Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walther Siegfried >

Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

61

Er verbrachte fort und fort den größten Teil seiner Tage draußen in der immer welker gewordenen, aber von keiner neuen Schneeflocke berührten Hochlandsnatur. Der Winter kam noch immer nicht. Kein Mensch im Gebirg erinnerte sich eines ähnlichen Jahres. Man war jetzt in der zweiten Woche des Dezember, und jeden Tag gleich klar leuchtete die Sonne, ob sie auch längst nicht mehr merklich wärmte. Sie hing da oben in dem kühlen, grünlichblauen Himmel, ein silbergoldenes Licht, und beleuchtete eine seltsame Erde, die kein Grün mehr hatte, die mit erstorbenem Rasenteppich dalag, müd und still, in den Tönen eines uralten, nun beinah zur Farblosigkeit verblichenen Sammts.

Und um dies Absonderliche, fast Märchenhafte der gleichsam längst gestorbenen und noch immer nicht unter ihr Leichentuch begrabenen Landschaft recht vollständig zu genießen, trieb sich der Bleiche jetzt hauptsächlich in den endlosen hügeligen Weidhängen umher, die mit hundert immer sich wiederholenden, immer gleich monotonen, immer gleich tristen, 250 wellenförmigen Erhöhungen und Einsenkungen auf einzelnen Seiten des Tales bis in beträchtliche Höhe anstiegen. Etwas Einsameres, etwas sprechender der Vergänglichkeit Verfallenes, etwas vollkommener Resigniertes war in der Natur nicht zu denken.

Da fühlte er sich am wohlsten, das lullte ihn ein. Tag für Tag nur dadrin wandern, in der großen Stille, in dem weichen Sonnenschein, und vor sich hinsehen! Dabei pflegte er unaufhörlich leise vor sich hin zu musizieren, meist das trübe, einförmige Getön einer Hirtenflöte nachahmend, endlos, in immer neuen Variationen, immer melancholischer, immer todestrauriger. Und in seinem Kopfe hub dazu bald eine seltsame Tätigkeit an, eine Tätigkeit, welche im Gehirn eines Komponisten, der sie zu verwerten getrachtet, die Qual fieberhaft drängender Überproduktivität hätte verursachen müssen. Denn zu der Weise der Hirtenflöte, die sein Mund sang, hörte er im Innern mit einer Schärfe und Genauigkeit, die bis auf jedes Detail der Instrumentierung ging, den ganzen Tonkörper eines begleitenden Orchesters, lebte er im Dahinschreiten durch die einförmige, sterbende Hochlandsnatur eine ununterbrochene Symphonie. Jetzt war es der mysteriöse, traumhafte Untergrund nur der Streichinstrumente mit Sordinen, auf dem 251 sich seiner Flöte Getön – die gesungene Melodie – abhob; jetzt wieder hallte es klagend durch Felsen und Klüfte, verloren, ersterbend, von gestopften Hörnern und Holzblasinstrumenten, in Klangfarben, in Tönen der Melancholie, dergleichen noch kein Orchester gespielt. Zuweilen gingen ihm Reminiszenzen durch den Kopf, fiel ihm plötzlich ein abgerissenes Stück Melodie ein, das er einst gehört, verwob sich flüchtig mit seinen eigenen Kombinationen und verschwand. So öfters Tristans Tod, und unabtreiblich wiederkehrend Bruchstücke des traurigen Schalmeigetöns aus einer symphonischen Legende »Irland«, welche von einer Frau komponiert war, und welche er einst wiederholt beim alten Pasdeloup in Paris gehört, die dann aber vom Repertoire der Konzerte ganz verschwunden war. Endlos musizierte das so in seinem Kopf. Ströme von Schwermut zogen hindurch. Fluten von Trauer ergossen sich in das Rauschen seines imaginären Orchesters. Und immer, immer sang sein Mund das führende Thema – der Hirtenflöte Getön.

