel ihn ein ängstliches Unbehagen, das er früher nicht gekannt; er vernahm mit einer gesteigerten Schärfe des Gehörs jedes leiseste Geräusch in dem todstillen, leeren Hause; jedes leichte Knacken eines Brettes, jedes Rascheln eines dürren Blattes, welches die Nachtluft draußen über die Dielen der Laube hinwehte. Und wenn plötzlich in diese fast unhörbaren Geräusche der laute Ton der Glocke vom Kirchturm eine Stunde schlug, schrak er in seinem Bette zusammen. Zuweilen machte er Licht und sah sich mit trockenen, brennenden Augen spähend, untersuchend, im ganzen Zimmer um.

– Eines Nachts erwachte von der plötzlichen Helle eine große Fliege und summte schlaftrunken ein Stück weit der Kalkdecke entlang, beständig anstoßend in ihrem dummen, verstörten Zustand. Und oben in einer Ecke begann eine Spinne zu laufen, die am Abend nicht dagewesen war und nun schon ein ganzes Netz dorthin gesponnen hatte.

Moralt, der sie bei ihrer ersten Bewegung entdeckt hatte, schüttelte sich.

Sie lief nicht weit. Sie stand jetzt still, wie um abzuwarten, ob der störende Feuerschein nicht wieder 262 erlösche. Das garstige Tier mit seinen unberechenbaren Bewegungen ließ Moralt nicht mehr ruhig werden. In seiner nächtlich überreizten Phantasie sah er es schon vom Rand der Decke, von dort, wo es jetzt lauernd wartete, sobald er gelöscht haben würde, nach der Mitte zulaufen, gerade über sein Bett. Und dann ließ es sich plötzlich fallen, – er sah keinen Faden, sah auch nicht, wie es herabkam, – aber schon fühlte er es auf seinem Antlitz, auf seiner Stirne, da, gerade über dem Hirn! kalt und weich und schwer und feucht, und krabbelnd mit zahllosen suchenden, tastenden Füßen. Und es faßte sein Haupt, da – und da – und da! Fester und fester zog es die Beine jetzt zusammen und – – begann zu saugen, zu saugen! Schauder! sie sog sein Hirn, diese Spinne, die ekle, schwarze, graue, riesengroße Spinne!

Ein gräßlicher Ekelschrei entfuhr seiner Kehle, er sprang aus dem Bett und holte einen Stock. Behutsam, zitternd vor Grausen, schlich er unter das Tier, das unbeweglich an seinem Platze lauerte, und zielte mit der Zwinge des Stockes nach dem schwarzen Punkt. Da begann die Spinne plötzlich zu laufen, schnell, daß er stoßen und stoßen mußte, und – im Augenblick wo sie sich fallen lassen wollte, zerquetschte er ihr den Leib. 263

Ein scheußlicher Flecken klebte an der weißen Decke. Sollte er ihn gleich beseitigen – –?

Ein heftiges Schütteln faßte abermals seinen Körper, derart, daß er schleunig den Stock in die Ecke stellte und in sein Bett zurücksprang. Indem er noch einmal mit entsetzten Augen die vier Wände und die Decke überflog, die ihm nun leer schienen, blies er das Licht aus und grub sein Gesicht tief in die Kissen, um das Geschehene gewaltsam zu vergessen.

Leise und kläglich summte an einem Ort in der Finsternis die Fliege, unaufhörlich jammernd, in Tönchen wie das ferne flehentliche Weinen eines leidenden kleinen Kindes. Sie war in das Netz der Spinne geflogen. In ihrem gleichförmigen Söhren schlief Moralt zuletzt wieder ein. 264

 

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