So gelangte er eines Tages, nachdem er lange gestiegen war, noch in der Region der Bergwiesen, auf eine Strecke dichten Föhrengehölzes, in welchem ungeheure, moosbezogene Felsblöcke, übereinandergestürzte morsche Stämme und tief von den Ästen 252 niederhängende Moosbärte sich zur Wildnis eines Urwaldes vereinigten. Eine Weile mußte er sich durchwinden, mußte er klettern und springen, um zu erforschen, was weiter komme. Aber wie verwundert war er, als er nach dem Durchdringen dieses Gehölzes plötzlich auf der freien Wiese eines Hochtälchens stand, das hier oben, mitten in der Region der Föhren und Wettertannen, vom reichsten Laubgehölz umschlossen war. Natürlich jetzt beinahe kahl, zog sich diese Baum- und Buschmauer hoch um den muldenförmigen Grund, über welchen der Zauber tiefster Abgeschiedenheit gebreitet lag.

Der Bleiche trat auf den Wiesenteppich hinaus und schaute sich um. Von dem finstern Wald eingefriedet, aus dem er eben hervorgetreten war, lag dieser Ort da, entrückt und still, wie eine Welt für sich. Im Schutz der hohen Tannenwände waren alle Farben hier etwas weniger verblichen, als tiefer drunten an den offenen Abhängen. Noch sah man einzelne Blättchen hängen, noch immer herrschte da ein wenig des Spätherbstes stumme Wehmut, der Charakter des November.

Behutsam, als sollten selbst seine Tritte diese Ruhe nicht stören, schritt er über den weichen Boden dahin, und ein Gefühl von Geborgenheit erfüllte ihn mit warmem Behagen. Er sah sich immer wieder 253 um, bemerkte immer mit neuer Befriedigung die völlige Eingeschlossenheit. Wie sicher, wie versteckt, und wie phantastisch weltentrückt! Ein Ort wie erträumt, für ihn, ganz allein für ihn! Er wandelte wohl eine halbe Stunde beständig in dem weiten Oval herum, dann wieder längsüber, dann wieder querüber. Er hatte dabei zuerst eine Weile musiziert; jetzt war er ganz still. Anderes beschäftigte ihn. Er konnte des Gefühls von Einsamkeit, völliger Einsamkeit, das dieser Ort ihm bot, nicht satt werden. Er mußte jetzt lauschen und sie genießen, die Lautlosigkeit. Nicht eines Vogels Flügelschlag störte die erstorbene Stille. Nur müder Friede ringsum, und in der Höhe auch hier, freundlich wie ein alter Bekannter, der grünliche Himmel mit seiner immergleichen silbergoldenen Sonne.

– – Und die Farben am Ort! Diese Farben! An der einzigen Stelle, wo zwischen den Büschen als Ausgang aus dem Tälchen eine Bergwiese weiter anstieg und wellig aufwärtsführte, nach der wilden Höhe zu, blieb er endlich stehen, diese Farben zu betrachten. Der Grasteppich ein fahles, stumpfes Oliv, in den Vertiefungen des Bodens da und dort zusammengewehte Haufen rostroten Laubes. Auf dem welken Grund des Hanges aufwärts zuweilen ein Baum, ein Gebüsch, hintereinander sich aufbauend 254 nach der Höhe, in tausend unbestimmten, abgestorbenen Tönen.

Etwas von der alten Anschauungsfreude des Malers erwachte schwach in Moralt. Er suchte die Zeichnung, die Komposition dieses merkwürdigen Bildes genauer sich einzuprägen. Er begann den Aufbau der Halde, Busch um Busch, zu verfolgen. Vor ihm zunächst ragte ein alter knorriger Baum auf, dessen Art er ohne Laub nicht erkannte. Nahe über dem Boden schon in zwei Stämme geteilt, reckte er seine verkrüppelten, aber kraftvollen Äste abenteuerlich kreuz und quer in die Luft, sandte sie auch teilweise zur Erde nieder. Das stumpfe Grau ihrer Rinde, wechselnd mit sammetig tiefgrünen Moosflecken, erglänzte matt in der kraftlosen Sonne, und auf den Boden, in das Oliv und Rostrot des Rasens, zeichneten sich vielgestaltig und phantastisch durcheinander ihre Schatten, ähnlich jenen schwarzen Geästlinien auf japanischen Fukusas, die launisch, wie verirrt, über die Grundfarbe des Stoffes hinlaufen. Etwas höher am Hang strebte ein völlig entlaubtes, reichverzweigtes Buchengebüsch empor. Scharf und fein durchschnitten dessen glänzende, schlanke Äste die reine Luft. Dahinter in kecker Überschneidung querüber der weiße Stamm einer dünnen Birke, blinkend wie altes Silber. Und durch all diese zarte, präzise 255 Zeichnung entlaubten Geästes und Gezweiges auf dem welken Hintergrunde der ansteigenden Halde, schimmerte von fern oben wieder Bergwald hernieder, eine einfarbige geschlossene Masse in mattem, grauem Grün, den Ausblick begrenzend, das Ganze abschließend zum völligen Bild. Auch ein Streifen Himmel schaute noch herein, aber nicht belebend; nur kühl und matt und fein als Farbe aufgehend in der merkwürdigen Farbenstimmung des Ganzen.

Moralt studierte und studierte – er hörte nicht auf, immer dahin zu sehen. Die Mattheit der Farben, bei so vielen Nüancen, ermüdete zwar auf die Dauer das aufmerksame Auge, doch vermochte er nicht wieder wegzublicken; er fühlte sich wie unter einem Zauber, unter dem Zauber einer in Farben ausgedrückten Elegie.

Wie hatte dieses Stück Landschaft doch etwas Außergewöhnliches! Er suchte nach einer Bezeichnung. So gar nichts Lebendes, – nein, diese Landschaft hatte – – – etwas Gestorbenes! »Etwas Gestorbenes!« Befriedigt, dies Wort gefunden zu haben, wiederholte er es leise mehrere Male.

Auch kam es ihm, während er unbeweglich in den Anblick versunken blieb, auf einmal so vor, als sei in diesem Ort auch er dem Leben und der Wirklichkeit 256 entrückt, als sei er auf einmal irgendwo, wo – – er in ferner Kindheit und in einem Zustande wundersamen Glücks schon einmal gestanden. Wo war es nur gewesen? – – er suchte sich zu erinnern. Oder ob es am Ende bloß in einem Märchen vorgekommen war – so ein Stück Landschaft? – – – Er schwankte ein wenig mit dem Körper, während er nachsann. Ihm war jetzt so – so verwirrt, so – fast schwindlig. Alles umher wirkte auf ihn so sagenhaft. Das war ja gar keine natürliche Natur mehr, in die er hineinsah, – mit diesen gestorbenen Blumen und diesen gestorbenen Bäumen. Nein, nein, – er träumte! Das war ein Ort seines Traumes! Er blinzelte einen Augenblick in die Höhe. »Diese Sonne,« begann er zu murmeln – »ist gar keine Sonne. Ich spüre sie ja nicht!« Und er schaute noch starrer, noch verwirrter umher. Das wärmelose, leuchtende Gestirn da droben schien ihm jetzt eine bloß erdichtete, bloß in der Phantasie existierende Sonne zu sein, die kein Leben erweckte, wie unsere Sonne, die nur die eine Wirkung hatte: dies märchenhafte, kühle, fremde Licht zu geben auf die märchenhafte, kühle, fremde Landschaft um ihn her. Um seine Sinne legte sich immer schmeichelnder dämmeriges Wohlbehagen. Er mußte lächeln. Wo war er denn? Kam er irgendwoher? Wollte er wohin? Er vermochte sich 257 durchaus nicht zu besinnen. Er wußte gar nichts, als daß er stehen bleiben möchte, daß er nichts Anderes wünschte, als nur immer dahinzusehen an diese Halde, in diese Farbenharmonie. Wie tat das wohl: dies Oliv – das Rostrot – die grauen Äste – die tiefgrünen Flecken – die silberweiße Birke; welche Harmonie, wie weich, und immer dasselbe, und wieder dasselbe! – – – Aber bald begann es vor seinen Augen zu flimmern, in neuen, viel stärkeren Farben, mit tanzenden Punkten von leuchtender Kraft. Und da, da, was war das? Vor ihm begann es plötzlich zu erstehen wie eine Erscheinung – da vor seinen weitaufgerissenen Augen, – da vor seiner Phantasie, – da – wie visionär – auf der ansteigenden Wiese – eine Gestalt! Aus einem Zittern der Luft, einem zunehmenden Durcheinanderquirlen der Linien des Geästes, einem immer schnelleren Ineinanderfließen des fahlgrünen Teppichs und der rostroten Laubhaufen formte es sich, erstand es zusehends, verdichtete sich – und war da!

Hoch und schlank eine weibliche Gestalt, von den Schultern bis zu den nackten Füßen in leuchtendem, königlichem Gelb! War es ein Mantel, war es ein faltiges Gewand, was sich in siegreich einheitlicher Farbe um ihre herrlichen Glieder legte? Gelb, gelb 258 von einer Kraft, wie er niemals gesehen! Und das gelbe Haar, das von dem jugendlichen Haupte niederfloß, wie wundersam auch das aufleuchtete in einem Glanz, in einem Gelb, so blendend hell und fabelhaft, wie seinem Auge nie vordem ein Haar erschienen.

Ihr Angesicht, von einer reinen, mädchenhaften Schönheit, war leicht behaucht von rosigem Schimmer. Im Ausdruck webte süße Traurigkeit; die Wimpern hielt sie zart gesenkt. In ihrer Linken trug sie einen schlanken Lilienstengel, besetzt mit frisch erschlossenen weißen Blüten.

Langsam hob die Gestalt jetzt ihre Rechte – hielt sie beschattend über's Auge. Hoch über ihrem Haupte in den Lüften war ein Adler zu sehn. Der ließ sich langsam und mit regungslosen Schwingen durch den Äther gleiten, hinüber fern zum Hochgebirg – und immer ferner – immer ferner – dort jenen höchsten eisumglänzten Spitzen zu.

Das Auge weit öffnend, sandte die Gestalt ihren Blick nun sehnend empor nach dem entschwindenden Punkt, der unbekannten Fernen entgegenschwebte. Ein Auge, groß und unergründlich tief, von einem Blau wie des Meeres Tiefe am Sommertag, von einem feuchten Schimmer wie der Tau der Blüte, wenn sich der Abend auf sie niedersenkt. 259

Und dieser Blick – war der Blick Irenes! In blauen Augen ihr Geist; unter gelben Haaren ihre Züge!

Wie in Verzückung stand der Bleiche da, die Lippen geöffnet, mit verhaltenem Atem, und starrte irr in dieses Auges Glänzen. Und während er in seinen Tiefen sich verlor, begann vor seinen Blicken die Gestalt allmählich wieder zu zerfließen.

Da stürzte er vor, da griff er danach, – die leere Landschaft stand da.

Wie um sich selber zu finden, suchte er mit der Hand seine Augen, seine Stirn – –

»Es war die Sehnsucht!« schrie er hinaus.

Das Echo des Berges rief es wieder.

Da verließ er seinen Platz. Da taumelte er davon. Ihm war, als dämmerte er auf aus lähmenden Träumen. Durch sein Gehirn zog schwindelnd ein Erkennen, und seine Zunge lallte schreckgelähmt die Worte »Wahnsinn« und »Visionen!« 260

 

 << Kapitel 62  Kapitel 64 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.